Die Eroberung der Hauptstadt – Junge Frauen über ihren Umzug aus der Provinz nach Taschkent

Wie jede andere Großstadt, zieht auch Taschkent Menschen aus anderen Regionen an. Junge Frauen haben es jedoch nicht immer leicht, in die Hauptstadt umzuziehen. Gesellschaftlicher Druck schränkt sie nicht selten in ihren Möglichkeiten ein und die Eltern haben oft große Sorge um ihre Töchter. Gazeta.uz sprach mit jungen Frauen aus unterschiedlichen Regionen Usbekistans über ihren Umzug, ihre Karriere und die Rolle der Frau in der usbekischen Gesellschaft. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Muhlisa Orifzhonova (23 Jahre)

Muhlisa zog von Fargʻona nach Taschkent. Sie ist Absolventin der Staatlichen Universität Fargʻona und der University of World Economy and Diplomacy. Sie arbeitet als Spezialistin in der internationalen Abteilung der Agentur für Bildungseinrichtungen des Präsidenten und für die gemeinnützige Organisation Digital Generation Uzbekistan.

Vor dem Umzug nach Taschkent war mein Leben recht vielfältig. In der Schule nahm ich an einigen Wettbewerben teil und besuchte unterschiedliche Kurse. Ich hatte immer viele Leute um mich herum und hatte nie Angst, neue Freunde zu finden. Jeden Tag habe ich versucht, an mir zu arbeiten, habe jeden Abend vor dem Schlafen mindestens eine Stunde gelesen und wollte alles selbstständig erledigen. Während der Schulzeit träumte ich davon, zu studieren, im Ausland zu arbeiten und einen Verlag für Bücher in Brailleschrift zu gründen.

Die größte Veränderung nach dem Umzug nach Taschkent war die Einsamkeit. Es war sehr schwer, sich daran zu gewöhnen, dass meine Mutter oder Schwester mir nicht entgegengelaufen, wenn ich vom Studium oder der Arbeit nach Hause komme. Oder dass ich nicht mit meinem jüngeren Bruder spielen kann, dass es keine Weisheiten von Opa gibt, dass ich meinen Vater nicht fragen kann, was heute gekocht wird… Es scheint, den wahren Genuss des Lebens erkennt man erst, wenn man beginnt, weit entfernt von seinen Liebsten zu leben. Über den ganzen Tag hinweg ist man von vielen Leute umgeben, interagiert mit ihnen, aber am Ende des Tages sitzt man daheim allein, schaut einen Film oder liest ein Buch. Auf eine Art ist das eine wertvolle Erfahrung. Zumindest hat es mich gelehrt, Ziele zu setzen.

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Hier in der Hauptstadt herrscht sehr große Konkurrenz. Meine Kolleg:innen hatten bessere Sprachkenntnisse und mehr berufliche Erfahrung. Es hat mich dazu motiviert, mich weiterzuentwickeln. Mein Umfeld hat mir nach dem Umzug geholfen. Eine meiner Kolleginnen verstand meine Gefühle und gab mir Ratschläge. Ich habe gelernt, dass man nicht immer schlau sein muss, damit das Leben etwas leichter ist, sondern dass man in der Lage sein muss, Hilfe von anderen Menschen anzunehmen. Außerdem habe ich aufgehört, meine Zeit mit jedem zu verschwenden und habe gelernt, „Nein“ zu sagen. Dadurch, dass ich schon früher in einer Stadt gelebt habe, fiel es mir nicht schwer, mich an das Leben in Taschkent zu gewöhnen, aber es war anstrengend, Geld sparen zu lernen.

Warum heiraten die meisten jungen Frauen ein bis zwei Jahre nach Beginn der Universität? Vielleicht fürchten sie sich, Entscheidungen für ihre eigene Zukunft zu treffen. Viele denken, dass ihre Eltern die richtigen Entscheidungen für sie treffen. Außerdem können junge Frauen oft nicht frei entscheiden. So wachsen wir von klein auf heran: auf dem Basar kaufen wir die Kleidung, die Mama für uns ausgesucht hat, im Restaurant essen wir das, was Papa bestellt hat. Ein Kind wird selten gefragt, was es selbst möchte. Außerdem denke ich, dass viele Eltern es für eine wichtige und dringende Aufgabe halten, ihre Töchter erfolgreich zu verheiraten. Nach dem Motto: So jetzt studiert sie und dann sollte sie heiraten. Meine Familie wollte, dass ich mich vollkommen auf das Studium konzentriere. Besonders meinem Großvater war es wichtig, dass wir gebildete Menschen werden.

