Religiöser Extremismus in Zentralasien: Politischer Deckmantel oder reale Bedrohung?

Im Juni 2012 kamen in Astana hochrangige Vertreter der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) im Rahmen einer internationalen Konferenz zusammen, die die Rolle von Religion sowie die Gefahren des religiösen Extremismus in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion zum Thema hatte und Anknüpfungspunkte finden sollte für verstärkte regionale Zusammenarbeit zur Bekämfpung der Gefahren des religiösen Extremismus.

Während alle GUS-Staaten mit den Spätfolgen des Zusammenbruchs der Sowjetunion für die nationale Identitätsbildung zu kämpfen haben und bis zu einem gewissen Grad in jeder Nachfolgerepublik nationalistische und fundamentalistische Bewegungen entstanden sind, so bleiben die Staaten Zentralasiens zweifelsohne am stärksten von den politischen und identitären Umstürzen betroffen. Das Ende der UdSSR im Jahr 1991 löste in jedem der fünf neuen Staaten Zentralasiens eine tiefgreifende kulturelle und identitäre Sinnsuche aus, die sich sowohl auf Regierungsebene als auch inmitten der Bevölkerung abspielte. Der Islam, obwohl er in der offiziell atheistischen Sowjetunion unterdrückt wurde, nimmt hierin eine zentrale Rolle ein und blühte aufgrund seiner tiefen kulturellen Verwurzelung und dem erneuerten Austausch mit anderen Staaten der islamischen Welt schnell wieder auf.

Die zur Zeit der Sowjetunion vorherrschende Koexistenz von „offiziellem“, also vom Staat kontrollierten Islam, und dem im Privaten gelebten Islam prägt weiterhin die religiöse Praxis in den neuen unabhängigen Staaten Zentralasiens. In der Sowjetunion war der privat gelebte Islam wesentlich vom in der Region weit verbreiteten Bruderschaftsmodell geprägt; heutzutage umfasst er alle von nationalen Muftiyyas (muslimische religiöse Verwaltungen) unabhängigen religiösen Strukturen. Die Staaten verwenden seit der Unabhängigkeit den Islam als (identitäts-)politisches Instrument, misstrauten allerdings stets seiner politischen Macht als Mittel des Protests und der Mobilisierung (FR) gegen den Status quo. Seit der Unabhängigkeit versuchten verschiedene nicht-staatliche Akteure dieses Potential für mehr oder weniger gewalttätige Proteste gegen die etablierte Ordnung zu instrumentalisieren. Islamistischer Fundamentalismus und radikaler Islam sind politische Realitäten in den Staaten Zentralasiens, und haben insbesondere zu Beginn des letzten Jahrzehnts im Ferghanatal, das von den Landesgrenzen Usbekistans, Kirgistans und Tadschikistans durchzogen wird, für eine unmittelbare Gefährdung der regionalen Sicherheit gesorgt.

Wie ist die Rolle des „Extremismus“ in den Staaten Zentralasiens einzuornen?

Fasst man unter „Extremismus“ die unterschiedlichen Spielarten des radikalen Islam zusammen, so geht von ihm eine zweifache Gefahr für die regionale Sicherheit und die etablierte Staatsordnung aus: Zum einen umfasst dieser eine ideologische Strömung, die das Staatsmodell explizit zurückweist zugunsten einer neuen politischen Ordnung auf überregionaler Ebene in Form eines Kalifats regionalen oder gar globalen Ausmaßes, und zum anderen berufen sich auf ihn Gewaltakte wie z.B. terroristische Anschläge und Guerilla-Angriffe, die eine erhebliche Gefahr für die Bevölkerung und die Staaten Zentralasiens darstellen können. Doch hinter dem Begriff „Extremismus“, der zu einer der Lieblingsvokabeln der Regierungen avancierte, existiert kein eindeutiges Konzept, und sein diffuser Charakter eignet sich hervorragend zur Legitimierung repressiver Politiken, wie eine Studie der Menschenrechtsorganisation „Fédération internationale des ligues des droits de l’Homme“ (FIDH) vor kurzem hervorhob. Hierbei verwundert es kaum, dass die repressive Gangart genau jene Strömungen stärkt, die sie zu bekämpfen versucht.

