Konferenz Aschgabat Turkmenistan

Eine Universitätsreise nach Turkmenistan

Vom 11. bis 13. November 2015 organisierten die turkmenischen Behörden eine große internationale Konferenz in Aschgabat, der Hauptstadt Turkmenistans, mit dem Titel „Dialog der Kulturen an der Seidenstraße“. Der Besuch von ausländischen Forschern ist eine Rarität in Turkmenistan, und so stellte diese Veranstaltung eine einzigartige Gelegenheit für viele von ihnen dar. Svetlana Gorshenina-Rapin, Historikerin des Schweizerischen Nationalfonds für Wissenschaftliche Forschung an der Universität Lausanne, war unter jenen Privilegierten. Für Novastan erklärt sie die Gründe ihrer Teilnahme und teilt einige ihrer Eindrücke dieser ungewöhnlichen Reise.

Die Idee dieser Art von Konferenz wurde vor einigen Jahren von dem berühmten Archäologen Vadim M. Masson ins Leben gerufen, damals Leiter des Instituts der Materiellen Kultur in St. Petersburg und Berater des ersten turkmenischen Präsidenten. Seitdem wurde die ursprünglich von Masson erstellte Gästeliste (die bis heute die Grundlage der Einladungen bleibt) um vielzählige Namen von Forschern erweitert, die gelegentlich an diesen mehr oder weniger regelmäßig stattfindenden politisch-wissenschaftlichen Veranstaltungen teilnehmen dürfen.

Eine umfangreiche Konferenz für die turkmenischen Behörden

Die Teilnehmer stammen aus mehr als dreißig Ländern. Dieses Jahr waren es ungefähr sechzig Historiker, Anthropologen, Archäologen, Kunstkritiker, Musikwissenschaftler und Künstler. Die Liste wird auf der Grundlage geographischer, thematischer und quantitativer Statistiken erstellt.

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Die Anwesenheit der Forscher ist besonders wichtig für die Organisatoren, da sie ihnen zufolge erlaubt, allen den Umfang der Kultur- und Wissenschaftspolitik der Regierung, die Bedeutung der turkmenischen Geschichte für die internationale Gemeinschaft sowie die besondere Stellung des Landes auf der „Seidenstraße“ im Rahmen der „Weltgeschichte“ zu zeigen. Außerdem muss ist sie scheinbar ein Beweis für den Grad der Komplizität westlicher Forscher und anderer ausländischer Akademiker, die das Regime allein durch ihre Anwesenheit an dieser Konferenz gutheißen sollen.

Diese Überlegungen erklären die Ausmaße des Budgets, das der Veranstaltung von der Regierung zur Verfügung gestellt wurde und welches alle Kosten (Reisen, Hotels, Kost, Reisen innerhalb des Landes, Besuche von Museen und Denkmälern) deckt. Und das ist noch ohne die zusätzlichen Ausgaben, die durch den Transport für gut tausend – falls nicht noch mehr – Kollaborateure und lokale Mitarbeiter (Schüler, Studenten, Lehrer, Wissenschaftler, Musiker, Museumskuratoren) entstehen, miteinzurechnen, um den ausländischen Besuchern die verschiedenen Aspekte, selbstverständlich gut ausgesucht und arrangiert, des Lebens in Turkmenistan in einem Zeitalter des „Glücks und des Wohlstands“ (die vom Präsidenten verordnete offizielle Bezeichnung des aktuellen Zeitalters, Anm. d. R.) zu präsentieren.

Die Motivationen der ausländischen Teilnehmer sind eher nuancierter. Für einen Teil von ihnen ist diese Art von Konferenz eine seltene Gelegenheit, ein oft unzugängliches Gebiet zu besuchen, da die Visa nur tröpfchenweise von den turkmenischen Behörden ausgegeben werden. Eine solche Konferenz ermöglicht es also, diese selbst für die zentralasiatische politische Landschaft, gezeichnet von verschiedenen autoritären, von Korruption durchdrungen Regimen, ganz besondere Situation mit eigenen Augen zu sehen.

Für andere Teilnehmer sind diese Konferenzen die zwingende Voraussetzung für die Erlangung einer Erlaubnis, um Langzeitforschung im Land durchzuführen. Dies gilt vor allem für die Archäologen, deren Forschungsprogramme mit dem archäologischen Terrain und Orten von Fundstücken verbunden sind oder auch für die Architekten-Restauratoren, da historische Denkmäler nicht beweglich sind.

