Lyubov Tkachenko ist eine Harfenistin mit einer Ausbildung in St. Petersburg und einer beruflichen Laufbahn in Kasachstan. Nach ihrem Abschluss am Staatlichen Konservatorium in St. Petersburg kam sie 2013 zu einem Vorspielen für Musiker:innen in das neue, gerade eröffnete Theater in Astana – und blieb dort für dreizehn Jahre. Heute ist Tkachenko Konzertmeisterin der Harfengruppe des Symphonieorchesters der „Astana Opera“. Als Musikerin hat sie das kasachstanische Theater auf Gastspielen in Europa und anderen Ländern vertreten und maßgeblich den modernen Klang dieses seltenen Instruments in einem der führenden Opernhäuser Zentralasiens geprägt.
Der Artikel ist Teil der Interviewreihe Kasachische Musizierende: auf den Spuren des europäischen Erbes
Nurgul Adambayeva für Novastan: Lyubov, Sie stammen aus Russland, aus St. Petersburg. Warum sind Sie in Astana gelandet, während viele Musiker:innen im Gegenteil nach St. Petersburg streben?
Tkachenko: Nach meinem Abschluss am Konservatorium im Jahr 2013 wollte ich sofort anfangen zu arbeiten. Ich träumte davon, in einem Theater tätig zu sein, und es interessierte mich wenig, wo das sein würde. Die Harfe ist ein sehr „theatralisches” Instrument, das einen wichtigen Platz im klassischen Opern- und Ballettrepertoire einnimmt. Die Arbeit in einem Theater ist für Harfenist:innen prestigeträchtig, interessant und bietet ein großes Repertoire, daher war das für mich ein entscheidender Punkt.
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In St. Petersburg herrscht in dieser Hinsicht ein enormer Wettbewerb. Meine Lehrerin sagte: „Es gibt einen Wettbewerb in Astana, fahr hin, spiel und komm zurück.“ Damals kannte ich weder die Stadt noch die Bedingungen dort. Nachdem ich das Wettbewerbsprogramm gespielt hatte, flog ich noch am selben Tag zurück. Und dann wurde mir mitgeteilt, dass ich erfolgreich war und mit der Arbeit im Theater beginnen sollte. Ich habe nicht einmal meine Abschlussfeier an dem Konservatorium in St. Petersburg besucht – ich holte mein Diplom ab und bin nach Kasachstan gekommen, um hier zu arbeiten.
Wie war Ihr erster Eindruck? Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?
Alles war neu und ungewohnt für mich, ich war weit weg von zu Hause und befand mich in einer anderen Umgebung, in einem anderen musikalischen Umfeld. Die erste Aufführung des Theaters war eine kasachische Oper [„Birzhan und Sara“ – eine klassische kasachische Oper des Komponisten Mukan Tulebayev, Anm. d. Aut.], und dieses Repertoire hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben. Alle um mich herum kannten es seit ihrer Kindheit, nur ich nicht.
Erschwerend kam hinzu, dass es zu diesem Zeitpunkt keine anderen Harfenist:innen im Orchester gab, mit denen ich mich beraten und Arbeitsfragen besprechen konnte. Deshalb fühlte ich mich vom ersten Tag an sehr verantwortlich.
Wie hat sich die Situation im Laufe der Zeit verändert?
Grundlegend. Die Stadt, das Theater, das Umfeld haben sich verändert. Jetzt haben wir bereits ein Team von Harfenist:innen, eine systemische Arbeit und Austauschbarkeit. Hier herrscht ein sehr starkes Verantwortungsbewusstsein für die gemeinsame Sache. Das Theater ist noch jung, und alle sorgen sich um ihre Arbeit, um das Ergebnis. Das schafft ein hohes Maß an Engagement. Das gilt sowohl für die Orchestermusik als auch für das Ballett. Übrigens gibt es hier ein hohes Niveau an Ballettkunst, das bisher leider nur wenige kennen.
Mit der Zeit wurde die Arbeit leichter, dank der Gewohnheit und der enormen Erfahrung, die ich hier gesammelt habe – durch die Zusammenarbeit mit den besten kasachstanischen und ausländischen Musiker:innen.
Wie ist Ihrer Meinung nach die Einstellung zur Harfe in Kasachstan?
Die Harfe wird in Kasachstan weiterhin als seltenes Instrument angesehen. Viele kennen sie, haben sie aber noch nie gehört.
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Der Zustand oder die Verfügbarkeit von Instrumenten in einem Ensemble sagt viel aus. Für Harfenspieler:innen ist das Instrument sehr wichtig: Man kann zwar auch auf einem schlechten Instrument spielen, aber das ist sehr schwierig. Die Harfe muss mehrmals am Tag gestimmt werden – alle 47 Saiten –, deshalb kommen Harfenist:innen als Erste und gehen als Letzte. Als ich hierherkam, war meine Harfe in einem schlechten Zustand, aber jetzt gibt es in der „Astana Opera“ zwei Instrumente von sehr hoher Qualität – aus italienischer Produktion. Das ist eine ernsthafte Investition, die sich direkt auf die Qualität der Arbeit auswirkt.
