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Tadschikistan: Von der Überschwemmung zur Transportkrise

Die Überschwemmungen in Zentralasien im Juli diesen Jahres verdeutlichen, wie dramatisch das Fehlen von robusten Wasser-Management Maßnahmen und Frühwarnsystemen sein kann. Tadschikistan ist am schlimmsten betroffen. Das Land besteht zu 93% aus Gebirge, was die Gefahr von Lawinen und sintflutartigen Überschwemmungen massiv erhöht. Dutzende Häuser wurden zerstört und noch mehr Menschen kamen ums Leben.

Am 16. Juli 2015 begrub eine große Schlammlawine Teile des Dorfes Barsem im Gund-Tal ungefähr 16km östlich der Stadt Chorugh mitten in der tadschikischen Bergregion Berg-Badachschan, die touristischste Region des Landes entlang des Pamir Highway.

Der Schlamm rutschte in den Fluss Gund, staute diesen zu einem See und unterbrach damit die Hauptstraße, welche entlang des Flusses verläuft. Die Schlammlawine bei Barsem wurde durch eine Periode starker Regenfälle und extrem hoher Temperaturen ausgelöst, welche Gletscher und Schnee schneller als gewöhnlich zum Schmelzen brachten. Demnach war der Vorfall in Barsem nur einer von vielen Überschwemmungsbedingten Vorkommnissen im Pamir-Gebirge. So wurden beispielsweise mehrere Brücken entlang des Pamir Highways einfach weggeschwemmt. 1100 EinwohnerInnen wurden so abgeschnitten.

Die Regierung ist bei dem Umgang mit Notfällen in der Pamir-Region auf die NGO Aga Khan Development Network (AKDN) angewiesen – die Beziehung ist jedoch angespannt. Der Aga-Khan ist das geistige Oberhaupt der Ismaeliten, einer in Berg-Badachschan stark vertretenen schiitischen Minderheit. Einerseits übernimmt AKDN große Verantwortungen bezüglich Bildung und Wirtschaft in der Pamir-Region, andererseits fürchtet die Regierung eine Abspaltung der semi-autonomen Region Berg-Badachschan. 2012 kam es dort zuletzt zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen lokalen Oppositionellen und der Regierung.

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„Die gefährdete Bevölkerung auf der betroffenen Seite ist durch die Regierung und die Helikopter – die einzige Transportmöglichkeit während der ersten Tage – von Aga Khan Development Network nach Chorugh evakuiert worden und schließlich in das Dorf Manem gebracht worden, wo ein Zufluchtsort und ein Zeltcamp errichtet wurden“, berichtete Idris Jonmamadov, Sprecher des AKDN Notfallschutzzentrums.

Das UN-Team für Notfalleinschätzung und –koordination (REACT, Rapid Emergency Assessment and Coordination Team) schätze, dass mehr als 80% der Gemeinden in der Region in den folgenden Tage ohne Strom leben mussten. Während die Medien über die Überschwemmungen und akute Rettungsaktionen berichteten, wurde nur sehr wenig über die weitere sozio-ökonomische Bedeutung des Desasters geschrieben.

Ende September war der Schlammsee noch immer einige Kilometer lang. In solchen Bedingungen sind die Menschen auf Gummiboote angewiesen, welche als Fähren genutzt werden. Um den provisorischen Ankerplatz zu erreichen, muss man an einem steilen Hang entlang klettern und einem gefährlich schmalen Pfad hoch über dem See folgen.

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Die meisten Menschen tragen hierbei schwere Säcke, die mit ihren täglichen Bedarfsgütern gefüllt sind. Da die Boote nur unregelmäßig fahren und der Platz knapp ist, brechen Streitigkeiten bei der Platzvergabe aus: Ordnungshüter schicken einige der Menschen auf den Bergpfad, wodurch sie den See vollständig umgehen müssen.

Von der Überschwemmung zur logistischen Krise

Die unmittelbaren Probleme wirken zwar kontrollierbar und der Vorsitz Barsems und die Bauarbeiter sind zuversichtlich, dass der Pamir Highway früher oder später wieder befahrbar ist, doch der Vorfall führte zu einer ganzen Reihe von Konsequenzen.

Die Schlammlawine bei Barsem blockiert einen Teil des Highways, der von tadschikischen Lastwagen genutzt wird, um chinesische Waren von der Grenze in den östlichen Pamirbergen nach Duschanbe zu transportieren. Dutzende von Schwerlastern steckten wochenlang im Pamir-Gebirge fest. Als alternative Route in die Hauptstadt Tadschikistans, versuchten einige Logistikunternehmen den Umweg über Kirgistan. Doch die kirgisischen Behörden waren unwillig den meistens überladenden 60-Tonnen Lastwagen die Erlaubnis zur Durchreise zu erteilen und informelle Abmachungen waren zu teuer.

