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	<title>Kasachstan Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
	<lastBuildDate>Tue, 04 Aug 2026 10:58:18 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Kasachstan Archives</title>
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		<title>“Meine letzte Hoffnung ruht nun auf der Republik Kasachstan”: zwei russischen Aktivist:innen droht die Abschiebung aus Kasachstan</title>
		<link>https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/meine-letzte-hoffnung-ruht-nun-auf-der-republik-kasachstan-zwei-russischen-aktivistinnen-droht-die-abschiebung-aus-kasachstan/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Aug 2026 10:58:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Aktivist]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In Kasachstan droht zwei russischen Antikriegs- und Menschenrechtsaktivist:innen die Abschiebung in ihr Heimatland, wo sie mit gro&#xDF;er Wahrscheinlichkeit eine lange Haftstrafe und Folter erwartet. Der Fall wirft Fragen &#xFC;ber die immer enger werdenden Beziehungen der EU zu den zentralasiatischen L&#xE4;ndern auf. Seit dem Ausbruch des Ukrainekriegs hat sich Kasachstan zu einem der beliebtesten Ziele f&#xFC;r [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>In Kasachstan droht zwei russischen Antikriegs- und Menschenrechtsaktivist:innen die Abschiebung in ihr Heimatland, wo sie mit großer Wahrscheinlichkeit eine lange Haftstrafe und Folter erwartet. Der Fall wirft Fragen über die immer enger werdenden Beziehungen der EU zu den zentralasiatischen Ländern auf.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit dem Ausbruch des Ukrainekriegs hat sich Kasachstan zu einem der beliebtesten Ziele für ausreisewillige Russen und Russinnen entwickelt, die vor der Mobilisierung und politischen Verfolgung in ihrem Heimatland flüchten. Bis Mitte 2024 betrug die Zahl der russischen Staatsbürger:innen, die sich in Kasachstan seit Anfang des Krieges niedergelassen hatten, bereits knapp 80.000.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/fluchtziel-kasachstan-eine-reportage-aus-qostanai-wo-hunderte-russen-aufgenommen-wurden/">Fluchtziel Kasachstan – Eine Reportage aus Qostanaı, wo Hunderte Russen aufgenommen wurden</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun steht jedoch die Abschiebung zweier Oppositioneller – Julija Emelianowa und Mansur Mowlajew – nach Russland im Raum, wo sie aufgrund ihrer politischen Tätigkeit zu einer längeren Haftstrafe verurteilt und der Folter unterzogen werden könnten. Beide Gefangenen haben Appelle an den kasachstanischen Präsidenten <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Kassym-Jomart_Tokayev">Qasym-Jomart Toqaev</a> gerichtet, um ihre Abschiebung zu verhindern.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Eine &#8222;wahre Hölle&#8220;</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die 35-jährige Emelianowa war in St. Petersburg im Team des russischen Oppositionellen Aleksej Nawalnyj aktiv. 2021 wurde sie im Rahmen breitflächiger Razzien gegen oppositionelle Aktivist:innen unter dem Vorwurf, sie hätte das Mobiltelefon eines Taxifahrers im Wert von 130 Euro gestohlen, von russischen Polizeibeamt:innen verhaftet und im polizeilichen Gewahrsam gehalten. Emelianowa und ihr Anwalt beteuern ihre Unschuld und betrachten das Verfahren als politisch motiviert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">“<em>Diese beiden Tage wurden für mich zur wahren Hölle – aufgrund der folterähnlichen Haftbedingungen und der grausamen, meine Würde verletzenden Behandlung: Man entzog mir systematisch den Schlaf, indem ich wiederholt aus meiner Zelle geholt und von männlichen Polizeibeamten einer Leibesvisitation unterzogen wurde – ein Vorgehen, das bereits für sich genommen unzulässig ist,</em>” schreibt Emelianowa in ihrem Appell an den Präsidenten Kasachstans. <em>“Doch damit war es nicht genug: Während der gesamten Haftzeit wurde mir der Gang zur Toilette verweigert, was zwangsläufig zu entwürdigenden und demütigenden Situationen führte. Um die Misshandlung zu vertuschen, wurde meinem Rechtsanwalt der Zugang zu mir verweigert – was ebenfalls eine klare Verletzung meiner Rechte darstellt.</em>”</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/kasachstan-angst-russischer-exilantinnen-vor-abschiebung-waechst/">Kasachstan: Angst russischer Exilant:innen vor Abschiebung wächst</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst nachdem gedroht wurde, ihre Schwester als Mittäterin in den Fall zu verwickeln, willigte sie ein und unterschrieb ein falsches Geständnis.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ermittlungen weisen zahlreiche Irregularitäten auf: Es wurden keine Fingerabdrücke vom angeblich gestohlenen Handy genommen, um sie mit Emelianowas zu vergleichen, und der angebliche Geschädigte wurde während des Verfahrens in Abschiebehaft genommen und aus Russland ausgewiesen.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Um ihrer drohenden Haftstrafe zu entkommen, wanderte Emelianowa 2022 in die georgische Hauptstadt Tiflis aus, wo sie ukrainischen Geflüchteten und russischen Politgefangenen im Rahmen der humanitären Projekte „Emigration for Action“ und „Just Help“ Unterstützung leistete. Im August 2025 wurde sie auf dem Weg nach Da Nang in Vietnam, wo sie sich um ein behindertes Familienmitglied sorgen wollte, während ihres Inlandfluges von Almaty nach Astana von kasachstanischen Polizeibeamt:innen verhaftet und in Gewahrsam genommen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch in Kasachstan litt Emelianoea unter der Willkür des kasachstanischen Justizsystems.</p>



<p class="wp-block-paragraph">“<em>Nach meiner Festnahme am Flughafen und der Inhaftierung beantragte ich den Asylstatus in der Republik Kasachstan, da ich die im Asylgesetz festgelegten Voraussetzungen erfülle.</em> <em>[&#8230;] Obwohl es sowohl nach innerstaatlichem als auch nach internationalem Recht ausreichende Grundlagen für die Gewährung von Schutz in Kasachstan gibt, lehnte die Kommission, die meinen Fall prüfte, meinen Antrag ab”, </em>so Emelianowas Appell. Sie bezichtigt die kasachstanischen Gerichte der Voreingenommenheit und Willkür, was “<em>ernsthafte Zweifel an der Unparteilichkeit und Kompetenz der entscheidenden Richter aufkommen lassen.</em>”</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>“Ich fürchte ernsthaft um mein Leben und meine Gesundheit, sollte meine Auslieferung an die Russische Föderation tatsächlich vollzogen werden. Sie</em> [Toqaev, Anm. d. Red]<em> sind meine letzte Hoffnung! Ich bitte Sie eindringlich, sich persönlich für eine gerechte Lösung meines Falles einzusetzen, dessen Ausgang – im wörtlichen Sinne – über mein Leben entscheidet. [&#8230;] Ich bin davon überzeugt, dass für Sie die Menschenrechte keine bloße Formalität sind und dass Sie – wie ich – an die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz glauben</em>”, schreibt Emelianowa.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Fall Mowlajew</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mansur Mowlajew droht dasselbe Schicksal. Der tschetschenische Menschenrechtsaktivist und russische Meister im olympischen Gewichtheben befindet sich seit Mai 2025 in kasachstanischer Untersuchungshaft, nachdem die tschetschenischen Behörden ein Auslieferungsersuchen gegen ihn erließen. Mowlajew hatte zuvor Informationen über Menschenrechtsverletzungen, die in Tschetschenien begangen wurden, an Menschenrechtsorganisationen übermittelt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Verbüßen einer Freiheitsstrafe wurde Mowlajew 2022 von tschetschenischen Sicherheitskräften entführt und gefoltert. Erst kurz zuvor war ein weiterer tschetschenischer Menschenrechtsaktivist und Kollege von Mowlajew, Salman Pepsurkajew, entführt und ermordet worden, nachdem er sich unmenschlichen Gewaltexzessen seitens seiner Peiniger unterziehen musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im August 2022 gelang Mowlajew die Flucht aus der Gefangenschaft. Dank der Unterstützung von in Europa lebenden Exil-Tschetschen:innen und Menschenrechtsorganisationen konnte er sich nach Kirgistan absetzen, dessen Grenze er allerdings aufgrund fehlender Papiere und der drohenden Lebensgefahr illegal überqueren musste. Nach einer sechsmonatigen Haftstrafe in Kirgistan wegen illegaler Grenzüberquerung reiste er nach Kasachstan ein. Doch auch nach Mowlajews Flucht ließen die tschetschenischen Behörden nicht locker. </p>



<p class="wp-block-paragraph">“<em>Nach meiner Flucht wurde ein neues Strafverfahren gegen mich wegen Erpressung eingeleitet. Ich bin überzeugt, dass dieses Verfahren fabriziert wurde, um meine Auslieferung zu erzwingen, mich als gemeingefährlich darzustellen und in den Augen der kasachischen Behörden sowie der internationalen Gemeinschaft zu diskreditieren. Man versuchte auch, mich als Extremisten hinzustellen, obwohl ich keine Gewalttaten begangen habe oder dazu aufgerufen habe,</em>” so Mowlajew in seinem Appell an Toqaev. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Asylantrag des Tschetschenen wurde im Dezember letzten Jahres von den kasachstanischen Behörden abgewiesen, wogegen Mowlajew Berufung einlegte. Im Januar 2026 erließ der stellvertretende Generalstaatsanwalt Kasachstans nichtsdestotrotz den Beschluss, Mowlajew nach Russland auszuliefern. Nur dank der Beschwerden zahlreicher Menschenrechtsorganisationen sowie durch eine einstweilige Verfügung des Menschenrechtsausschusses der Vereinten Nationen wurde die mögliche Auslieferung bis zum Abschluss des Asylverfahrens ausgesetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">“<em>Heute habe ich praktisch niemanden mehr, der mich vor einer Auslieferung schützen könnte. Meine letzte Hoffnung ruht nun auf der Republik Kasachstan und auf Ihnen als Staatsoberhaupt. [&#8230;] Ich bitte Sie, zu verhindern, dass ich wieder in die Hände derer zurückgegeben werde, denen ich einst unter unvorstellbaren Qualen entkommen konnte. Sollte ich ausgeliefert werden, bin ich fest davon überzeugt, dass ich nicht lebend dorthin zurückkehren werde</em>&#8222;, schreibt Mansur in seinem Appell an Präsident Qasym-Jomart Toqaev.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die zwei Gesichter Kasachstans</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Seit dem Ausbruch des Ukrainekriegs hat sich Zentralasien zu einem wichtigen Partner für die EU entwickelt, die dringend Alternativen zu russischen Energieträgern und neue Handelswege nach China sucht. Im April letzten Jahres fand das erste Gipfeltreffen zwischen der EU und Zentralasien statt, bei dem die fünf zentralasiatischen Staatsoberhäupter mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident Antonio Costa über die Zukunft der gegenseitigen Beziehungen und potenzielle Investitionsmöglichkeiten diskutierten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Umgang Kasachstans mit Emelianowa und Mowlajew wirft ein neues Licht auf die Beziehungen der EU zu Zentralasien. Während Europa sich aufgrund des Krieges und zahlreicher verheerender Menschenrechtsverletzungen von Russland abkapseln möchte, werden zentralasiatische Missstände in diesem Bereich wohlwollend unter den Teppich gekehrt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Kasachstan bekennt sich in Europa zu Rechtsstaatlichkeit und internationaler Zusammenarbeit. Gleichzeitig sind dort Schutzsuchende in akuter Gefahr, an genau jene staatlichen Strukturen ausgeliefert zu werden, vor denen sie geflohen sind</em>“, erklärte Edgar Lamm, Vorsitzender der Menschenrechtsorganisation <em>Internationale Gesellschaft für Menschenrechte </em>(IGFM), in einer <a href="https://www.igfm.de/warum-das-schicksal-zweier-russen-von-weltpolitischer-bedeutung-ist/">Stellungnahme</a> zu den Fällen Emelianowa und Mowlajew. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Zusammen mit dem exilrussischen <em>Anti-War Committee</em> und dem Menschenrechtsprojekt &#8222;<em>The Ark</em>&#8220; fordert er den kasachstanischen Staat dazu auf, die Auslieferungsverfahren gegen die beiden Gefangenen “<em>bis zum Abschluss aller Rechtsmittelverfahren</em>” auszusetzen, das völkerrechtliche “Prinzip der Nichtzurückweisung” und politische Neutralität zu beachten und den “<em>Zugang zum Rechtsbeistand sowie ein faires Verfahren sicherzustellen.</em>”</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Der Artikel entstand in Zusammenarbeit mit der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), Deutsche Sektion e.V.</em> D<em>er ursprüngliche Appell ist <a href="https://www.igfm.de/igfm-kasachstan-pm-29-07/">hier</a> einzusehen.</em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Nader Schah Afschar und Irans Einfluss auf Zentralasien vor 300 Jahren</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Fergana News]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 29 Jul 2026 19:18:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Turkmenistan]]></category>
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		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Iran]]></category>
		<category><![CDATA[Nader Schah Afschar]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Fragt man nach dem heutigen Einfluss des Iran auf Zentralasien, f&#xE4;llt die Antwort n&#xFC;chtern aus: Er ist gering. Der anhaltende Konflikt zwischen dem Iran und den USA wirkt dabei als zus&#xE4;tzlicher Hemmfaktor. Auch das Erbe der historischen persischen Kultur ist zunehmend in den Hintergrund ger&#xFC;ckt und spielt im Alltag der Menschen in Zentralasien kaum noch [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Fragt man nach dem heutigen Einfluss des Iran auf Zentralasien, fällt die Antwort nüchtern aus: Er ist gering. Der anhaltende Konflikt zwischen dem Iran und den USA wirkt dabei als zusätzlicher Hemmfaktor. Auch das Erbe der historischen persischen Kultur ist zunehmend in den Hintergrund gerückt und spielt im Alltag der Menschen in Zentralasien kaum noch eine Rolle. Vor rund 300 Jahren stellte sich die Lage jedoch völlig anders dar. Damals stand Zentralasien kurz davor, Teil des Afschariden-Reichs zu werden. Die zentralasiatischen Staatsgebilde von Buchara und Chiwa wären fast gar zur persischen Provinz geworden.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Heutzutage spielt der Iran für die Staaten Zentralasiens keine besondere Rolle mehr. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Teheran">Teheran </a>hat erstaunlich wenig Einfluss auf Kirgistan, Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan – und das, obwohl die geografische Nähe eigentlich einen größeren Einfluss erwarten lässt. Auch der Handel und die Diplomatie mit dem Iran erhalten wenig Aufmerksamkeit. Stattdessen ist der Iran ein Durchgangshub für die chinesische Handelspolitik. So war es aber nicht immer. Blickt man etwa 300 Jahre zurück, ins Jahr 1740, so hätte der persische <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nader_Schah">Nader Schah Afschar</a> mit seiner 100 000-köpfigen Armee beinahe <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Buxoro">Buchara</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Choresmien">Choresmien</a> – heutzutage wichtige Regionen Usbekistans – zu seinen Vasallenstaaten gemacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nader Schah Afschar aus der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Afschariden">Afschariden</a>-Dynastie, der sich vom mittellosen Hirten zum Eroberer Indiens und Bezwinger der Osmanen hochgearbeitet hatte, führte das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Perserreich">Perserreich</a> zu seiner früheren Größe aus der Zeit der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Safawiden">Safawiden</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sassanidenreich">Sassaniden</a> zurück. Nicht nur wegen seines plötzlichen Todes, gelang es dem Schah nicht, in Zentralasien Fuß zu fassen. Die Bevölkerung der eroberten Gebiete erwies sich als so schwer zu beherrschen, dass der persische Herrscher weder die Zeit noch die Ressourcen hatte, sie in sein Reich zu integrieren. Dieser Feldzug [von 1740] war der letzte glanzvolle Höhepunkt der iranischen Macht in der Region. Mit der Ermordung des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schah">Schahs</a> versank Persien in eine Ära des Chaos und verschaffte den zentralasiatischen Staaten Zeit für das Entstehen von neuen Herrscherdynastien.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ein Reich das von Krieg lebte</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Gegen Ende der 1730er Jahre vollendete Nader Schah Afschar die politische Vereinigung des Iran, indem er Gebiete mit überwiegend persischer Bevölkerung zurückeroberte, die in den 1720er Jahren im Zuge der afghanischen und osmanischen Invasionen verloren gegangen waren. Wichtige Provinzen kamen wieder unter einheitliche Kontrolle, doch die Wiederherstellung der Zentralgewalt war mit hohen Kosten verbunden. Ein Jahrzehnt der Besetzung durch afghanische und türkische Truppen hatte das Land verwüstet: Städte wie <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Isfahan">Isfahan</a>, das seinen Status als Hauptstadt verloren hatte, standen halb leer, und die ländlichen Gebiete waren teils entvölkert.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/panorama/die-tschagataiden-brueder-die-die-steppe-zaehmen-wollten/"><strong>Die Tschagataiden: Brüder, die die Steppe zähmen wollten</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der wirtschaftliche Niedergang, der bereits unter den Safawiden eingesetzt hatte, entwickelte sich zu einem völligen wirtschaftlichen Zusammenbruch. Die landwirtschaftliche Produktion in den persischen Schlüsselregionen, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fars">Fars</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chorasan">Chorasan</a>, halbierte sich oder ging sogar noch stärker zurück: Es mangelte an Arbeitskraft für die Bewässerungssysteme und Kanäle, Bauern flohen vor den plündernden Truppen in die Berge. Das Handwerk in den persischen Handelszentren kam praktisch zum Erliegen. Der Karawanenhandel wiederum ging um etwa zwei Drittel zurück und der Seidenexport ins Osmanische Reich und nach Russland halbierte sich. […] Dies wirkte sich auf die Steuereinnahmen aus, die zunehmend sanken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter diesen Umständen wurde die Armee des Schah mit einer Gesamtstärke von über 150.000 Mann im Grunde genommen zum einzigen Stabilitätsfaktor des Staates, der die Loyalität des Feudaladels garantierte. Der Unterhalt einer derart zahlreichen Streitmacht stellte jedoch eine schwere Belastung für die Staatskasse dar, zumal die persische Armee zu ihrer Zeit zu den fortschrittlichsten in Asien zählte. […]</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/panorama/fotoreise-durch-turkestan-ethnographischen-fotografien-des-19-und-20-jahrhunderts/"><strong>Fotoreise durch Turkestan: Ethnographische Fotografien des 19. und 20. Jahrhunderts</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Den Truppen regelmäßig Sold zu zahlen, erforderte allerdings ständige Einnahmen in die Staatskasse. Dies konnte die ruinierte Wirtschaft des persischen Reiches kaum gewährleisten Das Reich suchte deshalb nach neuen Einnahmequellen und hoffte auf erfolgreiche Gebietseroberungen: Tatsächlich brachte der Feldzug nach Indien im Frühjahr 1739 kolossale Kriegsbeute ein. […] Die wichtigsten Schätze des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mogulreich">Mogulreichs</a> wurden erbeutet, darunter wertvolle Edelsteine und Diamanten, Elefanten mit goldenem Geschirr, Tonnen von Elfenbein und indischen Stoffen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Hälfte der Beute floss in die Armee und die Flotte, unter anderem für den Kauf von Kanonen und Schießpulver bei den Niederländern. Der Rest diente der Befestigung von Chorasan als Brückenkopf für den Vorstoß nach Zentralasien. Denn, wie der Hofhistoriker Nadir Muhammad Kazim damals schrieb: <em>„Unter dem Einfluss seines unstillbaren Eroberungsdrangs hatte der siegreiche Herrscher bereits zu diesem Zeitpunkt beschlossen, dass er nach der Eroberung Indiens die Eroberung</em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Russische_Eroberung_Turkestans"><em> </em><em>Turkestans</em></a><em> in Angriff nehmen würde.