Worin sehen Sie in dieser Hinsicht einen grundlegenden Unterschied zu Europa?
In Europa ist die Harfe die Norm. Sie ist ein Orchesterinstrument wie die Geige oder das Cello, mit eigener Infrastruktur, eigenen Meister:innen und eigenem Service. Das ist teuer, aber es ist der Standard. Bei uns muss man immer noch über ihre Notwendigkeit diskutieren. Viele betrachten sie als eine Art zusätzliches, zweitrangiges Instrument. Das würde ich gerne ändern. Das ist sowohl in Kasachstan als auch in vielen Städten Russlands zu beobachten.
Das heißt, Sie haben das Gefühl, dass wir aufgrund ihrer Seltenheit eine andere, besondere Beziehung zur Harfe haben?
Ja, und das gefällt mir nicht. Die Harfe wird oft nur als schönes Bild, als Exotik wahrgenommen. Für mich ist es wichtig, dass sie als ernstzunehmendes professionelles Instrument wahrgenommen wird, gleichberechtigt mit anderen. Das ist nur durch die Qualität der Darbietung möglich, nicht durch den äußeren Effekt.
Und ist die Situation Ihrer Meinung nach in den letzten Jahren besser geworden?
Ja, und das ist wichtig. Es gibt neue Instrumente, Theater, Arbeitsplätze. Wenn es ein Ziel gibt, entsteht Motivation. Aber die Harfe bleibt weiterhin ein „heikler Punkt”: Sie ist schwer zu kaufen, schwer zu pflegen, es ist schwer, Fachleute zu finden. Wenn das Instrument kaputt geht, gibt es in Kasachstan keine Handwerker:innen, die es reparieren können, man muss welche aus dem Ausland einfliegen lassen. Das sind große Schwierigkeiten, deshalb gibt es nicht so viele Menschen, die dieses Instrument spielen wollen.
Viele Musiker:innen heben die starke postsowjetische Schule unserer Musikinstitutionen hervor, die Kindern eine gute theoretische Grundlage vermittelt. Wie beurteilen Sie das derzeitige Niveau der Musikausbildung hier?
Ich denke, die Ausbildung ist schwächer als früher. Nicht weil die Lehrer:innen schlecht sind, sondern weil sich die Bedingungen geändert haben. Bei uns war alles viel strenger als heute. Aber für Instrumente wie die Harfe ist strenge Disziplin unerlässlich.
Die Harfe ist ein körperlich anstrengendes Instrument. Man muss jeden Tag üben. Wenn man in der Kindheit keine Grundlagen legt, kann es im Erwachsenenalter leider zu spät sein. Es gibt Dinge, die man nicht nachholen kann: die Haltung der Hände, körperliche Ausdauer, die Gewöhnung an die Arbeit.
Ich halte ein hohes Niveau an theoretischen Fächern in speziellen Bildungseinrichtungen für normal. Ebenso wie eine korrekte Haltung der Hände für alle Schüler:innen, unabhängig von ihren weiteren Plänen und natürlichen Begabungen.
Erzählen Sie uns doch, wie Sie selbst zum Harfenspiel gekommen sind. War das Ihre bewusste Entscheidung?
Nein. Ich habe selbst ziemlich spät angefangen zu spielen – mit 11 Jahren. In der Musikschule wurden einfach Instrumente angeboten, für die es keine Interessent:innen gab: das Bajan (eine Form des Akkordeons, Anm. d. Aut.) und die Harfe. So fing alles an. Aber in der Kindheit wird einem nicht immer gesagt, welche Schwierigkeiten Harfenspieler:innen auf ihrem Weg bevorstehen können.
Welcher Ansatz erscheint Ihnen richtiger – der strengere postsowjetische oder der liberalere europäische?
Ich selbst habe erst vor kurzem begonnen, meine Erfahrungen als Lehrerin weiterzugeben. Aber ich hatte selbst viele gute Lehrer:innen: Neben dem Konservatorium in St. Petersburg habe ich Meisterkurse in Deutschland und Italien besucht, sodass ich Vergleiche anstellen kann und viel zu erzählen habe.
Ich denke, alles hängt von den Lehrer:innen ab. Druck um des Drucks willen ist sinnlos. Aber ohne Anstrengung gibt es nirgendwo Ergebnisse.
Interessieren sich europäische Kolleg:innen für die kasachstanische Harfenschule?
Ja, das tun sie. Allerdings hat sie sich bei internationalen Festivals und Wettbewerben noch nicht ausreichend bewährt. Manchmal sind die Leute überrascht, dass es hier überhaupt Harfenist:innen und gute Instrumente gibt. Als einmal Musiker:innen aus dem Theater „La Scala” zu uns auf Tournee kamen, brachte eine Harfenistin ihre Harfe mit – eine der teuersten und seltensten der Welt. Das ist ziemlich aufwendig, wenn man die Größe und das Gewicht des Instruments bedenkt. Wie groß war ihre Überraschung, als sie unsere hochwertigen Instrumente sah: „Hätte ich gewusst, dass Sie solche Instrumente haben, hätten wir unsere nicht mitgebracht.“ Sie hatten ehrlich gesagt nicht mit einem solchen Niveau gerechnet.
