Sie stritt mit dem Wesir und half den Armen: Gúlsim Asfendiıarova, die erste kasachische Ärztin

Gúlsim Asfendiıarova war eine der ersten kasachischen Frauen, die an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert den Beruf der Ärztin ergriffen. Der Name Asfendiıarov ist vor allem dank Gúlsims jüngeren Bruders bekannt – Sanjar Asfendiıarov, einem Staatsmann, nach dem die medizinische Universität in Almaty benannt wurde. Es war aber Gúlsim, die den Namen Asfendiıarov erstmals mit der Medizin in Verbindung brachte. Aus Anlass des Weltfrauentages 2021 erzählte Tengrinews, wie die erste kasachische Frau in der Medizin lebte und ihrem Volk diente. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Gúlsim Asfendiıarova wurde 1880 in Taschkent in der Familie des Militärübersetzers Seıtjafar Asfendiıarov und seiner Frau Gúlandam Qasimova, Urenkelin von Abylaı Khan, geboren. Ihr Vater diente unter dem Generalgouverneur von Turkestan. 1916 wurde er als Generalmajor pensioniert. Er war außerdem Ritter des Bukhara-Ordens des Goldenen Sterns, erster Klasse. Die Eltern unterrichteten alle ihre Kinder zu Hause. Anschließend erlaubte Gúlsims Vater ihr trotz der patriarchalischen Verhältnisse in der Region, weiter zu lernen. Im Jahr 1891 schrieb sie sich am Taschkenter Frauengymnasium ein und erhielt 1899 ein Zertifikat über den erfolgreichen Abschluss des Gymnasiums.

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1897 wurde in St. Petersburg das Medizinische Institut für Frauen eröffnet, die erste Einrichtung in Europa, an der Mädchen eine höhere Ausbildung erhalten konnten. Der Eintritt in das Institut in der Hauptstadt war ein mutiger und verantwortungsvoller Schritt für ein junges Mädchen aus der Region Turkestan, das zum ersten Mal seine Heimat verließ. Gúlsim bestand die Aufnahmeprüfungen erfolgreich. Im Alter von 22 Jahren ging sie zum Studium in die ferne Hauptstadt, zusammen mit Zeınab Abdruhmanova, einer anderen Kasachin, die ebenfalls Stipendiatin des Instituts wurde.

Das Leben eines jungen Mädchens in St. Petersburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts war voller Schwierigkeiten. Im Zarenreich kam es zu Bauernaufständen, terroristischen Anschlägen auf Staatsmänner und organisierten Arbeiterdemonstrationen, die zu Massenstreiks führten. Zum ersten Mal in ihrem Leben war Gúlsim von zu Hause weg und musste sich in der Hauptstadt allein den Härten des Lebens stellen, wo sie oft hungerte und im windigen Petersburg fror. Im Jahr 1906 hatte das Mädchen jedoch das Glück, ihren Vater zu sehen, als er mit Gesandten aus Buchara in St. Petersburg eintraf. In ihrem letzten Jahr am Institut wurde sie von ihrem geliebten jüngeren Bruder Sanjar Asfendiıarov besucht, der wie seine Schwester Medizin studieren wollte, aber zufällig bei den Kadetten der Militärmedizinischen Akademie landete. Die Männer der Familie unterstützten das zarte, aber hartnäckige Mädchen in allem.

Rückkehr nach Turkestan

In ihrem letzten Jahr am Institut dachte Gúlsim ernsthaft über ihre künftige Arbeit als Ärztin in ihrem Heimatland und im Dienst der Menschen nach. Das Mädchen schrieb zwei Anträge auf eine Stelle als Bezirksarzt im Militärbezirk Turkestan, von denen der erste an die Militärmedizinische Direktion Turkestan geschickt wurde: „Nachdem ich einen Kurs am Medizinischen Institut für Frauen in St. Petersburg absolviert hatte und sowohl die sartsche als auch die kirgisische Sprache gut beherrschte, war es für mich sehr wünschenswert, unter einer Nationalität zu arbeiten, die mir vertraut und nahe ist. Ich bitte Sie in aller Bescheidenheit, mich zum Dorfarzt von Tamerlanowka im Kreis Shymkent zu ernennen.“

