Jonele K-Pop Gruppe aus Kirgistan

Feminismus, Trap und K-Pop: Neues aus der kirgisischen Musikszene

Der Herbst bringt viele musikalischen Innovationen in Kirgistan mit sich und zeigt eine offene und vielfältige Musikszene. Ein Einblick in fünf Stücken.

Kirgisische Musik beschränkt sich längst nicht mehr auf traditionellen Gesang und sowjetisch-geprägte „Estrada“ Popmusik. Die Musikindustrie professionalisiert sich und umfasst immer mehr Genres und Stilrichtungen, um sie herum entstehen auch neue Label, Produktionszentren und Modeprojekte, die sich überwiegend über Instagram vermarkten.

Besonders die kirgisischsprachige Musik ergründet neues Terrain. Allein im Laufe der vergangenen Monate konnten sich die kirgisischen Musikliebhaber an mehreren musikalischen Experimenten erfreuen – oder sich über vermeintliche Plagiate oder Tabubrüche aufregen. So ist Musik einerseits ein Medium für lokale gesellschaftliche Debatten, andererseits ein Ausdruck verschiedener internationaler Einflüsse, besonders aus dem benachbarten Kasachstan.

Eine Auswahl von fünf Stücken aus den vergangenen drei Monaten illustriert diese Entwicklung, an der brandneue Projekte genauso teilhaben wie etablierte Popstars.

Zere – Kyz

 

Mit ihrem ersten Stück Kyz (dt. Mädchen) erreichte die 19-jahre alte Zere gleich weltweite Aufmerksamkeit. In einem selbst entworfenen Videoclip ruft die Sängerin zu mehr persönlichen Freiheiten für Mädchen auf und träumt von einer Zeit, „in der mir niemand sagt, was ich anziehen und tun soll“.

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Zere schrieb den Text absichtlich auf Kirgisisch, um ihre Message auch der oft ländlicheren kirgisischsprachigen Bevölkerung nahezubringen. Der Clip, gefilmt am ikonischen Issikkölsee, ist bewusst provokativ: eine Gruppe junger Frauen rund um Zere, selbst in Anzug und BH, steht für Vielfalt und Selbstbestimmung, ob mit bunten Haaren und Piercing oder langer Kleidung und Kopftuch.

Es folgte Kritik, teils gar Morddrohungen, und viel Unterstützung. Nicht zuletzt mischte sich auch Zeres Vater, eigentlich gegen ihren Willen, in die Debatte ein und lobte sie als eine „frei denkende Tochter des freien Kirgistan“.

Tamga – Maida 

Die Sängerin Tamga ist womöglich kurz davor zu einer führenden Stimme im kirgisischen Hip-Hop zu werden. Mit ihrem Debüttitel Maida (dt. klein/ unbedeutend) bieten sie und die Produzenten des Chingiz Albert Team eine frische musikalische und visuelle Ästhetik im bislang eher männerdominierten Rap.

Der Text ist ein Appel an eben diese Männerwelt: „Wo ist deine Würde?“ wiederholt der Refrain. Thema sind „aktuelle Probleme im Verhalten, der Moral und der Würde unserer jungen Männer, zukünftigen Vätern und Beispiele für ihre Familien und das Land als Ganzes“, so die Beschreibung auf Instagram. „Wir sind der Ansicht, dass alle Probleme durch einen normalen konstruktiven Dialog gelöst werden können, den wir über unsere Kunst aufbauen wollen“.

Der Clip zeigt zudem Eindrücke aus der lokalen Tanz- und Modeszene und bewirbt die Kleidung des jungen Bischkeker Modeunternehmens Eldejok.

Mirbek Atabekow und Kamschat Dscholdybajewa – Tingda meni

Mirbek Atabekow gilt als der Superstar der kirgisischen Popmusik. Der herausragende Videoclip zu seinem Stück Muras (Erbe) erreichte gar drei Millionen Klicks auf Youtube, was etwa der Hälfte der kirgisischen Bevölkerung entspricht. Üblicherweise steht Atabekow für leichte Liebeslieder oder patriotische Stücke.

In seiner Zusammenarbeit mit der kasachstanischen Sängerin Kamschat Dscholdybajewa geht er mehr künstlerisches Risiko ein. Das Stück Tingda meni (dt. Hör mir zu) ist ganz auf Kasachisch und mit einem fast Tarantino-artigen Kurzfilm als Videoclip versehen, wo Atabekow als Mitglied einer kriminellen Gruppierung eine Romanze mit der Frau seines Chefs eingeht.

Die Reaktionen auf sozialen Medien sind geteilt. Während einige Nutzer die hochwertige Qualität des Clips, Atabekows Schauspieltalent oder die gelungene nachbarliche Zusammenarbeit lobten, kritisierten andere die allzu sexuellen und gewalttätigen Szenen und dass das Stück auf Kasachisch gesungen wurde.

Belyi und The OM – La Vida Loca

La Vida Loca der zwei russischsprachigen MCs Belyi und The OM wendet sich gewiss an ein anderes Zielpublikum, das auf Kraftausdrücke und Tabubrüche weniger sensibel reagiert. „Scheiß auf ihre Regeln!“ heißt es gleich in einer der ersten Zeilen des Stücks, aufgenommen durch das vor einem Jahr gegründete Musiklabel Biblioteka Rec.

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Weiter geht es um harte Selbstverwirklichung und Hedonismus, auf Höhen, wo „das Leben wie ein karamellsüßer Urlaub schien“. Die kritischen Kommentare richten sich aber weniger gegen den Inhalt, als gegen den allzu deutlichen kasachstanischen Einfluss auf den ersten Teil des Stücks, „eine eindeutige Kopie von Truwer oder von Skriptonits Jeltsin-Flow.

Jonele – Kyich

„Das ist nicht Korea, das ist Kirgistan“, beginnt der Videoclip wie eine Ankündigung für die K-Pop Gruppe Jonele (Dschön-Ele, kirg. für „einfach so“), fünf Jungs mit bunten Haaren, die dem Genre vermeintlich erstmals eine kirgisische Stimme geben. Auch der Stil ist aus Bischkek: die Marke EldeJok ist offizieller Designer der Band, produziert von der Bischkeker Firma „Serebrov Production“.

Der kulturelle Einfluss von Südkorea in Zentralasien macht sich schon mehrere Jahre bemerkbar. In Bischkek findet mit der Unterstützung der koreanischen Botschaft jährlich ein K-Pop Festival statt, immer mehr koreanische Geschäfte verkaufen importierte Artikel für Liebhaber und auch die Zahl der Südkoreaner in Kirgistan ist in den letzten drei Jahren um 30 Prozent gestiegen, berichtet die BBC in einem Beitrag zur „koreanischen Welle“.

Dass das Publikum mit dem Genre K-Pop gut vertraut ist, zeigt sich auch in den verhaltenen Kommentaren zum Debütclip von Jonele. Zahlreiche Nutzer sehen in der Gruppe vor allem eine Kopie ihrer koreanischen oder kasachstanischen Pendants: „Wo ist eure Individualität? […] Ihr müsst ausgezeichnete Musikanten, Sänger und Tänzer sein. In Kasachstan hat noch keiner das Niveau von 91 (die bekannteste kasachstanische K-Pop Gruppe, Anm. d. Red.) erreicht, und ihr kommt dem nicht einmal nahe. Aber dennoch wünsche ich euch Glück und hoffe, dass ihr meine konstruktive Kritik berücksichtigt“, so Emmma.

 Florian Coppenrath

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