Am schwersten hat es wohl meine Mutter. Wenn Verwandte oder Bekannte ihr sagen, „Muhlisa ist an der Universität, sie sollte doch jetzt heiraten“, antwortet sie, dass eine junge Frau während des Studiums nur lernen sollte. Ich weiß, dass es Mama jetzt auch schwerfällt. Manchmal erzählt sie von den Enkel:innen ihrer Freundinnen und dann fällt mir auf, dass sie sich nicht besonders gut fühlt. Aber nicht alle Töchter von Mamas Freundinnen, die geheiratet haben, sind glücklich geworden. Möglicherweise hat Mama mich beschützt, weil sie viele solcher Fälle gesehen hat. Auch ich selbst hatte während des Studiums kein Interesse an einer Mitgift oder Hochzeit. Warum gibt man einem Mädchen zur Hochzeit eine hohe Mitgift und kauft ihr neue Kleidung, aber nicht, wenn sie studieren geht? Auf der Arbeit sind wir wie eine Familie, wir helfen einander und essen zusammen zu Mittag. Sie freuen sich über meinen Erfolg mehr als ich das selbst tue und denken immer an meinen Geburtstag. Manchmal scheint es mir, als würde ich wie zuhause arbeiten.

In unserer Gesellschaft gibt es eine sehr merkwürdige Ansichtsweise: eine Frau kann entweder in der Familie oder in der Karriere erfolgreich sein. Aber es gibt doch auch Frauen, die beides sind. Ich habe viele von ihnen kennengelernt. Für mich persönlich ist es die Hausarbeit nicht wert, sie der Karriere vorzuziehen. Und die berufliche Karriere sollte auch kein Grund sein, die Familie aufzugeben. Natürlich habe ich nichts dagegen, wenn eine Frau ihr Leben der Familie widmet – vorausgesetzt, dass sie das selbst möchte. Aber eine Frau, der sowohl Familienleben als auch der Beruf gefallen, sollte das machen können, was sie möchte. Was mich betrifft, so möchte ich weiterhin arbeiten. Kann sein, dass das schwierig wird, aber es lässt sich bewältigen. Wir wollen, dass die Gesellschaft frei ist und wollen, dass unsere Kinder frei aufwachsen können. Ob wir es wollen oder nicht, ein Kinder verbringt mehr Zeit mit seiner Mutter. In unserer Gesellschaft können viele Mütter ohne die Erlaubnis des Ehepartners oder der Schwiegereltern nicht auf die Straße gehen. Sie können nicht einmal mit Gästen daheim sprechen. Wie soll ein unfreier Mensch ein selbstständiges Kind erziehen?

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Mir gefällt es nicht, dass Menschen häufig Entscheidungen über die Zukunft von Frauen treffen, ohne auch nur mit ihnen gesprochen zu haben. Außerdem missfällt mir, dass das Potenzial von Frauen unterschätzt wird, dass es Vätern peinlich sein kann, auf die Entbindungsstation zu gehen, weil sie eine Tochter bekommen haben. Ich finde es schrecklich, dass es die Meinung gibt, Frauen sollten nicht stark sein, sondern dumm. Aber am meisten stört mich, dass selbst Frauen Opfern von Gewalt sagen: „Schau her, ich ertrage es und lebe so lange und glücklich“. Oder dass sie sagen: „Kein Rauch ohne Feuer“, und so sexuellen Missbrauch von Frauen rechtfertigen. In unserer Gesellschaft herrscht eine sehr negative Einstellung gegenüber geschiedenen Frauen und Opfern von Gewalt. Wenn eine Frau geschieden ist, schließen sich alle Türen für sie. Das Leben ist zu kurz, um auf seine Freuden zu verzichten, um zu Hause zu sitzen, nichts zu tun und darüber nachzudenken, was andere Leute sagen.

