Tolomusch Okejew

Zum Tag des kirgisischen Kinos: 17 herausragende Filme aus Kirgistan

Am 17. November war der Tag des kirgisischen Kinos. Vor über 70 Jahren, im November 1941 wurde an diesem Tag der Erlass “Über die Entstehung des Kinostudios Frunse“ herausgegeben – dem ersten Filmstudio in Kirgistan. Zwanzig Jahre später änderte das Filmstudio seinen Namen und ist seither als “Kirgisfilm” bekannt. Seit November 2002 trägt es zusätzlich den Namen des berühmten Regisseurs Tolomush Okejew.

Zu diesem Ereignis erinnert das Nachrichtenportal Zanoza.kg an eine Auswahl von 17 herausragenden Filmen. Wir übersetzen Sie mit der freundlichen Genehmigung der Redaktion.

Die 17 ist eine bedeutende Zahl für Kirgisfilm, da das Kinostudio an einem 17.11. gegründet wurde. All die hier präsentierten Filme gehören auf ihre Art zum „kirgisischen Wunder“, der Glanzzeit des kirgisischen Kinos, das in den 1960ern erstmals weltweite Aufmerksamkeit bekam. In diesen Jahren rückten junge und tatendurstige Regisseure wie Ubukejew, Okejew, Shamshijew und Basarow auf die Leinwände und veränderten die Geschichte der kirgisischen Kinokunst radikal. Es wurden Filme gedreht, die auch auf internationalen Filmfestivals ausgezeichnet wurden.

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Nebo naschego detstwa (Der Himmel unserer Kindheit). Tolomush Okejew, 1967

Tolomush Okejew (1935-2001) ist als Mitbegründer der kirgisischen Filmkunst berühmt. Kurz nach dem Erscheinen des Films Der Himmel unserer Kindheit begannen französische Filmkritiker, über das Phänomen des “kirgisischen Wunders” zu sprechen. Ein anderes seiner Werke «Ljutyj (Grimmig)» wurde sogar zum Oskar nominiert. Okejew selbst lebte von 1993 bis zu seinem Tod in Ankara, Türkei.

Nebo nashego detstvo

Der Film Der Himmel unserer Kindheit zeigt den Generationskonflikt der Jugend, die mit der patriarchalen Gesellschaftsstruktur ihrer Eltern brechen will, mit besonderer Bildkraft, Schönheit und durch eine psychologisch eindringliche Darstellung der Charaktere. Er vereint Lebenskraft, Weisheit und Exotik, und sorgte mit dieser Mischung für einen der ersten weltweiten Erfolge des asiatischen Kinos.

Perwyj Utschitel (Der erste Lehrer). Andrej Kontschalowskij, 1965.

Der erste Lehrer“ ist der Debütfilm und die Abschlussarbeit des russischen Regisseurs Andrej Kontschalowskij (*1937).

Perwyj Utschitel

Mit diesem Film hat meine Filmkarriere begonnen. Die Adaptation der gleichnamigen Novelle des kirgisischen Schriftstellers Chingis Ajtmatow hat mich sehr geprägt. Ich hatte erst viel Angst, weil ich mit ganzen Spielfilmen noch keine Erfahrung hatte. Dazu kam die weite Reise nach Kirgistan. Ich dachte die ganze Zeit: Kann es sein, dass ich wirklich mit einem fertigen Film aus diesem Land zurückkomme? Aber diese Fahrt nach Kirgistan hat mir letztendlich ganz andere Möglichkeiten eröffnet“, schätzt der schon berühmte Kontschalowskij die Rolle des Films in seinem Leben ein.

Die Fabel spielt im Jahre 1923, kurz nach dem Bürgerkrieg. Ein ehemaliger Soldat kommt in ein kirgisisches Dorf, um dort als Lehrer zu arbeiten. Er versucht mit großer Leidenschaft, den Dorfbewohnern sein progressives Weltbild zu vermitteln, stößt aber auf deren jahrhundertealte Lebensgewohnheiten.

Materinskoe Pole (Der Bereich der Mutter). Gennadij Basarow, 1967.

Dieser Film ist wahrscheinlich einer der berührendsten Filme über den Krieg. Wie Der erste Lehrer handelt es sich um eine Verfilmung der gleichnamigen Novelle von Ajtmatow.

