Köl-Fest: Ein Pionier in der kirgisischen Festivallandschaft

Lokale nachhaltige Entwicklung durch ein globales Kunst- und Musikevent – so lautet das Prinzip des kirgisischen Musikfestivals Köl-Fest. Im Vorfeld der dritten Edition des Festivals spricht einer der Gründer, Tschingis Batyrbekow mit Novastan darüber, wie das gelingen kann und wie das Köl-Fest die zentralasiatische Musikszene verändert.

Drei Tage voller Musik verschiedenster Genres auf drei Stages zwischen Kunstgalerien und Jurtencamps mit Ausblick auf den See Yssykköl. Zu dieser Erfahrung lädt das Köl-Fest zwischen dem 15. und 17. Juli Musiker:innen, Künstler:innen und Besucher:innen aus aller Welt ein. Nachdem das Festival 2019 seine Premiere als das erste Musikfestival Kirgistans feierte und 2020 pandemiebedingt ausfallen musste, war im vergangenen Jahr die Zukunft des Festivals unklar. Doch der Gründer und Vorsitzende Tschingis Batyrbekow, der eigentlich als Politikwissenschaftler und Dozent für Menschenrechte an der Amerikanischen Universität Zentralasiens in Bischkek tätig ist und ehemals bei den Vereinten Nationen beschäftigt war, ging das Risiko ein und plante eine Großveranstaltung in pandemischen Zeiten. Und die größtenteils ehrenamtliche Arbeit zahlte sich aus. Alle Erwartungen übersteigend besuchten um die 1000 Gäste das Köl-Fest. Im Gespräch mit Novastan erzählt Tschingis von den Hintergründen dieses Erfolgs, wie ein Musikfestival, Nachhaltigkeit sowie sozioökonomische Entwicklung zusammenhängen und was er sich für die Zukunft des Köl-Fests wünscht.

Wie kam es zu der Idee, in Kirgistan erstmalig ein Musikfestival zu veranstalten?

In 2018 fanden zum dritten Mal in Kirgistan die World Nomad Games (Wettbewerb für nomadische Sportarten Zentralasiens, Anm. d. Red.) statt und das Interesse der Tourismusbranche war immens. Kirgistan wurde zu einem interessanten Land mit einer interessanten Kultur, das vom Massentourismus noch unentdeckt war. Bekannte aus Deutschland, die auch die Nomad Games besucht hatten, fragten danach, ob es Musikfestivals gäbe. Zu der Zeit war das nicht der Fall, aber die Nomad Games zeigten, dass internationale Events möglich sind, das Interesse da ist und Tourist:innen ins Land kommen. Ungefähr zu der Zeit entwickelte sich zunehmend die Kunst- und Musikszene in Bischkek und insgesamt in Zentralasien. In Usbekistan fand bereits das Stihia (elektronisches Musikfestival auf dem Grund des ausgetrockneten Aralsees, Anm. d. Red.) statt. Auch in Kasachstan gab es mehrere Festivals.

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Etwas war in Bewegung und es war ein guter Moment, um ein Musikfestival zu organisieren. Also sind mein Freund David, der zwar deutscher Diplomat ist, aber in seiner Freizeit auch auflegt, und ich die Sache angegangen. Wir konnten noch drei andere Deutsche für unser Vorhaben gewinnen. Damals war das Ganze ein informeller Zusammenschluss unter Freunden – die einen aus der Musikbranche, die anderen aus der Entwicklungszusammenarbeit. Uns einen unsere Wertevorstellungen. Humanitäre Entwicklung, das Vorankommen Kirgistans in der Welt ist uns allen wichtig. Und letztlich war das Festival 2019 ein großer Erfolg: Wir erhielten von den Allermeisten positives Feedback. Wir wussten, dass wir weitermachen müssen.

Tschingis Batyrbekow

Das erste Köl-Fest hat das Motto Diversity and Interaction getragen, letztes Jahr hieß es Recovery. Wie sieht es in diesem Jahr aus?

Dieses Jahr lautet unser Motto Crossroads, was viele Bedeutungen trägt. Einerseits spiegelt es unser Prinzip der interkulturellen Begegnung wider, andererseits befinden wir uns im Angesicht der weltpolitischen Lage an einem Scheideweg. Und auch das Köl-Fest selbst steht dieses Jahr an einem Scheideweg. Wir wollen dieses Jahr die infrastrukturelle Organisation verbessern und entscheiden, welche Richtung das Festival hinsichtlich des Publikums und der Musik einschlagen soll. Unser Multi-Genre-Konzept erlaubt zwar verschiedene Genres an einem Ort zu hören, aber vielleicht wäre es auch besser, Menschen zu vereinen, die sich vollkommen in der Musik wiederfinden. Wir stehen also vor vielen Fragen, wie wir weitermachen können.