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Unter Berücksichtigung der Besonderheit der Arbeit in Turkmenistan ist man gezwungen, den eingeladenen Teilnehmern dieser Zusammenkünfte gegenüber nachsichtig zu sein. Sie haben in Wirklichkeit keine Wahl. Sie unterliegen bei diesen Veranstaltungen einem ganz bestimmten Ritual, dessen Wurzeln bis zu den pompösen Jubiläen der letzten Jahre der Sowjetzeit zurückzuführen sind: Dankesworte werden bei jeder Gelegenheit an den turkmenischen Präsidenten und an die Regierung gerichtet, und Interviews werden – oft fast zu – frei vom lokalen Fernsehen übersetzt, eines folgt dem anderen ohne Unterbrechung. Dazu kommen der ohrenbetäubende Applaus, der jedes Mal ausbricht, wenn man einen neuen Raum betritt und auch nach jeder Rede, die Überwachung, die verpflichtende Anwesenheit bei allen der vielen anstrengenden und als kulturell getarnten Veranstaltungen, die zuvor bis ins kleinste Detail für die Ausländer organisiert wurden…

Letztlich ist das ganze wie ein Theater, in dem niemand an seine eigenen Handlungen glaubt. Das Ritual macht aus jedem Teil der Veranstaltung eine Profanierung. Die eingeladenen Akademiker präsentieren ihre verpflichtenden Wünsche und Dank, die von ihnen verlangt werden, aber bleiben zutiefst frustriert, da sie die Ergebnisse ihrer Forschung nicht präsentieren können. Für viele von ihnen wurden die wissenschaftlichen Mitteilungen auf fünf bis zehn Minuten begrenzt. Für einige wurde die Redezeit auch einfach auf Null reduziert, da das Programm, zu beschäftigt mit Aktivitäten, die den Organisatoren wichtiger erschienen, keine wissenschaftlichen Gremien von mehreren Stunden vorsah.

Am Ende der Konferenz war es also schwer zu verstehen, wie unsere wissenschaftlichen Ideen angenommen wurden, zumal die Teilnehmer in vier Räume an verschiedenen Orten der Stadt verteilt waren – vom Nationalen Geschichtsmuseum bis zum Kulturinstitut –, und die Räume mit Studenten gefüllt waren, die gut darauf trainiert waren, zu applaudieren. Diese Studenten traten in der Tat nur sehr selten nach dem Vorträgen hervor, um scheue Fragen zu stellen. Es war keine Sitzung für Diskussionen oder Fragen vorgesehen. Dafür war es spürbar, dass diese Schausteller, die in Voraussicht auf die Dreharbeiten des lokalen Fernsehens dazu gezwungen waren, die Plätze bis auf den letzten anzufüllen, sich beeilten, nach Erfüllung ihrer Aufgabe als lebende Schaufensterpuppen den Ort zu verlassen. Die erschöpften Organisatoren schafften es nur unter Schwierigkeiten, den Zeitplan des Kulturprogramms zu verwalten.

Mit seinem Carrara-Marmor und seinen ohne Zurückhaltung angewandten Vergoldungen ist die neue Stadt Aschgabat die beste Zierde dieses absurden Theaters: Später stalinistischer Klassizismus wird mit orientalischem Kitsch vermischt und mit architektonischen Variationen von „Star Wars“. Die Stadt glänzt wie Las Vegas in tausend wechselnden Farben, aber ist gleichzeitig vollständig menschenleer. Dafür zeigt sie, wie wir an mindestens drei Kreuzungen beobachten konnten, treu das Wetter auf riesigen Thermometern, die mit ihren Skalen, die bis zu 80°C gehen, in den Himmel zeigen. Die Altstadt, immer noch von der Sojetzeit geprägt und in der noch Bäume wachsen – blieb uns völlig unsichtbar.

Ohne die Gesamtheit der Veranstaltung im Detail analysieren zu wollen, um nicht die Tätigkeit der Kollegen zu stören, die vor Ort arbeiten, werde ich hier ein einziges der Elemente des Instrumentalisierungsmechanismus beschreiben, durch den das kulturelle Erbe und die Gegenwart des Landes präsentieren werden sollten: Der mit großem Pomp organisierte Ausflug nach Kunya Urgench, etwa 500 km nördlich der Hauptstadt.