Materinskoe Pole

Der 1942 in At-Baschi, Kirgistan, geborene Basarow beschreibt den unglaublichen Erfolg seines Films ganz einfach: „An der Filmproduktion haben vor allem ältere Männer und Frauen teilgenommen, die den Krieg mit eigenen Augen gesehen hatten. Darunter waren Frauen, die ihre Männern in den Krieg begleitet, die Toten betrauert und die zurückkehrenden Soldaten empfangen hatten. Ich brauchte ihnen nicht zu erklären, wie sie spielen sollen. Sie haben mit großem Vergnügen gelitten, geschluchzt, gewartet und gehofft. Ihre Augen waren voller Hoffnungen. Es war, als erlebten sie den Krieg ein zweites Mal.

Ak-Möör. Melis Ubukejew, 1969.

Der kirgisische Regisseur Melis Ubukejew (1935-1996) war mehr als 30 Jahre lang mit der Erforschung des kirgisischen Volkes, seiner Geschichte und seinem Nachlass beschäftigt. Er hat das bekannte Volksepos Manas anders wahrgenommen und dargestellt als es traditionell überliefert ist.

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Ak-möör

Laut Ubukejew konzentriert sich die traditionelle Darstellungsweise zu sehr auf die folkloristischen und mythischen Aspekte. Für ihn ist Manas aber der Ursprung aller Kunstarten und vieler Geisteswissenschaften. Ubukejew starb in jungen Jahren und hat nicht alle seine Ideen realisieren können, doch seine Filme vermitteln einen guten Eindruck von der kirgisischen Kultur, den Sitten und dem Mut des Volkes. In diesem Sinne ist Ak-Möör ein wahrer Kultfilm.

Krasnoe Jabloko (Der rote Apfel). Tolomush Okejew, 1975.

Krasnoe Jabloko

Als der Krieg begann, war ich sechs Jahre alt. Wir haben alle gehungert. Ich konnte es irgendwie aushalten, aber meine kleineren Geschwister haben die ganze Zeit nach Essen gefragt und geweint. Es gibt kein schrecklicheres und schrilleres Geräusch als das Weinen der Kinder. Deswegen habe ich mich entschieden, Ajtmatows Erzählung „Der rote Apfel“ zu verfilmen. Sie ist ziemlich kurz – Die Handlung dreht sich um Liebe und Familienkonflikte, also Themen, die schon 1000 Mal auf der Leinwand gezeigt wurde. Was ich aber spannend fand war, dass weder ein Mann noch eine Frau, sondern ein Kind am meisten unter dem Familienkonflikt leidet. Der Film dreht sich um das Kind, vor dessen Augen sich die ganze Welt zerstört“,- so erklärt Okejew (s.o.) seine Entscheidung diese Erzählung zu verfilmen.

Wystrel na perewale Karasch (Ein Schuss auf dem Karasch-Pass). Bolot Schamschijew, 1968.

Der Film spielt in einem kirgisischen Dorf im 20. Jahrhundert. Der arme Bahytgul dient dem intriganten Gastwirt des Dorfes als Handlanger. Der Wirt verrät ihn jedoch und bringt Bahytgul damit ins Gefängnis. Dieser schafft er auszubrechen und rächt sich an dem Wirt auf dem Karasch-Pass.

Wystrel na perewale karasch

Die kirgisischen Regisseure haben eine besondere Ehrlichkeit für sich“, schrieben einige Kritiker nach dem Erscheinen des Films. „Im Vergleich zum westlichen Rationalismus und russischem Rätsel versteckt die kirgisische Naivität nicht die wahren Charaktereigenschaften ihrer Helden. In ‘Schuss auf dem Karasch-Pass’ muss man nicht weiterdenken oder zwischen den Zeilen lesen – alles ist offensichtlich. Und alles ist sehr präzise, genau wie der Schuss, nach dem der Film benannt ist. Wenn du jemanden betrogen hast, gibt es immer jemanden, der dich auch betrügen kann.

Bolot Schamschijew, Jahrgang 1941, studierte Regie in Moskau und ist seit 1965 ein bekannter kirgisischer Filmregisseur und Drehbuchautor.

Zamki na peske (Schlösser auf dem Sand). Algimantas Widugiris, 1968.

Algimantas Widugiris (1936 – 2010) wurde in Lettland geboren. Nachdem er ein Studium der Hydrotechnologie abgebrochen hatte, fuhr er nach Moskau, um dort die Filmfachhochschule zu besuchen, wo er 1962 seinen Abschluss machte. Nach dem Studium reiste er durch Asien, bestieg die höchsten Bergen und erforschte uralte usbekische Ruinen. Insgesamt hat Widugiris 20 dokumentarische und künstlerische Filme gedreht.