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Chaos jenseits des Amudarja</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Im Iran wurde die politische Macht zunehmend konsolidiert. Demgegenüber herrschten in Zentralasien Kämpfe und Macht und Ressourcen verschiedener Stammesverbände und Feudalherren vor. In <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Xiva">Chiwa</a> befanden sich kasachische Nomadenstämme (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCz">Jüz</a>), die nach dem Tod von <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Tauke_Khan">Tauke-Khan</a> in eine Phase innerer Unruhen geraten waren. Die Destabilisierung, begleitet von ständigen Überfällen der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dsungarisches_Khanat">Dschungaren</a>, verwandelte die unter den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Timuriden">Timuriden </a>blühende Region in ein Schlachtfeld.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Buchara stand <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Abu_al-Fayz_Khan">Abulfeiz-Khan</a> aus der Dynastie der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschaniden">Dschaniden </a>(auch: Astrachaniden), der seit 1711 formal regierte, unter der Kontrolle von Regenten, die weder den äußeren noch den inneren Herausforderungen gewachsen waren. In den 1720er Jahren fielen Kasachen, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Karakalpakstan">Karakalpaken</a> und Kirgisen über <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Transoxanien">Transoxanien</a> (auch: Mawara’annahr) her, die ihrerseits von den Dschungaren aus dem Osten bedrängt wurden.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Nach Aussage eines Zeitgenossen geschah nach ihrem Einfall Folgendes: <em>„Die einst so wunderschöne Region Buchara war so verarmt, dass sie auch später, als diese Katastrophe vorbei war und viele Jahre in Frieden vergangen waren, nie wieder so blühend wurde wie früher.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Khan"> Khan</a> [Abulfeiz] hatte die Kontrolle über die Randgebiete verloren. Das Sagen hatten die eingewanderten Stämme und lokale Dynastien. Die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mangit">Mangiten</a> und Kungraten bemühten sich fast jedes Jahr darum, die Kontrolle über die Zentralregierung zu erlangen. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Taschkent">Taschkent</a> wurde von den<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oiraten"> Oiraten </a>erobert. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Badachschan">Badachschan</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Balch">Balkh</a> spalteten sich ab, und in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qo%CA%BBqon">Kokand</a> hatte der dortige herrschende Stamm bereits einen eigenen Staat gegründet. Die Wirtschaft des Khanats brach zusammen – das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Serafschan">Serafschan-Tal</a> litt unter ständigen Dürren, die Bewässerungsarbeiten wurden aufgegeben, und der Seidenhandel mit Russland ging aufgrund der Expansion der Dschungaren um die Hälfte zurück. Die bucharische Armee jener Zeit bestand aus verstreuten Truppen nomadischer Stämme und taugte allenfalls für Überfälle auf die Nachbarn, aber keineswegs für einen richtigen Krieg.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/panorama/der-fall-von-buchara-und-das-schicksal-der-tadschikinnen-war-es-eine-revolution/"><strong>Der Fall von Buchara und das Schicksal der Tadschik:innen: War es eine Revolution?</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Von der traurigen Lage im Khanat zeugen insbesondere die Aufzeichnungen des im russischen Dienst stehenden Italieners Florio Beneveni, der sich von 1721 bis 1723 im Auftrag des russischen Zaren <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_der_Gro%C3%9Fe">Peter I.</a> in Transoxanien aufhielt. Der Reisende berichtet: <em>„Die Stadt [Buchara] war so sehr an Proviant und anderen Vorräten verarmt, dass das einfache Volk gezwungen war, seine Kinder zu verkaufen, um sich davon zu ernähren, während andere vor Hunger starben. Der Khan [Abulfeiz] selbst verlor mehr als die Hälfte seiner Kamele, Pferde und sonstigen Viehbestände und litt unter einem solchen Mangel an Proviant, da er sich scheute, Boten in seine Dörfer zu schicken, damit die restlichen Kamele nicht in die Hände der Usbeken fielen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Khanat von Chiwa unter <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ilbars">Ilbars II.</a> (regierte dort seit 1728) befand sich dank seiner günstigen Lage in einer etwas besseren Position. Die Einfälle der Dschungaren erreichten sie zwar nicht vollständig, doch waren die lokalen Gemeinschaften aufgrund ständiger Überfälle der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Turkmenen">Turkmenen</a> und Kämpfe zwischen Stämmen ebenfalls vollständig zersplittert. Die Kanäle der Chiwa-Oase verfielen, einzelne Gebiete fielen gänzlich aus dem Einflussbereich der Zentralmacht heraus. […]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zu Buchara verfügte Chiwa jedoch trotz innerer Probleme über eine kampfstarke Armee. Sowohl Ilbars II. als auch sein Vorgänger <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Shir_Ghazi_Khan">Shir Ghazi Khan</a> [Khan des Khanats Chiwa – Anm. der Red. von Novastan] plünderten regelmäßig sowohl die Gebiete Bucharas als auch die Randgebiete des persischen Reiches.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Grunde genommen dienten diese Überfälle als formeller Vorwand für den Einmarsch Nader Schah Afschars in Zentralasien. Eine <a href="https://archive.org/details/dli.ernet.1439/page/177/mode/2up">britische Quelle</a> aus dem Jahr 1938 begründete den Feldzug der Perser gegen Buchara und Chiwa wie folgt: Die Perser wussten das Fehlen politischer Einheit in der Region für ihren Vorteil zu nutzen. Nader Schah Afschar wollte seine Macht auf die lokalen Khanate auszudehnen und die nördlichen Grenzen von Khorasan, die ständig von usbekischen und turkmenischen Stämmen verwüstet wurden, absichern. Gerichtet war das Unterfangen aber auch gegen die mögliche Ausdehnung des Russischen Zarenreiches, insbesondere in Chiwa.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Feldzug gegen Zentralasien</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem also die Truppen von Ilbars II. in den Jahren 1734–1735 einen weiteren Überfall auf Choresmien unternommen hatten, nutzte Nader Schah Afschar die Feindseligkeiten zwischen den Turkmenen, die das Rückgrat der Armee von Chiwa bildeten, und ihren Nachbarn – den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kurden">Kurden</a> und den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kadscharen">Kadscharen</a> – aus, um die persische Grenzstadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Merw">Merw</a> zu unterwerfen und sie anschließend zu einem strategischen Hauptstützpunkt für Operationen im Norden und Osten auszubauen. Um seine Position in der Region zu festigen und deren Wirtschaft wiederzubeleben, ordnete der Schah an, alle, die sich ihm angeschlossen und unterworfen hatten, anschließend in ihre Heimat zurückzuschicken. [Dort sollten sie eine neue, ihm treue Ordnung erschaffen – Anm. der Red. von Novastan]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein Hofhistoriker Muhammad Kazim zitiert folgende Worte Nadirs, die er an seine Soldaten gerichtet haben soll: <em>„An meiner Seite habt ihr euer Leben geopfert, eure Pflicht standhaft und aufrichtig erfüllt und eine wunderbare Treue bewiesen – jenseits aller Maßstäbe. In Anerkennung eurer Verdienste und eurer Freundschaft gegenüber unserer Dynastie schenke ich auch euch meine Gunst. Um euch vor weiteren Unglücksfällen in diesen unbekannten Ländern zu bewahren, schicke ich euch in eure geliebte Heimat, damit ihr dort, sobald ihr angekommen seid, als Erstes für die nötige Ordnung sorgt und euch um das Wohlergehen dieses Landes kümmert.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Feldzug gegen Indien</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Knapp zwei Jahre später, im Jahr 1737, brach Nader Schah Afschar zum weiteren Feldzug an die Grenzen Indiens auf. Währenddessen erhielt er von seinem Sohn und Thronfolger Reza Kuli Mirza, der Statthalter in Chorasan geworden war, die Nachricht, dass in Chiwa eine neue Elite das Ruder ergriff.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach den Worten des persischen Historikers <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Mirza_Mehdi_Khan_Astarabadi">Mirza Mehdi Khan Astarabadi</a> aus dem 18. Jahrhundert: <em>„Ilbars-chan, der Herrscher von Choresmien, hielt, nachdem er von dem Feldzug Seiner Majestät nach Indien erfahren hatte, das Schlachtfeld für geräumt und stellte eine große Streitmacht aus Usbeken und choresmischen Turkmenen auf.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Reza Kuli Mirza wiederum sorgte unterdessen auf Befehl seines Vaters für Ordnung in der benachbarten Region<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Balch_(Provinz)"> Balkh</a>. Mit seiner Überwachung wurde Nadirs alter Mitstreiter, der Feldherr <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Tahmasp_Khan_Jalayer">Tahmasp Khan Jalayer</a>, betraut. Nachdem sie den Auftrag des Schahs erfüllt hatten, überquerten Reza Kuli Mirza und sein Mentor den Fluss <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Amudarja">Amudarja</a>, zerschlugen die schwachen Posten von Buchara und zogen weiter nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qarshi">Qarshi</a>. Dort regierte ein Oberhaupt der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mangit">Mangyten</a> namens Ataliq Hakim-bi, einer der einflussreichsten Würdenträger des Khanats, der von <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Abu_al-Fayz_Khan">Abulfeiz-Khan</a> nach einem weiteren Streit zwischen den Stämmen aus Buchara verbannt worden war. Nachdem sie die strategische Initiative ergriffen hatten, besiegten die persischen Truppen die Armee von Ataliq Hakim-bi bei Qarshi und belagerten anschließend die Festung selbst. […]</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/panorama/zentralasien-um-1910-die-fotografien-sergej-prokudin-gorskijs/"><strong>Zentralasien um 1910: Die Fotografien Sergej Prokudin-Gorskijs</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Khan von Buchara, Abulfeiz-Khan, eilte den Belagerten mit einem großen Heer zu Hilfe. Doch die Perser schlugen ihn in der entscheidenden Schlacht. Bezeichnenderweise bat der Khan auf seinem Weg nach Qarshi Ilbars II. um militärische Unterstützung. Die Armee von Chiwa traf allerdings zu spät ein. Die Bucharier flohen bereits vom Schlachtfeld. Als Ilbars davon erfuhr, beschloss er, das nun schutzlos gewordene Buchara einzunehmen, verzichtete jedoch schließlich aufgrund der Nähe der Perser auf diesen Plan.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotz der Erfolge von Reza Kuli-Mirza wurde der weitere Feldzug am rechten Ufer des Flusses Amudarja auf Befehl von Nader Schah Afschar gestoppt. Der Schah, der sich auf einen groß angelegten Einmarsch in Indien vorbereitete, war besorgt über den langwierigen Konflikt in Transoxanien und eine mögliche Niederlage seines Thronfolgers Reza Kuli Mirza.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Historiker nennen verschiedene Gründe für seine Entscheidung, den Feldzug [ins heutige Zentralasien] abzubrechen: die hohen Verluste der Perser in den bisherigen Kämpfen und die Herausforderung, Kriege an zwei Fronten zu führen. Der Schah entschied sich, vorübergehend Neutralität gegenüber Buchara zu wahren. Die Truppen von Reza Kuli Mirza hoben die Belagerung von Qarshi auf und zogen sich zurück.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Schachmatt für Buchara</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Im Frühjahr 1740, nachdem er die Staatskasse mit Beute aus Indien gefüllt hatte, führte Nader Schah Afschar eine 100.000 Mann starke Armee zum Amudarja. […] Abulfeiz-Khan, der erkannte, dass er der Armee Nader Schah Afschars nichts entgegenzusetzen hatte, beauftragte den Anführer der Mangyten, Hakim-bi, mit den Persern zu verhandeln. Wie im Buch des bucharischen Historikers Muhammad Wafa-i Kerminegi vermerkt wird, sah der Fürst, der seit langem mit dem Khan verfeindet war und dessen Rache fürchtete, in Nader Schah Afschars Einfall eine Chance, das Kräfteverhältnis in Buchara grundlegend zu verändern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach den Worten des Historikers Mirza Muhammad Abdalazim Sami Bustani aus dem späteren <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Emirat_Buchara">Emirat Bukhara</a> aus dem 19. Jahrhundert: <em>„Atalyq Hakim-bi, der die ungebührlichen Handlungen des Khans satt hatte und von dessen unwürdigem Verhalten bedrückt war, suchte aus Angst vor der Hinrichtung ständig nach einer günstigen Gelegenheit. Die Ankunft von Nader Schah Afschars empfand er als Gnade des Himmels, schrieb dem Schah sogleich einen freundlichen und herzlichen Brief und bekundete seine Bereitschaft, ihm zu gehorchen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben dem Brief sandte der Anführer der Mangyten seinen Sohn mit kostbaren Geschenken und einer Einladung nach Buchara zu Nader Schah Afschar. Dieser nahm den Gast wohlwollend auf und verschaffte ihm einen Platz in seinem Umfeld.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/panorama/der-letzte-kasachische-khan-leben-und-tod-von-kenesary-qasymuly/"><strong>Der letzte kasachische Khan: Leben und Tod von Kenesary Qasymūly</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst Anfang September überquerte der Schah mit seinen Hauptstreitkräften bei <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/T%C3%BCrkmenabat">Tschardschou</a> (dem heutigen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/T%C3%BCrkmenabat">Turkmenabad</a>) den Amudarja. Der verängstigte Abulfeiz-Khan entsandte Ataliq Hakim-Bi persönlich zum Schah. Bei einer Audienz bei Nader Schah Afschar schilderte er diesem offen die innere Krise des Khanats und bekundete seine persönliche Treue, wofür er vom Schah weitreichende Befugnisse als dessen Vertreter in Buchara erhielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach seiner Rückkehr in die Hauptstadt weigerte sich Ataliq Hakim-bi jedoch, den Khan zu treffen, und verschanzte sich in der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mir-Arab-Madrasa">Mir-Arab-Madrasa</a>. Über seine Anhänger begann er, Verwaltungsfunktionen an sich zu reißen und das Volk auf seine Seite zu ziehen. Dies steigerte seine Popularität sprunghaft, wurde am Hof jedoch als Auflehnung gewertet. Das Umfeld des Khans entwickelte einen Plan, den Ataliq Hakim-bi unter dem Deckmantel von Verhandlungen zu entführen und hinzurichten, doch dieser Plan scheiterte, und Abulfeiz-Khan war gezwungen, sich selbst zu Nader Schah Afschar zu begeben, um ihm seine Ehrerbietung zu erweisen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Mirza_Mehdi_Khan_Astarabadi">Mirza Mehdi Khan Astarabadi</a> schreibt: <em>„Zusammen mit Ataliq Hakim-bi, den </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hodscha"><em>Hodschas</em></a><em> [den Adeligen – Anm. der Red. von Novastan] sowie den Stammesführern, den Feldherren, den Würdenträgern und dem gesamten Volk trat er ‚durch die Tür der Unterwerfung‘ ein, in der Hoffnung auf die Gnade des Schahs.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/usbekistan-veroeffentlicht-bilder-von-der-oeffnung-des-grabes-von-amir-temur/"><strong>Usbekistan veröffentlicht Bilder von der Öffnung des Grabes von Amir Temur</strong></a><em></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Abulfeyi-Khan überreichte dem Schah wertvolle Geschenke, zu denen laut dem iranischen Historiker Ahmad Panoh Simnoni „vier Spiegel von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Timur">Amir Timur</a>“ und „das Gold von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschingis_Khan">Dschingis Khan</a>“ gehörten. In Folge des Treffens wurde Nader Schah Afschar als Oberherr des Khanats von Buchara ernannt, Abulfeiz-Khan wurde als nomineller Vasallenherrscher beibehalten, die tatsächliche Macht wurde jedoch an Ataliq Hakim-bi übertragen. […] Die Khan-Besitzungen am linken Ufer des Amudarja fielen an die Perser. Somit führte der Feldzug zur Errichtung eines Protektorats unter iranischer Hand und zum faktischen Ende der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschaniden">Dschaniden-Dynastie</a>, die seit dem Ende des 16. Jahrhunderts in Buchara regiert hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Samarqand">Samarkand</a> marschierte Nader Schah Afschars Heer kampflos ein. Aus der verblassten Hauptstadt des einstigen Reiches von Amir Timur, dem der Schah großen Respekt entgegenbrachte, verschleppten die Perser zahlreiche Artefakte aus der Zeit der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Timuriden">Timuriden</a>, darunter die verzierten Türen der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bibichonim-Moschee">Bibichonim-Moschee</a>, Gold, Silber und Edelsteine sowie den Großteil der in der Stadt verbliebenen Architekten, Künstler und Gelehrten. Samarkand wurde endgültig zum Schatten seiner früheren Pracht. Der Legende nach hatte Nader Schah Afschar vor, das Grabmal Amir Timurs, das aus schwarzem Nephrit gemacht war, nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Maschhad">Maschhad</a> zu bringen, um damit sein zukünftiges Grabmal zu schmücken. Doch unheilvolle Vorzeichen ließen ihn es sich anders überlegen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Chiwa zeigt die Zähne</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Noch während seines Aufenthalts in Buchara sandte Nader Schah Afschar seine Gesandten zu Ilbars II., damit dieser sich ihm als Vasall unterwerfe, und forderte zugleich die Auslieferung der turkmenischen Anführer, die Überfälle auf persische Gebiete verübten. Der Khan von Chiwa wies jedoch alle Forderungen des Schahs zurück und ließ dessen Gesandte hinrichten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zu seinem Konrahenten aus Buchara bereitete sich Ilbars ernsthaft auf den Krieg vor und mobilisierte alle ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen. Die erste große Schlacht gegen die Perser fand im Oktober 1740 in der Gegend von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/T%C3%BCrkmenabat">Tschardschou</a> statt. Der Schah führte persönlich ein Regiment ausgewählter Kavallerie an, das die Reihen des Gegners durchbrach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach den Worten von Mirza Mehdi Khan Astarabadi: <em>„In einem gnadenlosen Angriff wurden sie [die Choresmier] besiegt und ergriffen die Flucht. Die Armee des Schahs nahm die Verfolgung auf. Bei vielen von ihnen ‚entbrannten die Reisigzweige und Dornen des irdischen Daseins durch die Hitze des funkelnden Schwertes‘, viele wurden von der Schlinge des Feindes umschlungen. Sowohl geköpfte Leichen als auch lebende Gefangene lagen in großer Zahl zu Füßen seiner Majestät.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die entscheidende Schlacht fand bei <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Pitnak">Pitnak</a> an der südlichen Grenze der Oase Choresmiens statt. Der Khan von Chiwa stellte ein 60.000 Mann starkes Heer auf, das sich aus turkmenischen (Jomuden) und usbekischen Truppen zusammensetzte. Unter dem Ansturm des zahlenmäßig überlegenen Gegners ordnete Ilbars seine Kampfformationen wiederholt neu und startete Gegenangriffe, erlitt jedoch jedes Mal eine Niederlage.