Was macht aus deiner Sicht das Köl-Fest einzigartig?

Unser Ziel ist es ein gemeinschaftsorientiertes Setting zu schaffen, in dem die Menschen verschiedener Kulturen durch ihre gemeinsamen Werte und Interessen verbunden sind. Es geht darum, die Erfahrung zu ermöglich, gemeinsam mehrere Tage zu verbringen, Musik aus aller Welt verschiedener Genres zu hören. Wir möchten in einem 50:50 Verhältnis Menschen aus Zentralasien und Menschen aus anderen Teilen der Welt zusammenbringen. Wir haben verstanden, dass die zentralasiatische Repräsentation sehr wichtig ist. Leider konnten wir eine Teilnahme von turkmenischen Musiker:innen nicht organisieren, auch wenn die Kontakte eigentlich da sind, aber zumindest sind vier von fünf Staaten vertreten. Das alles macht unser Festival auf jeden Fall einzigartig.

Mit dem Köl-Fest und dem damit zusammenhängenden Tourismus wollt ihr die nachhaltige Entwicklung der Region stärken. Wie schätzt ihr eure Auswirkungen ein? Steht ihr im Kontakt mit der Tourismusbranche und mit der Bevölkerung? Wie stehen sie zum Köl-Fest?

Wir haben in diesem Jahr ein Forum mit Repräsentanten des Tourismusministeriums und anderen relevanten Akteuren eingerichtet, um eben die Rolle des Köl-Fests zu besprechen. Jetzt wo wir das Festival zum dritten Mal austragen, können wir besser einschätzen, wie es von der Bevölkerung wahrgenommen wird. Wir haben auch davor mit der lokalen Bevölkerung geredet. Verschiedene Menschen sagen nun mal verschiedene Dinge. Einige lieben das Festival, weil sie innerhalb von drei Tagen gut verdienen können, andere fühlen sich in ihrem Alltag gestört. Junge Leute aus der Region lieben es. Sie haben die Chance, freiwillig auszuhelfen, mit Musikern zu sprechen, ihr Englisch zu üben. Wohingegen ihre Eltern eher skeptisch sind, weil sie nicht das Festival nicht einschätzen können. Sie machen sich Sorgen darum, dass das Festival zu liberal sei.

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Uns erreichten auch Vorschläge, das Festival an einem abgelegenen Ort zu veranstalten. Aber uns ist wichtig, dass die Einwohner:innen der Dörfer Teil vom Köl-Fest sind, die Werte verstehen und sehen, was es ihnen bringt. In diesem Jahr veranstalten wir auch ein Konzert für die lokale Bevölkerung, um einerseits Danke zu sagen und andererseits zu zeigen, dass elektronische Musik schön sein kann und sie sich keine Sorgen machen brauchen. Tourismusverbände hingegen verstehen natürlich den Einfluss des Köl-Fests. Auch wenn das Festival selbst nur drei Tage andauert, kommen viele wieder zurück. Auch Menschen aus Bischkek zeigen sich überrascht darüber, wie schön das Südufer des Yssykköls ist. Das Nordufer ist nämlich zum Urlaubmachen deutlich beliebter. Durch das Forum wollen wir also sehen, was die Interessen von uns und der Tourismusbranche sind, wo unsere gemeinsamen Ziele liegen.  Die Ergebnisse dessen sind auch wegweisend für die Zukunft des Köl-Fests.

Wie hat das Köl-Fest die zentralasiatische Musikszene bisher beeinflusst?

Als wir 2019 angefangen haben, gab es kein einziges Musikfestival einer solchen Größenordnung. Und in diesem Sommer finden in Kirgistan mindestens vier große Musikevents statt und das schließt nicht die Vielzahl an kleineren Veranstaltungen ein. Ich kann natürlich nicht behaupten, dass das Köl-Fest dafür verantwortlich ist. Wir beobachten aber, wie unsere DJs mehr und mehr eigene Projekte organisieren, sich mit anderen Musiker:innen vernetzen. Das Köl-Fest wurde also zu einer Art Plattform.

