Graffiti und Feminismus

In der kirgisischen Großstadt Osch existiert bereits seit mehr als drei Jahren eine kleine feministische Gruppe. Die jungen Aktivistinnen thematisieren Frauenrechte und Geschlechterungleichheit. Dafür nutzen sie auch Graffitis. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei Kloop.kg. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Die Bürgervereinigung „Neuer Rhythmus“ wurde vor mehr als drei Jahren gegründet. Zu Beginn bestand die Gruppe lediglich aus vier jungen Frauen. Sie trafen sich privat, um über Frauenrechte, Gewalt gegen Frauen, Gleichberechtigung und viele andere Fragen zu diskutieren. Öffentlich trat die Gruppe erstmals am 8. März 2016 in Erscheinung, als die Aktivistinnen auf die Straße gingen, um auf diese Themen aufmerksam zu machen.

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Seitdem hat „Neuer Rhythmus“ begonnen Kurse durchzuführen, die mittlerweile „Akademien der Gendernormen“ heißen. Die Aktivistinnen wählen die Teilnehmenden mithilfe von Online-Anmeldungen aus. Dies sind im Wesentlichen Studierende und SchülerInnen beiderlei Geschlechts. Eine der größten Akademien fand letztes Jahr statt, mehr als 30 Personen aus den verschiedensten Ecken Kirgistans haben an ihr teilgenommen.

Im Rahmen der „Akademie“ sprühten die Teilnehmenden unter anderem Graffitis. Die Aufgabe der Graffitis ist, den BewohnerInnen von Osch einerseits Bewusstsein für Frauenrechte zu verschaffen, aber auch weitere Genderfragen zu stellen, über die jede und jeder selbst nachdenken kann.

„Kasdyn kyrk tschatschy uluu“

Es ist nicht möglich dieses Sprichwort wortwörtlich zu übersetzen. Es ruft zu Respekt gegenüber Mädchen und jungen Frauen auf. Auch wird darin von den vierzig Zöpfen gesprochen, die in der kirgisischen Kultur ein traditionelles Attribut der unverheirateten jungen Frauen sind. Jeder einzelne Zopf auf dem Bild steht für verschiedene Interessen der Frauen. Darunter befinden sich nicht nur Familie und Kinder, was den traditionellen Vorstellungen von der Rolle der Frau entspricht, sondern auch Karriere, Bildung, Hobbies und Freunde.

Die AktivistInnen sind der Meinung, dass das Sprichwort die Frauen sowohl inspirieren als auch unterstützen soll. „In einem Sprichwort heißt es: ‘Für junge Frauen gibt es von vierzig Seiten ein Verbot’, doch wir wollen mit unseren Bildern zeigen, dass Frauen Wertschätzung verdienen. Sie haben die gleichen Interessen wie andere: Karriere, Bildung, Selbstentfaltung“, betont eine Teilnehmerin des „Neuen Rhythmus’“, Saltanat Boronbaewa.

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„Verlassen, man darf das nicht aushalten.“ Oder: „Aushalten, man darf nicht verlassen.“ (Anm. d. Ü.: Je nach Kommastellung ändert sich die Aussage.)

Die AktivistInnen sind der Ansicht, dass, je nach persönlicher Interpretation, jede und jeder selbst entscheiden soll, wo das Komma stehen soll.

„Ein Junge ist ein Stern am Himmel, aber ein Mädchen ist eine Sonne am Himmel“

Die AktivistInnen des „Neuen Rhythmus’“ nehmen die Haltung ein, dass sowohl in der Familie als auch in der Gesellschaft jeder Mensch unabhängig von seinem Geschlecht gleich ist.

„Ertrag es“

Mit diesem Graffiti zeigen die Feministinnen, wie junge Frauen von älteren weiblichen Familienmitgliedern diskriminiert werden.

„Jetzt werden die Nachbarn nichts mehr sagen“

„Frühe Eheschließungen zählen zu den akutesten Problemen des Landes. Meist bewirkt der Druck der Gesellschaft die Verheiratung bereits in jungen Jahren“, konstatiert Saltanat. „Pflegt ein junger Mann Umgang mit mehreren Frauen, so ist das normal, doch umgekehrt wird Derartiges negativ wahrgenommen.“, erklärt die Feministin.

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„Warum müssen Männer die Tür aufhalten?“

Die AktivistInnen stellen nicht nur Genderstereotype bezüglich Mädchen und Frauen in Frage.

„Eine Kelin verdient denselben Respekt, wie den, den sie anderen zollt.“

Dieses Graffiti verbildlicht das Problem, dass seitens der Familie des Ehemannes Druck auf junge, verheiratete Frauen („Kelin“) ausgeübt wird.

„Bruder“

Das Graffiti thematisiert, dass in traditionellen Familien Kinder je nach Geschlecht unterschiedlich behandelt werden. Den AktivistInnen von „Neuer Rhythmus“ zufolge kommt dies in Familien besonders häufig vor, die nur einen Jungen, aber viele Mädchen haben.

Entführung und Gewalt – Frauenrechte in Kirgistan

2555 Fälle von Gewalt gegen Frauen wurden laut nationalem Statistik-Komitee (Nazstatkom) von Januar bis Oktober 2015 in Kirgistan registriert. 1995 davon sind nach offiziellen Angaben erwerbslos. Laut des im Oktober 2015 veröffentlichten Berichts der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) stellen sich die Gerichte selten auf die Seite der Opfer häuslicher Gewalt. Und wenn ein Urteil zugunsten der Opfer gefällt wird, so garantieren die rechtswahrenden Organe die Ausführung des Urteils nicht.

100 Strafverfahren wegen häuslicher Gewalt wurden innerhalb der ersten fünf Monaten des Jahres 2017 eröffnet. 32 Fälle von Brautraub gibt es nach Angaben des „Hilfszentrums für Frauen“ und des Instituts „Kyz korgon“ in Kirgistan täglich. In sechs von 32 Fällen kommt es zu Vergewaltigungen.

„In letzter Zeit gehen bei der Polizei häufig Beschwerden über den Brautraub und die darin involvierten Eltern ein. Doch die Antragsteller*innen bringen die Sache meist nicht bis zum Ende, d.h. nicht vor Gericht“, sagte der Pressesekretär der Generaldirektion für innere Angelegenheiten, Samir Sydykow, dem Onlinemagazin Kloop.kg in Osch. In der kirgisischen Großstadt existieren drei Krisenzentren für Frauen. In Batken und Dschalal-Abad jeweils eines.

Kloop.kg

Aus dem Russischen von Vera Steschin

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