Grenze Turkmenistan Kasachstan

Turkmenistan: Der Nachbar, zu dem Kasachstaner nur fliegen können

In 25 Jahren Unabhängigkeit haben Kasachstan und Turkmenistan keinen grenzüberschreitenden Passagierzugverkehr eingerichtet. Auch mit dem Auto kommt man nur schwer über die Grenze. Ihre politischen Systeme ähneln sich, aber es gibt kaum Wirtschaftsbeziehungen in der Region. Folgender Artikel ist bei Radio Azattyq, dem kasachischen Dienst von Radio Free Europe/ Radio Liberty erschienen. Wir übersetzen ihn mit der freundlichen Genehmigung der Redaktion.

Bei der kürzlichen Präsidentschaftswahl in Turkmenistan erhielt der amtierende Präsident Gurbanguly Berdimuchammedow 97,7 Prozent der Stimmen. Innerhalb der ehemaligen Sowjetunion schaffte einzig der kasachische Präsident ein besseres Ergebnis: 97,8 Prozent bei der Wahl im April 2015.

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Es gibt viele weitere politische Parallelen zwischen den beiden Ländern. Trotzdem haben sie seit 1991 kaum Wirtschaftsbeziehungen entwickelt. Die kasachisch-turkmenische Grenze in beide Richtungen zu überqueren ist für Passagiere sehr schwer: Es gibt keinen Zugverkehr und die Autobahn wurde seit der Zeit der Sowjetunion nie fertiggestellt.

Was importiert man am besten nach Turkmenistan?

Der Unternehmer Bisengul Begdessenow ist ein turkmenischer Staatsbürger kasachischer Abstammung. Die alte Straße über die Grenze ist kaum befahrbar und die 2014 eröffnete Zugverbindung Usen (Bahnhof der Stadt Schanaosen in Kasachstan) nach Turkmenistan und weiter in den Iran wird ausschließlich für den Güterverkehr genutzt. Fliegen ist die einzige verbleibenden Option, aber die Zahl der Flugverbindungen reicht nicht aus, so Begdessenow.

Im Gespräch mit Azattyq beklagt er, wie schwer es ist, auf die Art ein „Pendelgeschäft“ zu führen. Dabei könnte der Handel auf beiden Seiten der Grenze gute Einnahmen bringen. Laut Begdessenow gibt es in Turkmenistan eine große Nachfrage nach dem kasachischen Cognac „Al-Farabi“ und nach Zigaretten: „Den Al-Farabi Cognac kann man dort zum doppelten Preis verkaufen und Zigaretten zum zehnfachen. Man darf jedes Mal nur eineinhalb Liter Cognac und 20 Päckchen Zigaretten einführen“. Auch die turkmenische Währung, den Manat, könne man nicht ohne weiteres umtauschen, so der Unternehmer.

Den kasachischen Senatsabgeordneten Baktybaj Tscheljpekow konnte die Redaktion von Azattyq nicht erreichen. Im Mai 2012 hatte Tscheljbekow bei einer Senatssitzung den damaligen Premierminister Karim Massimow gebeten, sich für die Erleichterung der Ein- unsd Ausreise kasachischer Staatsbürger nach Turkmenistan einzusetzen.

Auch Gulnara Annakulijewa, kasachische Staatsbürgerin turkmenischer Abstammung und Leiterin des turkmenischen Kulturzentrums in Almaty, verweist im Telefongespräch mit Radio Azattyq auf den schlechten Zustand der Straße im Grenzgebiet zwischen Turkmenistan und der kasachischen Region „Mangystau“. Sie erwähnt auch die Aufhebung des fünftägigen visafreien Regimes für kasachische Staatsbürger in Turkmenistan.

Das [visafreie Regime] wurde wegen der Wahlen unterbrochen. Das war nur vorübergehend und müsste bald wieder eingerichtet werden“, so Annakulijewa. Solche Maßnahmen würden aus Sicherheitsgründen getroffen. Sie selbst war zuletzt vor drei Jahren in Turkmenistan und plant im Sommer diesen Jahres ihre nächste Reise für Studien über die ethnokulturellen Beziehungen zwischen Kasachstan und Turkmenistan.

Eine Reihe von Inkompatibilitäten

In seiner Analyse der vergangenen Präsidentschaftswahl in Turkmenistan auf Ratel.kz beschreibt der Politikwissenschaftler Dosym Satpajew sogennanten „Präsidentialmonarchien“, die es ihm zufolge in mehreren zentralasiatischen Staaten gibt.

