Die karakalpakische Diaspora in Kasachstan: Über Proteste und Verhaftungen

Im Juli begannen in der autonomen Republik Karakalpakstan Proteste gegen Verfassungsänderungen, nachdem den Einwohner:innen der Republik das Recht genommen werden sollte, sich per Referendum von Usbekistan abzuspalten. Im Zusammenhang mit den Protesten geriet auch die karakalpakische Diaspora in Kasachstan unter Druck und es kam zu zahlreichen Festnahmen. Almas Kaısar sprach für Vlast mit Angehörigen der Inhaftierten und mit Aktivist:innen der karakalpakischen Diaspora. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Am 13. September wurden die karakalpakischen Aktivisten Koshkarbay Toremuratov und Jangeldy Jaksymbetov in Almaty festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, gegen die verfassungsmäßige Ordnung der Republik Usbekistan verstoßen sowie Material hergestellt und verbreitet zu haben, das die öffentliche Sicherheit und Ordnung bedroht. Jaksymbetov wurde an seinem Arbeitsplatz verhaftet, Toremuratov nachts bei sich zuhause festgehalten.

Am Abend des 16. September wurde eine weitere karakalpakische Aktivistin, Raisa Hudaybergenova, in einem Vorort von Almaty festgenommen. Die Verhaftung fand in einem Krankenhaus statt, in dem sie als Kardiologin arbeitet. Auch ihr wird ein Verstoß gegen die verfassungsmäßige Ordnung der Republik Usbekistan vorgeworfen. Am 4. Oktober wurde dann die karakalpakische Aktivistin Ziuar Mirmanbetova an ihrem Arbeitsplatz in Almaty festgenommen – unter demselben Vorwand.

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Alle vier sind Staatsbürger:innen Usbekistans und haben einen Asylantrag in Kasachstan gestellt. Sie wurden für 40 Tage in Untersuchungshaft genommen. Human Rights Watch forderte die kasachischen Behörden auf, die vier karakalpakischen Diaspora-Aktivisten nicht an Usbekistan auszuliefern, da sie dort ernsthaft mit politisch motivierter Verfolgung und Folter rechnen müssten. Das Völkerrecht verbietet Kasachstan, die Verhafteten auszuliefern, falls deren Leben in Gefahr sei oder sie gefoltert werden könnten.

Damit fand die Verfolgung karakalpakischer Aktivist:innen jedoch kein Ende. Am 13. Oktober setzte Usbekistan den Vorsitzenden der ethnokulturellen Vereinigung der Karakalpak:innen im Gebiet Mańģystaý, Nietbaı Urazbaev,  wegen eines Angriffs auf die verfassungsmäßige Ordnung der Republik im Zusammenhang mit den Protesten in Karakalpakstan im Juli auf die internationale Fahndungsliste. Urazbaev ist kasachstanischer Staatsangehöriger.

Von Karakalpakstan nach Kasachstan und zurück

Galiıa Mangibaeva wurde in Karakalpakstan geboren, wo sie als Lehrerin arbeitete. Bei einem der regelmäßig stattfindenden Treffen der Jugendorganisation Kamalat traf sie deren damaligen Vorsitzenden Koshkarbay Toremuratov. Mangibaeva beschloss kurz darauf, nach Kasachstan zu ziehen, um näher bei ihren Verwandten zu sein. Später zog auch Toremuratov dorthin. Die beiden sind seit 2009 verheiratet und haben zwei Kinder.

Mangibaeva erzählt: „Zwar lebe ich in der Nähe meiner Verwandten, doch die wirtschaftliche Situation erschwert das Leben. Wir sind hierhergezogen und haben eine Familie gegründet. Ich habe dann als Lehrerin gearbeitet und die kasachstanische Staatsbürgerschaft erhalten, da ich ethnische Kasachin bin. Als wir die Staatsbürgerschaft für meinen Mann beantragen wollten, sagte man uns, er müsse 4 Millionen Tenge [circa 8047 Euro] auf seinem Konto haben. Wir haben versucht, diesen Betrag aufzutreiben. Doch wir mussten ein Haus bauen, wir hatten eine Familie zu ernähren. Und mein Mann arbeitete als Bauarbeiter.“

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Toremuratov habe sich schon immer für die Kultur und Geschichte seines Volkes interessiert. Damit ihre Traditionen und ihre Sprache nicht verloren gingen, tat er sich mit einem anderen Diaspora-Aktivisten, Akylbek Muratov, zusammen und sie begannen, in Almaty nach anderen Karakalpak:innen zu suchen.