Den Frauen würde ich sagen, sie sollen in erster Linie auf sich selbst hören. Niemand kennt euch, eure aktuelle Situation, eure Stärken und Schwächen besser als ihr selbst. Was macht euch glücklich? Was verschafft euch Zufriedenheit? Was sind eure Pläne für die nächsten drei Monate, ein, zwei, zehn Jahre? Was muss man jetzt machen, um in fünf Jahren mit sich selbst zufrieden zu sein? Eine genaue Antwort zu erhalten, beginnt damit, die richtigen Fragen zu formulieren. Stellt euch Fragen und beantwortet sie selbst. Seid sehr vorsichtig bei der Wahl von Menschen, auf deren Rat ihr hört. Und das wichtigste: Lernt, wie man selbstständig glücklich wird. Niemand trägt Verantwortung für euer Glück. Man kann sein Glück nicht teilen, solange man sich nicht selbst glücklich fühlt. Glück ist eine sehr subjektive Sache, die man sich selbst erschafft.

Inara Asanova (23 Jahre)

Inara zog aus dem Gebiet Sirdaryo  nach Taschkent. Sie absolviert ein Fernstudium im vierten Jahr an der Gulistan State University und ist Projektmanagerin bei der Social Media Marketing Agentur 605.

Ich habe mich schon immer für Marketing interessiert. Aber viele Eltern in den Regionen verstehen einfach nicht, dass Mädchen nicht nur Lehrerinnen und Ärztinnen werden können und dass das normal ist. Es war etwas schwierig für mich, ins Social Media Marketing reinzukommen. Einerseits war in meinem Umfeld wenig Verständnis für diese Fachrichtung da, andererseits konnte ich keinen Mentor finden. Es blieb also nicht anderes übrig, als mir alles im Internet anzueignen. 2018 habe ich auf Empfehlung eines Freundes angefangen, im Marketing zu arbeiten. Anschließend habe ich freiberuflich als Werbetexterin gearbeitet.

Während der Pandemie habe ich dann beschlossen, nach Taschkent umzuziehen und dort Marketing zu studieren, weil Social Media Marketing in den Regionen nicht besonders verbreitet ist. Die Menschen wissen nicht, was das ist. Ihnen scheint es, dass Werbung nur im Fernsehen oder auf Werbetafeln existieren kann. Inzwischen versteht mein Umfeld, was ich mache, und ist damit einverstanden, dass ich in der Hauptstadt arbeite. Aber am Anfang war auch Angst da: Sie hatten keine Bedenken, dass ich mich selbst verteidigen kann, sondern, dass ich mich mit dem Coronavirus infizieren könnte. Am stärksten hat sich Mama meiner Entscheidung widersetzt. Sie arbeitet beim Epidemiologischen Dienst und war mit der Situation gut vertraut. Mein Vater hat gesagt: „Wenn das dein Herzenswunsch ist und du glaubst, dass das ein guter Beruf für dich ist, werde ich dem nicht im Weg stehen.“

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Taschkent hat mich verändert. Ich habe mir immer Mühe gegeben, aber die Hauptstadt hat mich gelehrt, für mich zu kämpfen. Außerdem war es früher mein Ziel, nach Taschkent zu ziehen und irgendetwas zu studieren, und inzwischen möchte ich international Erfahrung sammeln. Nachdem ich begann, die Universität zu besuchen, haben wir in der Familie übers Heiraten gesprochen. Ich habe von meinen Zielen erzählt und gesagt, dass ich erst bereit bin, eine Familie zu gründen, nachdem ich mir eine Karriere aufgebaut habe. Ich muss meinen Bachelor beenden und danach auch eventuell ein Masterstudium. Eine Familie zu gründen ist keine einfache Aufgabe.

In unserer Gesellschaft werden Mädchen schon von klein auf darauf vorbereitet, einen Haushalt zu führen. Dann heißt es: „Du wirst einmal Hausfrau“. Viele gehen an die Uni, um eine gute Ehe einzugehen. Für Frauen, die während ihres Studiums eine Familie gegründet haben, ist es nicht leicht, beiden Rollen gerecht zu werden. Wenn es unausweichlich wird zu wählen, opfern viele die Bildung. So ist es einigen meiner Bekannten ergangen. Es gefällt mir nicht, wie die Familien vieler meiner Altersgenossinnen entgegen den Wünschen ihrer Töchter handeln. Wenn sie beispielsweise Informatik studieren möchte, heißt es, dass sie auf diesem Feld nichts erreichen wird. Oder wenn sie im Ausland studieren will, wird sie nicht gelassen. „Du bist doch ein Mädchen, was werden da die Leute sagen?“ Es desillusioniert, dass Mädchen von Anfang an nicht auf den Bildungsweg, sondern auf das Führen eines Haushaltes vorbereitet werden.

