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Corona-Pandemie bringt Probleme in Kasachstans Bildungswesen ans Licht

Wegen der Coronavirus-Pandemie und der Eindämmungsmaßnahmen mussten die Bildungseinrichtungen in Kasachstan zum Online-Unterricht übergehen. Viele bereits lange bestehende Probleme im Bildungswesen sind dadurch nur deutlicher und akuter geworden.

Vor zwei Jahren haben die Schülerinnen und Schüler aus Kasachstan zum vierten Mal an der internationalen PISA-Studie (Programme for International Student Assessment – die internationale Schulleistungsuntersuchungen der OECD) teilgenommen. Diese testet die Kenntnisse 15-jähriger Schüler in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz. In allen drei Fächern waren die Ergebnisse des Jahres 2018 niedriger als in den Vorjahren. Kasachstan belegte von insgesamt 79 getesteten Ländern den 69. Platz.

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Der kasachstanische Minister für Bildung und Wissenschaft, Ashat Aimaģambetov kommentierte die Situation im Dezember letzten Jahres auf seiner Facebook-Seite. „Erstmals für Kasachstan wurde der Test digital durchgeführt. Für unsere Kinder war es die erste Erfahrung dieser Art“, erklärte Aimaģambetov und wies darauf hin, dass auch in anderen Ländern die ersten digitalen Tests mit niedrigeren Ergebnissen einhergingen. Außerdem hatten die Schüler, die an der Prüfung teilnahmen, noch nach dem alten Schulprogramm gelernt.

Und dennoch: „Es gibt Probleme und die sind sehr ernst“, schloss er. „Die Ergebnisse gaben auch eine Antwort auf die Frage, ob wir Änderungen in der Schulbildung brauchen und es ist offensichtlich, dass ja.“

Pandemie verdeutlicht Probleme

Probleme offenbarte nicht nur die PISA-Prüfung, sondern auch die Coronavirus-Pandemie. Eine ihrer Folgen war die Umstellung der Beschulung auf Fernunterricht. Dabei erwiesen sich Internetverbindung und technologische Ausstattung als ungeeignet für Online-Unterricht.

Laut dem Speedtest Global Index liegt Kasachstan bei Breitband-Internetzugang weltweit an 65. Stelle (von 173), bei mobilem Internet an 99. (von 138). Die Geschwindigkeit und Qualität des Internets waren für Fernunterricht nicht ausreichend, so dass das Land sogar auf Online-Unterricht in Schulen verzichtete.

Im Gespräch mit der kasachstanischen Onlinezeitung Informburo.kz erklärte Aimaģambetov Anfang April: „Das Internet in unserem Land ist nicht dafür geeignet, dass 2,5 Millionen Kinder durch Online-Systeme unterrichtet werden. Damit die Kinder sich besser Wissen aneignen, haben wir entschieden, dass es nicht notwendig ist, Unterricht über Online-Streaming durchzuführen“.

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Ein weiteres technisches Problem ist die Ausrüstung der Schulen, Lehrkräfte und Schüler mit Computern. Wie der Bildungsminister erklärte, haben 300 000 Schülerinnen und Schüler in Kasachstan keinen Computer zur Verfügung; das sind mehr als zehn Prozent. Zudem haben viele Haushalte nicht einmal Internetzugang.

Lehrkräfte kaum vorbereitet, Abschlussprüfungen bleiben analog

Der Online-Unterricht war auch für die Lehrkräfte eine Herausforderung. Die Pandemie hat ihre Arbeit stark beeinflusst und sie mussten ihre gesamte Arbeit umorganisierten. Natalya Petrova lehrt Russisch und Literatur an einer Schule in Petropavl, im Norden Kasachstans. „Als das Lernen auf Fernunterricht umgestellt wurde, mussten wir erst einmal neue Kenntnisse über die Verwendung von Internet-Technologien erwerben“, erklärt sie.

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Die Technik war dabei nicht die einzige Herausforderung. Petrova zufolge gab es ein weiteres offensichtliches Problem: Es ist schwer zu kontrollieren, wie die Schülerinnen und Schüler ihre Aufgaben erfüllen „In dieser Hinsicht“, betont die Lehrerin, „musste man viele verschiedene Versionen von Klausuren und Kontrollarbeiten erstellen und mehr kreative Aufgaben geben, die nicht abgeschrieben werden können.” Denn nicht immer erledigten Schülerinnen und Schüler ihre Aufgaben ehrlich und selbständig. Aber nur so ist es unmöglich, die Arbeiten der Schüler objektiv zu kontrollieren und zu bewerten. Außerdem ist es komplizierter Team- und Gruppenarbeiten umzusetzen, besonders bei schwacher Internetgeschwindigkeit und -qualität.