„Darauf begannen die usbekischen Sicherheitsdienste, ihn zu verfolgen. Er erzählte mir natürlich nicht viel davon, er wollte mir keine Angst machen. Im Jahr 2014 rief man mich aus seinem Dorf an, um mich über den kritischen Gesundheitszustand seiner Mutter zu informieren. Doch seine kasachstanische Aufenthaltsgenehmigung war zu diesem Zeitpunkt bereits abgelaufen, sie war auf drei Monate befristet. Er ließ alles stehen und liegen und ging. Wer würde nicht alles für seine Mutter geben?“ meint sie.

Beim Haus seiner Mutter wurde Toremuratov festgenommen und wegen illegalen Grenzübertritts angeklagt. Seine Frau ist sich jedoch sicher, dass das Motiv ein ganz anderes war: Die usbekischen Behörden wollen keine Vereinigung von Karakalpak:innen. Nach seiner Inhaftierung wurde Toremuratov gefoltert und misshandelt. Der vom Staat zur Verfügung gestellte Anwalt unternahm nichts. Und seine Ehefrau konnte als Staatsbürgerin Kasachstans ebenfalls keinen Einfluss nehmen.

Verstärkter Druck durch die Proteste

Nach den Protesten in Karakalpakstan im Juli wurde verstärkt Druck auf Toremuratov ausgeübt und kasachstanische Polizeibeamte nahmen ihn zum Verhör mit. Mangibaeva sieht folgenden Zusammenhang: „Er hat seinen eigenen Youtube-Kanal, auf dem er über Geschichte, Kultur und Traditionen spricht. Er ist selbst Historiker. Manchmal äußerte er sich zu bestimmten Entscheidungen. Als Usbekistan beispielsweise einen biometrischen Reisepass ausstellte, in dem die Nationalität nicht angegeben war, äußerte er in seinem Blog seinen Unmut. Aber er hatte nichts mit den Kundgebungen zu tun. Nach dem Verhör wurde er bedroht. Sie sagten, er würde verhaftet werden, wenn er weitere Videos machen würde. Er hat ihnen gesagt, dass er alles im Rahmen des Gesetzes tut.“

Im September kamen erneut Polizeibeamte zu ihm nach Hause. Ohne irgendwelche Dokumente vorzulegen, nahmen sie Toremuratov mit und versicherten, ihn nach einem kurzen Gespräch wieder gehen zu lassen. Seitdem steht er unter Arrest.

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Seiner Frau zufolge wird Toremuratov wegen Herstellung, Verbreitung und Zurschaustellung von Materialien angeklagt, die die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährden. Die Staatsanwaltschaft bezieht sich auf ein Video aus dem Jahr 2020, das etwa 20 Personen mit dem Plakat „Alga, Karakalpakstan!“ („Komm schon, Karakalpakstan!“) zeigt. Einer der Teilnehmenden schickte das Video an Toremuratov und dieser veröffentlichte es auf seinem Kanal.

„Weder sagt er was, noch ist er im Video zu sehen. Es war Pandemie, er war in Almaty, die Grenzen waren geschlossen. Wir haben alle Beweise. Jetzt dürfen wir ihn nicht mehr besuchen, wir können nur noch über einen Anwalt kommunizieren“, entrüstet sich Mangibaeva.

Toremuratov beantragt nun politisches Asyl in Kasachstan, weil seine Frau und seine Kinder dort sind. Mangibaeva vermutet jedoch, dass ihr Ehemann festgehalten wird, damit er nicht öffentlich über die Situation in Karakalpakstan sprechen kann. Außerdem erschwerte seine Verhaftung die finanzielle Situation der Familie. Sie hatten einen Autokredit aufgenommen, damit Toremuratov in seiner Freizeit als Taxifahrer Geld verdienen konnte. Aber jetzt weiß Mangibaeva nicht, ob sie „den Kredit bezahlen oder die Kinder ernähren“ soll.