Die Entstehung und das Erstarken des radikalen Islamismus salafistischen Typs in Zentralasien ist Resultat einer Reihe von Faktoren: schlechte sozio-ökonomische Situation (Armut, weit verbreitete Arbeitslosigkeit), demographische Entwicklungen (hohe Geburtsraten sorgten für einen großen Anteil an Jugendlichen an der Bevölkerung Zentralasiens), die Abwesenheit politischer Alternativen, weitverbreitete Korruption und eine moralische und identitäre „Transitionskrise“ (FR) als Resultat des abrupten Endes der Sowjetunion. Hierbei muss mit Olivier Roy unterschieden werden zwischen „neofundamentalistischen“ Bewegungen und solchen, die zu bewaffneter Gewalt aufrufen und als dschihadistisch bezeichnet werden können. Obwohl alle dem politischen Islam entspringen, lassen sich dennoch wesentliche Unterschiede festmachen. Die Hizb ut-Tahrir („Partei der Befreiung“) ist eine fundamentalistische Bewegung, die auf eine Re-Islamisierung der Gesellschaft von unten abzielt, also durch missionarische Aktivität (Daʿwa) für eine Umgestaltung der Gesellschaft im Einklang mit islamischen Prinzipien eintritt. Die Bewegung kämpft für die Einführung der Scharia, des islamischen Rechts, im juristischen, ökonomischen und sozialen Kontext. Hizb ut-Tahrir verfolgt ebenso politische Absichten, denn die Erschaffung einer islamischen Gesellschaft dient dem Ziel der Errichtung eines überregionalen Kalifats. Schätzungen gehen von 20.000 bis 100.000 Anhängern dieser Strömung in Zentralasien aus, womit sie eine maßgebliche politische Kraft darstellt. Obwohl die Bewegung offiziell Gewalt zur Erlangung ihrer Ziele ablehnt, besteht aufgrund der repressiven Politik gegen Hizb ut-Tahrir die Gefahr einer Radikalisierung ihrer Anhänger.

Tahir Yuldashev

Die Islamistische Bewegung Usbekistan (IBU), auch Islamistische Bewegung Turkestan genannt, entstammt einer Gruppe islamistischer Bewegungen, die sich kurz nach der Unabhängigkeit im usbekischen Ferghanatal verbreiteten und die Errichtung einer autonomen islamischen Regierung in Namangan anstrebten. Aufgrund staatlicher Repressionsmaßnahmen ins Exil gedrängt, wurde die Beseitigung des Regimes in Taschkent durch den Dschihad von den Gründern der IBU, Tahir Juldaschew und Jumma Namangani, zum Hauptziel der Bewegung erhoben. Sie errichteten unter dem Schutz der Taliban in der Region Masar-e-Scharif im Norden Afghanistans eine Reihe von Ausbildungslager für Terroristen, die nach der NATO-Intervention unter großen Verlusten in das pakistanische Grenzgebiet verlagert werden konnten. Dieses Video zeigt einen Kämpfer der IBU, der pakistanischen Soldaten die Stirn bietet. Es existiert eine Reihe von weiteren kleineren Bewegungen, von denen eine reale Gefahr ausgeht: die Islamische Dschihad-Union (radikaler und internationaler als die IBU), Jund al-Khilafah, die Islamistische Partei Ostturkestans, Dschihad (vorwiegend usbekisch), Jamiat Mudschaheddin, Jaish al-Madhi (Kirgistan) und Akrammiya (Usbekistan). Verlässliche informationen zu Zusammensetzung, Zielen und Aktionen dieser Bewegungen sind allerdings so gut wie nicht verfügbar.

