Dschura Abajew

Tadschikistan: Tod von Dschura Abajew, dem letzten Juden in Chudschand

Dschura Abajew, das letzte Mitglied der jüdischen Gemeinde in Chudschand, ist im Alter von 93 Jahren verstorben. Die im Norden Tadschikistans gelegene Stadt Chudschand hatte einst eine aktive und lebendige jüdische Gemeinde, die mit der in Buchara verbunden war. Mit dem Tod Abajews endet auch eine jahrhundertealten Geschichte.

Dschura Abajew starb laut einem Bericht des amerikanischen Radio Free Europe am 15. Januar im Alter von 93 Jahren in Chudschand. In der Geschichte der nordtadschikischen Stadt wird durch den Tod Abajews ein historischer Wendepunkt markiert.

Sein Leben lang war Abajew Arbeiter in Chudschand, einer Industriestadt am Syrdarja. Außerdem hatte er als geistlicher Leiter der Synagoge, die 1999 geschlossen wurde, eine wichtige Position im religiösen Leben seiner Stadt. Er hatte einen Ruf als angesehener und respektabler Bürger, der von seinen NachbarInnen Dschura Ako genannt wurde, was im lokalen Dialekt so viel wie „großer Bruder“ bedeutet. Dschura Abajew hinterlässt fünf Kinder, die aber alle nicht mehr in Chudschand wohnen, sondern in den 1990er Jahren nach Israel ausgewandert sind, wo sie sich dem größeren Teil der Familie Abajew angeschlossen haben.

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Obwohl er zwischen 1990 und 2008 dreimal nach Israel emigriert ist, um bei seinen Familienmitgliedern leben zu können, hat sich Abajew jedes Mal für eine Rückkehr in seine Heimatstadt Chudschand entschieden, wie Radio Free Europe berichtet. Und dies trotz der hohen Alimente, die zu dieser Zeit von der israelischen Regierung angeboten wurden. „Ich habe das Gefühl, dass ich in Israel niemand bin und dass ich dort sehr allein bin. Wenn ich in Chudschand auf die Straße gehe, lächeln mich die Menschen in meinem Viertel an und sagen: Dschura Ako kommt“, erzählte er dem Journalisten Tilav Rasulzoda.

Bis zum Verschwinden der jüdischen Gemeinde in Chudschand hatte Dschura Abajew jahrzehntelang ähnliche Funktionen wie ein Rabbiner. Er wurde Hauptwärter der Synagoge, die in der Nähe seines Hauses lag. Im Jahr 2015, als Dschura Abajew bereits der einzige Jude der Stadt war, wurde dann die schon lange stillgelegte Synagoge abgerissen, um Platz für ein Einkaufszentrum zu schaffen. Eine Maßnahme, die den Niedergang der jüdischen Gemeinde in Chudschand auf eine traurige Art und Weise verdeutlicht.

Die Juden von Buchara, ein wichtiger Teil der Geschichte Tadschikistans.

Dschura Abajew und seine Familie gehören zu den bucharischen Juden, die eine lange Geschichte in Zentralasien haben. Die Gemeinde wird mit der Stadt Buchara in Verbindung gebracht, weil diese ein wichtiges kulturelles und wirtschaftliches Zentrum der Region bildete. Buchara liegt im heutigen Usbekistan und war ein Zuhause für viele Jüdinnen und Juden in Zentralasien. Es existierten jedoch auch außerhalb dieser Stadt größere Gemeinden, verstreut in verschiedenen zentralasiatischen Städten, wie zum Beispiel in Chudschand.

Die bucharischen Jüdinnen und Juden, auch als Juden der Region bezeichnet, sprachen ursprünglich Buchari, heutzutage aber Tadschikisch, Russisch, Usbekisch oder Hebräisch. Sie praktizieren ein stark von der persischen und türkischen Kultur geprägtes Judentum. Heute leben die meisten bucharischen Jüdinnen und Juden in Israel, den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union. Nur eine sehr kleine Minderheit ist in Zentralasien geblieben.

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Obwohl Tadschikistan ein mehrheitlich muslimisches Land ist, gab es dort schon immer eine große religiöse Vielfalt. Die Minderheiten in Tadschikistan, so wie auch in den anderen zentralasiatischen Ländern, sind zahlreich und haben eine lange eigene Geschichte, wie Olivier Roy in seinem Buch La Nouvelle Asie centrale feststellt. In Le judaïsme erklärt Quentin Ludwig, dass die jüdische Anwesenheit in Zentralasien aus der Zeit des Altpersischen Reichs zu stammen scheint, ungefähr aus dem ersten Jahrtausend vor Christus. Der Autor erklärt, dass die Mehrheit der befreiten Juden nach der Eroberung durch Kyros II. in das neue Judäa zog. Eine Minderheit zog es jedoch vor, sich anderswo niederzulassen, wie beispielsweise in Zentralasien.