Verhaftung und Folter

Gulnar Mirmanbetova wurde wie ihre Schwester Ziuar in Karakalpakstan geboren. Sie verbrachte dort ihre Kindheit und Schulzeit, zog dann nach Kasachstan, erhielt die kasachstanische Staatsbürgerschaft und gründete eine Familie. Ziuar zog wenig später ebenfalls nach Kasachstan und heiratete. Sie wurde in Almaty festgenommen und am 4. Oktober zu 40 Tagen Haft verurteilt.

Im Januar war Ziuar nach Karakalpakstan gereist. Auf dem Heimweg zu ihrer Mutter wurde sie von der örtlichen Polizei festgehalten und anschließend geschlagen und gefoltert: „Sie folterten sie mit Strom und zogen sie an den Haaren. Sie sah sich gezwungen, eine Videobotschaft gegen andere Aktivist:innen zu verfassen, in der sie behauptete, diese hätten Unrecht, wenn sie die Unabhängigkeit Karakalpakstans forderten. Sie verbrachte mehr als drei Tage ohne Nahrung und Wasser. Die Spuren der Folter trägt sie noch immer.“

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Während der Proteste in Karakalpakstan war Ziuar in Kasachstan: „Damals schaute die ganze Welt zu. Mehrere karakalpakische Aktivist:innen riefen dazu auf. Auch Ziuar äußerte ihre Meinung“, fügt Mirmanbetova hinzu. Jetzt steht Ziuar unter Arrest und wird beschuldigt, die verfassungsmäßige Ordnung Usbekistans verletzt zu haben.

Der karakalpakische Verein „Allayar Joly“ in Mańģystaý

Nietbaı Urazbaev wurde ebenfalls in Karakalpakstan geboren, machte dort sein Abitur und ging dann zum Studium nach Belarus. Nach seinem Dienst in der sowjetischen Armee studierte er an der Universität für Architektur und Bauwesen im russischen Pensa. Seit Mitte der 1990er-Jahre lebte er in seiner Heimat und arbeitete für das Architektur- und Baukomitee Karakalpakstans, als Praktikant beim Ministerrat und als Leiter der Kommunalabteilung in Karakalpakstans Hauptstadt Nukus.

Urazbaev erzählt: „Nach einiger Zeit an der Präsidentenakademie in Taschkent musste ich mein Diplom ratifizieren. In diesem Zusammenhang bin ich nach Kasachstan gezogen. Im Jahr 2006 kam ich nach Aqtaý, und 2009 zog ich mit meiner Familie nach Mańģystaý. Hier war ich Mitglied des ethnisch-kulturellen Vereins „Allayar Joly“. In den letzten fünf Jahren war ich der Vorsitzende.“

Das Hauptanliegen des Vereins ist es, die karakalpakische Sprache zu bewahren und den Menschen im Gebiet Mańģystaý die karakalpakische Kultur und Geschichte durch verschiedene kulturelle Veranstaltungen näher zu bringen.

Druck aus der usbekischen Politik

Gemäß Urazbaev begann der Druck auf den Verein im Jahr 2013. Zu dieser Zeit bereiteten sich einige seiner Verwandten in Karakalpakstan darauf vor, hohe Verwaltungsposten im Land zu übernehmen. Vertreter des „Joqarǵi Keńes“, des karakalpakischen Parlaments, forderten ihn auf, das ethnokulturelle Zentrum zu schließen, ebenso die Accounts in sozialen Medien. Man drohte ihm, dass seine Verwandten die Posten ansonsten nicht bekommen würden.

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Trotz der Drohungen konnte Urazbaev das Zentrum nicht schließen, nur schon aufgrund der Tatsache, dass er damals noch nicht Vorsitzender war. Außerdem handelte es sich um eine offiziell eingetragene Vereinigung unter der Schirmherrschaft der Versammlung der Völker Kasachstans, was nicht in Zusammenhang mit usbekischer Politik stehen sollte.