Algimantas Widugiris

Die Werke von Widugiris, der sein ganzes Leben bei Kirgisfilm gearbeitet hat, werden heutzutage im Medienfachbereich an der Staatliche Lomonossow-Universität, in Regiekursen in Moskau, an Kinoschulen und Medienuniversitäten in Osteuropa gezeigt und studiert.

Schlösser auf dem Sand war unglaublich erfolgreich. Der Film erhielt für Kirgisfilm eine Rekordzahl an Auszeichnungen und Preisen. Auf dem 5. Internationalem Festival in Krakau erhielt er den höchsten Preis, den Goldenen Wawel-Drachen. Der Film zeigt die naive, schöne Welt des zehnjährigen Kanatbek, der Sandschlösser baut, und wie seine Welt schließlich auf die harten Realität prallt.

Narynskij Dnewnik (Naryner Tagebuch). Algimantas Widugiris, 1979.

Ein Dokumentarfilm über den Aufbau der Wasserkraftwerke auf dem Fluss Naryn in Kirgistan. Widugiris hat nicht nur den Film gedreht, sondern auch direkt beim Aufbau der Werke mitgearbeitet. Er verdiente sich so den Rang als „Ehrenbauarbeiter“.

Narynskij Dnevnik

Die Regisseurin Jemma Firsowa hat Werk wohl am besten beschrieben: “Die Dilogie ‘Naryner Tagebuch’ und ‘Im Jahre der unruhigen Sonne’ von Widugiris ist ein namhaftes Phänomen in unserem Dokumentarkino. Der Regisseur hat daran 15 Jahre lang gearbeitet. Und diese 15-jährigen Arbeit hat in Widugiris einen geduldigen Forscher, mühsamen Chronist, treuen Freund, verliebten und begabten Regisseur gezeigt.

Woltschya yama (Wolfsgrube). Bolot Schamschiew, 1984.

Woltschja Jama

Die Zeitschrift „Sowetskii Ekran(Sowjetischer Bildschirm) schrieb zu diesem Film: „Bolot Schamschiew ist der Meister der feinfühligen psychologischen Kunst. Er beschreibt das Schicksal eines Jungen. Der gutmütige Junge aus einem Waisenhaus gelangt zufällig in die Welt der Kriminalität und sucht verzweifelt nach einem Ausweg aus dem Teufelskreis. ‘Wolfsgrube’ ist wie eine echte Ermittlung: Die Polizei tritt langsam in die Fußstapfen des Verbrechers. Aber der Regisseur hat auf den typischen Detektivstil verzichtet. Er bezeichnet sein Werk als Volksroman. Das Schicksal der Hauptfigur Akhmetow, mit dem er stark mitfühlt, spielt die wichtigste Rolle für ihn.

Aylanpa. Mir na krugah swoih (Aylanpa. Die Welt mit den Seinen). Wladimir Wilenskij, Konstantin Orozaliew, 1989.

Es ist schon etwas überraschend, dass dieser Film in Kirgistan fast unbekannt ist. Aylanpa erzählt vom Schicksal des kirgisischen Volkes nach der Oktoberrevolution. Nicht auf Grundlage von Lehr- und Geschichtsbüchern, sondern durch die Erzählung des persönlichen Schicksals von Chingis Ajtmatow.

Die Welt mit den seinen

Ajtmatow ist ein Publizist und Denker, er wendet sich der Vergangenheit zu, schaut in die Zukunft, überlegt und versucht den Grund und den Zusammenhang von vergangenen Erlebnissen und aktuellen Lebensbedingungen zu verstehen. In dem Film spielt der Autor selbst die Hauptrolle.

Beschkempir (Fünf alte Frauen). Aktan Arym Kubat, 1998.

Nach dem Ende der UdSSR hat die kirgisische Kinokunst lange stagniert. Beschkempir war der Film, der das kirgisische Wunder wieder erweckt hat. Das ist vermutlich der größte Verdienst dieses Films.

Beschkempir

Er ist zum Teil autobiographisch. Aktan Arym Kubat hat mit 17 Jahren erfahren dass er adoptiert wurde. Erst 23 Jahre später konnte er darüber in seinem eigenen Film erzählen und seine inneren Emotionen und Gefühle so äußern. Eine Coming-of-Age Geschichte aus Kirgistan, eingebettet in die alte Nationalkultur.

Brat moy, Schelkowyi Put (Seidenstraße, mein Bruder). Marat Sarulu, 2001.

Ein weiterer internationaler Erfolg des modernen kirgisischen Kinos. Laut dem Regisseur ist Seidenstraße, mein Bruder ein Abschied vom Kino des 20. Jahrhunderts.