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Wenn ich eine Familie gründe, dann werden ich auf jeden Fall weiterhin arbeiten gehen. Die Familie steht an erster Stelle, aber wenn ein Mann seine Frau unterstützt, dann wird er ihr keine Steine in den Weg legen und ihr erlauben, gleichzeitig arbeiten zu gehen und sich um die Familie zu kümmern. Ein Mädchen sollte an der eigenen Entwicklung arbeiten. Um ihre Ziele zu erreichen, sollte sie sich bilden, was auch immer sie interessiert. Man sollte mit der Familie über seine Entscheidungen sprechen und die eigenen Gedanken ohne Angst zu haben teilen. Man sollte Sprachen lernen. Das erweitert den eigenen Horizont.

Madina Ochilova (21 Jahre)

Madina zog aus dem Bezirk Qorako’l  im Gebiet Buchara nach Taschkent. Sie studiert im vierten Jahr an der Universität für Journalismus und Publizistik. Madina ist Reporterin bei Kun.uz.

Mit 18 Jahren begann ich mein Studium an der Universität für Journalismus und Publizistik und zog nach Taschkent. Ich habe mich gründlich auf den Studienbeginn vorbereitet. Eine der Aufnahmebedingungen waren Veröffentlichungen in Massenmedien, deshalb habe ich jeden Monat mein Material an die Bezirkszeitung geschickt. Im College bin ich zu einem Repetitor für Literatur, für Englisch und meine Muttersprache gegangen. Nach schlaflosen Nächten zur Prüfungsvorbereitung hatte ich Glück, als Studentin aufgenommen zu werden. Da habe ich verstanden, wie groß die Zufriedenheit sein kann, die man nach mühsamer Arbeit empfindet. Als ich nach Taschkent umgezogen bin, hat sich mein Leben verändert. Ich habe angefangen, mein Leben selbstständig zu planen, bin finanziell unabhängig geworden und habe gelernt, unabhängig von meinen Eltern zu leben und meine Probleme selbst zu lösen. Meine Kindheit hat mich verlassen oder ich sie.

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In Bezug auf meine Berufswahl wurde ich viel ermahnt: „Das ist ein schwieriger Beruf, er passt nicht zu dir. Wie willst du arbeiten, wenn du heiratest?“ Die Angst meiner Umgebung hat bei mir zu Depressionen geführt. Genau in dieser Zeit hat mein Papa mich unterstützt. Er hat gesagt: „Wenn du dir ein Ziel gesetzt hast, dann bleib auf dem Weg. Bewirb dich bei der Journalistenschule.“ Mama hat sich immer Sorgen gemacht und oft gesagt: „Ich hoffe, dass das, was du veröffentlichst, dir nicht selbst schadet.“ Aber sie freut sich, wenn sie meine Artikel liest. Wenn meine Mama nicht wollen würden, dass ich in der Hauptstadt arbeite, dann hätte sie mich nicht zum Studium geschickt.

Bei Kun.uz arbeiten wenig Journalistinnen. Aber dass ich eine Frau bin, hat nie zu negativer oder feindseliger Stimmung geführt. Die Kollegen schützen ihre Kolleginnen vor „gefährlichen“ Fällen. Die Journalistinnen werden respektiert, was für ein gesundes Arbeitsumfeld spricht. Ich schätze das Team für seinen menschlichen Umgang. In unserer Gesellschaft gibt es das Klischee, dass ein Mädchen nicht unbedingt lernen muss. Ich würde allen Mädchen empfehlen, zu lernen, auch wenn es dieses Klischee gibt. Sie sollten Sprachen lernen und ihre Möglichkeiten vollends ausnutzen. Und wenn sie keine Möglichkeiten haben, dann sollten sie sich diese selbst schaffen.

Og’abek Samisov für Gazeta.uz

Aus dem Russischen von Marie Schliesser

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