Im Jahr 2013 wurde Urazbaev mitgeteilt, dass er nicht nach Karakalpakstan einreisen dürfe. Dies änderte sich mit dem Tod Islom Karimovs. Seither hat er das Land mehrmals besucht. Trotzdem kommuniziert er mit seiner Mutter nur per Telefon: „Ich kontaktiere meine Freunde, Bekannten und sogar meine eigenen Brüder nicht, weil es für sie gefährlich ist“, betont er.

Schließung sämtlicher karakalpakischer Vereine als Ziel?

Als Urazbaev in der Presse von den geplanten Verfassungsänderungen las, nahm er in seinem Haus eine Videobotschaft auf, in der er sich dagegen aussprach. „Ich habe nichts weiter unternommen. Trotzdem riefen mich Polizei und andere Behörden an. Sie baten mich, auf die karakalpakische Gemeinschaft einzuwirken und meine Nachricht von Instagram zu löschen. Ich habe sie gelöscht“, erzählt er.

Trotzdem wurde Urazbaev zur Vernehmung bei der Polizei vorgeladen. Anwesend waren Mitglieder der Abteilung für Extremismus- und Terrorismusbekämpfung, im benachbarten Büro saßen usbekische Strafverfolgungsbeamte: „Sie sagten, da ich kasachstanischer Staatsbürger sei, würde mir nichts geschehen. Sie hätten eine Anfrage aus Usbekistan mit 38 Namen erhalten. Usbekische Geheimdienstbeamte verhörten usbekische Staatsbürger in Kasachstan und sie boten mir ebenfalls an, mit ihnen zu sprechen, doch ich lehnte ab. Es schien vorbei zu sein.“

Einige Tage später erhielt Urazbaev jedoch einen Anruf von der örtlichen Polizei, dass auf Anordnung des Gerichts in Karakalpakstan nach ihm gefahndet werde. Als Leiter von „Allayar Joly“ führe er eine Kampagne gegen die usbekischen Behörden, zudem stehe er in Kontakt mit karakalpakischen Aktivist:innen wie Dauletmurat Tajimuratov, einem karakalpakischen Sportler namens Azamat Turdanov und einer anderen Person, die er nicht einmal kenne – die beiden anderen zumindest aus dem Internet.

Urazbaev glaubt, dass der Zweck dieser Schikanen darin besteht, alle Organisationen, die Karakalpak:innen vereinen, auszuschalten: „Sie haben bereits Aktivist:innen, Staatsbürger:innen Usbekistans, in Almaty verhaftet. Jetzt sehen sie mich als eine Art potenzielle Bedrohung. Ihr Ziel ist es im Allgemeinen, die karakalpakischen Verbände in Astana, Atyraý, Shymkent und Almaty unter Druck zu setzen und zu schließen.“

„Da ist eine große Kluft zwischen uns allen“…

Akylbek Muratov ist Aktivist in der karakalpakischen Diaspora in Almaty. Seit Beginn der Verhaftungen von karakalpakischen Aktivist:innen in Kasachstan hat er sich an die Medien und Menschenrechtsorganisationen gewandt, um sicherzustellen, dass die ganze Sache von der Öffentlichkeit nicht unbemerkt bleibt.

Er selbst war noch nie in Karakalpakstan. Er stammt ursprünglich aus der Provinz Navoyi [in Usbekistan], wo seiner Aussage nach viele ethnisch kasachische und karakalpakische Familien leben. Zuhause habe er kaum Karakalpakisch gelernt, weil die Familiensprache Kasachisch war und es kaum karakalpakische Schulen in der Region gab.

Obwohl Muratov in vielen verschiedenen Städten gesehen hat, wie Menschen verschiedener Ethnien zusammenkommen und sich gegenseitig unterstützen, fand er keinen Kontakt zu anderen Karakalpak:innen. Als er 2010 nach Almaty kam, suchte er aktiv nach der karakalpakischen Diaspora und lernte so Koshkarbay Toremuratov kennen.

