Am 3. Januar 2026 löste die US-Militäroperation in Venezuela, die mit der Festnahme von Nicolás Maduro endete, eine sofortige Volatilität auf den Ölmärkten aus. Vor dem Hintergrund dieser erhöhten Unsicherheit entschieden sich die zentralasiatischen Länder, insbesondere Kasachstan, für diplomatische Zurückhaltung, um ihre Energieversorgungssicherheit zu gewährleisten.
Bis zum 5. Januar 2026 hat kein zentralasiatischer Staat offiziell auf die Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro durch US-Streitkräfte oder auf die offensichtliche Absicht der USA, die Kontrolle über die venezolanische Ölindustrie zu übernehmen, reagiert. Dieses diplomatische Schweigen ist nicht unbedeutend: Es spiegelt die Komplexität der Herausforderungen für die Öl exportierenden Länder wider, die zwischen den Großmächten stehen und ihre eigenen wirtschaftlichen und politischen Interessen schützen wollen, erklärt Eurasianet.
Eine schwierige Position zum Fall Venezuela
Für Kasachstan, dessen Staatshaushalt stark von Ölexporten abhängt, könnte jede kritische Äußerung gegenüber Washington die positive Dynamik der bilateralen Beziehungen gefährden. Die Trump-Regierung hat kürzlich ihr Engagement in der Region bekräftigt und sogar Kasachstans Präsidenten Qasym-Jomart Toqaev und seinen usbekischen Amtskollegen Shavkat Mirziyoyev zum G20-Gipfel 2026 eingeladen, was die wirtschaftlichen und diplomatischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten stärken dürfte.
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Vor diesem Hintergrund tendiert die kasachische Diplomatie dazu, Stabilität und Vorsicht zu bevorzugen. Der Regionalexperte Marat Chibutov fasste dies gegenüber Arasha.kz zusammen: „Das Wichtigste ist, Stabilität und Vorsicht zu wahren und die Ereignisse aus der Ferne zu beobachten.”
Obwohl sich seine Äußerungen speziell auf Kasachstan beziehen, spiegeln sie implizit die Kalkulation der Regierungen in ganz Zentralasien wider, die darauf bedacht sind, sich nicht in eine Debatte hineinziehen zu lassen, die ihr eigenes geopolitisches und wirtschaftliches Gleichgewicht erschüttern könnte.
Welche Auswirkungen hat dies auf Kasachstans Öl?
Über die unmittelbaren Auswirkungen auf die weltweite Versorgung und die Volatilität der Rohölpreise hinaus hat die US-Operation in Venezuela auch Auswirkungen auf Zentralasien. In Kasachstan, wo die Frage der Abhängigkeit von Kohlenwasserstoffen und der Rolle ausländischer Unternehmen seit Jahren Gegenstand gedämpfter, aber anhaltender Debatten ist, werden die Ereignisse in Caracas mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt.
In Astana belebt die venezolanische Entwicklung implizit die Diskussionen über die mit den westlichen Großkonzernen abgeschlossenen Ölverträge. Der Politologe Daniyar Ashimbayev erinnert daran, dass diese Debatten in der kasachstanischen Öffentlichkeit lange Zeit geführt wurden, bevor sie nach und nach zu Tabuthemen wurden, wie die Zeitung Times of Central Asia berichtet.
„Die Frage der Überarbeitung der Ölverträge wird immer unpopulärer. Bei diesem Tempo könnte sie sogar mit Extremismus gleichgesetzt werden”, bemerkt der Experte ironisch und betont, wie sehr der aktuelle geopolitische Kontext die Sensibilität für diese Themen verstärkt hat.
Der Venezuela-Effekt: überschätzt oder unterschätzt?
Für viele Beobachter stellt der „Venezuela-Effekt” ein echtes Risiko für Kasachstan dar. Die politischen Erschütterungen in Lateinamerika geben zusätzlich Anlass zur Sorge. Sie könnten mittelfristig einen anhaltenden Druck auf die Preise ausüben, was für die stark von Öleinnahmen abhängige kasachstanische Wirtschaft ein besorgniserregendes Szenario darstellt. [Der Originalartikel erschien vor dem Ende Februar ausgebrochenen Krieg in Nahost, Anm. d. Red.]
Der Finanzanalyst Arman Beisembayev erklärt in einem Artikel der kasachstanischen Nachrichtenportal Informburo, dass eine Lockerung der Sanktionen oder ein politischer Wandel den Ölpreis auf 50 bis 70 Dollar pro Barrel fallen lassen könnte, in pessimistischen Szenarien sogar auf 40 bis 50 Dollar, was das Wirtschaftswachstum und die Staatseinnahmen schwächen würde.
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Andere Stimmen relativieren diese Gefahr jedoch. Asqar Ismailov, Berater für Zentralasien beim World Gas Center in Genf, betont gegenüber Forbes Kazakhstan die strukturellen Grenzen des venezolanischen Öls – schwer, teuer in der Förderung und abhängig von massiven Investitionen – sowie die Zurückhaltung der amerikanischen Großkonzerne, schnell zu investieren. Daher würden die kurzfristigen Auswirkungen begrenzt bleiben, da Venezuela derzeit nur einen marginalen Anteil an der weltweiten Produktion hat.
Für Kasachstan liegt die größte Herausforderung daher in der grundlegenden Entwicklung des Marktes. Solange die Preise nahe den Haushaltsannahmen bleiben, sind die Auswirkungen überschaubar. Mittelfristig könnte jedoch eine schrittweise Rückkehr des venezolanischen Öls die Position des Landes auf den Märkten schwächen und seinen Haushalt belasten, wodurch der „Venezuela-Effekt” zu einem diffusen, aber strategischen Risiko wird.
Kasachstan, ein zukünftiges Venezuela?
Trotz Ähnlichkeiten hinsichtlich der strategischen Bedeutung ihrer Kohlenwasserstoffe folgt Kasachstan nicht dem Weg Venezuelas, versichert das russische Auslandsmedium Sputnik Kasachstan. Im Gegensatz zu Caracas nach der Chávez-Ära hat Astana stabile Ölvereinbarungen mit westlichen Unternehmen aufrechterhalten und damit Rechtssicherheit und Attraktivität für Investoren gewährleistet.
Diese Öffnung geht jedoch mit einer schrittweisen Stärkung der nationalen Souveränität einher, wie die Verfassungsreform von 2022 zeigt. Kasachstan erscheint somit als pragmatischer und kooperativer Energielieferant, der eher dem Venezuela vor den Verstaatlichungen als seiner aktuellen Situation ähnelt.
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Die Frage der Ölverträge bleibt jedoch heikel. Die Vereinbarungen zur Aufteilung der Produktion, die die Ausbeutung der wichtigsten Lagerstätten regeln, stehen im Mittelpunkt wachsender Spannungen zwischen dem Staat und ausländischen Konsortien. Astana hat kürzlich Verhandlungen zur Anpassung dieser Verträge aufgenommen, um günstigere Bedingungen zu erzielen und gleichzeitig ein stabiles Investitionsklima zu erhalten.
Zoé Toulouse für Novastan
aus dem Französischen übersetzt von Margaret Bullich
gekürzt von Robin Roth
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Die US-Militäroperation in Venezuela und ihre Folgen für Kasachstans Ölmarkt