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Das hohe Niveau der Arbeit unserer kasachstanischen Kolleg:innen wird auch von meinem Ehemann, einem Dirigenten aus Italien, der hier in Kasachstan arbeitet, hervorgehoben. Hier haben wir uns kennengelernt. Er betont auch, dass der Staat in Kasachstan im Vergleich zu Italien großes Interesse an der Entwicklung des Musik- und Theaterbereichs zeigt und viel mehr finanzielle Investitionen tätigt.
Für mich war es eine große Überraschung, dass Kolleg:innen in St. Petersburg unser Repertoire verfolgen und die Inszenierungen der „Astana Opera“ diskutieren. Das ist sehr erfreulich – und wichtig.
Haben Sie einen Unterschied in der Reaktion des Publikums in Kasachstan und in Europa bemerkt?
In Europa ist das Publikum besser vorbereitet und anspruchsvoller. Hier ist das Publikum immer herzlich und dankbar.
Sie sagten, dass die erste Inszenierung des Theaters im Jahr 2013 eine kasachische Oper war. Nimmt kasachische Musik insgesamt einen wichtigen Platz im Repertoire des Theaters ein?
Auf jeden Fall. Es werden immer kasachische Werke aufgeführt. Wenn das Orchester auf Tournee geht, stößt das auf großes Interesse.
Sind Ihnen kasachische Melodien ans Herz gewachsen?
Ja. So sehr, dass ich mich dabei ertappt habe, meinem Kind kasachische Lieder vorzusingen. Das geschieht ganz natürlich – man assimiliert sich.
Gibt es viele Bearbeitungen für Harfe mit kasachischer Musik? Und wenden sich Komponist:innen an Sie, um Sie um Rat zu fragen?
Ja, es gibt viele Bearbeitungen, und Komponist:innen wenden sich ziemlich oft an mich. Viele wissen einfach nicht, was das Instrument kann. Und das ist normal: Wenn die Harfe lange Zeit nicht Teil der Praxis war, weiß man nicht, wie man mit ihr umgeht.
Viele denken, dass die Harfe nur für klassische Musik geeignet ist. Aber heute kann man auf der Harfe alles spielen: Jazz, zeitgenössische Musik, es gibt E-Harfen, Ensembles. Die Möglichkeiten der Harfe haben sich im Vergleich zu vor 30 bis 50 Jahren enorm erweitert.
Wie sehen Ihre weiteren Karrierepläne aus? Möchten Sie weiterhin in Kasachstan arbeiten?
Ich mache keine langfristigen Pläne – das Leben korrigiert sie von selbst. Ich kam für ein Jahr nach Kasachstan, und nun sind schon mehr als zehn Jahre vergangen, und ich bin immer noch hier.
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Als vereinsgetragene, unabhängige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen – und von eurer Unterstützung!Ich kann sagen, dass ich gerne weiter daran arbeiten würde, die Harfe in Kasachstan populär zu machen. Ich möchte europäische Kolleg:innen (und nicht nur europäische) für den Austausch von Erfahrungen und Wissen gewinnen. Ich möchte, dass das Niveau und die Wettbewerbsfähigkeit der Harfenist:innen in Kasachstan steigen und dadurch das Interesse wächst. Außerdem würde ich mir auch ein internationales Harfenfestival in Astana wünschen. Und natürlich die Stärkung der Beziehungen zu Harfenist:innen aus anderen Ländern.
Wie sieht Ihre künstlerische Identität heute aus und wie positionieren Sie sich im Ausland?
Ich repräsentiere das kasachstanische Theater und Ensemble. Ich habe mich schon vor langer Zeit aus der Musikszene in St. Petersburg zurückgezogen, und jetzt ist meine berufliche Identität genau mit diesem Ort, mit dem kasachstanischen Theater, verbunden.
Gleichzeitig möchte ich, dass Kultur keine Grenzen kennt. Dass mein Kind die Welt als Ganzes sieht und das Beste aus verschiedenen Traditionen mitnehmen kann. Ich sehe, wie freundlich man hier mit Kindern umgeht, wie sehr man sie liebt. Mein Kind ist vier Jahre alt und fängt schon an, Kasachisch zu sprechen – obwohl zu Hause Italienisch und Russisch gesprochen wird. Hier in Kasachstan sehe ich, wie Kultur wirklich weitergegeben wird – durch die Sprache, durch den Umgang mit Kindern, durch das Umfeld. Und das ist mir sehr wichtig. Ich möchte mich aber nicht auf eine bestimmte kulturelle Identität beschränken, sondern die Welt in ihrer ganzen kulturellen Vielfalt erleben.
Das Interview führte Nurgul Adambayeva für Novastan
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