Diplomatie, Saudi-Arabien, Duschanbe

„Unter Brüdern“: Interview mit dem saudischen Botschafter in Tadschikistan

Das Königreich Saudi-Arabien arbeitet in den letzten Jahren verstärkt am Ausbau der politischen und ökonomischen Beziehungen zu Tadschikistan. Im Interview mit der tadschikischen Nachrichtenagentur „Asia-Plus“ spricht der saudische Botschafter Abdulaziz Mohammed Albadi über die bilateralen Beziehungen, das Interesse Saudi-Arabiens an Tadschikistan und seine Sicht auf die Beziehungen beider Länder.

ASIA-Plus: Herr Botschafter, inwieweit entsprechen die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Tadschikistan und Saudi-Arabien den Herausforderungen, vor denen beide Länder momentan stehen?

Albadi: Zwischen unseren Ländern existiert ein starkes, freundschaftliches und vertrauens­volles Verhältnis. Dazu haben mehrfache gegenseitige Besuche beigetragen. So war etwa der Präsident Tadschikistans, Emomalii Rachmon, bereits fünfmal in Saudi-Arabien zu Gast. Zu­letzt war Ende Oktober 2017 der saudische Generalstaatsanwalt zu Besuch in Tadschikistan. Außerdem entwickelt sich auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit unserer Staaten sehr gut. Seit einiger Zeit hilft der Saudische Entwicklungsfonds bei der Umsetzung von Entwicklungs­hilfeprojekten in Tadschikistan und das Zentrum für Humanitäre Hilfe des saudischen Königs Salman finanziert soziale Projekte.

Das Königreich Saudi-Arabien spielt im Nahen Osten eine wichtige Rolle. Worin liegt das Interesse Saudi-Arabiens an Tadschikistan, das geographisch weit weg liegt und nicht zu den führenden Ländern der Region gehört?

Saudi-Arabien arbeitet mit vielen Ländern zusammen, darunter auch mit Staaten in Zentralasien, Tadschikistan gehört dazu. Ich würde nicht sagen, dass Tadschikistan keine führende Rolle in der Region spielt. Und obwohl unsere Beziehungen sehr eng sind, sind sie noch nicht auf dem Niveau, das beide Regierungen anstreben.

Die Anwerbung von Arbeitskräften aus Tadschikistan für den Arbeitsmarkt in Saudi-Arabien wurde bereits mehrfach thematisiert. Welche konkreten Schritte wurden in dieser Richtung bereits unternommen?

Wie Sie vielleicht wissen, kommen zu uns Arbeitsmigranten aus den verschiedensten Ländern. Aufgrund des Wirtschaftswachstums brauchen wir jedoch perspektivisch eine große Anzahl von Arbeitskräften für ganz bestimmte Bereiche unserer Wirtschaft. Ich hoffe, dass mit der baldigen Unterzeichnung des entsprechenden Abkommens die Frage der Anwerbung von Arbeitskräften aus Tadschikistan erfolgreich gelöst wird.

Es heißt, der Saudische Entwicklungsfonds stellt einen Kredit in Höhe von 35 Mio. US-Dollar für den Bau von 66 Schulen bereit. Werden diese Schulen alle säkular sein oder wird es auch Religionsschulen geben?

Das Ziel des Saudischen Entwicklungsfonds ist zunächst einmal die Förderung von Entwicklungshilfeprojekten in Tadschikistan. Das umfasst den Bau von Straßen, Schulen und Krankenhäusern mit hohen Qualitätsstandards. Unser Fonds mischt sich in keiner Weise in die Bildungspolitik oder andere innere Angelegenheiten Tadschikistans ein.

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Womit hängen Ihrer Meinung nach die vielen Beiträge in der Presse zusammen, wonach Saudi-Arabien geplant habe, finanzielle Mittel für den Bau eines Parlamentsgebäudes in Tadschikistan bereitzustellen? Woher stammen diese Gerüchte?