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schließlich zog sich der Khan zurück […]. Von den Persern belagert, wehrte er eine Zeit lang alle Angriffe des Feindes ab, musste sich aber schließlich ergeben. Nadir ordnete an, sowohl Ilbars selbst als auch zwei Dutzend seiner Vertrauten hinzurichten. Einigen Quellen zufolge wurden ihnen die Köpfe abgeschlagen, anderen zufolge befahl der Schah, der die Rache an seinen Gesandten noch nicht vergessen hatte, die Gefangenen lebendig zu begraben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/panorama/zwischen-aralsee-und-kaspischem-meer-geschichte-und-archaeologie-turkmenistans/"><strong>Zwischen Aralsee und Kaspischem Meer: Geschichte und Archäologie Turkmenistans</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend zog Nader Schah Afschar feierlich in Chiwa ein und befreite 30.000 iranische und einige russische Sklaven aus der Knechtschaft […]. Plünderungen und Raubzüge unter seinen Kriegern unterband der Schah streng und bemühte sich im Allgemeinen auf jede erdenkliche Weise, die lokalen Völker für sich zu gewinnen […].</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach Aussage von Muhammad Kazim: <em>„Nader Schah Afschar zeigte seine königliche Fürsorge für die Gefangenen, verlieh ihnen Belohnungen, umschmeichelte und begünstigte sie, stärkte sie durch seine königliche Gunst und entließ sie gnädig, damit sie zu ihren Nomadenlagern zurückkehren und unter den Jomuden Ruhe stiften könnten, indem er ihnen Hoffnung durch den Hinweis auf die Gnade und Gunst des Schahs gab.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Statthalter in Chiwa ernannte der Schah einen Verwandten von Abulfeiz-Khan namens Tahir-Khan. Dem Khanat wurden Tributzahlungen sowie die Verpflichtung auferlegt, Hilfstruppen für die Armee des Schahs zu stellen. Nachdem er eine persische Garnison in der Stadt zurückgelassen hatte, kehrte der Schah nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chorasan">Chorasan</a> zurück. Doch schon bald erhob der Adel von Chiwa einen Aufstand, Tahir-Khan wurde getötet und <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Nuraly_Khan">Nuraly-Khan</a>, der Sohn des kasachischen <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Abul_Khair_Khan">Abul Khair-Khan</a>, wurde auf den Thron gesetzt. Er regierte nur wenige Monate, bis die von Nader Schah Afschar entsandte Armee in Chiwa die Ordnung wiederherstellte und eine weitere Marionette der Perser zum Khan ernannte.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Das Ende der Ära Nader Schah Afschars</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Feldzug von 1740, der unmittelbar auf die Eroberung Indiens folgte, markierte den Höhepunkt der iranischen Expansion und einen historischen Wendepunkt: Nie zuvor und nie danach dehnten persische Dynastien ihre Grenzen so weit nach Osten aus. Dennoch gelang es dem Schah nicht, die Grundlagen für die Verwaltung der eroberten Gebiete zu schaffen und die Khanate vollständig in sein Reich zu integrieren. Die weiteren Kriege des Schahs, die fast bis zu seinem Tod im Jahr 1747 geführt wurden, endeten bestenfalls ergebnislos und lenkten dabei die Aufmerksamkeit der Obrigkeit von administrativen und wirtschaftlichen Reformen ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><br>Seine Versuche, Schiiten und Sunniten zu versöhnen, blieben erfolglos. Unmittelbar nachdem der Nader Schah Afschar von Aufständischen umgebracht worden war, brach sein Reich zusammen, und der einzige seiner Söhne, der das Werk seines Vaters wahrscheinlich erfolgreich hätte fortsetzen können war bereits 1741 auf Befehl Nader Schah Afschars von der Thronfolge ausgeschlossen worden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/zentralasien-durch-die-linse-vonbehzod-boltayev/"><strong>Zentralasien durch die Linse von…Behzod Boltayev</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ataliq Hakim-bi, der die Herrschaft über Buchara innehatte, verstarb im Jahr 1743. Sein Sohn, der seine Ausbildung bei Nadir Schah Afschar absolviert hatte, vollendete das Werk seines Vaters und gründete die neue Herrscherdynastie der Mangyten. Ähnlich verhielt es sich in Chiwa: Kurz nach dem Tod des Schahs wurden seine Statthalter gestürzt und getötet, und eine lokale Dynastie, die Kungrat, kam an die Macht und festigte die Unabhängigkeit des Khanats.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die kurzzeitige iranische Herrschaft hat mit Blick in die Geschichte auf paradoxe Weise das politische Feld geräumt. Der Adel in Zentralasien konnte dank dem Niedergang Nader Schah Afschars lokal neue Herrscherdynastien begründen und relativ stabile Staaten schaffen, die bis 1920 an der Macht blieben.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Pjotr Bologow für Fergana News</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://fergana.agency/articles/145069/">Russischen</a> (gekürzt) von Berenika Zeller</strong></p>



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<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Große Nachbarn, große Ambitionen: Russland, China und der Iran und ihr Einfluss in Zentralasien</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Jul 2026 18:47:21 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Am 28. April haben sich die Verteidigungsminister der Shanghaier Organisation f&#xFC;r Zusammenarbeit (SOZ) zu einem Gipfel in Bischkek getroffen. Dabei bot sich nicht nur f&#xFC;r die russischen und chinesischen Verteidigungsminister die Chance, ihren Anspruch auf Einfluss in Zentralasien zu best&#xE4;tigen, Auch der Iran nutzte die M&#xF6;glichkeit, sich als neuen sicherheitspolitischer Akteur in der Region zu [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Am 28. April haben sich die Verteidigungsminister der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) zu einem Gipfel in Bischkek getroffen. Dabei bot sich nicht nur für die russischen und chinesischen Verteidigungsminister die Chance, ihren Anspruch auf Einfluss in Zentralasien zu bestätigen, Auch der Iran nutzte die Möglichkeit, sich als neuen sicherheitspolitischer Akteur in der Region zu präsentieren.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Schlüsselregion sowohl für Russland als auch für China ist Zentralasien schon lange hin- und hergerissen zwischen äußeren Akteuren. Vor diesem Hintergrund fand im April in Bischkek der Gipfel der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Shanghaier_Organisation_f%C3%BCr_Zusammenarbeit">Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ)</a> statt, der von Russland und China dominierten Sicherheitsorganisation mit inzwischen zehn Mitgliedsstaaten. Diese Gelegenheit haben der russische und der chinesische Verteidigungsminister genutzt, um ihren Ambitionen in die Region zu bekräftigen und dabei implizit den amerikanischen und europäischen Einfluss zu kritisieren.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Russlands und Chinas Militärdominanz</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>&#8222;Wir beobachten aufmerksam die Versuche auswärtiger Akteure, sich eine militärische und logistische Präsenz in Zentralasien zu sichern. Wir betrachten dies als inakzeptabel.&#8220;</em> <a href="https://ria.ru/20260428/rossija-2089373281.html?in=l">erklärte</a> der russische Verteidigungsminister Andrej Belousow trocken. Er bekräftigte damit, dass Russland jede militärische Partnerschaft zwischen einem Land, das nicht der SOZ angehört, und einem Land Zentralasiens ablehne. Die russische Regierung befürchtet bereits jetzt einen zu großen Einfluss des Auslands im Kaukasus und in Zentralasien.</p>



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<p class="wp-block-paragraph"><em>&#8222;Afghanistan bleibt weiter instabil. Das Land bleibt die wichtigste Quelle für transnationale Kriminalität und Terrorismus&#8220;</em>, fügte Belousow hinzu. Russland hatte bereits zuvor das von den Taliban regierte Land als größte Bedrohung für ein anderes Sicherheitsbündnis, die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_des_Vertrags_%C3%BCber_kollektive_Sicherheit">Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS)</a>, bezeichnet. Die OVKS, ein von Russland dominierter Zusammenschluss einiger Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, kündigte an, <a href="https://novastan.org/fr/decryptage/lotsc-lance-un-programme-de-livraison-darmes-au-tadjikistan/">militärisches Material in Afghanistans Nachbarland Tadschikistan zu liefern</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/riskante-zusammenarbeit-mit-china/"><strong>Riskante Zusammenarbeit mit China</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>&#8222;Als Vorbild für den Multilateralismus muss die SOZ mit Vehemenz die internationale Ordnung und miteinander Fairness und Gerechtigkeit verteidigen. Es ihre Aufgabe, gemeinsam Sicherheitszusammenarbeit zu fördern, die Quellen von Chaos und Konflikten durch eine gemeinsame Entwicklung zu eliminieren, und zur „Stärke der SOZ“ für nachhaltigen Frieden beizutragen“,</em> <a href="https://english.news.cn/20260429/4feda14118b649278a996feae66233d1/c.html">erklärte</a> deutlich nüchterner der chinesische Verteidigungsminister. Über diese Worte hinaus hüteten sich chinesische Regierungsvertreter:innen – ganz im Einklang mit ihrer Doktrin der diplomatischen Neutralität – vor jeder weiteren Verschärfung im Dialog. Sie schlossen sich damit der russischen Position einer rein regional definierten Sicherheit und Verteidigung an.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Der Iran als regionaler Sicherheitsakteur in Zentralasien?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auch der Iran, selbst erst seit 2023 Mitglied der SOZ, zeigte sein Interesse, in Zentralasien eine stärkere Position zu entwickeln. <em>&#8222;Die Islamische Republik Iran ist bereit, ihre Fähigkeiten in den Bereichen Bewaffnung und Verteidigung mit unabhängigen Ländern zu teilen, insbesondere mit den Mitgliedsstaaten der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit&#8220;</em>, <a href="https://en.mehrnews.com/news/244046/SCO-symbol-of-desire-of-nations-to-pass-through-unipolarity">erklärte</a> der stellvertretende Verteidigungsminister <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Reza_Talaei-Nik">Reza Talaei-Nik</a>. <em>&#8222;Teheran ist bereit, seine Erfahrung aus der Konfrontation mit den Vereinigten Staaten mit den anderen Staaten der SOZ zu teilen&#8220;</em>, verdeutlichte er das Ziel des Irans.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Land versucht, Kapital aus seinem Widerstand im Krieg gegen die USA und Israel seit dem 28. Februar zu schlagen. In Zentralasien scheint das möglich, ist doch von den zentralasiatischen Staaten bislang nur Tadschikistan ein militärischer Partner des Irans. In dem Land soll sich seit 2022 angeblich eine <a href="https://www.rferl.org/a/iran-drones-tajikistan-afghanistan-kyrgyzstan/31865830.html">Fabrik für die Montage von iranischen Ababil-2 Dronen</a> befinden. Von dieser militärischen Infrastruktur findet sich jedoch, <a href="https://www.rferl.org/a/iran-tajikistan-drone-factory-mystery-/33719984.html">wie es Radio Free Europe im März berichtete</a>, bislang keine Spur.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/von-teheran-nach-duschanbe-tadschikistan-und-iran-verstaerken-bilaterale-zusammenarbeit/"><strong>Von Teheran nach Duschanbe: Tadschikistan und Iran verstärken bilaterale Zusammenarbeit</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Vorkriegssituation war für den Iran also wenig aussichtsreich für eine offizielle Annäherung mit den Staaten Zentralasiens. Mit seinen Erfahrungen in der Luftabwehr, den Angriffen mit unbemannten Dronen sowie der asymmetrische Seekriegsführung, die auf einer &#8222;Moskito-Flotte&#8220; aus Schnellbooten beruht, versucht der Iran dagegen nun bei den Ländern Zentralasiens zu profitieren.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wie weiter mit der multivektoriellen Außenpolitik?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Gipfel in Bischkek zeigt damit klar die Herausforderungen, denen die multivektorielle Außenpolitik der zentralasiatischen Staaten ausgesetzt ist, an der diese jedoch vehement festhalten. Trotz ihrer Bestrebungen um gute Beziehungen mit allen internationalen Organisationen gewinnt ihre Einbindung in von Russland und China dominierten Institutionen die Oberhand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Möglichkeiten der zentralasiatischen Länder sind beschränkt. Eine Annäherung mit dem Iran würde zu amerikanischen und israelischen Sanktionen führen und auch die Europäische Union sanktioniert den Iran. Zudem könnte jede Partnerschaft als Versuch gesehen werden, Russland, das weiter seinen Krieg gegen die Ukraine führt, mit zivilen oder militärischen Gütern zu beliefern. Das Risiko, dass die Europäische Union ihre zukünftigen Sanktionspakete erweitern und verschärfen könnte, ist in diesem Szenario nicht ausgeschlossen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/zentralasien-und-europa/die-europaeische-union-ueberdenkt-ihre-zentralasien-strategie/"><strong>Die Europäische Union überdenkt ihre Zentralasien-Strategie</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Einstufung Afghanistans als vorrangige Bedrohung für die SOZ und die andauernde Krise im Nahen Osten verstärken also die sicherheitspolitische Abhängigkeit, während die Alternativen zunehmend schwinden.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Lenny Cabrol Noto für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://novastan.org/fr/decryptage/russie-chine-iran-reaffirment-leurs-ambitions-sur-lasie-centrale-lors-dun-sommet-de-bichkek/"><strong>Französischen</strong></a><strong> von Simon Schulz</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Kasachstan: Anti-Kriegs-Priester in psychiatrische Klinik eingewiesen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robin Roth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Jun 2026 20:54:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Orthodoxie]]></category>
		<category><![CDATA[Psychatrie]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Vater Iakov]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Am 25. Mai ist Vater Iakov in eine psychiatrische Einrichtung au&#xDF;erhalb von Almaty verlegt worden. Als entschiedener Gegner von Russland Krieg gegen die Ukraine verk&#xF6;rperte er zuletzt eine kasachstanische orthodoxe Kirche frei vom Joch Moskaus. Seine Unterbringung erfolgte nach wachsendem Druck seitens der Beh&#xF6;rden: ein Vorgehen, das von zahlreichen NGOs verurteilt wurde. Im Fall von [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Am 25. Mai ist Vater Iakov in eine psychiatrische Einrichtung außerhalb von Almaty verlegt worden. Als entschiedener Gegner von Russland Krieg gegen die Ukraine verkörperte er zuletzt eine kasachstanische orthodoxe Kirche frei vom Joch Moskaus. Seine Unterbringung erfolgte nach wachsendem Druck seitens der Behörden: ein Vorgehen, das von zahlreichen NGOs verurteilt wurde.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Fall von Vater <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Yakov_Vorontsov">Iakov Vorontsov</a> (bürgerlich Vladimir Vorontsov) wurde ein weiterer Schritt vollzogen. Am 25. Mai wurde der ehemalige orthodoxe Priester nach mehrmonatiger Untersuchungshaft zwangsweise in eine psychiatrische Spezialklinik in der Nähe von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almaty">Almaty</a> verlegt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Entscheidung eines kasachstanischen Gerichts erging, obwohl seine Anwälte Beschwerde gegen das Verfahren eingelegt hatten. Dies berichtet <a href="https://www.azattyqasia.org/a/sud-v-almaty-postanovil-napravit-v-psihiatricheskiy-statsionar-byvshego-svyaschennika-rpts-iakova-vorontsova-nahodyaschegosya-pod-strazhey/33761591.html">Radio Azattyq</a>, der kasachstanische Dienst von Radio Free Europe. Nach Angaben mehrerer NGOs und internationaler Organisationen wurden weder Vorontsov noch sein Verteidigerteam über die Anhörung informiert, die zu seiner Internierung führte.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Öffentliche Äußerungen gegen den Krieg</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der 40-jährige Vater Iakov ist der in den letzten Jahren als eine der unkonventionellsten religiösen Persönlichkeiten Kasachstans in Erscheinung getreten ist. Damals noch als Priester des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Russisch-Orthodoxe_Kirche">Moskauer Patriarchats</a> verurteilte er bereits im Februar 2022 öffentlich den russischen Einmarsch in die Ukraine und schloss sich einem offenen Brief an, der von mehreren hundert kriegsgegnerischen orthodoxen Gesitlichen unterzeichnet worden war.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Seine öffentlichen Äußerungen führten rasch zu Sanktionen seitens der Russisch-Orthodoxen Kirche in Kasachstan. Nachdem er 2023 zunächst suspendiert und anschließend formell aus dem Klerus entlassen worden war, kritisierte Vorontsov jahrelang den politischen und religiösen Einfluss, den Moskau auf die orthodoxen Strukturen in Kasachstan ausübte. Er setzte sich für die Gründung einer unabhängigen orthodoxen Gemeinschaft ein – einer Gemeinschaft, die auf den kasachstanischen nationalen Kontext zugeschnitten und vom russischen Patriarchat unabhängig sein sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/zentralasien-und-europa/die-ukraine-ist-meine-heimat-geworden-zentralasiaten-helfen-einem-land-im-krieg/">„Die Ukraine ist meine Heimat geworden“: Zentralasiat:innen helfen einem Land im Krieg</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenige Tage vor seiner Festnahme im Februar 2026 hatte Vorontsov ein Gerichtsverfahren gegen das Justizministerium Kasachstans eingeleitet, nachdem dieses die Registrierung einer neuen unabhängigen orthodoxen Gemeinde verweigert hatte. In der Nacht zum 13. Februar durchsuchte die Polizei seine Wohnung in Almaty. Die Behörden gaben an, Betäubungsmittel gefunden zu haben, und leiteten Ermittlungen wegen Drogenbesitzes sowie des „Betreibens eines Ortes für den Drogenkonsum“ ein – Vorwürfe, die der Geistliche und seine Anhänger zurückweisen. Sie prangern den Fall als politisch motiviert an.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Besorgniserregende Haftbedingungen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Seit seiner Festnahme haben verschiedene Faktoren die Kritik von Menschenrechtler:innen befeuert. Vorontsov gibt an, dass ihm Familienbesuche, Unterlagen aus seiner Verfahrensakte sowie seine religiöse Literatur verweigert wurden. Sein Anwalt Galym Nurpiesov wirft den Behörden zudem vor, psychiatrische Untersuchungen ohne Zustimmung oder vorherige Benachrichtigung der Verteidigung durchgeführt zu haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://www.hrw.org/news/2026/05/28/kazakhstan-psychiatric-detention-of-activist-priest">Human Rights Watch</a> sieht den Fall als Teil eines besorgniserregenden Trends in Kasachstan: den Einsatz der Psychiatrie als Instrument politischer Repression. Die Organisation hebt insbesondere hervor, dass bei Iakov Vorontsov keinerlei Vorgeschichte psychiatrischer Probleme oder von Missbrauch verbotener Substanzen vorliegt. Außerdem seien zahlreiche Verfahrensunregelmäßigkeiten seit seiner Festnahme festgestellt worden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/warum-spricht-usbekistan-china-und-russland-sein-beileid-aus-aber-niemals-der-ukraine/"><strong>Warum spricht Usbekistan China und Russland sein Beileid aus, aber niemals der Ukraine?</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Zur Unterstützung wurde ein <a href="https://www.birkirpish.kz/#petitions/18">offener Brief</a> an Kasachtans Präsidenten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qassym-Schomart_Toqajew">Qasym-Jomart Toqaev</a> verfasst und von mehr als hundert Menschenrechtler:innen aus Russland und Kasachstan unterzeichnet. Darin wird die Freilassung von Iakov Vorontsov gefordert und das Verfahren als rechtswidrig verurteilt. Zudem wurde er vom <a href="https://bureau.kz/en/news/vorontsov-added-to-list/">Kasachischen Internationalen Büro für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit (KIBHR)</a> in die Liste der Personen aufgenommen, die aufgrund ihres Glaubens verfolgt werden. Auch die Vereinten Nationen haben Zweifel an den Beweggründen für die Inhaftierung <a href="https://spcommreports.ohchr.org/TMResultsBase/DownLoadPublicCommunicationFile?gId=30902">geäußert</a>. Der Fall Vorontsov weckt zudem Erinnerungen an die sowjetische Praxis der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Politischer_Missbrauch_der_Psychiatrie_in_der_Sowjetunion">Strafpsychiatrie</a>, die gegen politische und religiöse Dissident:innen eingesetzt wurde.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Zersplitterung der russischsprachigen<strong> </strong>Gemeinschaft</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Über die religiöse Dimension hinaus offenbart der Vorfall wachsende Spannungen innerhalb der kasachstanischen Gesellschaft in Bezug auf Russlands Krieg gegen die Ukraine. Seit 2022 bemüht sich Astana um eine diplomatische Balance zwischen Moskau und dem Westen. Gleichzeitig werden politische Äußerungen unterbunden, die die Beziehungen zu Russland gefährden könnten. Vor diesem Hintergrund sind offen kriegskritische Äußerungen besonders heikel – insbesondere dann, wenn sie von einer religiösen Persönlichkeit aus der russischsprachigen orthodoxen Gemeinschaft stammen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Russisch-Orthodoxe_Kirche_in_Kasachstan">orthodoxe Kirche in Kasachstan</a> – ein Metropolitenbezirk des Moskauer Patriarchats – ist eines der Instrumente, mit denen Moskau Einfluss auf Astana ausübt. Laut der letzten Volkszählung von 2021 leben mehr als 3 Millionen orthodoxe Christ:innen in Kasachstan. Sie sind überwiegend russischer Herkunft, gehören aber auch ethnischen Gruppen ukrainischer und belarussischer Abstammung an. Die Aussicht auf eine eigenständige kasachstanische orthodoxe Kirche würde den russischen Behörden den privilegierten Zugang zu den slawischen Gemeinschaften Kasachstans entziehen.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Lenny Cabrol für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://novastan.org/fr/kazakhstan/au-kazakhstan-un-pretre-orthodoxe-contre-la-guerre-en-ukraine-interne-en-hopital-psychiatrique/"><strong>Französischen</strong></a><strong> von Robin Roth</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Die Landproteste 2016 in Kasachstan: ihre Geschichte und Auswirkungen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robin Roth]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 19 Jun 2026 22:16:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Atyrau]]></category>