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Die beiden versuchten zunächst erfolglos, karakalpakische Treffen in Almaty zu organisieren. Also sammelten sie zunächst Wissen zu karakalpakischer Geschichte, Sprache und Kultur, welches sie auf einer Webseite für eine breite Öffentlichkeit zugänglich machten. Dennoch wollten sie die Menschen physisch zusammenbringen. Also schlug Toremuratov vor, ein Nauryz-Fest zu veranstalten: „Er sagte, das sei der richtige Weg, um die Karakalpak:innen zu vereinen“, lacht Muratov, „Wir haben einige Tische in einem Restaurant gemietet. Wir hatten uns auf 50 Personen geeinigt, doch am Ende kamen 150-170 Personen. Wir haben das ganze Restaurant gefüllt. Das war eine große Sensation. Und dann kam Bewegung in die Sache.“

Jedoch begann sich der usbekische Geheimdienst besonders unter Karimov für ihre Aktionen zu interessieren, obwohl sie sich mit kulturellen Aktivitäten beschäftigten. Muratov weiß ebenfalls von Toremuratovs Festnahme, scheinbar wegen illegalen Grenzübertritts, zu berichten. Auch er selbst stand unter Beobachtung; seine in Usbekistan lebenden Eltern wurden verhört und verlangten von ihnen, dass ihr Sohn nach Usbekistan komme, um zu „reden.“ Die Behörden weigerten sich jedoch, eine offizielle Vorladung auszustellen. Muratov ist sich sicher, dass hinter all diesen Verhören und Schikanen ein politisches Motiv steckt.

Während der Proteste im Juli

Nach Bekanntwerden der vorgeschlagenen Verfassungsänderungen, kam Bewegung in die karakalpakischen sozialen Medien in Almaty: Junge Leute schlugen Streikposten und Kundgebungen vor der usbekischen Botschaft und dem Konsulat vor. Muratov setzte sich für eine mildere Form des Protests ein und wollte stattdessen Unterschriften sammeln und diese anschließend nach Taschkent und Nukus schicken. Bereits kurz nach dem anfänglichen Erfolg der Unterschriftensammlung begannen die kasachstanischen Strafverfolgungsbehörden, sich dafür zu interessieren. Sie teilten ihm mit, dass „diese Situation die zwischenstaatlichen Beziehungen beeinträchtigen kann“ und luden ihn in den Akimat (regionales Exekutivorgan in Kasachstan) ein.

Muratov, Toremuratov und weitere Aktivist:innen kamen zu diesem Treffen. Dort verlangen die Behörden, dass Bürger:innen Kasachstans nicht in ihre Aktionen einbezogen würden. Sie verboten ihnen, Unterschriftensammlungen im großen Stil durchzuführen oder Videoaufrufe zu verbreiten.

Mit dieser Forderung war man natürlich nicht einverstanden und Muratov bat darum, im Konsulat drei Stunden täglich ein Fenster zu öffnen, um Briefe mit abweichenden Meinungen zu den Verfassungsänderungen entgegenzunehmen. Zwar ging das Konsulat auf diese Forderung ein, untersagte jedoch das Informieren via Massenmail über eine solche Gelegenheit. Dann begannen die Proteste in Karakalpakstan.

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In der karakalpakischen Diaspora in Almaty war alles andere als klar, was vor sich ging. Man versuchte zu helfen, doch wusste nicht wie. Schließlich erhielt Muratov einen Anruf vom usbekischen Konsulat, dass vier Vertreter des karakalpakischen Parlaments aus Nukus eingetroffen seien und die Situation mit der örtlichen Diaspora besprechen wollten. Diese war an den Gesprächen allerdings nicht sehr interessiert und wollte lieber Spenden für humanitäre Hilfe sammeln. Die Parlamentsvertreter wiesen diese Idee jedoch zurück und erklärten, dass in Nukus „alles in Ordnung“ sei.

Am folgenden Tag wurde Muratov zur örtlichen Polizeidienststelle vorgeladen. Vertreter des nationalen Sicherheitskomitees aus Usbekistan waren anwesend. Er wurde mehrere Stunden verhört und sein Handy wurde durchsucht. Doch anstatt ihm zu drohen, wollte man Muratov dazu bringen, andere aus der Diaspora zu beeinflussen und sich ruhig gegenüber den Protesten zu verhalten.

