Tscholpanaj Borubajewa

Tscholpanaj Borubajewa, Filmemacherin aus Kirgistan: “Ich behaupte nicht, Regisseurin zu sein”

Das Dritte Forum des jungen Kinos „Hoffnung“ bringt die Sterne zum Leuchten. Der philosophische Film „Topurak“ ließ niemanden gleichgültig und machte sich viele Auszeichnungen zu eigen. Wir haben uns entschieden, mit der Produzentin dieses Films zu sprechen, der jungen Regisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin, Tscholpanaj Borubajewa.

Was waren Ihre liebsten Filme oder Zeichentrickfilme in Ihrer Kindheit?

Damals hatten wir keine DVDs. Ich habe alles, was im Fernsehen kam, sehr gemocht und geschaut. Vor allem mochte ich den Zeichentrickfilm „Es war einmal ein Hund“ und auch meine Kinder finden Gefallen an dieser Geschichte. Als ich meinen Kindern diesen Zeichentrickfilm vorgespielt habe, habe ich mir zum ersten Mal Fragen zu seiner Dramaturgie gestellt. Als Kind hat mich diese Geschichte gebannt und köstlich amüsiert, heute bemühe ich mich, jede Szene zu hinterfragen. Mein allerliebster Film aber ist „Mimino“. Da stimmt einfach alles: das Ensemble, die Regie und Kameraführung, aber auch die musikalische Gestaltung. Immer, wenn ich traurig bin, schaue ich mir diesen Film an. Das Thema „Rückkehr in die Heimat, zu den eigenen Wurzeln“ gefällt mir sehr!

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Auf welche Weise hat sie die Welt des Kinos in seinen Bann gezogen?

Nachdem ich die Schule abgeschlossen habe, wollte ich Journalistin werden, aber mein Vater hat mich rechtzeitig davon abgehalten. Daraufhin habe ich ein Studium an der Fakultät für Theater und Film des Instituts für Künste namens B. Bejschenalijewa mit dem Schwerpunkt auf Filmregie begonnen. Ich hatte sehr viel Glück mit meinen Mentoren, denn die Größen des Filmgeschäfts Kirgisistans haben mir alles beigebracht, was ich heute kann. Ein weiterer Meilenstein war meine Zeit im Kindermedienzentrum, wo ich im Jahre 2003 meine Ausbildung begann.

Regisseure, die ich bisher interviewen durfte, sagen immer zu, das Kino sei magisch. Worin sehen Sie die Magie des Kinos?

Im Film gibt es eine natürliche Selektion. Sehr viele junge Menschen kommen zum Kino. Manche haben ein Talent und das Zeug dazu, manche haben es nicht. Filmschaffende, das sind Wahnsinnige und Fanatiker im positiven Sinne. Wo sonst trifft man auf Menschen, die um vier Uhr morgens aufstehen, um den Sonnenaufgang zu filmen? Mir gefällt es auch, wenn Menschen zusammenkommen, die eine Arbeit vereint. Auf der Bühne wachsen wir zu einer großen, glücklichen Familie zusammen. Der aller schönste Moment ist für mich, wenn ich die Früchte meiner Arbeit nach einem Dreh sehe, über den Schlafmangel hinweg erarbeitet.

Meiner Einschätzung nach, scheinen Sie eine sehr gutmütige Person zu sein. Fällt es Ihnen leicht, die Regieleitung zu übernehmen?

In Wirklichkeit bin ich ein sehr fordernder Mensch. Mein Weg hat bei der allerersten Stufe begonnen: Ich habe als Regieassistentin und als Zweite Direktorin gearbeitet. Ich habe also sehr viel Erfahrung in diesem Bereich. Ein Regisseur muss immer bis aufs Äußerste fokussiert und unheimlich diszipliniert sein. Er muss immer auf Trab sein, weil seine Energie auf das ganze Team wirkt. Er darf nicht hart zu ihm sein,  denn das Wichtigste ist es, eine Atmosphäre zu schaffen, die ein angenehmes und effizientes Arbeiten ermöglicht. Nach zehn Jahren Arbeit im Kino habe ich verstanden, wie ein Filmdreh funktioniert. Leider gibt es aber Menschen, die so tun als wären sie Regisseure. In meiner Arbeit versuche ich, das zu umgehen.

Mit welchen namenhaften Regisseuren konnten Sie zusammenarbeiten und was konnten Sie aus dieser Zusammenarbeit für sich mitnehmen?

