Tajik Wedding

Tadschikische Paare nutzen Skype, um den Bund fürs Leben zu schließen

Die Arbeitsmigration aus Tadschikistan ändert die Familienstrukturen und -traditionen des Landes. Dabei mischen sich schon mal religiöse Bräuche mit technologischer Innovation, wie beim letzten Hochzeitstrend: das Ja-Wort per Skype. Dieser Artikel erschien zuerst in Englischer Fassung auf dem Nachrichtenportal von Radio Free Europe/ Radio Liberty.

Shahnoza Idrisova, eine 27-Jährige Ökonomin aus der tadschikischen Hauptstadt, zeigt stolz ihr Hochzeitsfoto. Auf diesem ist sie weiß gekleidet und nimmt eine Schüssel Wasser von ihrer neuen Schwiegermutter entgegen. Ein Ritual, das normalerweise von Braut und Bräutigam vollzogen wird.

Ihr Bräutigam allerdings ist nicht zu sehen. Der Grund dafür: Das Foto wurde fünf Minuten, nachdem das Paar sich per Videochat das Ja-Wort gegeben hatte, geschossen.

Ihr Land mag nicht das technisch fortschrittlichste sein, aber wenn es sich um Familienangelegenheiten handelt, nutzen Idrisova und andere junge Tadschiken alle Vorteile der neuen Technologien. In einem Land, wo eine Welle von „SMS-Scheidungen“ hohe islamische Geistliche dazu veranlasste, eine dagegen gerichtete Fatwa zu erlassen, ist es diese Anpassungsfähigkeit, die religiöse Autoritäten und soziale Konservative dazu bringt, sich auf einen neuen Trend vorzubereiten: Hochzeit via Skype.

Es war eine normale Hochzeit“

Im Fall von Idrisova, umgeben von beiden Elternpaaren und Trauzeugen in ihrem Haus in Duschanbe, schaut sie einem lokalen Mullah zu, wie er die nikah, die islamische Hochzeitszeremonie, vollführt. Der Bräutigam, Parviz, war lediglich durch den Laptopbildschirm anwesend.

„Es war eine normale Hochzeit mit einem Hochzeitskleid, Gästen und einem aufwendigen Essen“, sagt Idrisova, „Der einzige Unterschied war, dass Parviz währenddessen in Tunesien war.“

Als Idrisova einen Monat später nach Tunesien zog, wo ihr Mann als Übersetzer mit einem 5-Jahres-Vertrag arbeitet, tauschte das Paar die Ringe.

„Wir waren schon 10 Jahre ein Paar, als Parviz einen Arbeitsvertrag bekam und plötzlich Anfang des Jahres das Land verlassen musste.“, sagt Idrisova, „Mein Vater hat mir nicht erlaubt, ihn zu begleiten, ohne mit ihm verheiratet zu sein. Wir wollten nicht noch weitere fünf Jahre warten, bis er zurückkommen würde – also war unsere Lösung eine Skype-Hochzeit.“

Idrisova sagt, dass sie, wie alle anderen Tadschiken, das nikah-Ritual wegen ihres religiösen Glaubens vollzieht. Tadschikistan ist ein vorwiegend muslimischer, konservativer Staat, in dem außereheliches Zusammenleben missbilligt wird.

Jedoch ist das zentralasiatische Land ebenso eine wichtige Quelle günstiger Wanderarbeit für die nahen Staaten wie Russland oder Kasachstan, aber auch für weiter entferntere. Offizielle russische Zahlen besagen, dass mindesten 1.2 Millionen tadschikische Migranten in Russland arbeiten – bei einer tadschikischen Bevölkerung von 8.5 Millionen.

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Diskussion um die Gültigkeit

Skype-Hochzeiten werden sogar in ländlichen Regionen in Tadschikistan vollzogen, deren Bevölkerung noch religiöser und konservativer ist.

Alambi Murodova, eine Hausfrau aus Tursunzoda, westlich von Dushanbe hat einen in Kanada lebenden Sohn, der vor kurzem über Skype heiratete. Sie sagt, dass das russischsprachige soziale Netzwerk Odnoklassniki ihren Sohn Saidehson und seine 24-Jährige Braut Sayora, die aus seinem Heimatort stammt, zusammengebracht habe.

Das Pärchen flirtete online für zwei Jahre, bevor sie mit einer Zeremonie heirateten, die ein bescheidenes Festessen in Tursunzoda und die nikah-Rituale beinhaltete – mit einer Entfernung von 10.000 Kilometer zwischen Tadschikistan und Kanada.

„Wie jedes Elternteil träumte ich von einer Hochzeit für meinen Sohn, aber er konnte aus finanziellen und aus Visagründen nicht nach Hause kommen“, sagt Murodova.

Das Paar begann das Eheleben getrennt voneinander. Sayora lebte mit ihren Schwiegereltern in Tursunzoda, ihr Mann blieb in Nordamerika. Doch sie planen, am Ende als Frau und Mann gemeinsam in Kanada zu leben.

Murodova sagt, dass Saidehson versucht, ein Visum für seine Frau zu bekommen. Sie wird allerdings kein „family-reunification“-Visum erhalten, weil Skype-Hochzeiten in Tadschikistan nicht anerkannt werden.

Die beharrlich säkulare tadschikische Regierung weigert sich außerdem, islamisch-religiöse Hochzeiten anzuerkennen – selbst wenn Braut und Bräutigam bei der nikah am gleichen Ort sind. Die Anerkennung wird nur gewährt, wenn das Paar zuerst standesamtlich heiratet. Die Tadschiken vollziehen die nikah normalerweise nach den offiziellen Zeremonien.

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Manche tadschikische Mullahs bestreiten die Gültigkeit von Skype-Hochzeiten aus religiösen Gründen. Marhabo Zununova, Vorsitzende des Familien- und Heiratszentrums in Duschanbe, warnt zudem, dass das „Daten“ und Heiraten von Fremden über das Internet das Risiko von Menschenhandel erhöhe – „insbesondere wenn es ungebildete junge Mädchen betrifft.“

Aber wie viele Tadschiken glaubt sie, dass Skype-Hochzeiten eine Zukunft haben.

„Wenn Braut und Bräutigam zusammenpassen, wird auch die Ehe gut ausgehen. Es ist egal, wie sie sich getroffen und wie sie geheiratet haben – im Internet oder in der Stadt“, sagt Zununova. „Es gibt viele glücklich verheiratete tadschikische Paare, die sich online getroffen und dann geheiratet haben. Skype-Hochzeiten werden am Ende ebenso die Regel sein“.

Farangis Najibullah and Ganjinai Ganj

RFE/RL – Tadschikischer Dienst

Aus dem Englischen übersetzt von Gregor Bauer

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