		<category><![CDATA[Bürgerrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Demonstrationen]]></category>
		<category><![CDATA[Landproteste]]></category>
		<category><![CDATA[Proteste]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Vor zehn Jahren wurde Kasachstan von Massenprotesten gegen eine von der Regierung geplante Reform erfasst. Diese sah vor, landwirtschaftliche Fl&#xE4;chen zu versteigern und langfristig an Ausl&#xE4;nder:innen zu verpachten. Inmitten der spontanen Demonstrationen und Kundgebungen verh&#xE4;ngten die Beh&#xF6;rden ein Moratorium f&#xFC;r die Umsetzung der geplanten &#xC4;nderungen. Obwohl dieses Moratorium verl&#xE4;ngert wurde, ist die Angelegenheit nach wie [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Vor zehn Jahren wurde Kasachstan von Massenprotesten gegen eine von der Regierung geplante Reform erfasst. Diese sah vor, landwirtschaftliche Flächen zu versteigern und langfristig an Ausländer:innen zu verpachten. Inmitten der spontanen Demonstrationen und Kundgebungen verhängten die Behörden ein Moratorium für die Umsetzung der geplanten Änderungen. Obwohl dieses Moratorium verlängert wurde, ist die Angelegenheit nach wie vor ungeklärt, erklärt der Bürgerrechtler Max Boqaev – Initiator der Kundgebung von 2016 in Atyrau. Azattyq Asia hat mit ihm gesprochen.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Nachmittag des 24. April 2016 war der zentrale Platz in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atyrau">Atyrau</a> komplett gefüllt. Männer und Frauen, Jung und Alt, versammelten sich zu einer spontanen Kundgebung, um eine einzige Forderung zu stellen: den Verkauf von Agrarflächen zu verhindern. Es gab weder riesige Transparente noch ein aufgebautes Podium – lediglich einige handgeschriebene Schilder mit Aufschriften wie „Das Schicksal des Landes ist das Schicksal des Staates“ und „Das Land zu verkaufen, heißt die Heimat zu verkaufen“.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Niemand hatte erwartet, dass so viele Menschen kommen würden. Auch ich hatte nicht damit gerechnet“</em>, erinnert sich der Bürgerrechtler Max Boqaev, einer der Organisatoren der Kundgebung. <em>„Die Menschen gehen auf die Straße, wenn es nötig ist. Und dies war einer dieser Momente.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Er schrieb auf Facebook über seine Pläne, an jenem Tag zum Platz zu gehen. Boqaev erklärte, die örtliche Verwaltung habe den Protest zwar nicht genehmigt, er habe sich aber dennoch dazu entschlossen, seine Ansichten zu den Änderungen des Bodengesetzes zu äußern – Änderungen, die von der Regierung ausgearbeitet, vom Parlament gebilligt und vom Präsidenten unterzeichnet worden waren. Kurz darauf erhielt der Aktivist eine Vorladung, sich bei der Polizei zu melden.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">An jenem Morgen erschien er bei der Polizeidienststelle, und ein Ermittler teilte ihm mit, dass ein Strafverfahren gemäß Artikel 179 des Strafgesetzbuches eingeleitet worden sei: „Propaganda oder öffentliche Aufrufe zur Machtübernahme oder zum Machterhalt sowie die Machtübernahme oder der Machterhalt oder die gewaltsame Änderung der verfassungsmäßigen Ordnung.“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich sagte, ich würde nichts unterschreiben und auf einen Anwalt warten. Sie hielten mich dort mehrere Stunden fest und ließen mich dann gegen 13 Uhr gehen, mit der Begründung, sie hätten keinen Bereitschaftsanwalt finden können“</em>, sagt Boqaev. Er fuhr sofort zum Platz.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich habe Tausende von Menschen gesehen! Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft waren dort! Später dachte ich, dass ich wahrscheinlich freigelassen worden war, weil die Menschen es gefordert hatten. Das gab mir Zuversicht“,</em> sagt Boqaev.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/landproteste-janaoezen-qantar-die-geschichte-der-proteste-kasachstans/"><strong>Landproteste, Jañaözen, Qañtar – Die Geschichte der Proteste Kasachstans</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Er griff zu einem Megafon und verkündete seine Forderungen: die Rücknahme der am 1. Juli in Kraft tretenden Änderungen am Bodengesetz. Der Präsident hatte diese im November 2015 unterzeichnet, und Ende März 2016 kündigte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jerbolat_Dossajew">Erbolat Dosaev</a> – damals Minister für Volkswirtschaft – an, dass 1,7 Millionen Hektar Agrarfläche zur Versteigerung kommen sollten. Die Änderungen betrafen auch die Pachtbedingungen; so wurde die zulässige Pachtdauer für Ausländer:innen von 10 auf 25 Jahre verlängert.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„25 Jahre kommen faktisch einem Verkauf gleich. Menschen, die das Land 25 Jahre lang bewirtschaftet haben, hätten sagen können: ‚Das Land gehört uns – wir haben so viel Mühe und Zeit hineingesteckt‘, und sie hätten damit recht gehabt. Und der Pachtvertrag hätte nach 25 Jahren verlängert werden können“</em>, erklärt Boqaev.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Gouverneur des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atyrau_(Gebiet)">Gebiets Atyrau</a> traf bei der spontanen Kundgebung ein. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nurlan_Noghajew">Nūrlan Noğaev</a> versprach, die Forderungen an die Regierung in Astana sowie an die Gesetzgeber weiterzuleiten. Die mehrstündige Kundgebung verlief friedlich; es kam weder zu Aggressionen noch zu Schäden an städtischem Eigentum. Anschließend löste sich die Menge auf, und die Menschen gingen nach Hause.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Protestwelle und die Reaktion der Behörden</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die Proteste gegen die Landreform weiteten sich auf andere Städte aus: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aqt%C3%B6be">Aqtöbe</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Semei">Semeı</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almaty">Almaty</a>. Die Menschen argumentierten, dass der Verkauf von Land die nationale Sicherheit gefährde und das Risiko eines Gebietsverlusts berge. Die Demonstrationen waren von Festnahmen von Teilnehmenden begleitet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inmitten dieser spontanen Kundgebungen setzte die Regierung eine „Landkommission“ ein und lud Max Boqaev zur Mitarbeit ein. Er lehnte ab. <em>„Ich forderte ein Ende der Verfolgung von Demonstrierenden“</em>, erklärt er. „<em>Zudem empörte es mich, dass die Kommissionsmitglieder nicht gewählt wurden. Die Kommission umfasste mehr als 100 Personen, doch gab es höchstens zehn Vertreter der Zivilgesellschaft. Das bedeutete, dass jede beliebige Entscheidung mit einfacher Mehrheit durchgesetzt werden konnte. Meine Argumente fanden kein Gehör. Viele glaubten damals – und dieser Ansicht schließe ich mich heute an –, dass die Entscheidung zu unserer Verhaftung erst fiel, nachdem ich die Mitarbeit in dieser Kommission abgelehnt hatte.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 17. Mai wurden Max Boqaev und Talğat Aıan – ein weiterer Aktivist, der an den Protesten in Atyrau beteiligt war – jeweils zu 15 Tagen Verwaltungshaft verurteilt, weil sie eine von den Behörden nicht genehmigte Kundgebung organisiert hatten. Zuvor hatten sie für den 21. Mai landesweite Proteste zu der Landfrage angekündigt. Im Vorfeld des geplanten Termins wurden mehr als 20 Personen präventiv festgenommen. Am Tag der Proteste wurden Personen festgenommen, die auf öffentlichen Plätzen erschienen; zudem wurde der Internetzugang in Großstädten blockiert und die Websites unabhängiger Medien waren landesweit nicht mehr erreichbar.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/zwei-busse-voll-leichen-zeuginnen-berichten-ueber-die-ereignisse-von-janaozen/"><strong>„Zwei Busse voll Leichen“ – Zeuginnen berichten über die Ereignisse von Jańaózen</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Aufnahmen von Festnahmen verbreiteten sich weltweit; internationale Nachrichtenagenturen berichteten, dass sich die Proteste gegen die Landreform in Kasachstan ausweiteten und den autoritären Machthaber herausforderten. Präsident <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nursultan_Nasarbajew">Nūrsūltan Nazarbaev</a> – der die Republik bereits seit der Zeit vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion geführt hatte – kündigte ein fünfjähriges Moratorium für die Umsetzung der Gesetzesänderungen an. Dies ließ die Proteste abflauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig lief eine Kampagne gegen Boqaev und Aıan. Nach Ablauf ihrer Verwaltungshaft wurden sie nicht freigelassen. Stattdessen nahm man sie als Verdächtige in Strafverfahren in Gewahrsam.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„Sie haben beschlossen, meinen Ruf zu ruinieren“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Boqaev und Aıan wurden wegen „Anstiftung zu sozialer Zwietracht“, „Verbreitung wissentlich falscher Informationen“ und „Verstoßes gegen die Vorschriften für die Abhaltung von Versammlungen“ angeklagt. Im November 2016 wurden sie jeweils zu fünf Jahren Haft <a href="https://www.azattyqasia.org/a/atyrau-ayan-bokaev-prigovor/28143089.html">verurteilt</a>. Die Aktivisten wiesen die Anschuldigungen als politisch motiviert zurück, und Menschenrechtler:innen nahmen sie in die Liste politischer Gefangener auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während des Prozesses warf die Anklage den beiden vor, Geld für die Organisation von Kundgebungen erhalten zu haben. Ihr Financier sei der Geschäftsmann Tohtar Tuleşov – Eigentümer einer Brauerei in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schymkent">Şymkent</a>, am anderen Ende des Landes. Nach Angaben von Ermittlungsbehörden und der Staatsanwaltschaft habe Tuleşov, der später wegen eines versuchten Staatsstreichs zu einer langen Haftstrafe verurteilt wurde, gezielt versucht, „Spannungsherde“ zu schaffen. Boqaev und Aıan bestritten, Tuleşov zu kennen oder Gelder von ihm erhalten zu haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Offenbar beschloss man, die Organisatoren der Proteste zu diskreditieren. Zunächst strahlte man im Fernsehen ein inszeniertes Video aus, das die Übergabe von Geld zeigte – wobei unklar blieb, wer es wem gab – und stellte dies als ausländische Finanzierung dar. Dann kam die Theorie um Tuleşov auf. Ende 2022 rief Tuleşov selbst Talğat [Aıan] an. Er weinte und gestand, uns fälschlicherweise belastet zu haben, weil er sich um seinen Sohn sorgte“</em>, sagt Max Boqaev.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/vier-jahre-fuer-19-minuten-die-geschichte-von-aigerim-tleujanova-aktivistin-des-qantar/"><strong>Vier Jahre für 19 Minuten: Die Geschichte von Aıgerim Tleujanova, Aktivistin des Qantar</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im April 2018 wurde Talğat Aıan vorzeitig entlassen, nachdem der Rest seiner Haftstrafe in eine Beschränkung der Bewegungsfreiheit umgewandelt worden war. Boqaev weigerte sich, einen Antrag auf vorzeitige Entlassung zu stellen. Er verbüßte seine Strafe vollständig und wurde Anfang Februar 2021 freigelassen. Die Behörden unterstellten Boqaev einer <a href="https://www.azattyqasia.org/a/kazakhstan-sud-nalozhil-noviye-ogranicheniya-na-maksa-bokaeva/31110144.html">administrativen Überwachung</a>, während er selbst die ihm auferlegten Beschränkungen – zu denen unter anderem ein Verbot öffentlicher Aktivitäten sowie der Teilnahme an Kundgebungen oder Debatten gehörte – als rechtswidrig bezeichnete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Max Boqaev wurde auf die staatliche „Liste von Personen, die an der Finanzierung von Terrorismus und Extremismus beteiligt sind“, gesetzt – ein Verzeichnis, das Personen aufführt, die auf der Grundlage sogenannter „extremistischer“ Gesetze verurteilt wurden. Human Rights Watch hat erklärt, dass die Aufnahme in diese Liste zu weiteren Rechtsverletzungen sowie zur wirtschaftlichen Blockade der betroffenen Person führt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Ich kann keine Bankkonten eröffnen, keine NGO gründen oder ihr beitreten, mich nicht zivilgesellschaftlich engagieren, nicht für ein Amt kandidieren und nicht einmal für öffentliche Verkehrsmittel bezahlen. Ich kann keine Versicherung abschließen. Das Einzige, was ich derzeit tun kann, ist, eine notariell beglaubigte Vollmacht auszustellen; ich kann jedoch nicht in Immobilienangelegenheiten tätig werden oder Kauf- und Verkaufsgeschäfte abwickeln“</em>, sagt Boqaev. Die Beschränkungen gelten bis 2030.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-jeltoqsan-unruhen-1986-erinnerungen-von-augenzeuginnen/"><strong>Die Jeltoqsan-Unruhen 1986: Erinnerungen von Augenzeug:innen</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut der geltenden Vorschriften könnte er stattdessen eine Zahlung von 85.000 Tenge [circa 150 Euro] leisten – der Höhe des Mindestlohns. Boqaev hat keine feste Anstellung. <em>„Meine Kollegen verschaffen mir Gelegenheiten, Geld zu verdienen, wann immer sie können, damit ich nicht verhungere. Bei einem meiner jüngsten Aufträge ging es darum, praktische Ratschläge für politische Gefangene zu verfassen“</em>, sagt Boqaev.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Aktivist, dessen Antrag auf Aufhebung der Beschränkungen seiner Bankkonten von den zuständigen staatlichen Behörden zuvor abgelehnt worden war, plant nun, vor das Verfassungsgericht zu ziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Talğat Aıan ist seit 2021 nicht mehr auf dieser Liste aufgeführt. Azattyq Asia konnte ihn nicht kontaktieren. Inoffiziellen Informationen zufolge hat er sich aus dem zivilgesellschaftlichen Engagement zurückgezogen und ist in der Privatwirtschaft tätig.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Verlängerung des Moratoriums</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Im Frühjahr 2021 verlängerten die kasachstanischen Behörden das Moratorium für den Verkauf und die Übertragung von Agrarflächen in Privateigentum um weitere fünf Jahre – bis Ende 2026. Die Aktivist:innen sind der Ansicht, dass die Angelegenheit weiterhin ungeklärt ist. <em>„Leider ist die Sache noch immer nicht vom Tisch“</em>, merkt Boqaev an. <em>„Es wurde zwar ein Moratorium verkündet, aber das Problem ist nicht endgültig gelöst. Die Landfrage befindet sich derzeit in der Schwebe, sodass wir auf der Stelle treten.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Ökonom Mūhtar Taıjan, der der 2016 von der Regierung eingesetzten Bodenkommission angehörte, ist der Ansicht, dass Astana angesichts der nahenden Frist bei der endgültigen Entscheidung Eile walten lassen muss. <em>„Wenn die Gesetzgebung nicht innerhalb der verbleibenden sechs Monate geändert wird, könnten ab dem 1. Januar 2027 landwirtschaftliche Flächen – die 80 Prozent des kasachstanischen Staatsgebiets ausmachen – in Privateigentum von Einzelpersonen und juristischen Personen übergehen. Dies ist eine Tatsache, die wir nicht außer Acht lassen dürfen. Diese Angelegenheit muss geklärt werden“</em>, erklärt Taıjan.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Azattyq Asia</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://www.azattyqasia.org/a/zemelnye-mitingi-v-kazahstane-2016-kak-oni-voshli-v-istoriyu-i-pochemu-ih-organizator-schitaet-vopros-nereshennym/33749701.html"><strong>Russischen</strong></a><strong> von Robin Roth</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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			</item>
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		<title>Ein kleiner Überblick zur kasachischen Sprache</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robin Roth]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 17 Jun 2026 18:33:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachisch]]></category>