Die Reise nach Kunya Urgench

Im Rahmen dieser Konferenz und des dafür entwickelten Themas war es vorgesehen, die ausländischen Forscher in die Region Daschoguz im Norden des Landes zu bringen, um die historischen Stätten der Seidenstraße in Kunya Urgench zu besuchen.

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Unsere Reise zu diesem Ziel begann um drei Uhr morgens mit mehreren Verzögerungen, da unser Flugzeug, das von Aschgabat fliegen sollte, erst eine halbe Stunde, dann eine Stunde, und schließlich bis zur Mitte des Tages verspätet war. Nach dem Boarding konnte das Flugzeug bloß einige Meter weit abheben, bevor wir wieder landen mussten, denn in Daschoguz war sehr dichter Nebel.

Keiner der Verantwortlichen der Konferenz wollte die Verantwortung für eine Stornierung des Fluges und eine Programmänderung übernehmen. In das Programm war bereits jede Menge Geld investiert worden und eine große Zahl von Menschen war mobilisiert worden. Es ist klar, dass der Pilot unter enormen Druck stand, als er sich schließlich dazu bereit erklärte, von Aschgabat abzuheben, in der Hoffnung, dass das wie ein Talisman an Board des Flugzeugs montierte Präsidentenporträt in diesem milchigen Nebel eine sichere Ankunft gewähren würde.

Zum Zeitpunkt der Landung wurde das Land der antiken Choresm (die historische Region, in der sich Daschoguz befindet) glücklicherweise für kaum mehr als 100 Meter unter den Lichtern des Flugzeugs enthüllt. So konnten wir trotz des Nebels landen, wenn auch unsanft. Jedenfalls war alles vorhergeplant, denn zahlreiche Polizeiautos, Krankenwagen und Feuerwehrmänner waren bereits vor Ort.

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Als wir unter Kamerablitzen der lokalen Journalisten und unter der unerlässlichen Aufmerksamkeit der anwesenden Administratoren voranschritten, lief unsere Delegation in eine Reihe junger Mädchen, starr vor Kälte, die bedeckte Teller voller Brot und Früchte als Willkommensgruß hielten, ebenfalls vollständig vom Nordwind eingefroren. Wir sind also in zwei großen Touristenbussen, die Präsidentenporträts in den Windschutzscheiben trugen, nach Kunya Urgench aufgebrochen, in einer prunkvollen Prozession wie in sowjetischen Zeiten, begleitet von zwei pompösen Polizeiautos, die mit ihren Sirenen die Straßen fegten.

Flaggen und Künstler im Rausch der „Inspiration“ und der Kälte

Entlang der verregneten Straßen der Region Daschoguz gibt es nichts von dem weißen Marmor und Gold der Hauptstadt. Bei unserer Durchfahrt sammelten kleine Gruppen der Bevölkerung noch die Reste des „weißen Golds“ (die turkmenische Baumwolle) auf den Baumwollfeldern entlang der Straße. Am Straßenrand wanderten Schüler im Schlamm, da es keinen Gehsteig gibt. Die Autos, denen wir begegneten, blieben sofort auf der Seite stehen, um uns passieren zu lassen. Die Wüstenlandschaften erinnerten an die Umgebung von Aschgabat. Der einzige Unterschied: der Wind. Statt in den kleinen, in der Hauptstadt so präsenten Tannen zu sterben, verendet er hier in kleinen Sträuchern, deren Blätter schon gefallen sind.

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Am Eingang zu Kunya Urgench wehten auf beiden Straßenseiten bunte, perfekt saubere und frisch gebügelte Fahnen. Im Stadtzentrum warteten schon junge Mädchen in der nationalen Uniform „Nummer Eins“ im Regen. Sie hielten diverse Süßigkeiten, auf riesigen Teppichen vor den Jurten mit traditioneller Inneneinrichtung aufgereiht. Später sahen wir das historische Museum, aufgestellt in der Form einer Karawanserei, dessen Zellentüren zu frisch bemalt waren. In ähnlicher Weise waren junge Kunststudenten in voller künstlerischer „Inspiration“ dabei, die antiken Monumente zu bemalen, ungeachtet der Kälte, des Regens, und der Windböen.