Da die Route über Kirgistan ausgeschlossen war, versuchten viele Unternehmen ihre Laster durch das Wakhan-Tal in Afghanistan zu schicken. Die unbefestigte Straße durch Wakhan ist jedoch nicht für schwere Fahrzeuge geeignet und viele Laster blieben im Schlamm stecken und mussten tagelang warten, bis sie herausgezogen werden konnten und Bulldozer die Straße frei machten. Als die tadschikische Regierung ihren Fokus auf das Dorf Barsem legte, entschieden ungefähr zwanzig Logistikunternehmen, deren LkWs steckenblieben, sich eigenständig um das Problem zu kümmern. Sie liehen Ausrüstung, stellten Arbeitskräfte ein und begannen, die Wakhanstraße auszubauen, sodass die in China hergestellten Lastwagen passieren können. „Wir haben die Verpflichtung dies zu tun“, sagt ein junger Logistikmanager. „Die Schule beginnt bald und die Eltern in Duschanbe müssen neue Kleidung für ihre Kinder kaufen“.

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Seit dem 08. August rumpelt jeden Tag eine steigende Zahl von Schwerlastern durch den Wakhan. Sie lassen eine stände Staubwolke zurück und zerstörte Bewässerungskanäle in den Dörfern, die durchfahren werden. Die Reparatur dieser Schäden wird jedoch den Dorfbewohnern überlassen. Was die LkWs nicht zurücklassen sind die chinesischen Waren, die sie transportieren. Diese werden direkt den Großmärkten in Duschanbe geschafft und von dort bringen sie lokale Händler zurück in die Pamir-Region. Der Handel mit China wird hauptsächlich von Großhändlern aus Duschanbe betrieben, da es die Kosten für Visa, Fahrt und Verzollung für Verkäufer der Pamir-Region erschweren, überhaupt Profit zu machen.

Geopolitische Komplikationen

Darüber hinaus ist die aktuelle Mobilitätskrise wegen der Überschwemmungen aufgrund geopolitischer Entwicklungen noch verschärft. Im Mai des Jahres trat Kirgistan nach langer Überlegung der Eurasischen Wirtschaftsunion (EEU) mit Russland, Kasachstan, Belarus und Armenien bei. Tadschikistan dagegen ist noch kein Mitglied. Insbesondere im Murghob-Distrikt, welcher hauptsächlich die Kirgisischsprachigen, östlichen Teile der Pamir-Region umfasst, erschwert die neue Zollordnung das Leben zunehmend.

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Obwohl es an der kirgisischen Grenze noch die Möglichkeit zum Verhandeln gibt, haben informelle Gebühren für Reisende und Waren entscheidend zugenommen. Und nun, da der Pamir Highway als Hauptverbindung nach Chorugh und Duschanbe blockiert ist, wird die Abhängigkeit der Region von Lieferungen aus Osch, in Südkirgistan, sogar noch hervorgehoben.

Noch sind die Ladenbesitzer in Murghob nicht allzu besorgt über die derzeitige Warenknappheit, aber die Situation wird eindeutig komplizierter. Während viele Menschen in Murghob darauf hoffen, dass auch Tadschikistan bald der EEU beitritt und dann alle Schwierigkeiten an der Kirgisisch-tadschikischen Grenze Vergangenheit sind, spielen noch weitere Faktoren hinein. Besonders die Abhängigkeit von Geldüberweisungen aus Russland spräche für einen EEU Beitritt.

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Es bleibt abzuwarten, ob die Mobilitätskrise nur temporär ist oder ob es eine weitere Belastung zu der sowieso schon angespannten ökonomischen Situation bleibt. Auch was mit dem See selbst passiert, bleibt zunächst unklar. Eindeutig ist nur, dass die Überschwemmungen und die neuen Zollordnungen der EEU verdeutlichen, wie sehr diese Region auf fragile Verbindungen nach Außen angewiesen ist. Die Langzeitschäden können ohne internationale Unterstützung kaum bewältigt werden.

“Insgesamt haben das Wasser- und Energieversorgungssystem, das Transportsystem und die soziale Infrastruktur des Landes, nach ersten Einschätzungen, einen Schaden von ungefähr 100 Millionen Dollar“ erklärt der Außenminister Tadschikistans in einer Stellungsnahme, um Hilfe zu akquirieren.

Die Initiative für die Entwicklung effizienter und kohärenten Mechanismen zum Katastrophenschutz in Tadschikistan ist von internationalen Organisationen angeführt worden, während die Regierung ihre Prioritäten oft anderswo setzt.

Der tadschikische Präsident Emomali Rahmon versprach am 22. Juli, dass alle komplett zerstörten Häuser bis November wieder aufgebaut werden und die betroffenen Familien 1,500 Dollar erhalten. Was getan werden kann, um die Auswirkung solcher Vorfälle in der Zukunft zu minimieren, bliebt offen. Eine öffentliche Debatte über den mangelnden Notfallschutz gibt es nicht – möglicherweise da alle Regierungskritischen im Gefängnis sitzen oder zum Schweigen ermutigt worden sind.

Dieser Artikel basiert auf einem Artikel von Carolin Maertens und Martin Saxer bei der Zentraleuraischen Forscher- und Medieninitiative (CESMI). 

Übersetzung aus dem Englischen und Ergänzungen:
Clara Koschies

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