Demo, Bischkek, Frauentag

“Freiheit, Gleichheit, Schwesternschaft!” – Demonstrationen zum Frauentag in Kirgistan

Der achte März ist ein sehr populärer Feiertag in postsowjetischen Ländern. Frauen Blumen und Geschenke zu geben ist Pflicht, die Verbindung mit Frauenrechten scheint aber vielerorts in den Hintergrund gerückt zu sein. In Kirgistan demonstrierten 100 Menschen in der Hauptstadt Bischkek und 30 in der südlichen Metropole Osch friedlich für Frauen- und Menschenrechte.

Viele Passanten in Osch schauten verdutzt auf die seltsame Prozession in den Straßen ihrer Stadt. Junge Mädchen, manchmal erst 16, riefen fröhlich Slogans wie „Frauenrechte sind Menschenrechte!“, „Mein Körper – Meine Entscheidung!“ oder „Freiheit, Gleichheit, Schwesternschaft!“ während Songs von Katy Perry und Beyoncé zu hören waren.

Demo, Frauentag, Osch

„Die Leute haben die wirkliche Bedeutung des Frauentags vergessen. Wir möchten die Bürger von Osch daran erinnern, dass dies nicht ein Tag für Geschenke, Blumen oder den Frühling ist“, sagte Tscholpon Kozhoschewa, einer der Organisatorinnen von Novy Ritm, einer örtlichen Nichtregierungsorganisation. An der Kundgebung nahmen etwa 35 Personen teil, darunter mindestens zehn Ausländer. Teilweise applaudierten Männer, die hektischen dabei waren, für ihre Liebste Blumen zu kaufen.

Demo, Frauenrechte, Osch

In Bischkek hatten verschiedene Organisationen, darunter die Feministischen Initiativen Bischkeks, die LGBT-Organisation Labrys und der Verein von Mädchen mit Behinderungen „Nazyk-Kyz“ ihre Unterstützer dazu aufgerufen, den Frauentag mit einer Kundgebung zu begehen. Die Teilnehmer, hauptsächlich Frauen zwischen 20 und 30, versammelten sich am Kino „Rossija“ auf den zentralen Chui-Boulevard. Von dort liefen sie in die Richtung des zentralen Ala-Too Platzes. Genau wie in Osch begleiteten auch einige Männer mit Transparenten die Demonstration.

„Dieser Tag markiert den historischen Tag des Kampfes für Frauenrechte. Viele Menschen haben das aber vergessen und sehen den achten März mehr als eine Zelebrierung des Frühlings, weiblicher Schönheit und Femininität“, sagte Rada Galkina, einer Aktivistin der Feministischen Initiativen Bischkeks.

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„Wir wollen 30% Frauen im Parlament“
Vor dem „Weißen Haus“, dem Sitz des kirgisischen Parlaments, verlangten die Demonstranten die Erhöhung des Anteils von Frauen unter den Abgeordneten. Sie sprachen sich außerdem für mehr Einsatz gegen Gewalt und Diskriminierung gegen Frauen, für gleichberechtigten Zugang zu Bildung für Frauen und Mädchen, die Freiheit zu Selbstbestimmung und reproduktiven Rechten und für gleichwertigen Zugang zu medizinischer Versorgung aus.

„Wir bitten nicht darum, beschützt zu werden, wir verlangen Rechte, die uns gesetzlich zustehen“, sagte Rada Galkina. „Frauen erleben in Kirgistan einen sehr ungleichen Zugang zu Gerechtigkeit.“ Ihr zufolge werden Frauen häufig Opfer häuslicher oder anderer Formen von Gewalt, trauen sich aber nicht, zur Polizei zu gehen, da sie dort keine gerechte Behandlung erwarten.

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Ihr macht die zunehmende Islamisierung des Landes Sorgen. Oft verlassen Mädchen schon mit 15 die Schule, machen keine Ausbildung und sind dann sehr von ihren Ehemännern abhängig. Nach Angaben von UNICEF heiraten 12% der Mädchen bevor sie 18 werden, obwohl Kinderehen in Kirgistan verboten sind. Mehr und mehr Ehen werden auch lediglich nach muslimischer Tradition geschlossen. Die Frauen bleiben dann ohne rechtlichen Schutz. Galkina zufolge haben weibliche Abgeordnete in letzter Zeit einige neue Gesetze zu häuslicher Gewalt eingebracht, aber die Situation verbessert sich sehr schleppend.

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Demonstrieren nur mit Polizeischutz
Die Demonstration in Bischkek wurde von etwa 20 Polizisten begleitet, die Teilnehmer ständig aufforderten, auf dem Bürgersteig Platz für Passanten zu lassen. Die Organisatoren hatten eine Aktivistin mit juristischer Ausbildung gebeten, an dem Marsch teilzunehmen. Sie musste den Polizisten mehrmals das konstitutionelle Recht auf Versammlungsfreiheit erklären. Man hörte sie wütend fragen: „Und wer genau kann hier jetzt nicht vorbei?“ In Osch wurden Ausländer, von denen einige ihre Pässe nicht dabei hatten, mit auf eine Polizeistation genommen, aber wenig später wieder freigelassen.

Rada Galkina, eine der Organisatorinnen der Bischkeker Kundgebung, war froh, dass die Polizei dabei war. „Heute nehmen verschiedene Gruppen teil, auch LGBT-Organisationen. Es kann immer zu Provokationen kommen. Letztes Jahr waren die Polizisten ruhig, dieses Jahr sagen sie ständig, das wir dieses und jenes nicht dürfen.“

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“Wir wollen Rampen!”
Die Demonstranten marschierten üben den Ala-Too-Platz zur Statue von Kurmanjan Datka, einer kirgisischen Stammesfürstin, die bis Anfang des 20. Jahrhunderts in Südkirgistan herrschte. Hier drückten die Teilnehmer ihre Forderung nach verbessertem öffentlichen Personennahverkehr und verbesserte Infrastruktur für Menschen mit Behinderungen aus, vor allem mehr Rampen für Rollstuhlfahrer.

„Das ist ein großes Problem“, sagte Ada Akhmedova, von der NGO Novyi Ritm. „Man sieht auf den Straßen fast keine Rollstuhlfahrer. Sie können nirgendwo hin und müssen zu Hause rumsitzen.“

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Die Teilnehmer riefen außerdem die kirgisische Regierung auf, endlich die Die UN-Behindertenrechtskonvention zu ratifizieren. Der Marsch endete am Denkmal für die sowjetischen Revolutionäre.

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Gefilmt von Männern in Lederjacken
An der Demonstration nahm auch ein Dutzend Männer mit Sonnenbrillen und schwarzen Lederjacken teil, die andere Teilnehmer filmten ohne mit ihnen zu reden. Einige Frauen hatten ihre Gesichter verhüllt. „Aus Sicherheitsgründen“, sagte eine von ihnen. „Wir wissen, dass manche Menschen unseren Meinungen nicht zustimmt und es könnten zu Gewalt kommen.“

„Und von welcher Organisation seid ihr? Labrys?“ fragte ein Mann mit geschorenem Kopf sofort nach dieser Antwort.

Folke Eikmeier
Novastan-Redakteur in Bischkek

Clara Marchaud
Journalistin für Novastan

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