Wir wagten es nicht, uns vorzustellen, was diese armen Schausteller dieses Spektakels von uns denken mussten, nachdem sie den Tag damit verbracht hatten, in dieser eisigen Kälte auf uns zu warten (unser Flugzeug hatte fünf Stunden Verspätung) und uns dann diese Szene zu zeigen, die dazu gedacht war, ein glückliches Leben voller Kunst und Respekt für historische Denkmäler darzustellen.

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Unter dem Druck der Organisatoren und der Kälte besuchten wir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten im Schnelldurchgang. Diese sind übrigens sehr gut renoviert und zählen zum Weltkulturerbe der UNESCO. Anschließend wurden wir zurück nach Daşoguz gebracht.

Schüler streng bewacht von ihren Lehrern

Als wir im Stadtzentrum ankamen, wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt (um den Ablauf zu beschleunigen): eine wurde zum Kunstmuseum gesandt, die andere in eine neu erbaute Bibliothek, in der Form eines goldweißen Buches, schimmernd in allen Farben des Regenbogens. Letztlich wurden wir dazu gebeten, die Wirksamkeit der Arbeit im Computer-Raum (wahrscheinlich mit präsenten-absenten Internet wie in unserem Hotel, wo sich niemand von uns verbinden konnte) zu evaluieren. Dabei wurde wir von den Schülern streng beobachtet und sie wurde wiederum selbst streng von ihren Professoren kontrolliert.

Bei einer kleiner, Büchern gewidmeten Vorstellung, genossen wir daraufhin die musikalischen und sprachlichen Talente der Schüler. Schließlich wurden wir Zeugen des tiefen Respekts, der älteren Menschen entgegen gebracht wurde, die für diesen Anlass vertrieben worden waren und die (ohne Brille) durch verschiedene Publikationen blätterten.

Beim Verlassen der Bibliothek wurden wir zu einem Konzertsaal geleitet, wo wir unsere Ehrenplätze unter dem begeisterten Applaus der Schausteller und Bürger der Stadt einnahmen, die den gesamten Raum füllten, gekleidet in Kostümen und identischen Hüten. Damen in traditioneller Tracht und Männer in „europäischem“ Stil.

Turkmenistan Junge Mädchen in traditioneller Kleidung

Nach dem Konzert wurden wir in das beste Hotel der Stadt eingeladen, für ein zwanzigminütiges Festessen. Danach, ohne irgendeine Kontrolle passiert zu haben, ohne Flugtickets, ohne sogar unsere Dokumente herzuzeigen – fast so, als ob wir Jet-Setter wären -, stiegen wir in das Flugzeug, um die Hauptstadt in ihrem weißen Marmor zu erreichen. Dieser unrealistische oder vielmehr surreale Traum verblasste schnell in unserem kleinen Flugzeug dank des anhaltenden Nebels, die Quelle aller Probleme des Tages.

Wir danken Svetlana Gorshenina-Rapin aufrichtig für ihre Erlaubnis an Novastan, ihre Geschichte und Fotos zu veröffentlichen.

Aus dem Französischen übersetzt von Vanessa Graf

 

 

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Ich studiere Politikwissenschaften bei SciencesPo Paris, am Campus von Dijon, mit Konzentration auf Zentral- und Osteuropa. Für mein obligatorisches drittes Bachelor-Jahr im Ausland zog es mich daher auch in den postsowjetischen Raum, nach Kirgistan. An meiner Gastuniversität, der American University of Central Asia, erfuhr ich von Novastan und bin seit November 2015 als Übersetzerin mit im Team. Seit Februar 2016 arbeite ich als Landesdirektorin für Kirgistan. Je suis étudiante à SciencesPo Paris, campus de Dijon, qui se concentre sur l'Europe Centrale et Orientale. Pour ma troisième année, obligatoirement à l'étranger, j'ai choisi de découvrir l'espace post-soviétique, au Kirghizistan. C'était à mon université d'accueil, American University of Central Asia, que j'ai entendu de Novastan pour la première fois. Je fais partie de l'équipe comme traductrice depuis Novembre 2016, et en Février 2016, j'ai commencé le travail comme directrice pays.     l l

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