Andererseits hat der Fernunterricht auch wichtige Vorteile. Laut Petrova löst Fernunterricht das Problem des Fehlens im Unterricht. Darüber hinaus kann man auch zusätzliche Unterrichtseinheiten (zum Beispiel Vorbereitung auf Wettbewerbe) digital geben. Dies setze aber eine gute Internetverbindung sowie funktionierende Computer bei allen Schülerinnen und Schülern voraus.

Die Schulabschlussprüfungen (ENT, Einheitlicher Nationaler Test) finden dieses Jahr trotz Epidemie offline statt. Allerdings unter Einhaltung bestimmter Hygieneregeln: Die Zahl von Prüflingen in einem Raum wird reduziert, sie müssen Gesichtsschutz tragen und zwei Meter Abstand zueinander halten. Ihre Kleidung wird desinfiziert und vor der Prüfung wird ihre Temperatur gemessen.

Unterfinanzierte Bildung

Abgesehen von technischen Hindernissen, leidet das Bildungssystem in Kasachstan auch an einer mangelnden Finanzierung. Im Jahr 2018 gab Kasachstan laut Weltbank 2,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für den Bildungsbereich aus. Im Vergleich dazu betrugen im gleichen Jahr die gesamtstaatlichen Ausgaben für Bildung innerhalb der Europäischen Union durchschnittlich 4,6 Prozent des BIP.

Auf der dritten Sitzung des Nationalrates für öffentliches Vertrauen Ende Mai hat Kasachstans Präsident Qasym-Jomart Toqaev die Ausbildung zu den „wichtigsten Wirtschaftsbereichen“ gezählt. „Im Durchschnitt geben wir für einen Schüler knapp 1000 US-Dollar pro Jahr aus. In den Top zehn Länder der PISA-Rangliste liegt der Wert hingegen zwischen 10 und 14 000 US-Dollar“, betonte das Staatsoberhaupt. Ihm zufolge ist es notwendig, bis 2025 die staatlichen Bildungsausgaben zu versechsfachen.

Im vergangenen Jahr hatte Toqaev bereits die niedrigen Gehälter von Lehrkräften bemängelt: „Der Lohn [von Lehrkräften] ist immer noch relativ niedrig und liegt nur bei 65 Prozent des Durchschnittslohns.“ Er rief die Regierung dazu auf, das Gehalt von Lehrenden innerhalb der nächsten vier Jahre zu verdoppeln.

Mögliche Prognosen

Somit seien laut Toqaev mangelnde Mittel und Reformen die Hauptursachen der Probleme im Bildungsbereich Kasachstans. Die Schulinfrastruktur sei jedoch besonders wichtig für eine qualitativ hochwertige Bildung. Deswegen bräuchten Schulen auch gut ausgestattete Räume. „Bis 2025 sollen 800 neue Schulen mit mehr als 650 000 Plätzen, 114 Internate für Schulen im ländlichen Raum, mehr als 700 Sporthallen gebaut werden“, so Toqaev. Auch die Anforderungen für die Aufnahme ins Lehramt sollen angehoben werden, so der Präsident.

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Unter Umständen könnte die Coronavirus-Krise solche Reformen im Bildungsbereich nun sogar beschleunigen. In einer Analyse für das Central Asian Analytical Network stellt der Politikwissenschaftler Daniyar Kusainov mögliche Prognosen auf. Seiner Meinung nach könne das Bildungsministerium aus der Pandemie lernen und die Qualität des Bildungssystems verbessern, vor allem in Sachen Digitalisierung.

Es ist aber auch möglich, dass niemand Schlussfolgerungen zieht und alle weiter nach dem üblichen Schema arbeiten: Immer mehr Reformen und immer weniger Verantwortung für sie“, fügt Kusainov hinzu. Ihm zufolge ist es „unwahrscheinlich“, das Kasachstan nach der Krise „Fernunterricht für seine Bürger auf ein grundsätzlich neues Level anhebt“. Damit folge das Land einem internationalen Trend: „Wie in den meisten Ländern sehen Politiker und Bildungsinstitute in dieser Art des Lehrens lediglich ein Instrument, um die laufende Krise zu meistern, aber nicht einen Hauptkanal zum Wissenstransfer“, schließt Kusainov.

Aizhan Zhansultanova
Journalistin für Novastan.org

Redaktion: Florian Coppenrath

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