Religiöse Bewegungen und sicherheitspolitische Ängste

Die postsowjetischen Staaten Zentralasiens sind nicht nur durch das Entstehen und Erstarken neuer Formen politischen Radikalismus innerhalb ihrer Landesgrenzen beunruhigt, auch die Situation in angrenzenden Staaten im Süden (Afghanistan und Pakistan) und Osten (Xinjiang) sowie die Entwicklungen im Vorderen Orient bereiten Grund zur Sorge. Doch sind die internen und regionalen Sicherheitsrisiken, die vom radikalen Islamismus ausgehen tatsächlich von so großer Tragweite? Die islamistische Bewegung in Usbekistan konnte für die Rekrutierung neuer Anhänger von zwei Ereignissen profitieren: zum einen von den Unruhen in Usbekistan im Mai 2005 infolge der Niederschlagung von Protesten in der Stadt Andijon (FR) durch das usbekische Militär, und zum anderen von den ethnischen Unruhen in Osch und Dschalalabat im Juni 2010. Mehrere Quellen, unter ihnen Keneschbek Duschebajew, Leiter des Komitees für Nationale Sicherheit der Republik Kirgistan, haben bestätigt, dass mehrere hundert Personen usbekischer Herkunft sich seit den Vorfällen von 2010 zu Trainingszwecken in Lagern in Afghanistan und Pakistan aufhalten. Außerdem konnte die Gruppe durch Kampfhandlungen in Pakistan Seite an Seite mit den Taliban ihren Kreis von Rekruten auf internationale Anhänger des Dschihad ausweiten.

Abgesehen vom (wahrscheinlichen) Zuwachs der Gruppe hat die IBU auch in Sachen Effektivität terroristischer Angriffe und Guerilla-Taktiken dazugelernt. Die Kämpfer der IBU scheinen eine maßgebliche Rolle in den Kampfhandlungen und terroristischen Anschlägen gegen zivile und militärische Ziele in Pakistan einzunehmen. Die seit 12 Jahren andauernden Kämpfe gegen die amerikanische und pakistanische Armee hat zweifelsohne aus den Anhängern der IBU kampferprobte Dschihadisten gemacht. Nachdem sie zwischen 2009 und 2011 von großen Verlusten betroffen war, zeigt sich die Bewegung widerstandsfähig wie eh und je. Obwohl sie sich geografisch auf das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet zurückgezogen hat, verfolgt die IBU weiterhin genau die Entwicklungen in Zentralasien und scheint erneut auch Ziele im Norden (FR) ins Auge zu fassen.

Die Jund al-Khilafah, eine weitere islamistische Bewegung, sorgt ebenfalls für Kopfzerbrechen. Ihre Drahtzieher bleiben weitestgehend im Dunklen, und obwohl sie hauptsächlich eine nationale Bedrohung für Kasachstan darzustellen scheint, macht sie des Öfteren durch grenzüberschreitende Aktionen auf sich aufmerksam, wie z.B. durch Kampfhandlungen im pakistanischen Stammesgebiet und die Ausbildung von Mohamed Merah, dem Haupttäter der Anschlagserie in Toulouse und Montauban im März 2012. Die Gruppe wurde 2010 von drei Kasachen gegründet, scheint aber auch Beziehungen mit dem „Islamischen Kaukasus-Emirat“ um den tschetschenischen Guerillakämpfer und Terroristen Doku Umarow zu unterhalten – kaum überraschend, liegt der Nordkaukasus doch nur 300 Kilometer entfernt vom Westen Kasachstans. Ebenso lassen sich in dieser verarmten und vom Nasarbajew-Regime vernachlässigten Region die meisten Anhänger islamistischer Strömungen finden. Kasachstan wurde in den letzten Jahren Zeuge einer beunruhigenden Häufung terroristischer Angriffe auf seinem Staatsgebiet, insbesondere in Atyrau, Taras und Almaty (FR).

