Die Präsidenten Wladimir Putin und Nursultan Nasarbajew

Kasachstan nach Nasarbajew: „Stabilität ist der Schlüssel“

Wie wird sich Kasachstan nach Rücktritt seines ersten Präsidenten Nursultan Nasarbajew weiterentwickeln? Und wie werden sich die jüngsten Ereignisse auf die Beziehungen zu Kasachstans wichtigstem Partner, Russland, auswirken? Viacheslav Morozov, Experte für russische Außenpolitik und ehemaliger Bürger Kasachstans, analysiert die Folgen im Interview mit Novastan.org.

Viacheslav Morozov ist Professor für EU-Russland-Studien an der Universität Tartu in Estland. Davor unterrichtete er 13 Jahre lang an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind russische Außenpolitik und russische nationale Identität. Er ist außerdem Mitglied von PONARS Eurasia, einem Forschungsnetzwerk, das zu Politik, Gesellschaft, Sicherheit und Wirtschaft in Russland und Eurasien publiziert.

Bis zu seinem 16. Lebensjahr lebte Viacheslav Morozov in Kasachstan. Im Interview mit Novastan teilt er sowohl persönlichen Erfahrungen aus dieser Zeit, als auch sein Expertenwissen zu der Region und analysiert, wie es nach Nasarbajews Rücktritt mit dem Land und seinen Beziehungen mit Russland weitergehen wird.

Novastan.org: Herr Morozov, Sie haben Ihre Kindheit und Jugend in Kasachstan verbracht. Wie war Ihre Erfahrung als Teil der russischen Minderheit in dem Land?

Wissen Sie, zu dieser Zeit war Kasachstan noch Teil der Sowjetunion, und die russische Bevölkerung war daher nicht wirklich eine „Minderheit“. Vor allem die Gegend, in der ich lebte, war von Russen dominiert. Wir haben uns also nie als Minderheit gefühlt, denn russisch war die Hauptsprache und wir mussten auch nicht kasachisch in der Schule lernen. Der einzige Bereich, in dem es vielleicht spürbar war, waren die Medien, da es viele kasachisch-sprachige Programme gab. Und natürlich kasachische Geschichte und Literatur, die wir in der Schule behandelt haben. Heutzutage ist das natürlich ein bisschen anders, da die Staatssprache kasachisch ist, und die ethnischen Kasachen im Bereich der sozialen Mobilität bevorzugt werden.

Kasachstan verfolgt grad eine Politik der kasachischen Nationalisierung. Das Alphabet wurde ins Lateinische umgewandelt, man versucht alte Traditionen wieder zu beleben. Wird dieses Nation-Building auch nach Nasarbajews Rücktritt weiterverfolgt werden?

Ich glaube schon, denn es gibt keine andere Wahl. Kasachstan hat eine relativ schwache nationale Identität, auch heute noch. Das kommt vor allem daher, dass das Land immer aus zwei Gemeinschaften bestand. Die russische Gemeinde war dabei die symbolisch gesehen machtvollere, denn russisch war immer die Hauptsprache im Bereich Bildung und Kultur und wurde als „fortschrittlich“ angesehen. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch heute noch so. Kasachisch hingegen war zu Sowjetzeiten eher eine kulturelle Nischensprache. Zwar wurde sie von der sowjetischen Elite gefördert, aber nur halbherzig.

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Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich das geändert. Russisch hat zwar den Status einer offiziellen Sprache, aber Kasachisch wurde zur Staatssprache. Die soziale Mobilität zugunsten ethnischer Kasachen ist allerdings ein langsamer Prozess. Heute haben beide Gemeinschaften den gleichen sozialen Status. Das variiert natürlich je nach geographischer Lage. Kasachstan muss nun seine Identität als kasachischen Staat stärken, und auch als kasachstanischen Staat, der also die russische Bevölkerung miteinschließt.

Bisher ist Kasachstan sehr erfolgreich damit, denn es hat eine eigene Identität entwickelt, sowohl was Kultur und Sprache angeht, als auch Geschichte und nationale Erinnerung. Gleichzeitig gibt es aber keinen offenen Konflikt zwischen den beiden Sprachgruppen. Zwar gibt es teilweise gegenseitigen Alltagsrassismus, aber es ist nicht so offensichtlich wie in anderen Staaten des postsowjetischen Raums. Daher denke ich, dass die Regierung es sehr gut hinkriegt, eine inklusive Identität zu schaffen, die zwar auf ethnisch kasachischen Wurzeln beruht, die aber weit gefasst bleibt.

Wie wird sich die Lage der russischen Minderheit mit der neuen Regierung entwickeln? Erwarten Sie Migrationsbewegungen zurück nach Russland?

Nein. Es gab zwar Migration nach Russland, aber die meisten kamen nach einer Weile zurück nach Kasachstan. Es gab diese Illusion, dass jeder in sein „ethnisches Heimatland“ zurückkehren müsse. Aber man merkte bald, dass man da nicht viele Chancen hatte, selbst in den 90er Jahren, als es größere Bewegungsfreiheit gab innerhalb der ehemaligen Sowjetunion. Daher sehe ich keine nennenswerte Migration für die Zukunft. Außer natürlich die Lage in Kasachstan verschlechtert sich dramatisch. Aber generell gesehen, ist die wirtschaftliche Situation in Kasachstan gut, das Land verfügt über reiche natürliche Ressourcen, und nutzt diese auch weise. Die Situation in Russland ist als Alternative nicht hervorragend.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion liegt mittlerweile 30 Jahre zurück, und die meisten Menschen haben in Kasachstan ihre Nische, ihren Platz gefunden. Es gibt ausreichend Möglichkeiten für die russische Mittelschicht in Kasachstan. Wenn sie russische höhere Bildung erhalten möchten, können Sie im Ausland studieren. Sie sind also nicht gezwungen, irgendwo hin auszuwandern.