		<category><![CDATA[Linguistik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die kasachische Sprache gilt als eine der wichtigsten Turksprachen Zentralasiens. Doch was macht diese Sprache eigentlich besonders? Der Linguist, Turkologe und Autor des popul&#xE4;rwissenschaftlichen Projekts &#x201E;Qazaq Bubble&#x201C; Bibarys Se&#x131;tak erkl&#xE4;rt, warum viele verbreitete Vorstellungen &#xFC;ber Sprachen wissenschaftlich nicht haltbar sind, welche Besonderheiten die kasachische Sprache ausmachen und weshalb sprachliche Vielfalt ein kultureller Reichtum ist. Viele [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die kasachische Sprache gilt als eine der wichtigsten Turksprachen Zentralasiens. Doch was macht diese Sprache eigentlich besonders? Der Linguist, Turkologe und Autor des populärwissenschaftlichen Projekts „Qazaq Bubble“ Bibarys Seıtak erklärt, warum viele verbreitete Vorstellungen über Sprachen wissenschaftlich nicht haltbar sind, welche Besonderheiten die kasachische Sprache ausmachen und weshalb sprachliche Vielfalt ein kultureller Reichtum ist.</strong> <strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Menschen teilen Sprachen in „harte“ und „weiche“ ein. Laut Seıtak, handelt es sich dabei jedoch um reine individuelle Wahrnehmung, die von Geschichte und Kultur geprägt wird. Französisch gilt oft als weich und melodisch, weil es lange Zeit die Sprache der Diplomatie und der Eliten war. Die deutsche Sprache hingegen klingt rau – nicht wegen ihrer Laute, sondern wegen historischer Assoziationen mit Kriegen und dem Bild des Feindes in der Populärkultur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ähnliche Mythen gibt es auch rund um die Turksprachen. Kasachisch wird manchmal wegen des Lautes [sch] als hart bezeichnet, im Gegensatz zu Usbekisch mit [j]. Doch dies entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage. Solche Laute kommen in vielen Sprachen vor, und ihre Härte ist eine Frage der Wahrnehmung.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ist Kasachisch wirklich schwer zu lernen?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Vorstellung, dass manche Sprachen grundsätzlich schwieriger seien als andere, weist Seıtak zurück. Jede Sprache hat ihre eigenen Schwierigkeiten. Englisch gilt für viele als einfach und Chinesisch hingegen wird als schwierige Sprache beschrieben. Natürlich ist die Schrift des Chinesischen ziemlich eigenartig, aber Milliarden von Menschen kommen mit der chinesischen Schrift zurecht, und sie unterscheiden sich in nichts vom Rest der Menschheit. Daher hängt die Schwierigkeit einer Sprache vor allem von den Vorkenntnissen, dem Umfeld und der Gewöhnung ab.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über „kiyu“ und „tağu“ in der kasachischen Sprache</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Besonderheit des Kasachischen ist die Verwendung unterschiedlicher Verben für Kleidung und Accessoires. Für Kleidungsstücke wird das Verb&nbsp;„<em>kiıu</em><em>“</em>&nbsp;verwendet, für Accessoires wie Uhren, Schals oder Schmuck dagegen&nbsp;„<em>tağu</em><em>“</em>. Auch im Türkischen, Persischen oder Ukrainischen werden unterschiedliche Verben für Kleidung und Accessoires verwendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für Kleidungsstücke wie Kleider, Jacken, traditionelle Mäntel (şapan), Pelzmäntel, Mäntel oder Hosen wird das Verb „kiıu“ verwendet. Wenn es sich hingegen um Accessoires wie Uhren, Krawatten, Tücher, Schals, Armbänder oder Ringe handelt, wird „tağu“ verwendet. Besonders sichtbar wurde dies während der Corona-Pandemie. Damals diskutierten viele Kasachstaner darüber, welches Verb für das Tragen einer Maske verwendet werden sollte. Nach Ansicht von Linguisten sind jedoch beide Varianten sprachlich nachvollziehbar. Die Debatte verdeutlicht, wie präzise das Kasachische bestimmte Handlungen beschreibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan:</strong> <strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/sprache-als-mittel-zur-identitaetsfindung-und-abkehr-von-kolonialen-strukturen/">Sprache als Mittel zur Identitätsfindung und Abkehr von kolonialen Strukturen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Interessanterweise unterscheiden sich Kasachisch und Türkisch in einem kleinen, aber aufschlussreichen Detail. Beide Sprachen verwenden unterschiedliche Verben für Kleidung und Accessoires. Bei Kopfbedeckungen jedoch gibt es Unterschiede: Während Kasachen Mützen, Pelzkappen oder traditionelle Kopfbedeckungen als Teil der Kleidung betrachten, werden sie im Türkischen eher wie Accessoires behandelt. Linguisten vermuten, dass möglicherweise dies mit dem Klima zusammenhängt: Für die Nomaden der Steppe war die Kopfbedeckung nicht nur ein Accessoire, sondern eine lebensnotwendige Notwendigkeit.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Dialekte in der kasachischen Sprache</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Trotz der großen geografischen Verbreitung gilt Kasachisch als vergleichsweise einheitliche Sprache, was bereits von den Sprachforschern im 19. Jahrhundert festgestellt wurde. Eine Erklärung allein durch die nomadische Lebensweise ist nicht stichhaltig; denn bei anderen Nomadenvölkern Zentralasiens, etwa den Turkmenen, haben sich deutlich stärkere Dialekte entwickelt.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Als möglicher Grund gilt die traditionelle Exogamie der Kasachen, also die Heirat außerhalb der eigenen Sippe. Dieser regelmäßige Austausch zwischen verschiedenen Gruppen könnte dazu beigetragen haben, sprachliche Unterschiede zu verringern. Dennoch existieren regionale Besonderheiten, vor allem im Westen Kasachstans, wo benachbarte Sprachen und historische Kontakte den Wortschatz beeinflusst haben.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über „Täte“ und „Köke“ </strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Regionale Unterschiede im Kasachischen zeigen sich vor allem im Wortschatz. So haben Kasachen in China chinesische Lehnwörter übernommen, während bei den Kasachen in der Mongolei mongolische Einflüsse erkennbar sind. Besonders interessant sind Wörter, deren Bedeutung je nach Region variiert. Das Wort „Täte“ bezeichnet im Norden Kasachstans eine Frau, im Westen dagegen einen Mann. Ähnlich verhält es sich mit „Köke“: Während viele darunter einen Onkel verstehen, wird der Begriff in manchen Regionen auch für Frauen verwendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kasachisch-als-fremdsprache-lernen/">Kasachisch als Fremdsprache lernen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Solche Verschiebungen sind für türkische Sprachen recht typisch. Auch die Geschichte des Wortes „äje“ (әже) zeigt, wie sich Sprache über Jahrhunderte verändert. In der alten türkischen Sprache bezeichnete es ursprünglich einen Vater oder älteren Bruder. Erst später erhielt das Wort eine weibliche Bedeutung und entwickelte sich schließlich zu seiner heutigen Bedeutung als Großmutter oder ältere Frau.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über den „richtigsten“ Dialekt</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn von einem „richtigen“ oder „reinsten“ kasachischen Dialekt die Rede ist, wird meist die Sprachvariante der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kasachensteppe">Kasachensteppe</a> im Nordosten Kasachstans genannt. Tatsächlich bildet sie die Grundlage der modernen kasachischen Schriftsprache. Dies hängt eng mit der Geschichte Kasachstans zusammen. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Region zwischen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Semei">Semeı</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qostanai">Qostanaı</a> zu einem wichtigen Zentrum der kasachischen Intelligenz. In dieser Zeit entstanden die Grundlagen der modernen kasachischen Literatur und Standardsprache – ähnlich wie in vielen anderen Ländern, die damals nationale Identitäten und einheitliche Schriftsysteme entwickelten.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über die Bedeutung von Dialekten in der Sprache</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Für Bibarys Seıtak sind Dialekte kein Problem, sondern ein Ausdruck sprachlicher Vielfalt. Sie gehören zum kulturellen Erbe und bereichern die Sprache um regionale Besonderheiten und Nuancen. Zwar seien Rechtschreibung und Aussprache für die Standardsprache wichtig, doch die Abwertung regionaler Sprachvarianten könne er nicht nachvollziehen. Letztlich handele es sich um dieselbe Sprache mit unterschiedlichen Wörtern und Ausdrucksweisen. Gerade diese Vielfalt mache das Kasachische lebendig und interessant.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über die Globalisierung und die kasachische Sprache</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Globalisierung beeinflusst die kasachische Sprache nicht nur durch die Übernahme englischer Begriffe. Umgekehrt verbreitet sich auch das Kasachische zunehmend über kulturelle Produkte wie Musik, Filme, Serien und soziale Medien.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/ne-kyltan-wie-digitalisierung-die-kirgisische-sprache-veraendert/">“Ne kyltan?” – Wie Digitalisierung die kirgisische Sprache verändert</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dadurch gewinnt die Sprache auch außerhalb Kasachstans an Sichtbarkeit und ist vielen Nachbarvölkern – etwa Karakalpaken, Kirgisen, Usbeken oder Tataren – vertraut. Nach Ansicht von Seıtak wird bei Diskussionen über die internationale Verbreitung der kasachischen Kultur oft vor allem an den Westen gedacht. Dabei werde häufig übersehen, dass bereits die Nachbarländer ein großes und wichtiges Publikum darstellen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über die überraschendste Erkenntnis</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Eine der überraschendsten Erkenntnisse aus Seıtaks Projekt „Qazaq Bubble“ ist das große Interesse an populärwissenschaftlichen Inhalten in Kasachstan. Nach seiner Erfahrung spielt dabei die Sprache eine geringere Rolle als oft angenommen: Wissenschaftliche Themen können sowohl auf Kasachisch als auch auf Russisch ein breites Publikum erreichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entscheidend sei vielmehr die Art der Vermittlung. Werden wissenschaftliche Inhalte verständlich, kreativ und ansprechend präsentiert, stoßen sie auf großes Interesse. Das Projekt zeige, dass sich die kasachische Sprache hervorragend eignet, um komplexe Themen lebendig, spannend und sogar unterhaltsam zu erklären.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Zu den Besonderheiten der kasachischen Sprache </strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht weist das Kasachische einige Besonderheiten auf. Bestimmte Laute haben sich im Laufe der Zeit anders entwickelt als in vielen anderen Turksprachen. Dadurch können verwandte Wörter im Kasachischen anders klingen als etwa im Kirgisischen, Usbekischen oder Tatarischen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/gemeinsames-lateinisches-alphabet-fuer-alle-turksprachen/">Gemeinsames lateinisches Alphabet für alle Turksprachen?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Lautveränderungen führen dazu, dass im Kasachischen vergleichsweise viele Homonyme vorkommen – also Wörter, die gleich klingen, aber unterschiedliche Bedeutungen haben. Zudem verfügt die Sprache über einen eigenen Wortschatz mit Begriffen, die in anderen Turksprachen nicht vorkommen. Ein Beispiel ist das Wort „sausaq“ für „Finger“, das als typisch kasachisch gilt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über vergessene Wörter und Ausdrücke </strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wie jede lebendige Sprache verändert sich auch das Kasachische ständig. Neue Wörter entstehen, andere geraten in Vergessenheit. Seıtak beobachtet jedoch mit Bedauern, dass manche traditionelle Begriffe von jüngeren Generationen kaum noch verstanden werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Beispiel nennt er Wörter für Körperhaltungen oder Naturphänomene, die zunehmend durch modernere oder aus anderen Sprachen übernommene Ausdrücke ersetzt werden. Für den Linguisten ist das ein natürlicher Sprachwandel. Als Muttersprachler bedauert er jedoch, dass mit solchen Wörtern oft auch ein Stück kulturelles Wissen und Alltagserfahrung verloren geht.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über die Abstammung der türkischen Sprachen untereinander</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Seıtak weist auf ein weit verbreitetes Missverständnis hin: In der Sprachwissenschaft wird nicht gefragt, welche Turksprache von welcher abstammt. Alle heute gesprochenen Turksprachen gelten als gleich alt und haben sich über Jahrhunderte parallel entwickelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verwirrung entsteht häufig dadurch, dass historische Volks- oder Sprachbezeichnungen unterschiedlich früh in schriftlichen Quellen auftauchen. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass eine Sprache älter oder jünger ist als eine andere. Allerdings können einzelne Sprachen bestimmte archaische Merkmale bewahren, die in verwandten Sprachen bereits verschwunden sind. Solche Unterschiede sagen jedoch etwas über die Entwicklung einer Sprache aus – nicht über ihr Alter.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Zur Feststellung der Sprachverwandtschaft</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Frage nach einer möglichen Verwandtschaft zwischen türkischen und mongolischen Sprachen beschäftigt die Sprachwissenschaft seit Langem. Die sogenannte Altaı-Hypothese geht von einem gemeinsamen Ursprung aus, bislang fehlen jedoch überzeugende Beweise dafür.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ähnliche Wörter in beiden Sprachfamilien lassen sich häufig durch historischen Sprachkontakt und gegenseitige Entlehnungen erklären. Um Sprachverwandtschaft nachzuweisen, untersuchen Linguisten vor allem den Grundwortschatz einer Sprache. Während die Turksprachen hierbei viele Gemeinsamkeiten aufweisen, fehlen solche systematischen Übereinstimmungen mit den mongolischen Sprachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch grammatische Ähnlichkeiten gelten nicht automatisch als Beweis für eine gemeinsame Herkunft. Bestimmte Sprachstrukturen können unabhängig voneinander in verschiedenen Regionen der Welt entstehen. Deshalb unterscheiden Linguisten klar zwischen echter Sprachverwandtschaft, übernommenen Wörtern und bloßen strukturellen Ähnlichkeiten.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>The Village</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen Sara Derbishova</strong></p>



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<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>„Ermen Anti“: Legende des kasachischen Punkrock auf Europatournee</title>
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		<dc:creator><![CDATA[bstoeckl]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Jun 2026 16:03:35 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>&#x201E;Ermen Anti&#x201C; &#x2013; mit b&#xFC;rgerlichem Namen Ermen Erjanov &#x2013; ist die Gallionsfigur des kasachischen Punks. Mit seiner Band &#x201E;Adaptatsiya&#x201C;, die er 1992 in der westkasachischen Stadt Aqt&#xF6;be gr&#xFC;ndete, hat er bereits 15 Studioalben ver&#xF6;ffentlicht und zahlreiche Tours in Russland und Europa gespielt. Im Interview erz&#xE4;hlt er uns &#xFC;ber das neueste Album seines Soloprojekts, den Einfluss [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">„Ermen Anti“ &#8211; mit bürgerlichem Namen Ermen Erjanov &#8211; ist die Gallionsfigur des kasachischen Punks. Mit seiner Band „Adaptatsiya“, die er 1992 in der westkasachischen Stadt Aqtöbe gründete, hat er bereits 15 Studioalben veröffentlicht und zahlreiche Tours in Russland und Europa gespielt. Im Interview erzählt er uns über das neueste Album seines Soloprojekts, den Einfluss des Ukrainekrieges auf seine Tätigkeit als Musiker und wie sich die kasachische Punkszene in den letzten 30 Jahren entwickelt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Benedikt Stöckl für Novastan: Könnten Sie unseren Lesern kurz etwas über Sich und Ihre Kunst erzählen?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ermen Anti: Mein Name ist Ermen Erjanov. Ich wurde 1974 geboren. Mein Künstlername ist Ermen Anti. 1992, im Alter von 17 Jahren, gründete ich in der Stadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aqt%C3%B6be">Aqtöbe</a> – damals noch unter dem Namen „Aktjubinsk“ – die Punkband „Adaptatsiya“, die bis 2019 bestand. Ich bin durch die gesamte ehemalige Sowjetunion getourt und viel in Europa aufgetreten. Danach gab es eine Pause und einige Soloprojekte. Im Jahr 2024 habe ich die Band wieder ins Leben gerufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben „Adaptatsiya“ habe ich noch viele andere Projekte, zum Beispiel im Bereich der Poesie. Meine Gedichte wurden (aus dem Russischen) ins Deutsche und Tschechische übersetzt und sind auch in Russland erschienen. Ich bin Autor mehrerer Bücher, darunter mein autobiografisches Buch „Nomad Punk“. Meinen Stil nenne ich „Nomad Poetry Punk“.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was verbirgt sich hinter der Bezeichnung „Nomad Poetry Punk“?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nomad“ steht zum einen für meinen nomadischen Lebensstil. Ich bin ständig auf Tour und reise um die Welt. Das ist schon so eine Art Lebensweise. Man bleibt nicht an einem Ort. Zweitens ist es ein Verweis auf meine Wurzeln. „Poetry“ ist, im Gegensatz zu vielen Punkbands, die einfach nur expressiv sind oder so, bei uns sehr poetischer Punk. Wie bei „Patti Smith“, wo Punk und Poesie miteinander verschmelzen. Das sind nicht einfach irgendwelche Parolen wie <em>„Nieder mit der Bourgeoisie, nieder mit dem Kapitalismus“</em>, sondern das ist Poesie. Das ist echte Poesie.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was hat Sie dazu motiviert? Wann haben Sie diese Idee aufgegriffen und gesagt, dass Sie das umsetzen wollen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Zunächst gab es eine Vorbereitungsphase, zwei bis drei Jahre, in denen wir Informationen sammelten, und dann wollten wir selbst etwas schaffen. Wir begannen zum Beispiel, den ersten Perestroika-Rock zu hören, den uns russische Bands nähergebracht hatten. Interpreten wie „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aquarium_(Band)">Aquarium</a>“ oder die Band „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kino_(russische_Band)">Kino</a>“. Und dann hat mich der Punkrock gepackt. Irgendwann im Alter von 15 oder 16 Jahren hörte ich, dass es bei uns in der Sowjetunion die berühmte Band „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Graschdanskaja_Oborona">Grazhdanskaya Oborona</a>“ gibt, dann erreichten uns Aufnahmen von den „Sex Pistols“ und „The Clash“, und diese Ästhetik des energiegeladenen Protest-Punks lag mir sehr nahe. So begann ich, in diese Richtung zu gehen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Welche Hindernisse gab es damals für jemanden, der im vor kurzem unabhängig gewordenen Kasachstan in einer Punkband spielen wollte?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbst 1992 bis 1993, als wir anfingen zu spielen, gab es bei uns gewisse Hindernisse; man ließ uns zum Beispiel nicht in offiziellen Veranstaltungsorten der mittleren Ebene auftreten. Damals gab es keine Clubs und wir spielten in irgendwelchen geschlossenen Sälen und organisierten selbst illegale Konzerte, weil man uns offiziell nirgendwo hineinließ. Der Grund dafür war, dass die Kultur und alle möglichen Kulturhäuser von Leuten sowjetischer Prägung geleitet wurden, für die Rock eine Art westliche Subversion war. Sie konnten vielleicht diesen ruhigen offiziellen Rock akzeptieren, der von Liebe singt, aber als wir kamen und Punk spielten, war das für sie ein Schock.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir waren eine der ersten Punkbands in Kasachstan, und deshalb löste diese Punk-Ästhetik bei vielen Normalbürgern und Führungskräften einfach nur Schock aus. Sie versuchten, sich davon zu distanzieren und es zu verbieten. Was die Behörden angeht, so gab es keinen direkten Druck, aber sie waren auf den Konzerten anwesend. Wir sahen, dass diese Leute entweder von der Polizei oder von den Geheimdiensten waren, die einfach nur dasaßen und zuschauten. Wir wurden damals noch kontrolliert von oben und standen unter Generalverdacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Welche Erinnerungen haben Sie an ihre ersten Konzerte?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Unser allererstes Konzert gaben wir in einer Mittelschule, in der Aula. Ich habe viele Erinnerungen daran. Vor einigen Jahren ist mein Buch „Nomad Punk“ erschienen, in dem der Zeitraum von 1992 bis 1997 sehr ausführlich beschrieben wird. Das macht wahrscheinlich fast die Hälfte des Buches aus, denn erstens erinnert man sich an die Zeit der Entstehung, in der Jugend, an alles viel lebhafter, und damals gab es nicht so viele Konzerte wie heute. Als die Band zum Beispiel schon bekannt war, gab es 5–6 Konzerte im Jahr, und jedes Konzert war ein Ereignis. Kurz darauf hatten wir auch ein Konzert im Kulturpalast der Eisenbahner, und ich erinnere mich daran, ich erinnere mich sehr gut daran, wie das alles ablief, was davor und danach war, das ist mir im Gedächtnis geblieben. Und dabei gibt es Dutzende von Konzerten in Städten in Russland oder irgendwo in Europa, die stattgefunden haben, aber an die du dich trotzdem erinnerst auf einer Tour. Du hast eine Tour mit 30 Konzerten, und an manche Konzerte erinnerst du dich nicht.&nbsp;&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wenn Sie heute mehr Konzerte geben – hat sich Ihre Einstellung zu Konzerten im Vergleich zu damals verändert?