Auch der kasachische Oppositionspolitiker Wladimir Koslow, seit Ende des vergangenen Sommers wieder auf freiem Fuß, teilt diese Analyse. Er bemerkt, dass der Begriff der „monarchischen Präsidentschaft“ der Realität eher entspricht, da es in ihnen „mehr Monarchie als Präsidentschaft” gibt.

Ajdar Alibajew ist einer der Vorsitzenden der Landesweiten sozialdemokratischen Partei, die sich in der Opposition sieht. Im Gespräch mit Azattyq sagt er, dass es „in Turkmenistan die stärkste Präsidentialmonarchie“ Zentralasiens gibt. Er verweist auch auf eine andere Gemeinsamkeit zwischen Turkmenistan und Kasachstan: Die Wirtschaftsleistung beider Länder geht zurück. Die kasachischen Behörden, so Alibajew, sprechen von einer Wirtschaftskrise.

Die wirtschaftliche Lage [der Bevölkerung] verschlechtert sich. Die soziale Unzufriedenheit und der Frust um die eigene Lebenslage wachsten verhältnismäßig zur Wirtschaftslage. Die Leute fangen an, zu murren. Als Folge davon, dass die Leute allmählich ihre Unzufriedenheit ausdrücken, zieht das wesentlich undemokratische Regime die Schrauben an, um die Unzufriedenheit zu unterdrücken“, erklärt Adilbajew die Funktionsweise der kasachischen und turkmenischen Regimes.

Für Kasachstan nennt er als Beispiel die Festnahme und Verhaftung von Aktivisten im vergangenen Jahr, die Verfolgung kritischer Journalisten und auch die kürzliche Festnahme von Schanbolot Mamaj, Chefredakteur der Oppositionszeitung Tribuna.

Die Hoffnung von Mangystau

Der ehemalige Senatsabgeordnete Gani Kasymow bezeichnet die letzten Wahlsiege von Nursultan Nasarbajew und Gurbanguly Berdimuchammedow als „natürlichen Ausdruck der nationalen und geschichtlichen Traditionen“ beider Länder.

Indes sieht Kasymow beim Blick in den „turkmenischen Spiegel“ auch grundsätzliche Probleme, vor allem in den Prioritäten der kasachischen Außenpolitik. Seiner Meinung nach muss sich Kasachstan international umorientieren: Die Beziehungen mit den Nachbarstaaten sollten an erster Stelle kommen.

In dem Sinne schlägt er vor, eine Zentralasiatische Akademie zu gründen, die Experten für Usbekistan, Turkmenistan und weitere zentralasiatische Staaten ausbildet, auf deren Analyse sich die Behörden beziehen könnten. Zudem sollte sich Kasachstan die riesigen und meist unbewohnten Grenzregionen aneignen, zum Beispiel durch kostenloses Land für die Bevölkerung und  subventionierte Darlehen. Das gilt vor allem für die lange Grenze mit Turkmenistan, so Kasymow.

Rachimek Amirdschanow, stellvertretender Gouverneur (Akim) der Region Mangystau berichtet Azattyq von der erfolgreichen grenzüberscheitenden Partnerschaft mit Turkmenistan: „Wir sind an der Obst- und Gemüseproduktion aus Turkmenistan interessiert, da sie dort günstiger ist. Und wir würden den Handel gerne an den Bahnstationen führen, jetzt wo es eine direkte Zugverbindung gibt. Turkmenistan ist seinerseits am Import unserer Metallprodukte interessiert, weil sie kein Hüttenwerk haben.

Nasarbajew Berdimuchammedow

Die neue Zugverbindung wurde im Dezember 2014 von den Präsidenten Kasachstans, Turkmenistans und des Iran feierlich eröffnet. Sie wird aber weiterhin nicht für den Personenverkehr genutzt. Die Bürger Turkmenistans könnten über die Strecke aus Aschgabat direkt nach Moskau gelangen, statt einen Umweg über Usbekistan zu fahren, wie es momentan der Fall ist.

Wir haben es der turkmenischen Seite angeboten und ich hoffe, dass es in einer gewissen Zeit durchgeführt wird“, so Amirdschanow. Er fügt hinzu, dass ein Passagierverkehr durch Mangystau der Region ökonomischen Nutzen bringen würde.

Die Behörden sind laut Amirdschanow auch über die Lage der Autobahn informiert, die die Mangystau Region mit Turkmenistan verbindet. Auf der kasachischen Seite wurde die Straße schon zu Sowjetzeiten nicht fertiggestellt, es fehlen ein paar Dutzend Kilometer. Dabei ist die Straße für die Wirtschaftsbeziehungen notwendig, da bestimmte verderbliche Waren auf den Straßen transportiert werden müssen.

Kasis Togusbajew
Radio Azattyq

Aus dem Russischen übersetzt von Florian Coppenrath

 

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