Brat Moj Schelkowyj Put

In einer Szene finden zwei Jungen einen Apfel im Laub und fangen an, sich um ihn zu raufen. Dieser Moment ist der Querverweis zu einer berühmten Szene in Der rote Apfel. Damit bezieht sich Sarulu, ein Vertreter der neuen Kinogeneration, auf die einheimischen Kinoklassiker.

Der Junge von Okejew hob den Apfel auf, um ihn einem geliebten Mädchen zu schenken. Sarulus Junge beißt hinein. Mit den Worten “Was für ein saures Zeug!” wirft er den Apfel zum Baum. Sein Freund hebt ihn auf und isst ihn mit Vergnügen.

Sunduk predkow (Die Truhe der Ahnen, oder Kirgisische Mitgift). Nurbek Egen, 2005.

…Paris. Jeder Morgen beginnt für den Kirgisen Ajdar und die Französin Isabel mit dem Blick auf den Eiffelturm. Eines Tages sagt Ajdar seiner Geliebten, dass sie nach Kirgistan reisen werden, um seine Eltern kennenzulernen. Die Handlung konzentriert sich auf den Aufenthalt der Verlobten im Issykköl Gebiet, die Zusammenkunft mit der Familie, die Forderungen der Tradition und die Verkündung der Hochzeitspläne.

Tunduk Predkov

Die belgische Schauspielerin Natacha Régnier hat die Hauptrolle in dem Film gespielt. Der Produzent konnte ihr nicht das ganze Honorar zahlen und Régnier entschied sich, statt eines Lohns Tantiemen am Film zu bekommen. Das war die richtige Entscheidung, der Film war sehr erfolgreich. Auch in Europa.

Salam, New York! Ruslan Akun, 2013

Man kann diesen Film als revolutionär und progressiv bezeichnen. Er war in Kirgistan und auch in der Welt sehr erfolgreich. Die Regisseure haben verstanden, dass die Kirgisen bereit sind auch einheimische Blockbusters im Kino zu schauen.

Salam New York

Ruslan Akun hat gezeigt, dass Kino ein sehr interessantes und profitables Business sein kann. Der Film setzte einen neuen Maßstab und zog viele in Kirgistan zur Filmkunst.

„Salam, New York!“ zeigt die Abenteuer eines Kirgisen in New York. Der Mann muss erst viele Hürden überwinden bevor er sein Glück, Freundschaften und Liebe findet.

Do + Fa. Ernest Abdyshaparow, 2013.

Dieser Film, über die Liebe zwischen einem Mann vom Land und einer Frau aus der Stadt war beim Publikum so beliebt, dass jetzt sogar ein zweiter Teil gedreht wird. Besonders die musikalische Begleitung überraschte und begeisterte.

Do und Fa

Ernest Abdyshaparow hat Russisch und Literatur auf Lehramt an der Universität in Frunse (Bischkek) studiert und hatte zunächst keine Pläne, Regisseur zu werden. Im Jahre 1988 wurde er zum Leiter des Kinomagazins Korogotsch und später dann zum Redakteur des Filmstudios Kirgisfilm.

Kurmandschan Datka (Königin der Berge). Sadyk Scher-Niyaz, 2014.

Mit der Veröffentlichung des Nationalfilms Kurmandzhan datka wurde eine Nische in der Kinoentwicklung Kirgistans eröffnet. Es ist das beliebteste Werk des Jahres 2014 in Kirgistan und hat das allgemeine Interesse an kirgisischer Geschichte geweckt.

Kurmanschan Datka

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Viele Menschen studierten geschichtliche Quellen, um sich für die Ereignisse auf der Leinwand vorzubereiten und sich so den Film besser erklären zu können. Bahnbrechend war zudem das Rekordbudget von 1,5 Mio. USD.

Sutak. Mirlan Abdykalykow, 2015.

Und ein ganz neues Meisterwerk zum Schluss. Mirlan Abdykalykow war selbst Schauspieler bis er begann als Regisseur zu arbeiten.

Wie die Filmwissenschaftlerin Gulbata Tolomuschowa sagt: “Es sollte unsere Pflicht sein, allen Schülern diesen Film zu zeigen. Dieses Werk zeigt ganz einfach und präzise unseren nationalen Ehrenkodex, Etikette und ein sogenanntes Verhaltensprotokoll sowohl innerhalb einer kleinen Familie als auch in der großen Gesellschaft.

Natalya Timirbajewa
Zanoza.kg

Übersetzung aus dem Russischen und Ergänzungen:
Alina Kozhakhmetova und Clara Koschies

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