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das hat sich nicht geändert, wir haben immer versucht, aufrichtig und energiegeladen zu sein und unsere Botschaft zu vermitteln. Und was ich mit vielen Konzerten meine, das war vor 2022. Jetzt ist es leider nicht mehr so, wir spielen nicht mehr so viel, denn nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine haben wir uns gegen den Krieg ausgesprochen, und ich habe auf Konzerte in Russland verzichtet – etwa 70 Prozent meiner Konzerte fanden vorher dort statt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Sie sind gerade in Berlin, um gemeinsam mit Dr. Hoffman Ihr neues Album vorzustellen. Was können die Fans von diesem neuen Album erwarten? Gibt es einen bestimmten Grund, warum Sie es gerade in Berlin vorstellen?&nbsp;&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Grund dafür ist, dass die gesamte Musik auf diesem Album in Berlin aufgenommen wurde. Für die Musik war bei uns Dr. Hoffmann verantwortlich, er lebt hier [in Berlin, Anm. d. Red.]. Es handelt sich dabei um ein Internetprojekt, das ins Leben gerufen wurde. Die Musik wurde in Berlin aufgenommen, die Gesangsaufnahmen fanden im Oktober in Kasachstan statt. Abgemischt wurde das Ganze in Krasnojarsk. Die dazugehörige Video-Art entstand in Serbien. So kam das Projekt zustande. Deshalb bin ich hierhergekommen nach Berlin; ich bin gerade auf einer Akustik-Tournee durch Europa, und das Album ist direkt vor meiner Abreise erschienen. Wir hatten im Voraus geplant, zwei Präsentationen in Deutschland zu geben. Das war am 5. Juni in Berlin, in der Panda-Plattform, und am 6. Juni in Leipzig.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/zentralasien-und-europa/die-scheisskerle-kommen-bischkeker-gruppe-vtoroi-ka-geht-auf-europatour/">Die Scheißkerle kommen: Bischkeker Gruppe Vtoroi Ka geht auf Europatour</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Was kann man von diesem Album erwarten? Es gab bereits eine erste Rezension von einem beliebten Telegram-Kanal in Russland. Es ist ein neuer Sound. Ein neuer Klang. Es ist kein Punk, es ist Reggae, es ist keine elektronische Musik, vielleicht eine Art Hip-Hop. Und die Songs, die darauf zu finden sind: Der früheste, der erste Song, wurde 1994 geschrieben, der späteste im Jahr 2023. Dabei vermittelt das Album eine gewisse Ganzheitlichkeit, es gibt also keine Unterteilung. Es ist kein „Greatest Hits“-Album, sondern ein echtes Album.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar sind dort alte Hits enthalten, aber wir haben bewusst darauf geachtet, dass es nicht „The Very Best of Greats Hits“ wird, sondern ein neues Album von Ermen Anti, Doktor Hoffman, „Radio Baikonur”. Das war das ganze Konzept.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Sie hatten bereits Konzerte in Novi Sad und Belgrad, und vor kurzem waren Sie in Prag und Stuttgart. In Prag haben Sie zusammen mit Maksym Kabyr und Viktor Kulhanek das Buch „Trilobiti“ vorgestellt. Worum geht es in diesem Buch und wie sind diese Idee und dieses Projekt überhaupt entstanden?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 2023 kam ich zum ersten Mal für ein Solokonzert nach Prag. Dort lernte ich Maksym und Denis kennen. Im selben Jahr erschien mein Buch in Tschechien. Die Gedichte waren dort zweisprachig abgedruckt: auf der einen Seite der Originaltext auf Russisch, auf der anderen Seite die tschechische Übersetzung. Dieses Buch war die erste Veröffentlichung eines kasachischen Dichters in tschechischer Sprache seit der Unabhängigkeit Kasachstans. Das Buch ist in vielen tschechischen Bibliotheken zu finden und es gibt auch Rezensionen dazu. Der tschechische Botschafter in Kasachstan besitzt sein eigenes Exemplar, wir haben es gut verbreitet. Wir fuhren für Konzerte nach Prag und freundeten uns an. Viktor Kulhanek kannte ich schon lange, als er noch in Moskau lebte. Er arbeitete dort bei Radio Svoboda.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so kam es, dass wir beschlossen, zu dritt ein gemeinsames Gedichtband mit Werken von drei verschiedenen Autoren herauszugeben. Wir sind Vertreter derselben Generation. Ich komme aus Kasachstan. Viktor Kulhanek stammt aus Russland, lebt aber in Prag. Maksym Kobyr kommt aus der Ukraine und lebt ebenfalls in Prag. Wir haben einen solchen Gedichtband zusammengestellt, in dem jeder etwa 20 seiner Werke beigesteuert hat. Sie wurden alle in einem Band vereint. Das einzig Spezielle ist, dass meine Gedichte an erster Stelle stehen und ich eine Übersetzung ins Tschechische hinzugefügt habe. Denn ich möchte, dass die Tschechen meine Gedichte auf Tschechisch lesen können. Bei den anderen sind sie nur auf Russisch, bei mir auf Russisch und auf Tschechisch.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ich habe gehört, dass Sie das Gleiche mit Ihren Gedichten in Berlin gemacht haben, dass es eine russische und eine deutsche Fassung gibt. Haben Sie die deutsche Fassung selbst geschrieben?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nein, die deutsche Fassung wurde von den Verlegern Mario Aksher und Yuri herausgegeben. Sie haben sie übersetzt. Es handelt sich dabei nicht um zwei verschiedene Bücher. In einem Buch steht der Text auf Russisch und daneben, auf der anderen Seite, auf Deutsch. Es ist also einfach eine Übersetzung, sozusagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Sie treten bereits seit 1992 mit „Adaptatsiya” auf. Das ist schon eine ziemlich lange Zeit. Wie hat sich die Punkszene in Kasachstan bzw. in Zentralasien seitdem verändert? Welche Veränderungen konnten Sie beobachten?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Punkszene war damals noch nicht besonders stark ausgeprägt; als wir in den 90er Jahren in Aktobe anfingen, gab es zwar einige Bands, vielleicht in Almaty, aber sie war noch nicht so weit entwickelt. Dann gab es eine Zeit, in der sich in Aktobe, abgesehen von „Adaptatsiya“, so etwas wie eine Clique bildete, um uns herum entstand eine ganze Clique, die wir „Aktobe-Punk-Club“ nannten. Er wurde 1993 gegründet und umfasste etwa 8 verschiedene Projekte. Das heißt, ich spielte Gitarre bei „Adaptatsiya&#8220; und spielte auch in einer anderen Band namens „Mucha“ Schlagzeug. Wir waren ungefähr zu sechst und spielten in sieben Bands.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zudem haben wir uns an allerlei verschiedenen Projekten ausprobiert. 1994 habe ich ein interessantes Projekt auf Kasachisch namens „Bischarabaldar“ [<em>„Arme Kinder“, Anm. d. Red.</em>] ins Leben gerufen. Ich habe einen Song geschrieben, weil ich mir wünschte, dass es auch auf Kasachisch Punk gäbe. Es gab Punks in Malaysia und auf den Philippinen, aber auf Kasachisch gab es so etwas quasi nicht. Und ich habe eine ganze Reihe solcher Songs geschrieben, aber es ist kein wirklich ernsthafter Punk, sondern eher sozialkritischer oder antireligiöser Punk, zum Beispiel der Song „Ich liebe Schweinefleisch“, der bei den allzu Religiösen eine Art Hysterie ausgelöst hat. Und dieses Projekt hatte einige Hits, 2004 haben wir in Frankreich ein ganzes Split-Album aufgenommen, auf dem die Hälfte „Adaptatsiya“ und die andere Hälfte „Bischarabaldar“ ist. Damit haben wir zementiert, dass es kasachischen Punk gibt. Jeder Punkfan auf der Welt kann jetzt „Bischarabaldar“ finden und Punk auf Kasachisch hören.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/duo-falak-wie-tadschikische-tradition-in-experimenteller-musik-neu-auflebt/">Duo Falak – Wie tadschikische Tradition in experimenteller Musik neu auflebt</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Später, als in Kasachstan Mitte der Nullerjahre mehr oder weniger eine Zeit des Wohlstands einsetzte, tauchte eine ganze Welle junger Punkbands auf, die Pop-Punk spielten und sich an der kalifornischen Szene orientierten. Äußerlich sah das nach Punk aus, inhaltlich sangen sie aber wie jede andere Pop-Band: über Mädchen, über Bier – es ging also überhaupt nicht um soziale Probleme. Sie sangen nicht einmal über die Probleme ihrer Generation, etwa innere Probleme – die Emos zum Beispiel sangen über die inneren Belange der Jugend –, sondern diese hier sangen einfach:<em> „Ich habe mich mit einem Mädchen gestritten, ich geh mich betrinken.“</em> Und das alles sozusagen im Rhythmus des Punkrocks.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe mich davon immer ferngehalten. Aber ich kann jetzt sagen, dass in den letzten Jahren, besonders in Almaty, eine Art Renaissance des Punkrocks zu beobachten ist. Es tauchen sehr viele verschiedene junge Punkbands auf, und zwar von so einem „Crossover-Punk“ – hart, Hardcore – bis hin zu eher traditionellem Punk. Dann entwickelte sich Fem-Punk, es entstanden Bands in Astana und Almaty, Mädchen, die Punk spielen, was es früher nicht gab. Also, ja, es gibt gerade so etwas wie eine dritte Welle des Punk. Wir spielen schon lange, und ich habe vieles davon miterlebt und sehe es – ich kann sagen, dass es gerade einen Aufschwung gibt.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Welche Rolle spielen Sie in diesem Ganzen? Würden Sie Sich für diese neueren Punkbands als eine Art Idol oder Wegbereiter bezeichnen?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, welche Rolle ich spiele. Manche lieben uns, manche hassen uns zutiefst. Das ist nun mal so, wir sind in unserer Stadt auch nicht zu Popstars geworden. Wir sind dort sehr bekannt, und auch landesweit in dieser ganzen Szene. Aber wir hatten immer so eine Art, uns ein bisschen abseits zu halten, wir waren nicht im Mainstream, deshalb sind die Beziehungen unterschiedlich, von respektvoll bis hasserfüllt sozusagen. Das sind normale Gefühle, ich will ja nicht jedem gefallen, deshalb ist sogar Hass ein normales Gefühl. Man kann in dieser Szene natürlich nicht unumstritten sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was bedeutet es für Sie persönlich, in Kasachstan ein Punk zu sein? Unterscheidet sich diese Erfahrung etwa von der in anderen Teilen der Welt?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bin jetzt schon 52 Jahre alt. Ich sage nicht direkt, dass ich ein Punk bin. Ich sage, ich bin ein Nomaden-Punk. Oder ein Punk-Musiker. Das heißt, ich bin nicht mehr derjenige, der ich mit 17 oder 18 war, als ich mit einem Irokesenschnitt herumlief. Ich habe jetzt meine Familie und alles ist ein bisschen anders. Ich bin also kein Street-Punker mehr, der 20 oder 25 ist. Ich habe bereits einige Jahre auf dem Buckel, ein gewisses Verständnis, eine gewisse Verantwortung, deshalb drückt sich mein Punk im Grunde genommen in erster Linie in Ideen und in der Musik aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bin grundsätzlich immer der Meinung, dass Punk sozusagen eine Idee von Freiheit und Protest ist. Das heißt, wenn dich irgendetwas bedrückt, wie zum Beispiel derzeit der Ukrainekrieg. Ich sehe mich alsTeil dieses Prozesses. Das heißt, im Moment sehe ich es quasi als Aufgabe der Band, dazu beizutragen, dass dieser Krieg auf normale Weise endet, dass das Imperium verliert. Wir tun gerade alles, damit unsere Hörer – auch diejenigen, die in Russland verblieben sind – sehen, dass wir leben, dass wir arbeiten, dass wir etwas tun. Und wenn der richtige Moment kommt, werden sich diese Menschen angemessen verhalten. Das sind also nicht die Leute, die Putin und den Krieg unterstützen. Im Moment halte ich das für das Wichtigste.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/der-metal-boom-in-bischkek-ein-kirgisischer-musikpionier-im-portraet/">Der Metal-Boom in Bischkek: ein kirgisischer Musikpionier im Porträt</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es gibt einige Punkbands, die Punk spielen, aber überhaupt nicht über soziale Themen singen. Ich zwinge niemanden, ich mache keine Propaganda. Das ist eine persönliche Entscheidung jedes Einzelnen, wie er es sieht. Aber das ist mein Blickwinkel auf die ganze Sache. Ich bin 52 Jahre alt, wie lange ich noch leben werde, weiß ich nicht. Wie lange dieser Krieg noch dauern wird, weiß ich nicht. Aber wenn Putin diesen Krieg gewinnt, dann wird es auch für Kasachstan schlecht ausgehen, den Ort, an dem ich lebe. Ich wohne 100 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Deshalb ist meine Haltung so: Solange dieser Krieg andauert, solange wir so arbeiten, werden wir so hart auf all das reagieren.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das zeigt sich nicht darin, dass wir dort irgendwelche politischen Slogans oder solche Sachen raushauen. Im Gegenteil, wir arbeiten ständig. Jedes Jahr bringen wir Alben heraus, sind aktiv und schreiben Songs. Aber genau diese Botschaft steckt in diesen Songs.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Inwiefern unterscheidet sich Ihre Poesie von der Musik?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt keinen großen Unterschied. Musik ist Musik, Poesie ist Poesie. Manchmal entstehen Songs einfach auf unterschiedliche Weise. Manchmal entsteht zuerst der Text, dann die Musik. Manchmal ist es umgekehrt, erst die Musik, dann der Text, und manchmal beides gleichzeitig. Ich mache da keine Unterscheidungen. Das bin ich. Das sind sozusagen meine Gedichte. Alles, was sozusagen von mir kommt, auch die Musik. Ich versuche, es so zu gestalten, dass diese Gedichte meiner Meinung nach mit dieser Begleitung angemessen klingen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Heißt das also, dass Sie für sich selbst keine klaren Grenzen zwischen Poesie und Musik ziehen?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich trete manchmal bei Dichterlesungen auf, wo ich einfach vorlese. Ich habe viele Texte, aus denen keine Lieder geworden sind. Es sind einfach Gedichte. Und das ist normal. Manchmal wird aus einem Gedicht ein Monat später ein tolles Lied.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Mit Dr. Hoffman spielen Sie Ihre Lieder im Reggae-Stil. Was hat Sie zu diesem Projekt motiviert?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Reggae, ein bisschen Elektronik, so eine Art Old-School-Hip-Hop, könnte man sagen. Es war wie so oft eine Frage des Zufalls. Dr. Hoffman ist ein alter Bekannter von mir. Erstens ist er ein Landsmann von mir, er kommt aus Kasachstan. Ende der 90er Jahre ist er aus Almaty weggegangen.&nbsp; Er kam zu unseren Konzerten, er liebt &#8222;Adaptatsiya&#8220; sehr. Und vor einem Jahr hat er mir ein paar instrumentale Demoversionen geschickt. Er sagte: <em>„Ermin, schau mal, was ich da gemacht habe, hör mal rein.“</em> Es hat mir gefallen, darum sagte ich, lass uns ein Album machen. Und ein bisschen ohne Eile, ich war sehr beschäftigt, weil ich noch auf Tour war, irgendwelche Dinge zu erledigen hatte. Aber wir haben gearbeitet, er hat mir etwa 15 bis 17 Tracks geschickt, von denen ich nur 9 ausgewählt habe, mit denen wir dann weitergearbeitet haben. Denn manche Versionen haben nicht funktioniert, klangen nicht gut. Aber die 9, die wir ausgewählt haben, haben wir überarbeitet, ich habe die Gesangsparts aufgenommen, wir haben sie uns geschickt und abgemischt. Wir haben also lange daran gearbeitet, das Album ist buchstäblich gerade erst erschienen, ich habe es auf <a href="https://ermenanti.bandcamp.com/album/dr-hoffmann-2026">Bandcamp</a> veröffentlicht, etwa drei Stunden vor dem Abflug zur Tour. Es ist jetzt auf <a href="https://open.spotify.com/intl-de/album/75N0dG3Zxo0bgIhMTluUfn">Spotify</a>, <a href="https://music.apple.com/ge/album/%D1%80%D0%B0%D0%B4%D0%B8%D0%BE-%D0%B1%D0%B0%D0%B9%D0%BA%D0%BE%D0%BD%D1%83%D1%80/6773697624">Apple Music</a> und so weiter zu finden, man kann es eigentlich überall finden. Wir haben es auf unserer <a href="https://ermen.antimusic.ru/">Website</a> veröffentlicht, dort kann man es kostenlos herunterladen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Live-Präsentationen finden nur in Berlin und Leipzig statt, weil wir ja weit entfernt voneinander wohnen. Ich werde vielleicht Präsentationen in Kasachstan halten, aber das wird dann wohl ohne Dr. Hoffmann sein, nur mit Musik und Videokunst. Daher werden wir dort leider nicht komplett sein, aber ich denke, auch in Kasachstan werden die Leute von so einem Sound ein bisschen überrascht sein. Nicht jeder sieht mich ohne Gitarre, sondern nur mit einem Mikrofon.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Sie haben auf Instagram einen Beitrag über Ihre Lieblingsspots in Berlin gepostet. Wie sind Sie überhaupt 2002 zum ersten Mal nach Berlin gekommen? Was halten Sie von dieser Stadt?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist meine Lieblingsstadt auf der ganzen Welt. Ich war schon sehr oft dort – seit dem ersten Mal versuche ich, hierherzukommen und mehr Zeit hier zu verbringen. Und 2002 war das überhaupt unsere erste Auslandsreise. Wir hatten damals Konzerte in Berlin und in Paris. Und als uns Berlin verzaubert hatte, verbrachten wir hier etwa zwei Wochen. Es war ein etwas anderes Berlin; mir ist klar, dass sich Städte verändern, aber damals erlebten wir noch das alte Kreuzberg, eine Art gegenkulturelles Zentrum. Jede Menge Leute, Ausstellungen, Säle. Wir sind überall hingegangen und haben uns alles angesehen. Für uns war das etwas ganz Neues. Dann hat uns die Multikulturalität der Stadt sehr beeindruckt. Also diese Vermischung verschiedener Kulturen, sogar auf der Ebene der Küche – das Essen dort ist sehr interessant. Und dann die Stadt selbst, ihr Rhythmus, die Architektur. Hier hängt alles zusammen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und meine zweitliebste Stadt ist Almaty. Sie ist einfach die Kulturhauptstadt Kasachstans – man nennt sie auch die kulturelle und die südliche Hauptstadt. Aber tatsächlich, ja, alle wichtigen kulturellen Ereignisse und Auftritte von Künstlern, Musikern und Theatern – all das findet in Almaty statt. Astana hinkt da weit hinterher, denn in Astana dreht sich fast alles nur um das Offizielle.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wenn Sie in Europa auftreten, wie wird Ihr Schaffen dort aufgenommen? Und wer besucht Ihre Konzerte?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Von Anfang an, als wir anfingen, hierher zu kommen, spielten wir natürlich vor einem Publikum, das in Berlin hauptsächlich aus Einwanderern aus der Sowjetunion bestand. Aus den ehemaligen Republiken der Sowjetunion. In Frankreich gab es das hingegen überhaupt nicht. Wir hatten einen Direktor, der selbst Anarchist war, und er hat uns extra auf die linke Szene geschickt, wir spielten Konzerte in anarcho-kommunistischen, linken Squats. Die Szene war damals sehr stark entwickelt, sie hatten ihre eigenen Clubs, ihre eigenen Bars, Squats, Labels, Radiosender. In Paris gab es <em><a href="https://radio-libertaire.org/accueil.php">Radio Libertaire</a></em>, einen sehr guten Rund-um-die-Uhr-Radiosender. Wir waren sehr oft dort auf Sendung, unsere Songs wurden gespielt. Das heißt, dort gab es keine Russen, wir spielten zusammen mit französischen Bands für die Franzosen. Sie waren begeistert, sie haben vielleicht die Texte nicht verstanden, aber sie haben die Energie gespürt.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich würde sagen, dass die Mehrheit, besonders jetzt, ein Großteil unseres Publikums [<em>aus Russland, Anm. d. Red.</em>] weggezogen ist. Etwa eine Million Menschen sind weggezogen, und die meisten von ihnen haben sich in Europa niedergelassen. Ich hätte also nie gedacht, dass ich einmal in Serbien spielen würde, dort, bei Akustikkonzerten. Und jetzt fahre ich dorthin, und dort gibt es Leute, die uns in Russland besucht haben, und jetzt kommen sie eben dorthin. Und zum Beispiel in Polen, in Warschau oder in Vilnius kommen hauptsächlich Belarussen zu den Konzerten. Das sind diejenigen, die gezwungen waren, aus Belarus zu fliehen, und die dort bis zu den Ereignissen des Jahres 2020 zu unseren Konzerten kamen. Dann hat die Hälfte von ihnen kurze Haftstrafen im Gefängnis verbüßt.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Werden Sie dort auch beim Festival „Zapatista Baltica“ in Riga auftreten?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, es ist ein <a href="https://www.instagram.com/p/DYpnTDMDIyS/?utm_source=ig_web_copy_link&amp;igsh=NTc4MTIwNjQ2YQ%3D%3D">kleines Festival</a> – Anarchisten veranstalten oft solche kleinen Akustikfestivals –, aber es ist interessant, weil dort – abgesehen davon, dass ich als Headliner aus Kasachstan dabei bin – auch jemand aus der Ukraine auftreten wird. Ich kenne ihn, wir sind 2007 bis 2008 einmal gemeinsam in Klaipėda aufgetreten. Und zwei Künstler aus Litauen und aus Lettland. Bei dem Festival versammeln wir uns trotz des Krieges als Vertreter dreier Länder und veranstalten gemeinsam ein Konzert. Es ist nicht so groß, aber für diejenigen, die daran Interesse haben, ist es sozusagen ein DIY-Festival.