Andere sagen, die Anwesenheit von Jüdinnen und Juden in Buchara reiche bis in die Zeit des Sassanidenreiches (224-651) zurück.


Gemälde von Sergei Milkhailovich Prokudin-Gorskii, Anfang des 20. Jahrhunderts, auf dem jüdische Kinder mit ihrem Lehrer in Samarkand zu sehen sind

Mit der Errichtung des Khanats von Buchara (1599-1920) verlor die jüdische Gemeinde ihre Basis. Der Staat wurde dann von sunnitisch-usbekischen Stämmen regiert, die die Juden im politischen Leben diskriminierten, wie Jean-Paul Roux in seiner Geschichte der Türken erklärt. Mit dem Ziel, sie zum Islam zu bekehren wurden spezielle Abgaben und Steuern nur für Jüdinnen und Juden eingerichtet.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfuhr die jüdische Gemeinde Bucharas dann ein bedeutendes wirtschaftliches und demografisches Wachstum. Trotz der diskriminierenden Maßnahmen erreichte sie im Laufe der Zeit einen gewissen Wohlstand und eine religiöse Toleranz. Die Gemeinde spielte mit Schlüsselpositionen in der Elite des Landes eine wichtige Rolle in der Gesellschaft.

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Die russische Eroberung Zentralasiens im 19. Jahrhundert verstärkte den Wohlstand der Jüdinnen und Juden von Buchara sogar. In der Tat bot das Russische Reich laut dem Buch L’Empire d‘Eurasie von Hélène Carrère d’Encausse eine gewisse religiöse, kulturelle und wirtschaftliche Freiheit im Namen des Russischen Friedens. Nach und nach wurden die antijüdischen Gesetze abgeschafft, die noch strenger als die kaiserlichen Gesetze waren. Außerdem wurde die Gemeinde durch die Ankunft russischer aschkenasischer Juden gestärkt, die an einer gewissen kulturellen „Modernisierung“ mitwirkten und die wirtschaftliche Dynamisierung stärkten.

Das russische Reich hielt den Belastungen des Ersten Weltkriegs jedoch nicht stand und die Sowjetzeit brachte dann eine religiöse Verfolgung der bucharischen Jüdinnen und Juden und eine starke Einschränkung ihrer Freiheiten mit sich. Tatsächlich wurden die Juden der UdSSR einer Säkularisierungskampagne mit dem Ziel der kompletten Assimilation unterzogen, wie die Arbeiten Benjamin Pinkus zeigen. Diese wurde durch Maßnahmen wie der Schließung von Synagogen und einer Einschränkung der religiösen Lehre und Praxis sichtbar.

Eine Gemeinschaft, die vom Exil in Israel angelockt und von einem instabilen Land bedroht wird

Diese Kontextbedingungen haben für die Entwicklung der Geschichte der Familie von Dschura Abajew eine große Rolle gespielt. Ende der 1980er Jahre, in der Zeit der Perestroika und der Glasnost, also der Umgestaltung und dem Prozess einer transparenteren Politik der Sowjetunion, gehörten die Jüdinnen und Juden zu den ersten, die von den neuen Freiheiten, wie der Reisefreiheit, profitierten. Im Jahr 1991, nach dem Zusammenbruch der UdSSR, entwickelte und beschleunigte sich dann die Exilbewegung.

Die Jüdinnen und Juden der Sowjetunion wollten ihren Lebensstandard steigern und ihren Kindern eine bessere Zukunft bieten. Zudem waren sie über den ansteigenden Antisemitismus und die immer instabilere und konfliktreiche Situation in Eurasien besorgt. Ein weiterer Grund für die Emigration war, dass der israelische Staat den jüdischen Familien aus ehemaligen Sowjetstaaten viele Hilfsangebote machte. So wanderten zwischen 1989 und 2002 mehr als 900.000 Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft aus ehemaligen Sowjetstaaten nach Israel aus.

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Die bucharischen Juden stellten keine Ausnahme dar, sondern emigrierten zu großen Teilen nach Israel. Zwischen 100.000 und 120.000 von ihnen leben heute in Israel, wie die die israelische Zeitung Times of Israel berichtet.

In seiner Geschichte hat Tadschikistan eine doppelte Beschleunigung jüdischer Emigration erlebt. Das Land, in dem vor den 1990er Jahren mehr als 15.000 Jüdinnen und Juden lebten, erfuhr durch den Bürgerkrieg zwischen 1992 und 1997 eine zusätzliche Welle der Emigration. Der Konflikt kostete zwischen 50.000 und 100.000 Menschen das Leben und trieb mehr als eine Million Menschen ins Exil. Nach dem Bürgerkrieg hatte die jüdische Gemeinde Tadschikistans noch nicht einmal 2.000 Mitglieder mehr. Heute existiert im ganzen Land nur noch eine einzige Synagoge, die sich in der Hauptstadt Duschanbe befindet.

Juan-Martin Mounier-Sales
Redakteur für Novastan

Aus dem Französischen von Flavia Gerner

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