Gúlsim wagte es, ihr zweites Bewerbungsschreiben für eine Anstellung in derselben Ärztestation direkt an Zar Nikolaus II. zu richten: „Ich habe den Wunsch, in den Dienst Eurer Majestät als Bezirksarzt im Militärbezirk Turkestan, im Dorf Tamerlanowka, Kreis Shymkent, Bezirk Syrdarya, einzutreten, und ich bitte Eure Majestät um Erlaubnis, meinem Gesuch stattzugeben und mich zum Dienst im Militärbezirk Turkestan zu ernennen.“

Dem Antrag von Gúlsim wurde in weniger als einem Monat stattgegeben. Sie wurde in den öffentlichen Dienst übernommen und als Ärztin in einer kleinen Krankenstation in Tamerlanowka eingesetzt, wo sie für rund 8000 Menschen zu sorgen hatte. Nach mehreren Jahren harter Arbeit in Tamerlanowka wurde sie in die Krankenstation von Pop versetzt, wo die Arbeitsbedingungen etwas einfacher waren, aber auch die sanitären Bedingungen deutlich verbessert werden mussten. Die Armut und der Mangel an zugänglichen Medikamenten führten dazu, dass die engagierte Fachfrau Gúlsim persönlich die Wohnräume der Patienten inspizierte und mit der Landbevölkerung über persönliche Hygiene und Gesundheitspflege sprach.

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Im Jahr 1912 wurde im Bezirk Xiva der Bau des städtischen Krankenhauses abgeschlossen, und der Großwesir des Bezirks lud Gúlsim zur Arbeit ein und wandte sich an den Vater des Mädchens. Seıtjafar Asfendiıarov überbrachte Gúlsim eine Nachricht des Großwesirs und erhielt als Antwort einen Brief von seiner Tochter:

„Lieber Vater! In Beantwortung Ihres Schreibens vom 14. November über die Bedingungen, unter denen ich als Ärztin in das Krankenhaus in Xiva aufgenommen werden könnte, das ab Juni 1913 geöffnet sein wird, kann ich Ihnen Folgendes mitteilen:

Ich stehe seit vier Jahren als Bezirksärztin im russischen Staatsdienst und erwarte, dass ich am Ende meiner Dienstzeit von dieser Regierung eine Rente erhalte, die mein Leben im Alter sichert. Gegenwärtig erhalte ich in diesem Dienst ein Jahresgehalt von 2680 Rubel und 59 Kopeken für Zulagen für Mahlzeiten, einen Dolmetscher, Reisekosten und andere Ausgaben, und ab Juni nächsten Jahres erhalte ich für die ersten fünf Jahre eine Sonderzahlung in Höhe von 20 Prozent meines Gehalts, das heißt 290 Rubel. Alles in allem werde ich ab Juni nächsten Jahres 2970 Rubel und 59 Kopeken erhalten.

Ich wohne in der Nähe der Bahnlinie und habe daher große Freude daran, mit Ihnen zu kommunizieren. Sie haben mir einen Brief des Ehrenwerten Wesirs Akbar Islam Hadschi geschickt, in dem seine Exzellenz Sie bittet, mir die Bedingungen mitzuteilen, unter denen ich in Xiva in dem neu eröffneten, Krankenhaus dienen kann. Diese Frage hat mich in eine sehr schwierige Lage gebracht, denn Einrichtungen wie Spitäler und Kliniken haben einen Beamtenstab, der im Voraus erstellt und veröffentlicht wurde.

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Wenn die Bedingungen, die ich gestellt habe, von denen abweichen, gerate ich in eine sehr unangenehme Lage, und deshalb kann ich Ihnen jetzt nicht antworten. Ich glaube, dass diese Frage durch das gnädige Ermessen Seiner Gnaden Hazreti Khan geklärt werden kann. Ich bitte Sie, lieber Vater, Seine Exzellenz Wesir Akbar Islam Hadschi Beantwortung seines Schreibens an Sie vom 25. Oktober dieses Jahres über all dies zu informieren. Ich fühlte mich sehr geehrt, als mir das Angebot gemacht wurde, eine Stelle in einem Frauenkrankenhaus in Xiva anzutreten, wo es zuvor kaum Ärztinnen gab.