Zurück zu Nasarbajews Rücktritt. Von vielen wurde er als Überraschung wahrgenommen. War diese Entwicklung wirklich so überraschend? 

Der genaue Zeitpunkt war eine Überraschung, ja. Aber der Rücktritt an sich war absehbar. Es wurde bereits viel darüber geredet, und es war klar, dass er früher oder später zurücktreten würde anstatt bis zum Ende zu bleiben. Es gab nämlich bereits Vorbereitungen für seinen Rücktritt, zum Beispiel Änderungen der Verfassung deuteten darauf hin, dass er sich für einen Übergang vorbereitete. Und alle erwarteten auch, dass er für einen geordneten Übergang sorgen würde, was jetzt auch passiert. Wir werden sehen, wohin es dann schlussendlich führt.

Interimspräsident Tokajew

Wie sieht Moskau die jüngsten Entwicklungen des zentralasiatischen Partners?

Die offizielle Meinung Russlands lautet: Stabilität ist der Schlüssel. Russland ist mit jeder Entscheidung, die Kasachstan fällt, einverstanden, solange sie unter Kontrolle und geordnet stattfindet. In den Augen der russischen Regierung sollte jede Form von „Oranger Revolution“ und populärer Straßenpolitik vermieden werden, denn die sieht Moskau als größte Gefahr für Stabilität und Sicherheit.

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Besteht diese Gefahr potentiell für Kasachstan? 

Hmm…ja. Bis zu einem gewissen Grad. Es gab ja bereits schwerwiegende Zusammenstöße in Schangaösen im Jahr 2011, wo es zu Auseinandersetzungen zwischen der Bevölkerung und den Autoritäten kam. Dabei wurden auch Menschen getötet. Das war allerdings in der ölproduzierenden Peripherie. Aber wir erinnern uns auch an die Ereignisse von 1986 in Almaty, Nasarbajews erinnert sich auf jeden Fall daran. Heute noch wird in Almaty des Ereignisses gedacht, denn es war wohl der erste Fall eines Volksaufstands gegen die Sowjetmacht mit nationalistischen Parolen im gesamten postsowjetischen Raum.

Daher ist sich jeder bewusst, dass die Menschen theoretisch am politischen Geschehen teilnehmen können und Straßenpolitik möglich ist. Ich denke sowohl Russland als auch Kasachstan bevorzugen es, alles unter Kontrolle zu behalten und unter Eliten zu verhandeln, anstatt die Bevölkerung miteinzubeziehen.

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Natürlich sind die kasachischen Eliten nicht homogen. Es gibt gegensätzliche Interessen. Daher ist es für Russland wichtig, diese zu managen und Kompromisse zu finden. Für Moskau braucht es also einen Kandidaten, der dies gewährleistet.

Gibt es schon jemanden, den Russland als Nachfolger bevorzugen würde?

Das kann ich noch nicht sagen. In der russischen Presse oder anderen Quellen hat sich noch kein bevorzugter Kandidat herauskristallisiert. Ich denke, Russland würde jeden akzeptieren, dem die lokale Elite vertraut. Denn die russischen Entscheidungsträger, die sich mit Kasachstan beschäftigen, kennen ihr Gegenüber. Daher wären sie mit jedem potentiellen Nachfolger zufrieden, der einen Kompromiss darstellt, und eine breite Unterstützung erhält.

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Kasachstans Interimspräsident Kassym-Dschomart Tokajew begab sich für seine erste Auslandsreise nach Russland, als Zeichen dafür, dass Moskau weiterhin wichtigster Partner bleibt. Ist das ein Indiz dafür, dass Russland sich um die künftigen Beziehungen zu Kasachstan sorgt?

Naja, Russland hat immer diese Sorge, Kasachstan in seinem Einflussbereich zu behalten. Ich würde sagen, neben der Ukraine und Belarus, gehört Kasachstan zu Russlands wichtigsten Partnern der ehemaligen Sowjetunion. Kasachstan ist sehr groß, reich an natürlichen Ressourcen, ein wichtiges Land im Bereich der Transportinfrastruktur, insbesondere als Verbindung zu China usw.

Nasarbajew Putin Lukaschenka Eurasische Wirtschaftsunion

So, wie ich das verstehe, hat Russland im Moment keine besonders großen Sorgen im Hinblick auf Kasachstan. Das liegt auch daran, dass Kasachstan, im Gegensatz zu Belarus z.B., keine wirkliche Alternative hat. Das Land kann natürlich seine Beziehungen zur EU weiter ausbauen, aber aus geographischen Gründen und auch wegen der spezifischen Natur des aktuellen Regimes hat Kasachstan nicht wirklich die Alternative, sich Richtung Westen zu bewegen.

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Chinas Einfluss wächst zwar, allerdings ist es kulturell und sicherheitspolitisch einfacher für Kasachstan mit Russland zusammenzuarbeiten, da beide Länder einen gemeinsamen Hintergrund und die Sprache teilen. Mit China ist das schwerer. Es gibt also von Seiten Russlands keine konkreten Sorgen, aber Kasachstan ist dabei zu wachsen, und Russland wird sich an diese Situation anpassen müssen.

Das Interview führte Julia Tappeiner

Redakteurin für Novastan.org

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