Als ich das erste Mal zum Kino kam, habe ich mit dem Regisseur Erkin Ryspajew zusammengearbeitet. Leider weilt er nicht mehr unter uns. Ich habe in seinem Film „Die Liebe als Prüfung“ eine Rolle gespielt. Außerdem hatte ich die Möglichkeit, die Vorbereitungen des Films „Das Licht“ von Aktana Abdykalykowa zu unterstützen. Ich hatte also das Glück ausgerechnet mit den Regisseuren zusammenzuarbeiten, die sehr viel Lebens- und auch Berufserfahrung haben.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Wissen Sie, wenn es sich dabei um konstruktive Kritik handelt, kann ich sehr gut mit ihr umgehen. Meine Debutarbeit „Kalpak“ übermittelt eine tiefgründige und positive Nachricht, es handelt sich bei ihr aber auch um ein Low-Budget-Projekt, weswegen ich mit sehr viel Kritik konfrontiert wurde.


Der Kurzfilm „Kalpak“ [ein traditioneller kirgisischer Filzhut] von Borubajewa. 

Genau aus diesem Grund aber konnte ich mich an meine nächste Arbeit, den Film „Topurak“, wagen. Seine Qualität ist um Einiges besser und auch meine Einstellung zur Arbeit hat sich durch diese Kritik gewandelt: Heute nehme ich meine Arbeit ernster denn je.

Wessen Meinung bedeutet Ihnen am meisten?

Sehr wichtig sind mir die Meinungen der Filmemacher Emil Dschumbajew und Marta Alykulowa. Aber auch die Meinung meiner Brüder, die immer mit mir fiebern und bangen und denen ich nicht egal bin, beutet mir sehr viel. Denn sie achten auf meine künstlerische Zukunft, auf mein Künstlerschicksal. Und auch meine Eltern und mein Ehemann unterstützen mich von Grund auf. Er ist auch Filmemacher und kennt sich daher mit dieser Branche sehr gut aus. Oft kann er mir einen Rat geben und mir den richtigen Weg weisen.

Wie sind Sie zu Hause?

Zu Hause bin ich Mutter, Ehefrau und Schwiegertochter. Ich kann nicht behaupten, dass ich meinen Kindern alles erlaube. Mein Mann liebt es, unsere Kinder zu verziehen, und ich bin genötigt, streng zu sein, um die Balance zu halten. Das Prinzip: Zuckerbrot und Peitsche (lächelt).

Würden Sie es befürworten, wenn Ihre Kinder in Ihre Fußstapfen treten würden?

Unsere Tochter ist ein sehr künstlerisches Kind. Sie hat in einem Film von Elnura Osmonalijewa mitgespielt. Sie ist insgesamt sehr kreativ. Sie sang sogar bereits im Chor „Schoola“ mit. Außerdem hat sie ein grandioses Gedächtnis: Sie hört sich ein Gedicht bloß einige Male an und kennt es bereits auswendig. Was unseren Sohn angeht, befürchte ich, dass er den Wunsch hegt, Stuntman zu werden. Jeden Tag verabschiede ich meinen Mann schweren Herzens zur Arbeit und mache mir Sorgen um die Gesundheit unseres Sohnes. Aber natürlich bin ich nicht in der Lage, über seine Zukunft zu entscheiden. Abwarten und Tee trinken heißt es also.

Tscholpanaj Borubaewa sieht sich in erster Linie als Mutter. Die Regie bedeutet für sie nicht mehr als Arbeit. Sie ist bis aufs Tiefste davon überzeugt, dass man nicht einfach entscheiden kann, ob man RegisseurIn wird oder nicht. Entweder man ist es oder eben nicht. Nun bleibt jedoch die Frage: „Wer ist sie?“, die den jungen Regisseur zwingt, kritisch mit ihrer Arbeit umzugehen. Ehrgeiz, Bescheidenheit und die ständige Gier nach Wissen, darin unterscheidet sich Borubajewa von den vielen anderen ambitionierten Regisseuren. Sie ist der Meinung, dass man nur aus diesem Grund den Titel des Regisseurs / der Regisseurin verdient habe.

Mit Tscholpanaj Borubajewa sprach Dschamilia Dandybaeva
Autorin für Novastan.org

Aus dem Russischen übersetzt von
Olga Zoll

 

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