Kirgistan: Erhebliche Stromknappheit erwartet

Für 2022 wird in Kirgistan mit einer großen Stromknappheit gerechnet. Zur Energiegewinnung ist das Land auf den Toktogul-Stausee am Fluss Naryn angewiesen, dessen Pegel in den letzten Monaten stark gesunken ist.

Kirgistan steht vor einer Energiekrise. Der Wasserstand des Toktogul-Stausees ist am 20. Januar auf 9,4 Milliarden Kubikmeter gefallen und lag damit 1,8 Milliarden Kubikmeter unter dem Stand des Vorjahres, wie Radio Azattyk, der kirgisische Dienst von Radio Free Europe, berichtet. Nach Angaben des kirgisischen Nachrichtenportals Kloop ist der Stausee für 40 bis 50 Prozent der Stromerzeugung des Landes verantwortlich.

Am 2. Februar sei das Niveau auf unter 9 Milliarden Kubikmeter gefallen, berichtet die kirgisische Nachrichtenagentur 24.kg unter Berufung auf den öffentlichen Energieversorger NEHK. Seit dem 7. Februar liegt die Wassermenge stabil bei rund 8,8 Milliarden Kubikmetern. Sinkt dieser Pegel jedoch auf unter 5,5 Milliarden Kubikmeter, ist der Damm nicht mehr nutzbar. Diese Situation dürfte die kirgisischen Behörden beunruhigen, da nach Angaben des kirgisischen Onlinemediums Akchabar 90 Prozent des im Land produzierten Stroms aus Wasserkraft stammen.

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Um der drohenden Verknappung zu begegnen, rief NEHK die Bevölkerung am 28. Januar dazu auf, weniger Strom zu verbrauchen. Im Einzelnen bittet der Betreiber die Kirgis:innen, zwischen 18 und 22 Uhr sowie von 7 bis 9 Uhr keine Haushaltsgeräte zu benutzen. Er rät auch, die Wärmeversorgung zu variieren, zum Beispiel mit Gas oder Kohle. Bereits im Oktober hatten die Behörden vor einer möglichen Krise in diesem Winter gewarnt [fr/ru], jedoch ohne Folgen.

Die Herausforderung, Wasser bei wachsendem Energieverbrauch zu sparen

Das Problem ist nicht neu. Laut Radio Azattyk benötigt Kirgistan jedes Jahr 15 Milliarden Kilowattstunden (kWh) oder sogar 16 bis 17 Milliarden für einen angenehmen Winter. Wie 24.kg im Oktober 2021 erklärte, ist der Verbrauch im Winter besonders hoch – insbesondere durch den Einsatz von Heizgeräten. Es ist also eine heikle Jahreszeit, in der die Stabilisierung des Wasserspiegels im Toktogul-Stausee für die Heizperiode entscheidend sein kann.

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Die Wintersaison 2021/2022 sei in Bezug auf die Stromerzeugung stabil geblieben, sagte Energieminister Doskul Bekmursajew am 18. Januar vor dem Parlament. „Alles funktioniert wie gewohnt. Ich denke, wir werden stabil durch die Winterperiode gehen“, fuhr er gegenüber den Abgeordneten fort.

Am 26. Januar erklärte jedoch der Abgeordnete Mederbek Alijew, dass es notwendig sei, für ein Umdenken beim Stromverbrauch zu sorgen. Laut Talajbek Baigasijew, dem Vorstandsvorsitzenden von NEHK, sei 2021 ein Anstieg von 2 bis 3 Millionen kWh gegenüber 2020 zu verzeichnen. Die Kirgis:innen verbrauchen Strom über das festgelegte Limit hinaus, insbesondere in der Hauptstadt Bischkek.

Umfangreiche Stromversorgung geplant

Kirgistan hat derzeit ein Stromdefizit von 6 Milliarden kWh, berichtet Radio Azattyk. Und die Situation wird nicht besser. Energieingenieur:innen schätzen, dass der Wasserstand des Stausees im Frühjahr auf 6 Milliarden Kubikmeter sinken könnte – so niedrig, wie noch nie.

Um das Wasservolumen im Reservoir zu erhalten, importiert Kirgistan Strom von seinen zentralasiatischen Nachbarn. Das Ministerium für Energie und Industrie teilte gegenüber Radio Azattyk mit, dass Kirgistan bereits mit Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan vereinbart habe, bis zu 3 Milliarden kWh Strom zu importieren. Am 2. Dezember 2021 wurde zudem mit Turkmenistan ein Vertrag über die Lieferung von Strom für das Jahr 2022 unterzeichnet. Radio Azattyk erklärt, dass diese Importe zusammen mit den Importen aus früheren Verträgen rund 20 Prozent des Strombedarfs des Landes decken werden.

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Bereits im Jahr 2021 war der Stromimport erheblich. Insgesamt kaufte das Land 2 Milliarden kWh aus Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan. Laut Radio Azattyk hat Kirgistan im Frühjahr 2021 Vereinbarungen mit Kasachstan und Usbekistan über die Lieferung von 1.650 Millionen kWh Strom bis zum Frühjahr 2022 getroffen, um die Krise zu überwinden. Im Gegenzug muss Kirgistan bis 2023 das Wasser in den Sommermonaten ablassen.

Trotz allem in Richtung Energieunabhängigkeit?

Langfristig möchte Kirgistan unabhängig von diesen Importen werden. „Um Energieunabhängigkeit zu erreichen, ist es notwendig, die Produktion auf 18 Milliarden kWh zu steigern“, erklärte der damalige Wirtschaftsminister und heutige Regierungschef Akylbek Dschaparow nach Angaben von Radio Azattyk im vergangenen Oktober.

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Unter den möglichen Lösungen könnte die Atomkraft eine sein. Am 20. Januar unterzeichneten das russische Unternehmen Rosatom und das kirgisische Energieministerium eine Absichtserklärung zur Zusammenarbeit beim Bau von Mini-Kernkraftwerken [fr/ru].

Dennoch scheint diese Frage vorerst nur diskutiert zu werden, da Kirgistans Regierung weiterhin am System der Wasserkraftwerke festhält. „Es besteht keine Notwendigkeit, in Kirgistan ein Kernkraftwerk zu bauen. Unabhängig von der Region gibt es Wasserressourcen und Möglichkeiten für den Bau von Wasserkraftwerken“, erklärte der stellvertretende Energieminister Raiymbek Mamyrow.

Maëva Pouffier, Redakteurin für Novastan

Aus dem Französischen von Robin Roth

 

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