Wie bereits gesagt, arbeitet Saudi-Arabien in vielen Bereichen mit Tadschikistan zusammen. Was den Bau des Parlamentsgebäudes angeht, so kann ich sagen, dass es keine Gespräche diesbezüglich gab. Ich weiß nicht, woher diese Mitteilungen stammen und mit welchem Ziel sie in der Presse veröffentlicht werden. Informationen über alle mit der Re­gierung Tadschikistans vereinbarten Projekte werden auf unseren offiziellen Informations­plattformen bereitgestellt und wir bitten Journalisten darum, sich nur auf diese zu beziehen.

Dass die Beziehungen zwischen Tadschikistan und dem Iran im Moment in einer schwierigen Phase stecken, halten Analysten auch für ein Ergebnis der saudischen Politik. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Wenn die Beziehungen zwischen diesen beiden Ländern tatsächlich belastet sind, so sehe ich den Grund dafür in der aggressiven Politik, die der Iran in vielen Ländern verfolgt, zu denen er Beziehungen unterhält.

Das heißt, Sie denken, dass der schiitisch geprägte Iran seine aggressive Politik auch im mehrheitlich sunnitischen Tadschikistan umsetzen konnte?

Ich möchte jetzt nicht im Einzelnen darauf eingehen, in welcher Weise sich der Iran in die inneren Angelegenheiten Tadschikistans eingemischt hat. Dass wird sehr detailliert in einem Dokumentarfilm dargelegt, der am 8. August 2017 im tadschikischen Fernsehen ge­zeigt wurde. Darin wird thematisiert, wie der Iran bei der Entstehung einiger Probleme, die in Tadschikistan immer noch herrschen, aktiv mitgewirkt hat. Darüber wird auch in einem Artikel berichtet, der am 20. Oktober auf der Webseite des Zentrums für Islamwissenschaft des Präsidenten der Republik Tadschikistan veröffentlicht wurde.

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Warum bringt sich die islamische Welt, darunter Saudi-Arabien, augenscheinlich nicht bei der Beilegung der Konflikte in muslimischen Ländern wie Syrien, Afghanistan und dem Irak ein?

Saudi-Arabien spielt ganz im Gegenteil eine wichtige Rolle bei der Lösung der Probleme in der islamischen Welt, teilweise durch eigene Initiativen, teils im Rahmen der Organisation für Islamische Zusammenarbeit und der UN. Die Hilfe unseres Landes be­schränkt sich dabei nicht auf bestimmte Regionen, sondern umfasst alle Gebiete der Welt, in denen Muslime mit Problemen konfrontiert werden. Sie haben vielleicht gehört, dass König Salman von Saudi-Arabien 15 Mio. US-Dollar bereitgestellt hat, um die Lebenssituation der muslimischen Rohingya in Myanmar zu verbessern. Einem UN-Bericht zufolge entspricht dies 10 Prozent der gesamten humanitären Hilfe für die Rohingya.

Wie viele syrische Flüchtlinge hat Saudi-Arabien aufgenommen?

Seit Beginn der Syrienkrise hat unser Land etwa 2,4 Mio. Syrer aufgenommen, von denen viele nach wie vor bei uns leben. Im Übrigen gibt es bei uns keine Lager für die sy­rischen Flüchtlinge, ganz im Gegenteil.: Sie haben dasselbe Recht auf kostenfreie medizi­nische Behandlung, Ausbildung und Zugang zum Arbeitsmarkt wie unsere Landsleute. Sie sind unsere Brüder und wir sehen sie nicht als Flüchtlinge.

Sie sind erst seit relativ kurzer Zeit in Tadschikistan. Trotzdem haben Sie sicher­lich schon viele Orte in unserem Land besuchen können. Wie sind Ihre Eindrücke über Tadschikistan und seine Menschen?

Bereits vor meinem Arbeitsantritt wusste ich viel über Tadschikistan und ich wusste und bin immer noch davon überzeugt, dass dieses Land einen besonderen Platz unter den zentralasiatischen Ländern einnimmt. Ich wusste auch, dass das Volk Tadschikistans eine 1000-jährige Geschichte aufweist und dass die Wurzeln seiner Zivilisation viele Jahrhunderte zurückreichen. Ich habe hier wundervolle Natur gesehen, nette, aufgeschlossene Menschen und ich sage mit tiefer Überzeugung: Ich bin hier unter Brüdern.

Chaidar Schodijew, ASIA-Plus

Aus dem Russischen von Florian Tack

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