Januar-Proteste: Kasachstan der Cyberspionage beschuldigt

Die politische Führung Kasachstans wird beschuldigt, italienische Spionagesoftware eingesetzt zu haben, um während der Proteste im Januar gegen Aufständische vorzugehen.

Am 16. Juni hat die Forschungsgruppe für Cybersicherheit Lookout Threat Lab enthüllt, dass die kasachstanische Regierung die Software Hermit eingesetzt hat, um Aktivist:innen während der Proteste im Januar auszuspionieren. Dies berichtet das kasachstanische Nachrichtenportal Vlast.

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Als die Preise für Flüssiggas stiegen, lehnte sich Anfang Januar die Bevölkerung gegen die Gängelung durch Nursultan Nazarbaev auf. Dieser war bereits 2019 vom Präsidentenamt zurückgetreten, doch trotz des Amtsantritts von Qassym-Jomart Toqaev kontrollierte die Familie des ehemaligen Präsidenten weiterhin Teile der Wirtschaft.

Ähnliche Software wie Pegasus

Die im April dieses Jahres entdeckte Spyware nannte sich Oppo.service und gab vor, eine Software des chinesischen Elektronikherstellers Oppo zu sein. Mittels Oppos offiziellen Supportseite in kasachischer Sprache wurde versucht, die schädlichen Aktivitäten bis zur Deaktivierung der Seite zu verschleiern, so der Artikel der Forschenden. Gegenüber Radio Azattyq, dem kasachstanischen Dienst von Radio Free Europe, erklärte die Pressestelle des Präsidenten, dass „die Zuständigkeiten […] für diesen Fall“, geklärt würden.

Die Software, entwickelt von der italienischen Firma RCS Lab und dem Unternehmen Tykelab, seinerseits wohl eine Scheinfirma, habe elektronische Geräte per SMS beeinflusst. Nach dem Öffnen einer betrügerischen Webseite sammelte das Virus Kontakte, Fotos und Nachrichten und konnte – wie Vlast weiter berichtet – gleichzeitig auf Kamera und Audiosystem des Geräts zugreifen.

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Die Forschenden vermuten, dass neben dieser für Android-Geräte erstellten Variante eine ähnliche Version für IOS existiert. Außerdem scheint Hermit ähnlich wie das israelische Programm Pegasus zu funktionieren, das 2021 für Schlagzeilen sorgte.

Kasachstan ist jedoch nicht das einzige Land, in dem das Programm zum Einsatz kommt. Das Lookout Threat Lab bestätigt, dass es auch in Syrien, Chile, Turkmenistan, Pakistan, der Mongolei, Bangladesch, Vietnam und Burma verwendet wurde.

Rege genutzte Praktiken

Die Aktivistin Inga Imanbaı, Ehefrau des Vorsitzenden der Demokratischen Partei Janbolat Mamaı, gab gegenüber Radio Azattyq bekannt, dass die italienische Spyware ihr Mobiltelefon infiziert habe. In einem Post auf ihrer Facebook-Seite behauptete sie, dass „die Behörden mich durch ein teures Spyware-Programm beobachten […] Nicht nur fünf Autos überwachen uns, sondern sie schauen auch ständig auf unsere Mobiltelefone.“

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Dies ist nicht das erste Mal, dass die Regierung der Spionage gegen Oppositionelle bezichtigt wird. In einem am 4. August 2016 veröffentlichten Bericht beschuldigte die Electronic Frontier Foundation (EFF) Kasachstan bereits, Hacker einzusetzen, um im Ausland lebende Dissident:innen zu überwachen.

Paul Mougeot, Redakteur für Novastan

Aus dem Französischen von Michèle Häfliger

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