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die letzten Jahre hat gerade der Post-Punk aus dem postsowjetischen Raum an Beliebtheit gewonnen, vor allem dank Bands wie <strong>„</strong>Molchat Doma” aus Belarus und Playlists auf YouTube. Haben Sie dieses Phänomen auch wahrgenommen, und was denken Sie über die weltweite Popularisierung des post-sowjetischen Post-Punks?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Phänomen finde ich sehr interessant. <strong>„</strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Molchat_Doma">Molchat Doma</a>” hat vor allem in den letzten 2 bis 3 Jahren für Furore gesorgt. Es gibt auch die Band <strong>„</strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Motorama_(Band)">Motorama</a>” aus Rostow-am-Don, die in Lateinamerika beliebter ist als in Russland und Europa und dort massenweise Zuschauer anzieht. Sie wurde bereits vor über zehn Jahren gegründet und geht oft nach Lateinamerika auf Tour. <strong>„</strong>Molchat Doma” ist auf der ganzen Welt bekannt und spielt große Konzerte und auf Festivals, obwohl sie auf Russisch singen, was sehr interessant ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Grunde war das Hauptproblem immer die Sprache. Man sieht, dass sie [<em>Molchat Doma</em>, <em>Anm. d. Red.]</em>] ihren eigenen Stil kreiert haben und gleichzeitig sehr viele Einflüsse von traditionellen Vorreitern des Genres übernommen haben, wie z. B. The Cure, Joy Division oder Bauhaus. Man sollte sich freuen, dass es für sie so gut geklappt hat. Das gilt auch für die Nowosibirsker Band <strong>„</strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ploho">Ploho</a>”: Obwohl sie mittlerweile in Serbien wohnhaft sind, haben sie für sich mittlerweile den chinesischen Markt entdeckt. Sie reisen nach China, die Chinesen verstehen keine einziges Wort von dem, worüber sie singen, obwohl sie auch einen sehr poetischen Stil des Post-Punks verkörpern. Doch ihnen gefällt es trotzdem, wenn da ein paar russische Typen hinreisen und Post-Punk spielen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie erklären Sie sich den Erfolg dieser russischsprachigen Bands in Regionen, wo überhaupt kein Russisch gesprochen wird?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu 100 Prozent kann ich das auch nicht verstehen. Ich freue mich sehr für die Leute, aber Bands wie <strong>„</strong>Ploho” oder <strong>„</strong>Motorama” spielen jetzt keinen sehr innovativen Stil, den außer ihnen in z. B. den USA oder England niemand spielt. In England wurde der Musikstil schließlich auch erfunden und ist dort immer noch beliebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den Perestroika-Jahren gab es ein paar Jahre die sogenannte <strong>„</strong>Gorbomania” <em>[benannt nach dem damaligen Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Mikhail Gorbatschow, Anm. d. Red.]</em>. Damals ist in Europa und Amerika ein regelrechter Hype ausgebrochen um alles, was aus der damaligen Sowjetunion kam und mit dem politischen Prozess der Perestroika zu tun hatte. Es ging dabei um Schallplatten, um Fernsehsendungen, es wurden Festivals veranstaltet und Menschen reisten nach Russland. Doch danach ist dieser Hype wieder sehr schnell abgeflaut und kam aus der Mode. Schließlich verstanden die Menschen auch kein Wort Russisch, und das Interesse an der Perestroika fand mit dem Zusammenbruch der UdSSR ein jähes Ende.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich glaube allerdings, dass der jetzige Hype andere Gründe hat, da derzeit nichts wie die Perestroika stattfindet. Wahrscheinlich ist es das Internet, wo Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt dank der Algorithmen mit russischsprachiger Musik in Kontakt kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Am 17. Juni spielt Ermen Anti das letzte Konzert des deutschen Teils seiner Europatournee in Düsseldorf. Los geht&#8217;s im &#8222;Black &amp; Lemon</em>&#8220; <em>um 19 Uhr, der Eintritt beträgt 15 Euro. Am Samstag tritt Ermen schließlich auf dem &#8222;Zapatista Baltica&#8220; Festival in Riga auf.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Kasachstans Schlüsselrolle beim Ausbau des Mittleren Korridors</title>
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		<dc:creator><![CDATA[La rédaction]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 10 Jun 2026 15:37:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Arabische Halbinsel]]></category>
		<category><![CDATA[Astana]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Diplomatie]]></category>
		<category><![CDATA[Eisenbahn]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Geopolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Kaukasus]]></category>
		<category><![CDATA[Konferenz]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg in der Ukraine]]></category>
		<category><![CDATA[Mittlerer Korridor]]></category>
		<category><![CDATA[Transport]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im vergangenen Monat war Kasachstan Gastgeber der 40. Konferenz der Generaldirektoren der Eisenbahnen, an der Vertreter aus &#xFC;ber drei&#xDF;ig L&#xE4;ndern teilnahmen. F&#xFC;r Astana bot sich damit die Gelegenheit, vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine und der Neuordnung der globalen Handelswege seine Ambitionen f&#xFC;r den &#x201E;mittleren Korridor&#x201C; zu demonstrieren. Vom Ende April 2026 bot [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Im vergangenen Monat war Kasachstan Gastgeber der 40. Konferenz der Generaldirektoren der Eisenbahnen, an der Vertreter aus über dreißig Ländern teilnahmen. Für Astana bot sich damit die Gelegenheit, vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine und der Neuordnung der globalen Handelswege seine Ambitionen für den „mittleren Korridor“ zu demonstrieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vom Ende April 2026 bot die 40. Konferenz der Generaldirektoren der Eisenbahnen im Herzen von Astana die Gelegenheit, mehr als dreißig Länder in einem unsicheren geopolitischen Kontext zusammenzubringen. Die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_f%C3%BCr_die_Zusammenarbeit_der_Eisenbahnen">Organisation für die Zusammenarbeit der Eisenbahnen</a>, bekannt als OSJD, ist eine zwischenstaatliche Organisation, die ein Netz von mehr als 320.000 km Eisenbahnstrecken <a href="https://en.osjd.org/api/media/resources/c/68/121/258">vereint</a> und jährlich den Transport von etwa 5,5 Milliarden Fahrgästen und fast 5 Milliarden Tonnen Güter gewährleistet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die 1956 gegründete OSJD, das wichtigste Forum für die Koordinierung des Eisenbahnverkehrs zwischen Europa und Asien und Erbe der technischen Zusammenarbeit aus der Sowjetzeit, hat sich nach und nach um neue Mitglieder erweitert. Derzeit zählt sie 27 <a href="https://www.geo-ref.net/en/t-osjd.htm">Mitglieder</a>, von Albanien bis Vietnam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem Jahr versammelte die <a href="https://www.transportcorridors.com/20350">40. Konferenz der Generaldirektoren</a> der Eisenbahnen mehr als 300 Führungskräfte und Vertreter von Eisenbahnunternehmen. Der kasachstanische Premierminister Oljas Bektenov hielt dort persönlich eine Rede, was die politische Bedeutung der Veranstaltung unterstreichen sollte.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Er erinnerte daran, dass <em>„der Eisenbahnsektor Kasachstans, der eine entscheidende Rolle für die wirtschaftliche Entwicklung spielt, darauf abzielt, die Lebensqualität der Bevölkerung zu verbessern und ein nachhaltiges Wachstum zu gewährleisten“</em>. Der Premierminister <a href="https://primeminister.kz/en/news/kazakhstan-to-build-5000-km-of-new-railways-in-the-next-four-years-olzhas-bektenov-at-osjd-conference-31306">kündigte</a> zudem ehrgeizige Ziele für die kommenden Jahre an und erklärte, er wolle in den nächsten vier Jahren <em>„weitere 5.000 Kilometer Eisenbahnstrecken bauen“ </em>und <em>„das Transitvolumen bis 2035 auf 100 Millionen Tonnen pro Jahr steigern“</em>, womit er seinen Willen unterstrich, die zentrale Rolle Kasachstans im Handel zwischen Europa und China zu stärken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Delegation aus Afghanistan, traf sich <a href="https://pajhwok.com/2026/05/01/afghan-delegation-attends-osjd-rail-conference-in-kazakhstan/">laut der afghanistanischen Nachrichtenagentur Pajhwok Afghan News</a> mit kasachstanischen und aserbaidschanischen Vertretern, um über den Ausbau der Häfen von Hairatan und Torghundi sowie über den regionalen Transitverkehr zu beraten. Diese Anwesenheit, ebenso wie die die gemeinsame <a href="https://en.osjd.org/en/8821/page/106072?id=262551">Teilnahme</a> der Ukraine und Russlands, verdeutlicht, dass die Zusammenarbeit im Eisenbahn- und Transitbereich häufig von funktionalen und wirtschaftlichen Interessen geprägt ist und damit politische Konfliktlinien teilweise überlagert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben Fragen der Finanzverwaltung befasste sich die Konferenz auch mit dem künftigen Arbeitsprogramm der OSJD und der Organisation der nächsten Sitzung. Der Schwerpunkt lag auf der Steigerung der Transportmengen, der Modernisierung der Infrastruktur sowie dem Übergang zu leistungsfähigeren Technologien, um die Effizienz und den reibungslosen Ablauf des Schienenverkehrs zu verbessern, <a href="https://www.transportcorridors.com/20350">berichtet das Medium Transport Corridors</a>.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der mittlere Korridor im Zentrum globaler Herausforderungen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mit seiner Aussage, „<em>Eurasien in einen einheitlichen und optimal funktionierenden Verkehrsknotenpunkt zu verwandeln“</em>, bezieht sich Kasachstans Premierminister direkt auf die Handelsroute, die sich in der Region seit etwa zwanzig Jahren entwickelt, insbesondere im Zuge der chinesischen Initiative der Neuen Seidenstraßen aus dem Jahr 2013.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der mittlere Korridor, auch Trans-Caspian International Transport Route (TITR) genannt, ist ein 4.000 Kilometer langer multimodaler Transportkorridor, der chinesische Fabriken über Zentralasien, das Kaspische Meer, den Südkaukasus und die Türkei mit den europäischen Märkten verbindet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist auch die kürzeste Landroute zwischen China und Europa, vorausgesetzt, die notwendige Infrastruktur ist vorhanden, was lange Zeit <a href="https://astanatimes.com/2026/04/kazakhstan-expands-rail-network-and-transit-corridors-to-strengthen-eurasian-connectivity/">nicht der Fall war</a>. Die Lieferzeiten, die früher mehrere Wochen betrugen, sind laut The Astana Times heute auf etwa 18 Tage gesunken.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/sangesur-korridor-neue-chancen-fuer-zentralasien/">Sangesur-Korridor: Neue Chancen für Zentralasien?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Verkürzung wurde zum Teil durch die digitale Transformation und die Einführung des <a href="https://globaldtc.com/products/tez-customs">TezCustoms-Systems</a> ermöglicht, wodurch die Abfertigungszeit an den Grenzen zu China von 8 Stunden auf 30 Minuten reduziert werden konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bektenov hob die <a href="https://primeminister.kz/en/news/kazakhstan-to-build-5000-km-of-new-railways-in-the-next-four-years-olzhas-bektenov-at-osjd-conference-31306">zentrale Rolle Kasachstans</a> hervor, durch das etwa 85 Prozent des Verkehrsaufkommens des mittleren Korridors fließen. Er kündigte zudem den Bau von 5.000 Kilometern neuer Eisenbahnstrecken in den nächsten vier Jahren an, mit dem Ziel, bis 2035 eine Transitkapazität von 100 Millionen Tonnen pro Jahr zu erreichen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Eine Route, die seit den geopolitischen Krisen einen Aufschwung erlebt&#8230;</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Diese eurasische Verkehrsachse ist einer der großen Nutznießer der weltweiten geopolitischen Lage der letzten vier Jahre, wobei zwei aufeinanderfolgende Schocks ihre Bedeutung deutlich gesteigert haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der erste ist der Krieg in der Ukraine seit 2022: Die westlichen Sanktionen gegen Russland haben laut Transport Corridors dazu geführt, dass das Frachtvolumen in Richtung Westen auf russischen Straßen im Jahr 2023 um 51 Prozent <a href="https://www.transportcorridors.com/20350">eingebrochen ist</a>. Der mittlere Korridor hat sich somit als einzige praktikable Landbrücke zwischen China und Europa etabliert, die das russische Territorium umgeht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/zentralasien-und-europa/global-gateway-die-eu-investiert-in-den-transkaspischen-korridor/">Global Gateway: Die EU investiert in den Transkaspischen Korridor</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der zweite Faktor ist der Krieg im Nahen Osten und die Ende 2023 ausgelösten Angriffe der Huthi im Roten Meer. <a href="https://www.gulf-times.com/article/673811/region/houthi-red-sea-attacks-force-rerouting-of-vessels-disrupting-supply-chains">Laut der katarischen Zeitung Gulf Times</a> haben einige Unternehmen angesichts der in der Region herrschenden Unsicherheit ihren Verkehr von der Straße von Hormus und dem Suezkanal zum Kap der Guten Hoffnung verlagert, was die Landalternativen umso attraktiver macht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 2024 <a href="https://carnegieendowment.org/russia-eurasia/politika/2026/04/middle-corridor-transport-prospect">stieg</a> das Frachtvolumen auf der eurasischen Route laut dem amerikanischen Think Tank Carnegie Endowment for International Peace im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 63 Prozent auf 4,1 Millionen Tonnen, gegenüber nur 500.000 Tonnen vor der groß angelegten russischen Invasion in der Ukraine. Allein auf der Strecke China–Europa hat sich die Zahl der transportierten Container laut der Zeitschrift CEBRI zwischen 2023 und 2024 um das 25-Fache <a href="https://cebri.org/revista/en/artigo/220/middle-corridor-connecting-brazil-to-eurasia-via-azerbaijan">erhöht</a>.</p>



<h2 class="wp-block-heading">&#8230;die jedoch weiterhin behindert wird</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Trotz ihres Potenzials, sich zu einer wettbewerbsfähigen Hauptroute zu entwickeln, bleibt die eurasische Verkehrsachse durch strukturelle Probleme <a href="https://carnegieendowment.org/russia-eurasia/politika/2026/04/middle-corridor-transport-prospect">eingeschränkt</a>. „<em>Der mittlere Korridor ist noch weit davon entfernt, wettbewerbsfähig zu sein. Er bewältigt nur etwa 6 Prozent der jährlichen Kapazität des nördlichen Korridors (über Russland), die sich auf 100 Millionen Tonnen beläuft, und während viele westliche Akteure mit einem weiteren Wachstum rechnen, deuten mehrere Indikatoren stattdessen auf eine Verlangsamung hin“</em>, erklärt Bektenov.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Infrastruktur des mittleren Korridors ist in der Tat nach wie vor unzureichend, mit oft überlasteten Häfen, insbesondere in Georgien, und einer von Natur aus fragmentierten Route, da sie auf einer Abfolge von Verkehrsträgern beruht, was sie langsamer, teurer und weniger flüssig macht als die alternativen Routen über Russland oder auf dem Seeweg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hinzu kommen <a href="http://?">anhaltende geopolitische Instabilitäten im Kaukasus</a> und rund um den Iran sowie ökologische Herausforderungen, insbesondere der sinkende Wasserstand des Kaspischen Meeres, der sich direkt auf die Hafenkapazitäten und die Kontinuität des Seeverkehrs auswirkt.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Lorenz Uberti für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://novastan.org/fr/kazakhstan/au-kazakhstan-une-conference-sur-les-chemins-de-fer-abordent-le-corridor-median/">Französischen</a> von Margaret Bullich</strong></p>
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		<title>„Ich brauchte nur einen Reisepass“: Zentralasiatische Kriegsgefangene in der Ukraine zwischen Loyalität und Reue</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Michèle Häfliger]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 07 Jun 2026 10:46:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>B&#xFC;rger aus Zentralasien stellen den gr&#xF6;&#xDF;ten Anteil ausl&#xE4;ndischer K&#xE4;mpfer in der russischen Armee. Novastan hat mehrere von ihnen, die von ukrainischen Streitkr&#xE4;ften gefangen genommen wurden, aufgesucht. Ihre Berichte verdeutlichen, wie Migranten aus Zentralasien f&#xFC;r Moskau zu einer Quelle besonders anf&#xE4;lliger Rekruten geworden sind. Im Hof einer Milit&#xE4;rstrafanstalt in der Region Lviv im Westen der Ukraine [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Bürger aus Zentralasien stellen den größten Anteil ausländischer Kämpfer in der russischen Armee. Novastan hat mehrere von ihnen, die von ukrainischen Streitkräften gefangen genommen wurden, aufgesucht. Ihre Berichte verdeutlichen, wie Migranten aus Zentralasien für Moskau zu einer Quelle besonders anfälliger Rekruten geworden sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Hof einer Militärstrafanstalt in der Region Lviv im Westen der Ukraine schreiten Dutzende von Gefangenen schweigend zum Speisesaal. An den Wänden um sie herum hängen Porträts von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Romanowitsch">Daniel von Galizien</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stepan_Bandera">Stepan Bandera</a> und anderen ukrainischen Nationalisten. Im größten Kriegsgefangenenlager des Landes sind alle Beschriftungen und Befehle auf Ukrainisch verfasst.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Bei uns läuft alles gut, sie sind ruhig, es gibt keine Schlägereien“</em>, erzählt ein Wachmann. Vor seinen Augen betreten die Gefangenen die Kantine zum Mittagessen. Ihre Gesichter sind verschlossen. Einige Häftlinge haben bereits vier Jahre im Lager verbracht. Vor allem weist ein Großteil von ihnen deutlich asiatische Gesichtszüge auf. Bei einigen handelt es sich um Russen aus sibirischen Republiken wie Burjatien und Jakutien, wo die Einberufungsquoten besonders hoch sind.</p>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="771" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kantine-des-Kriegsgefangenen-Camps-am-15-April-2026-Foto-Driss-Rejichi-1024x771.jpg" alt="" class="wp-image-44844" style="aspect-ratio:1.3281519161785866;width:1024px;height:auto" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kantine-des-Kriegsgefangenen-Camps-am-15-April-2026-Foto-Driss-Rejichi-1024x771.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kantine-des-Kriegsgefangenen-Camps-am-15-April-2026-Foto-Driss-Rejichi-300x226.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kantine-des-Kriegsgefangenen-Camps-am-15-April-2026-Foto-Driss-Rejichi-768x579.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kantine-des-Kriegsgefangenen-Camps-am-15-April-2026-Foto-Driss-Rejichi.jpg 1536w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Kantine des Kriegsgefangenen-Camps am 15. April 2026. Foto: Driss Rejichi</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Viele andere sind Soldaten aus den fünf ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens. <em>„Die meisten Ausländer, die ich in der russischen Armee gesehen habe, kamen von dort“</em>, erklärt Chuschbacht Perusalijew. Im Frühjahr 2024 unterzeichnete der 47-jährige Tadschike einen Vertrag, um in der russischen Armee zu dienen. <em>„Man sagte mir: ‚Du wirst nicht an der Front sein, nichts dergleichen, du wirst einfach in einem Lager arbeiten‘ … Also habe ich zugestimmt“</em>, erinnert sich der Mann mit rasiertem Kopf und Bart. Eine Lüge: Wenige Wochen später wurde der Tadschike von ukrainischen Streitkräften gefangen genommen, nachdem er bei einem Frontalangriff im Gebiet Donezk verwundet worden war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weit vor den 1.400 Männern aus afrikanischen Ländern oder den 200 indischen Staatsbürgern, die seit Kriegsbeginn von der russischen Armee rekrutiert wurden, sollen laut den im April 2026 von der ukrainischen Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene veröffentlichten Daten bereits mehr als 12.000 Soldaten aus Zentralasien an der „militärischen Sonderoperation“ in der Ukraine teilgenommen haben. Mehr als die Hälfte der ausländischen Kämpfer, die für Russland kämpfen, stammen somit aus dieser Region.