Das Verhältnis von Islamismus und ethnischem Nationalismus

Jeder Mensch verfügt über verschiedene mögliche identitäre Bezugspunkte, die je nach Umgebung und sozialem, kulturellem und politischen Kontext wechseln können. So erlaubt zum Beispiel der Islam den Usbeken, die im Süden Kirgistans leben, ihre Gruppenidentität von den weniger praktizierenden Kirgisen abzugrenzen. In diesem Zusammenhang verstärkt der religiöse Bezugspunkt den ethnischen oder nationalen Bezug. Von einem anderen Blickwinkel aus kann der Islamismus anstatt einer Annäherung an den (offiziellen) Nationalismus aber auch eine Alternative zu starren nationalen oder ethnischen Bezugskategorien bilden. In der Tat erleben die Staaten Zentralasiens seit ihrer Unabhängigkeit ein Aufblühen nationalistischer Gesinnungen, die sich in ihren häufig durch Konflikte aufgeladenen Außenbeziehungen untereinander sowie in einem starken Misstrauen der Bevölkerungen gegeneinander widerspiegeln. Umgekehrt bietet der transnationale islamistische Diskurs mit z.B. Vorschlägen der Reanimierung des Khanats von Kokand, das die Grenzen im Ferghanatal beseitigen würde, einen fruchtbaren Gegenentwurf für eine Bevölkerung, die der bürokratischen Willkür, der diplomatischen Krisen und willkürlichen Grenzschließungen müde und überdrüssig ist.

Islamistische Zellen in Zentralasien

Sowohl in Zentralasien wie auch in der restlichen Welt – muslimisch oder nicht – wird man Zeuge einer Zersplitterung dschihadistischer Bewegungen, die sich auf die Schwächung al-Qaidas und die damit einhergehende Verselbstständigung radikaler Zellen zurückführen lässt. Die Staaten Zentralasiens wurden häufiger zum Ziel islamistischen Terrors. Im Jahr 2002 erschütterte eine Explosion den Kleiderbasar von Bischkek, im Mai 2003 traf ein weiteres Bombenattentat die Stadt Osch. Im März 2004 wurden die amerikanische und die israelische Botschaft in Taschkent wiederholt Ziel von Selbstmordattentaten. Kurzum, die Globalisierung und Transnationalisierung, die Interdependenz der Staaten und die aus ihr erwachsenden Schwierigkeiten betreffen bei Weitem nicht nur die ökonomische Sphäre, auch die Religion ist zu einem wesentlicher Schauplatz der Globalisierung geworden. Und da es sich in diesem Kontext um bewaffnete nicht-staatliche Akteure handelt, die sich auf eine religiöse Ideologie berufen um eine neue supranationale Ordnung zu erschaffen, werden wir Zeuge einer schlagkräftigen Bewegung, die Staaten umso mehr die Legitimation absprechen kann je jünger, fragiler und verwundbarer diese sind, wie es in Zentralasien der Fall ist. Für sich genommen ist der radikale Islamismus oder Dschihadismus also keine existentielle Gefahr für die Staaten der Region. Bezieht man jedoch weitere destabilisierende Faktoren wie inter-ethnische Spannungen, Streits um natürliche Ressourcen und Länder, den Drogenhandel und die Rolle mafiöser Organisationen mit ein und setzt diese vor den Hintergrund des Abzugs der USA aus Afghanistan, die an Macht verlierenden Regime in Kasachstan und Usbekistan, die schwache Zentralgewalt in Tadschikistan und Kirgistan sowie die Spannungen in Xinjiang, so erscheint das zentralasiatische Terrain umso anfälliger für von Dschihadisten ausgehenden Destablilisierungsversuchen.

 

Die Redaktion von Novastan.org
Aus dem Französischen übersetzt von Alexander
Redakteur für Novastan.org

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