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Und auch die regionale Vernetzung innerhalb Zentralasiens hat zugenommen. Wir kooperieren in diesem Jahr mit Kasachstan und Usbekistan, unter anderem mit dem Stihia-Festival, was für uns eine große Besonderheit ist. Wir haben sie besucht, sie besuchen uns, wir teilen die gleichen Herausforderungen und wir beide haben gute Lösungsansätze. Außerdem haben wir Gäste aus der Musik- und Kunstbranche aus verschiedenen Ländern eingeladen, die ihre Erfahrungen mit unseren Musikern und Künstlern teilen können. Dazu haben wir ebenso ein Forum eingerichtet.

Zentralasiatische Musiker:innen und Künstler:innen können innerhalb dieses Rahmens erfahren, wie sie auf internationalen Festivals auftreten können, welche Plattformen sie nutzen können, wie sie sich also in die internationale Kunst- und Musikindustrie integrieren können. Das Köl-Fest möchte dazu beitragen, die zentralasiatische Musikszene weltweit bekannter zu machen. Anfang der 2000er gab es eine große Festivalbewegung von West- nach Osteuropa, vielleicht sind wir als nächstes dran (lacht).

Vor welchen Herausforderungen steht das Köl-Fest?

Das Köl-Fest muss in vielen Bereichen eine Balance zwischen verschiedenen Interessen finden. Wie schon gesagt, müssen wir Wege finden, von der lokalen Bevölkerung akzeptiert zu werden. Wir setzen hier eher auf den sozioökonomischen Aspekt als auf die Musik, indem die Bevölkerung am Tourismus verdienen kann. Gleichzeitig ist es schwer für uns eine Position zu finden, ob wir eher auf die Musik oder eher auf den Tourismus ausgerichtet sind, wer unsere Zielgruppe ist. Einige Leute könnten denken, es sei eine Veranstaltung nur für ausländische reiche Tourist:innen, die wissen hingegen nichts vom Köl-Fest. Aus demselben Grund ist es nicht leicht, Sponsoren zu finden. Lokalen Unternehmen ist unser Publikum zu international, internationalen Unternehmen sind wir zu klein.

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Eine andere Herausforderung ist, dass uns einheimische professionelle Mitarbeiter:innen mit Festivalerfahrung wie Stage-Manager:innen und auch Technikexpert:innen in Kirgistan fehlen. Wir brauchen Menschen, die mindestens zwei Sprachen beherrschen und davon sollte eine Kirgisisch sein, um mit der Bevölkerung kommunizieren zu können. Wir leisten Pionierarbeit: Wir schaffen gerade Stage-Manager:innen, Festivalorganisator:innen und Technikexpert:innen, die drei Bühnen  über drei Tage gleichzeitig profihaft bespielen können. Für mich persönlich besteht die Herausforderung darin, mich als Politikwissenschaftler in der Musikbranche zu etablieren und Vertrauen zu wecken. Das erfordert sehr viel Einsatz. Wir organisieren dieses große professionelle Festival mit einem nicht-professionellen Team und kaum Förderung. Hoffentlich können wir das dieses Jahr überwinden.

Was ist eure Vision für die Zukunft des Köl-Fests?

Unser Ziel ist es zunächst einmal das Köl-Fest ökonomisch nachhaltig und uns unabhängig von Sponsoren zu machen. In diesem Jahr werden wir zum Beispsiel von einer Schweizer Entwicklungsagentur unterstützt, aber das ist langfristig nicht tragfähig. Neben der Finanzierung des Festivals selbst streben wir an, das ganze Jahr über ein Büro mit ein paar Festangestellten zu betreiben. Dann müssten wir nicht sechs Monate zwischen den Veranstaltungen pausieren, könnten mit den Musiker:innen in Kontakt bleiben und größere Projekte planen. Um das zu realisieren, sehe ich eine große Chance in der Kooperation mit unseren zentralasiatischen Partnern. Wenn wir uns als zentralasiatische Union etablieren, könnten wir leichter Fördermöglichkeiten in Anspruch nehmen. So eine Plattform würde unseren Musikern größere Freiheiten außerhalb der jetzigen limitierten Rahmenbedingungen geben. Nur als Popmusiker kannst du aktuell von der Musik leben. Sonst ist eine musikalische Karriere schwer, für die meisten ist es eher eine Leidenschaft. Insgesamt wollen wir wachsen, aber das in kleinen Schritten. Wir wollen nicht einfach mit den Zahlen wachsen, sondern in der Qualität. Die Kerngemeinschaft, unsere Wertebasis und unser Anspruch auf Nachhaltigkeit sollen bleiben.

Das Interview führte Jana Rapp für Novastan

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