Sollte ich durch die Gnade von Hazreti Khan nach Xiva berufen werden, würde ich sehr gerne in gutem Glauben zum Wohle der muslimischen Bevölkerung meiner Heimat arbeiten und versuchen, mir die hohe Aufmerksamkeit von Hazreti Khan, den Würdenträgern unter Seiner Gnade sowie das Vertrauen und die Gunst der Menschen in Xiva zu verdienen. Ganz liebe Grüße, Umma Gúlsim Asfendiıarova.“

Dieser Brief sagt viel über den Charakter des Mädchens und ihren Respekt vor ihrem Vater, der sie ebenfalls sehr respektierte.

Von Xiva nach Taschkent

1913 öffnete das städtische Krankenhaus im Bezirk Xiva seine Türen, und Gúlsim nahm ihre Tätigkeit als Geburtshelferin unter der Aufsicht eines Oberarztes auf. Sie war von ihrer neuen Aufgabe begeistert und stellte sich gerne in den Dienst des einfachen Volkes, obwohl die Mittel für die medizinische Versorgung in diesem Gebiet sehr gering waren. Im Stadtkrankenhaus von Xiva führte Gúlsim den ersten Kaiserschnitt in der Region durch und rettete damit eine Frau in den Wehen und ihr Baby.

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Doch 1914, als Russland in den Ersten Weltkrieg eintrat, musste Gúlsim auf Wunsch ihres Vaters, der mit dem Militär verbunden war, nach Taschkent zurückkehren. Mit seiner Hilfe gelang es ihr, in Taschkent eine eigene Abteilung für Geburtshilfe und Gynäkologie mit 30 Betten zu eröffnen. Neben ihrer medizinischen Arbeit engagierte sich Gúlsim in Taschkent auch im politischen Leben. Im Jahr 1918 war sie Delegierte aus Taschkent auf dem allrussischen Kongress der muslimischen Frauen. Sie wurde auch zum Mitglied des vorläufigen zentralen Organisationsbüros der muslimischen Frauen Russlands gewählt.

Nach ihrer Rückkehr nach Taschkent setzte Gúlsim ihre medizinische Arbeit als Leiterin des städtischen Entbindungsheims fort und nahm gleichzeitig am politischen Leben Turkestans teil, indem sie ihren Bruder Sanjar unterstützte, Hilfe für die Hungernden und Mittellosen zu organisieren. 1920 gründete Gúlsim unter der Schirmherrschaft des Muslimischen Büros Hebammenausbildungskurse und unterrichtete persönlich in der Physiologie der Schwangeren. Wenig später wurden die Kurse an die Medizinische Fachschule in Taschkent verlegt, wo Gúlsim noch viele Jahre lang unterrichtete.

Sie verband ihre Lehrtätigkeit erfolgreich mit ihrer neuen Tätigkeit im Kinderkrankenhaus von Taschkent, die sie 1922 aufnahm. Gúlsim wurde auch in den Stadtrat gewählt, klärte die Bevölkerung weiterhin über die Bedeutung der Gesundheitsfürsorge auf und schrieb Artikel über die Gesundheit von Müttern und Kindern für Zeitschriften.

Gúlsim Asfendiıarova war nicht verheiratet und hatte keine Kinder. Sie widmete ihr Leben voll und ganz der Medizin und dem Dienst an den Menschen. Leider ist über ihre späteren Jahre wenig bekannt. Sie führte ein verschlossenes Leben, da ihr jüngerer Bruder Sanjar zum Volksfeind erklärt wurde. Dennoch sind der Name und die Erinnerung an Gúlsim Asfendiıarova zu einem festen Bestandteil der Geschichte des kasachischen Volkes geworden. Trotz vieler Hindernisse wurde sie nicht nur die erste kasachische Ärztin, sondern leistete auch einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der Medizin und half bei der Geburt tausender Neugeborener.

 Tengrinews

Aus dem Russischen von Aigerim Kozhakhmetova

 

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