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Angesichts von Razzien und Ausweisungen: das Versprechen eines Passes</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Alle zentralasiatischen Kriegsgefangenen, mit denen Novastan gesprochen hat, befanden sich im Gefängnis von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mykolajiw">Mykolajiv</a> und waren bereits vor 2022 in Russland. <em>„Die Rekrutierungsbemühungen, die sich an Ausländer richten, konzentrieren sich auf Arbeitsmigranten und Häftlinge, die eine Freiheitsstrafe verbüßen“</em>, betont ein Offizier der ukrainischen Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Iljas, ein kirgistanischer Staatsbürger und Getränkehändler, der seit 2007 in Moskau lebt, unterzeichnete seinen Vertrag im April 2025. <em>„Mir wurde bei der Rekrutierung nicht direkt die Staatsbürgerschaft versprochen, aber ich wusste, dass ich später die Möglichkeit haben würde, sie zu erhalten“</em>, erklärt der Vierzigjährige.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Im Januar 2024 unterzeichnete Wladimir Putin ein Dekret, das es ermöglichte, bestimmten Ausländern, die in der Armee gedient hatten, insbesondere während der „militärischen Sonderoperation“, die Staatsbürgerschaft zu gewähren. Die Zahl der Ausländer, die davon profitiert haben, ist nach wie vor unbekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Ukraine berichten die zentralasiatischen Gefangenen übereinstimmend, dass sie nach einer kurzen Ausbildung an die Front geschickt wurden, was zu hohen Verlusten führte. <em>„Wir rückten auf ein Dorf vor, und schon auf dem Weg dorthin tauchten Drohnen auf und begannen, uns anzugreifen“</em>, erinnert sich Iljas, der knapp entkommen konnte und anschließend gefangen genommen wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Chuschbacht wurde seinerseits bei einem Artillerieangriff verwundet, als er auf die ukrainischen Linien vorrückte: <em>„Die Hälfte der Gruppe fiel sofort, alle 200 [russischer Militärcode für Tote, Anm. d. Red.]“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Familienvater, dessen Frau und Kinder noch immer in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rjasan">Rjasan</a>, 200 Kilometer südöstlich von Moskau, leben, beschreibt, wie <em>„unmittelbar nach dem Anschlag auf die Crocus City Hall“</em> im März 2024 ein Klima der Angst herrschte. Der von tadschikistanischen Staatsbürgern verübte und vom Islamischen Staat Khorasan beanspruchte Terroranschlag forderte mehr als 149 Todesopfer und führte zu einer Verschärfung der Lebensbedingungen für Migrierte aus Zentralasien in Russland. Laut Chuschbacht kam es häufig zu <em>„Razzien gegen Tadschiken“</em>, bei denen den Migranten <em>„sofort die Abschiebung mit Einreiseverbot“</em> auferlegt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/werden-die-angeklagten-im-fall-crocus-city-hall-ausgeliefert/">Werden die Angeklagten im Fall Crocus City Hall ausgeliefert?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus Angst verzichtete der Mann darauf, seinen abgelaufenen Pass verlängern zu lassen, aus Furcht, auf dem Weg zur Botschaft in Moskau festgenommen zu werden. <em>„Schließlich kontrollierten Spezialeinheiten der Polizei die Baustelle, auf der ich arbeitete“</em>, erklärt der Migrant, dem daraufhin die Staatsbürgerschaft versprochen wurde, wenn er sich der Armee anschließe.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Es stimmt, dass Tadschiken nach dem Anschlag auf die Crocus City Hall stärker ins Visier genommen wurden als andere Gruppen aus Zentralasien“</em>, betont Caress Schenk, Professorin für Politikwissenschaft an der Nazarbaev-Universität in Astana. Nach Angaben der ukrainischen Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene sind Tadschiken mit mehr als 3.400 Rekruten die zweitgrößte Nationalität in der russischen Armee, hinter etwa 4.800 Usbeken und 2.400 Kasachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/der-vorwand-sind-kopftuch-bart-und-predigten-auf-dem-handy-migrantinnen-aus-zentralasien-berichten-ueber-islamophobie-in-russland/">Kopftuch und Bart – Migrant:innen aus Zentralasien über Islamophobie in Russland</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Schenk weist jedoch darauf hin, dass in Russland <em>„die Maßnahmen zur Migrationskontrolle, Razzien und der Druck, zum Militär zu gehen, stark von der aktuellen Lage abhängen“</em>. Seit Kriegsbeginn konnten je nach Kontext auch andere Bevölkerungsgruppen ins Visier geraten. <em>„Manchmal gerät jede Person mit asiatischen Gesichtszügen unter Verdacht“</em>, bemerkt die Forscherin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit November 2025 müssen bestimmte in Russland lebende Ausländer einen Vertrag über den Eintritt in die Armee vorlegen, wenn sie die russische Staatsbürgerschaft oder eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten wollen. Zu Beginn des Jahrzehnts machten Zentralasiaten jedoch mehr als 40 Prozent der in Russland lebenden Migranten aus und sind daher am stärksten von diesen neuen Maßnahmen betroffen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar erklären alle von Novastan befragten Gefangenen, ihren Vertrag freiwillig unterzeichnet zu haben, um einen russischen Pass zu erhalten, doch betont Schenk auch, dass der zunehmende administrative Druck <em>„eher darauf abzielt, die Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit der Migranten einzuschränken, als ihnen echte Wahlmöglichkeiten zu bieten.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Ideologisch gefährdete Migranten</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Neben der prekären administrativen Lage stützt sich die russische Armee bei ihren Mobilisierungsbemühungen auch auf mögliche ideologische Affinitäten der zentralasiatischen Migranten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich wollte in Russland leben. Um die Staatsbürgerschaft zu erlangen, auf die ich meiner Meinung nach Anspruch hatte, musste ich also dem Vaterland dienen“</em>, erklärt der 38-jährige Jasur Islamov in einem gleichgültigen Ton. Nach anderthalb Jahren in der Armee wird ihm im März 2025 endlich der Pass versprochen, sofern er an der Front bleibt. Jasur wird jedoch wenige Wochen später gefangen genommen, nachdem er bei einem Angriff von einer Drohne verwundet wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/situation-zentralasiatischer-migrierter-in-russland-verschlechtert-sich/">Situation zentralasiatischer Migrierter in Russland verschlechtert sich</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zu den Berichten anderer Ausländer, die zu Kriegsgefangenen wurden, wie beispielsweise Männer aus Afrika, haben Iljas, Jasur oder Chuschbacht nicht versucht, sich freiwillig zu ergeben oder zu desertieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um diese unterschiedlichen Verhaltensweisen im Kampf zu erklären, stellt die ukrainische Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene fest, dass bestimmte Schichten der Migrantenbevölkerung <em>„russischsprachige Menschen sind, die in den 1970er oder 1980er Jahren in der UdSSR geboren wurden“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die von Novastan befragten Gefangenen betonen ebenfalls, dass sie nach Russland zurückkehren wollen, in der Hoffnung, an einem Gefangenenaustausch teilzunehmen. <em>„Wir haben keinerlei Einwände gegen den Austausch von Bürgern aus zentralasiatischen Ländern“</em>, erklärt die ukrainische Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene. Unter den rund 7.000 bereits ausgetauschten russischen Soldaten bildeten Staatsangehörige aus Zentralasien jedoch eine sehr kleine Minderheit und betrafen nur Einzelfälle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf die direkte Frage nach ihren Erfahrungen mit Rassismus in Russland vor oder während ihres Dienstes versichern die Kriegsgefangenen, mit denen Novastan gesprochen hat, alle, dass sie nie damit konfrontiert worden seien. Sie sind zudem zuversichtlich, dass sie sich nach ihrer Haft mit einem Reisepass wieder in die russische Gesellschaft integrieren können.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Stellen Sie sich vor: Ich habe mein Leben riskiert, um die Staatsbürgerschaft zu erhalten, und nun soll ich in mein Land zurückgeschickt werden, obwohl ich dort nichts mehr habe? Das wäre ein großer Verrat“</em>, sagt Jasur mit scharfer Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/warum-spricht-usbekistan-china-und-russland-sein-beileid-aus-aber-niemals-der-ukraine/">Warum spricht Usbekistan China und Russland sein Beileid aus, aber niemals der Ukraine?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Kriegsgefangenen haben jedoch bereits Enttäuschungen auf ihrem Weg als Migranten in Russland erlebt. Iljas, der seit Jahren mit einer Russin verheiratet ist, erzählt nüchtern, dass er <em>„vor langer Zeit die Staatsbürgerschaft beantragt und die Unterlagen eingereicht habe, aber sie wurde mir verweigert“</em>. Jasur gibt seinerseits bitter zu, <em>„nicht einmal das Geld aus dem Vertrag erhalten zu haben“</em>, da ihm von den achtzehn Monaten, die er in der Armee verbracht hat, nur zwei Monatsrenten ausgezahlt wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich glaube, es braucht Jahre und verschiedene Formen der Bewusstseinsbildung, um verinnerlichte Diskriminierungen abzubauen“</em>, erklärt Schenk und erinnert daran, dass in der sowjetischen Vorstellungswelt Rassismus ausschließlich mit dem Westblock und dem Kapitalismus in Verbindung gebracht wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter Berufung auf die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Genfer_Konventionen">Genfer Konventionen</a> erklärt die ukrainische Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene, dass die Zentralasiaten wie alle anderen behandelt werden. Im Hof trainieren einige gemeinsam mit russischen Mitgefangenen an den Krafttrainingsgeräten des Lagers.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wir hätten nie gedacht, dass wir hier landen würden“</em>, beklagt sich schließlich Jasur. Als man ihn daran erinnert, dass er sich in voller Kenntnis der Sachlage verpflichtet hat, wird der Häftling gereizt: <em>„Sie reden, als hätte ich extra unterschrieben, um Menschen zu töten… Ich brauchte einfach nur einen Ort zum Leben und einen Pass, um zu arbeiten und meine Familie zu ernähren.“</em> Nach einer Pause fügt er bedauernd hinzu: <em>„Ich sage nicht, dass wir das Richtige getan haben. Jeder macht Fehler. Jeder.“</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Driss Rejichi, Sonderkorrespondent in der Ukraine für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://novastan.org/fr/guerre-en-ukraine/j-avais-juste-besoin-d-un-passeport-en-ukraine-les-prisonniers-de-guerre-d-asie-centrale-entre-loyaute-et-regrets/">Französischen</a> von Michèle Häfliger</strong></p>
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		<title>Astanas Hochbahn mit einer Verzögerung von 20 Jahren eingeweiht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robin Roth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 06 Jun 2026 15:57:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Astana]]></category>
		<category><![CDATA[Hochbahn]]></category>
		<category><![CDATA[LRT]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nach jahrelangem Warten konnten die Einwohner:innen Astanas endlich die Einweihung der LRT &#x2013; der Hochbahn der kasachstanischen Hauptstadt &#x2013; miterleben. Obwohl das Projekt urspr&#xFC;nglich f&#xFC;r einen fr&#xFC;heren Zeitpunkt geplant war, kam es aufgrund von Korruption und finanziellen Unregelm&#xE4;&#xDF;igkeiten immer wieder zu Verz&#xF6;gerungen. Am 18. Mai ist die erste Metro-Linie von Astana durch Kasachstans Pr&#xE4;sidenten Qasym-Jomart [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Nach jahrelangem Warten konnten die Einwohner:innen Astanas endlich die Einweihung der LRT – der Hochbahn der kasachstanischen Hauptstadt – miterleben. Obwohl das Projekt ursprünglich für einen früheren Zeitpunkt geplant war, kam es aufgrund von Korruption und finanziellen Unregelmäßigkeiten immer wieder zu Verzögerungen.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 18. Mai ist die erste Metro-Linie von Astana durch Kasachstans Präsidenten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qassym-Schomart_Toqajew">Qasym-Jomart Toqaev</a> und Bürgermeister Qasym Bek <a href="https://tengrinews.kz/kazakhstan_news/tokaev-zapustil-rabotu-astana-lrt-599394/">eingeweiht</a> worden. Die neue, vollautomatische Bahn – bekannt als LRT (Light Rail Transport) – verbindet nun den östlichen Teil der Stadt mit dem Südosten und führt dabei durch das Stadtzentrum. Es handelt sich um die erste Linie eines umfangreichen Netzes, das im Rahmen eines Modernisierungsprojekts für den städtischen Verkehr in Kasachstans Hauptstadt geplant ist. Der Bau wurde von einem <a href="https://astanatimes.com/2017/05/astana-to-begin-light-rail-system-construction-in-may/">Konsortium chinesischer Unternehmen</a> durchgeführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während der Einweihungsfeier nutzte das Staatsoberhaupt als erster offizieller Fahrgast die Strecke. In dieser Funktion nahm Toqaev symbolisch die Fahrgastkarte mit der Nummer 001 entgegen und fuhr vom internationalen Flughafen zum Nationalmuseum quer durch die Stadt, vorbei am Stadtzentrum und dem markanten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bajterek-Turm">Baıterek-Turm</a>. Der Präsident <a href="https://www.akorda.kz/ru/glava-gosudarstva-prinyal-uchastie-v-zapuske-lrt-164655">bekundete seine Absicht</a>, Kasachstans Hauptstadt zu einem bedeutenden eurasischen Verkehrsknotenpunkt auszubauen.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Eines der markanten Merkmale dieses Stadtbahn-Systems ist, im Vergleich zu den Netzen in zentralasiatischen Metropolen wie <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Taschkent">Taschkent</a> oder <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almaty">Almaty</a>, dass es nicht als U-Bahn, sondern oberirdisch errichtet wurde und das Stadtbild somit maßgeblich verändert hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Mehrheit der Einwohner:innen Astanas freut sich über die Einführung der LRT. „<em>Sie ist wirklich sehr modern, sauber und sicher. Sie ist wie eine U-Bahn“</em>, sagt Arujan, eine junge Einwohnerin der Stadt. <em>„Viele lokale und internationale Influencer haben bereits Videos von Testfahrten in den sozialen Medien gepostet und dabei oft hervorgehoben, wie modern sie ist!“</em>, fügt sie mit einem Anflug von Stolz in der Stimme hinzu.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„Denkmal der Korruption”</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Fast zwanzig Jahre lang stand das Projekt, das in den 2000er Jahren während der Präsidentschaft <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nursultan_Nasarbajew">Nursultan Nazarbaevs</a> lanciert wurde, im Mittelpunkt zahlreicher Kontroversen. Der Bau wurde immer wieder verschoben, gestoppt und – inmitten von Korruptionsvorwürfen sowie Politik- und Finanzskandalen – erneut aufgenommen. In der öffentlichen Wahrnehmung <a href="https://orda.kz/korrupcija-na-tri-bukvy-lrt-v-astane-dolgostroj-kotoryj-nikogda-ne-okupitsja-397619/">erhielt</a> die Hochbahn mit ihren imposanten, T-förmigen Betonkonstruktionen entlang der Hauptverkehrsstraßen rasch den Beinamen „Denkmal der Korruption“ und wurde zum Symbol für die Verschwendung öffentlicher Gelder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Astana Bank, bei der chinesische Darlehen in Höhe von 200 Millionen US-Dollar hinterlegt waren, ging 2018 in Konkurs. Dies führte dazu, dass ein Großteil der für das Bauvorhaben vorgesehenen Mittel <a href="https://tengrinews.kz/article/tasmagambetova-kulginova-5-akimov-pytalis-resit-vopros-lrt-1232/">eingefroren</a> wurde und verloren ging. In einer Rede im Jahr 2019 <a href="https://tengrinews.kz/kazakhstan_news/tokaev-raskritikoval-proekt-lrt-v-stolice-373862/">kritisierte</a> Präsident Toqaev das Projekt und beklagte die exorbitanten Kosten sowie die damit verbundene Verschwendung öffentlicher Gelder.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img decoding="async" width="1024" height="804" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/WhatsApp-Image-2026-06-02-at-10.37.40-1024x804-1.jpeg" alt="" class="wp-image-44853" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/WhatsApp-Image-2026-06-02-at-10.37.40-1024x804-1.jpeg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/WhatsApp-Image-2026-06-02-at-10.37.40-1024x804-1-300x236.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/WhatsApp-Image-2026-06-02-at-10.37.40-1024x804-1-768x603.jpeg 768w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Bild: Eléa Muresan</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 2021 wurden mehrere Personen beschuldigt, Gelder im Zusammenhang mit dem Bau der Bahn veruntreut zu haben. Qanat Sultanbekov, ehemaliger stellvertretender Bürgermeister von Astana, und Talgat Ardan, ehemaliger Direktor von Astana LRT, wurden 2023 wegen der Veruntreuung von 79 Millionen US-Dollar zu sieben Jahren Haft <a href="https://timesca.com/astana-launches-first-light-rail-transit-service-after-years-of-delay/">verurteilt</a>. Ardan wurde daraufhin im Jahr 2025 in der Türkei festgenommen, jedoch bislang nicht ausgeliefert.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Mission: Entlastung der Verkehrslage</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Ausbau der Hochbahn soll den städtischen Verkehrsfluss verbessern. Bislang stützte sich der öffentliche Nahverkehr in Astana auf ein weit verzweigtes Busnetz <a href="https://cts.gov.kz/ru/business/razvitie-obshchestvennogo-transporta/">mit 78 Linien</a>, die das gesamte Stadtgebiet abdeckten. Dieses System hatte jedoch mit dem dichten Verkehr auf den langen Ausfallstraßen der Hauptstadt zu kämpfen, was zu erheblichen Staus während der Stoßzeiten führte. Die ehemalige Hauptstadt Almaty – nach wie vor ein bedeutendes kulturelles und wirtschaftliches Zentrum – verfügt hingegen seit rund fünfzehn Jahren über eine <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metro_Almaty">U-Bahn</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/aus-wueste-mach-metropole-wie-sich-astana-in-den-letzten-20-jahren-veraendert-hat/"><strong>Aus Wüste mach Metropole – wie sich Astana in den letzten 20 Jahren verändert hat</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Dass die Bahn in der Höhe fährt, ist praktisch, wenn es Stau gibt und man schnell von einem Ort zum anderen gelangen muss“</em>, erklärt Arujan. <em>„Es wäre toll, wenn es mehr Linien gäbe, aber wir haben keine Ahnung, wie lange das dauern wird – in näherer Zukunft wird das sicher nicht passieren.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das rechte Ufer von Astana, das den ältesten Teil der Hauptstadt umfasst, ist noch nicht an die Metro angebunden. Anfang Januar begann die zweite Bauphase, die unter anderem eine Verlängerung bis zur Gemeinde <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Qosshy">Qosşy</a> in den südlichen Vororten Astanas vorsieht. Für die Erweiterung der Metro auf das rechte Ufer des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ischim_(Fluss)">Esil</a> wurde bislang kein konkreter Termin genannt.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Eléa Muresan für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://novastan.org/fr/kazakhstan/a-astana-le-tramway-aerien-inaugure-apres-vingt-ans-de-retard/"><strong>Französischen</strong></a> <strong>von Robin Roth</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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