Proteste in Karakalpakstan: Ein Zeuge berichtet

Seit der blutigen Niederschlagung von Protesten in der im Westen Usbekistans gelegenen autonomen Republik Karakalpakstan Anfang Juli, ist die Region vom Internet angeschnitten. Informationen dringen kaum nach außen, es herrscht Ausnahmezustand. Dennoch ist es dem kasachstanischen Nachrichtenportal Masa.media gelungen, mit einem Zeugen der Ereignisse zu sprechen. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Am 1. Juli gingen in Nukus, der Hauptstadt Karakalpakstans, sowie in anderen Städten Menschen auf die Straße. Dies geschah nach der Festnahme des Anwalts und unabhängigen Journalisten Dauletmurat Tajimuratov.

Zuvor hatte Tajimuratov angekündigt, dass am 5. Juli in Nukus eine friedliche Kundgebung gegen die Verfassungsänderungen stattfinden werde. An diesem Tag sollte die offene Diskussion über den Gesetzentwurf zur Verfassungsänderung zu Ende gehen. Die Bürger:innen waren mit den vorgeschlagenen Änderungen zu Kapitel 17 unzufrieden, durch die Karakalpakstan den Status der Souveränität sowie das Recht auf Abspaltung von Usbekistan verlieren sollte.

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Am 4. Juli gab die Generalstaatsanwaltschaft von Usbekistan bekannt, dass es [während der Proteste, Anm. d. Red.] 18 Tote gegeben habe. Es gibt aber auch andere Zahlen: So veröffentlichte die Präsidentin der internationalen Menschenrechtsstiftung „Open Dialogue“ Lyudmyla Kozlovska eine Liste mit 13 getöteten und 85 vermissten Demonstrierenden.

Bis jetzt [der Originalartikel erschien am 20. Juli, Anm. d. Red.] ist das Internet in Karakalpakstan abgeschaltet. Die Einwohner:innen sind nur noch telefonisch erreichbar. Die meisten Leute weigern sich, Details über die Ereignisse mitzuteilen, da die Gefahr besteht, abgehört zu werden. Es ist uns [der Redaktion von masa.media, Anm. d. Red.] gelungen, mit einem der Teilnehmer an den Protesten darüber zu sprechen, was passiert ist und wie die Situation im Land heute ist.

„Ich habe gesehen, wie Kugeln aus Menschen gezogen wurden“

N. ging am 1. Juli zur Kundgebung, kehrte aber auf Drängen seiner Angehörigen bald nach Hause zurück: „Die Jungs und ich gingen in die Stadt, um zu sehen, was los war. Alle versammelten sich auf dem Markt. Wir hatten nicht vor, an der Kundgebung teilzunehmen, entschieden uns aber zu bleiben, um das Ausmaß der Unzufriedenheit zu zeigen. Alles geschah spontan. Am Abend kehrte ich nach Hause zurück. In der Nacht auf den 2. Juli sagte man, dass bereits Menschen getötet wurden. Dann wurde das Internet abgeschaltet.

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Unter den Inhaftierten befand sich der jüngere Bruder eines Freundes. Er wurde aber freigelassen, weil er minderjährig ist. Der Klassenkamerad meines Bruders und zwei seiner Freunde wurden 15 Tage lang eingesperrt. In ihrer Gegend sind die Polizeireviere überfüllt, also wurden sie an einen anderen Ort gebracht. Nach Angaben der inhaftierten Freunde wurde ein Bürger von der Polizei brutal verprügelt. Sein Bein war gebrochen und er war mit blauen Flecken übersät. Ein Freund sagte, dass dort Tausende von Häftlingen seien.“

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N. studiert Medizin. Als er hörte, dass es im Krankenhaus nicht genug Ärzte gab, ging er am 3. Juli als Freiwilliger zu den Verwundeten: „Ich habe persönlich gesehen, wie Kugeln aus Menschen gezogen wurden. Einem wurde eine Kugel aus dem Kopf gezogen. Zum Glück ging sie nicht durch den Schädel und er überlebte.

Ein Bürger behauptete, er sei gerade mit seiner Frau spazieren gegangen, als ihn eine Kugel traf. Er selbst ist behindert – ein Arm fehlt. Ein Arzt aus dem Krankenhaus wollte Verwundete abholen, er wurde aber nicht zu ihnen gelassen. Man hielt ihm eine Waffe an den Kopf und verlangte, dass er geht.“

„Keiner von uns hatte Waffen“

Die usbekische Botschaft in Kasachstan verbreitete die Information, dass die Proteste in Karakalpakstan durch die Unterstützung externer Kräfte angeregt wurden. Demnach hätten „die Randalierer, die sich durch die Straßen bewegten, erhebliche Schäden an der Infrastruktur der Stadt angerichtet, die Fenster von Gebäuden eingeschlagen und Feuer gelegt. Darüber hinaus unternahmen mehrere Gruppen mehrere Versuche, die Gebäude der Polizei von Nukus sowie der Nationalgarde zu stürmen, um Waffen zu beschlagnahmen.“

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N. widerspricht dem und bestreitet Plünderungen: „Es gibt Fernsehsender in Nukus, aber im Fernsehen wird nicht viel gesagt. In Taschkent heißt es in den Nachrichten, dass wir nationalistische Dorfjungen sind, dass wir gegen die Usbeken sind und dass wir usbekische Soldaten töten. Keiner von uns hatte Waffen. Es gab keine Plünderer unter uns. Es wurden lediglich Steine ​​auf die Spezialkräfte der Polizei geworfen.“

„Alle haben Angst“

Das Internet ist auf dem Gebiet von Karakalpakstan abgeschaltet. Vom 3. Juli bis 2. August wurde der Ausnahmezustand ausgerufen, offiziell „um die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten, ihre Rechte und Freiheiten zu schützen und Recht und Ordnung wiederherzustellen“. Während des Ausnahmezustands gilt eine Ausgangssperre von 21 bis 7 Uhr. Das usbekische Außenministerium erläuterte, das Internet sei abgeschaltet worden, um die Verbreitung von „Fake News“ und die „Beteiligung von Bürgern an verfassungsfeindlichen Aktivitäten“ zu verhindern.

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Karakalpak:innen, die in Kasachstan arbeiten, kontaktieren ihre Verwandten telefonisch. Einer von ihnen sagt, dass sein inhaftierter Bruder freigelassen wurde, aber er weigert sich, den Protest telefonisch mit ihm zu besprechen: „Alle bitten darum, nicht danach zu fragen, weil ihre Telefone abgehört werden oder sie Angst davor haben. Ich habe gehört, dass während der Proteste Drohnen gestartet wurden. Sie werden verwendet, um Teilnehmer zu identifizieren und festzunehmen.“

Laut N. ist es jetzt relativ ruhig in Nukus, aber Patrouillen gehen durch die Straßen und überprüfen die Menschen und ihre Handys auf Fotos und Videos von den Kundgebungen. Wenn sie etwas finden, halten sie sie fest: „Ich musste alles löschen. Es gibt viele Teilnehmer unter meinen Bekannten, aber es ist unwahrscheinlich, dass sich einer von ihnen äußern wird. Alle haben Angst.“

Masa.media

Aus dem Russischen von Robin Roth

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Hat Politologie und Slavistik in Göttingen und Torun studiert. Von 2015 bis 2017 war er Sprachassistent des Goethe-Instituts Kasachstan mit dem Einsatzort Qaragandy und hat während dieser Zeit Zentralasien kennen und lieben gelernt.

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