Es folgten Druck auf und Verhaftungen von Aktivist:innen der karakalpakischen Diaspora in Kasachstan, wobei die Anschuldigungen absurd seien, meint Muratov. Ein Beispiel sei Raisa Hudaybergenova, nach welcher gefahndet wurde, weil sie am 2. Juli bei den Demonstrationen in Karakalpakstan in alkoholisiertem Zustand ein Video auf YouTube gestellt haben soll, in dem sie die verfassungsmäßige Ordnung Usbekistans angreife. Dabei konnten mehrere Leute bezeugen, dass sie am besagten Tag ihrer Tätigkeit als Ärztin in einer Privatklinik in Almaty nachging.

„Ein Prozess der Herausbildung einer nationalen Identität ist nicht absehbar“

Jalgasbek Urazymbetov wurde in Turkmenistan geboren und lebte ab seinem sechsten Lebensjahr in einer Stadt nahe Nukus. Nach seinem Schulabschluss studierte Urazymbetov Astronomie in Taschkent. Da sein Beruf beim Zusammenbruch der Sowjetunion nicht besonders gefragt war, wurde er Unternehmer.

In seiner Kindheit führte der Amudarya um einiges mehr Wasser als heutzutage; durch die intensive Landwirtschaft nimmt der Wasserpegel des Flusses ständig ab. Wegen des Wassermangels kommt es wiederum zu Konflikten zwischen Bauern. Dieses Problems wollte sich Urazymbetov annehmen.

Im Jahr 2010 zog er nach Kasachstan und investierte in ortsansässige Unternehmen. Eines seiner Projekte widmete sich Wasseraufbereitungsanlagen mit dem Ziel, Menschen in seiner Heimat Karakalpakstan zu helfen. Er besucht auch regelmäßig sein Büro in Nukus: „Mein Vater, mein Bruder und meine Schwester sind dort. Trotz aller Schwierigkeiten halten die Menschen durch, weil sie diesen inneren Stolz haben. Es ist der Stolz ihrer Republik, ihre Flagge und ihr Wappen. Wenn jemand sie kriegen wollte, war es nur natürlich, dass sich die Leute wehrten.“ Als ethnischer Karakalpake wolle er mit seinen Landsleuten kommunizieren, erzählt Urazymbetov.

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So schloss er sich in Almaty einer Gruppe von Menschen aus Karakalpakstan an, mit denen er bis heute in Kontakt ist: „Unsere Aufgabe ist es, Kultur und Sprache zu bewahren. Wenn Leute aus Karakalpakstan nach Kasachstan kommen, wechseln sie rasch zur kasachischen Sprache, weil sie dem Karakalpakischen sehr ähnlich ist. Ich sage ihnen dann, sie sollen Karakalpakisch zusammen sprechen, dafür würde man sie nicht umbringen. Wir, die Diaspora in Almaty, sind nicht gegen die kasachische Sprache. Wir wollen einfach nur in unserer Sprache miteinander kommunizieren. Das hat dazu geführt, dass die Karakalpak:innen, die hier sind, nicht zögern, auf Karakalpakisch zu kommunizieren. Keiner verbietet es.“

Schweren Herzens erinnert sich Urazymbetov an die Juli-Ereignisse in Karakalpakstan: „Es waren schwierige Tage. Doch das ist Politik; ich versuche, mich da nicht einzumischen. Im August war ich dort, keine interethnischen Spannungen. Karakalpakstan ist ein multiethnisches Land und dort leben gewöhnliche Menschen wie bisher. Aber jeder hat verstanden, dass die Souveränität der Republik nicht aufgehoben werden darf; das würde die Einheimischen sehr treffen“, sagte er. Doch die Verhaftungen von Aktivist:innen in Almaty beunruhigen auch Urazymbetov.

Almas Kaısar für Vlast

Aus dem Russischen (gekürzt) von Michèle Häfliger

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via Vlast
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Durch die Osteuropastudien an der Universität Bern auf den Geschmack Zentralasiens gekommen und bereits in Usbekistan, Kirgistan und Kasachstan gereist

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