„Mergen“, eine Mischung aus Krimidrama, psychologischem Thriller und kirgisischer Mythologie, thematisiert Korruption, die Ausbeutung der Umwelt sowie den Kampf um Gerechtigkeit im heutigen Kirgistan. Regisseur Tschingis Narynow sprach mit Novastan über die Legenden, die seinen Film inspirierten, die Herausforderungen bei der Besetzung der Rollen und darüber, warum das Publikum im In- und Ausland den Film unterschiedlich interpretiert hat.
Das kirgisische Kino findet zunehmend internationale Beachtung; Filmschaffende setzen sich mittels vielfältiger filmischer Formen mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen auseinander. In „Mergen“ greift Regisseur Tschingis Narynow auf die reichen mythologischen Traditionen seines Landes zurück, um eine düstere Geschichte über Korruption, Gier, Umweltzerstörung und die Grenzen individueller Moral zu erzählen.
Der in einer fiktiven Stadt angesiedelte Film folgt dem Polizisten Nurtai, der sich in einer Welt behaupten muss, in der mächtige Interessen häufig über der Gerechtigkeit stehen. „Mergen“ verbindet Elemente eines Kriminalfilms und Psychothrillers mit kirgisischer Folklore und wirft dabei Fragen nach dem Verhältnis des Menschen zur Natur sowie nach den moralischen Kompromissen auf, die eine ungleiche Gesellschaft auferlegt.
Unterstützt Novastan – das europäische Zentralasien-Magazin
Als vereinsgetragene, unabhängige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen – und von eurer Unterstützung!Der Film ist Teil des Programms des Asian Film Festival Barcelona 2026 und wird auch im Rahmen des Filmfestivals Cottbus gezeigt. Mathieu Lemoine, Chefradakteur von Novastan English, sprach mit Narynow über die Entstehung von „Mergen“, die Bedeutung der lokalen Mythologie sowie seine Pläne für zukünftige Projekte.
Novastan: „Mergen“ verbindet Elemente aus Krimi, Psychothriller und kirgisischer Mythologie und entwirft dabei ein eher düsteres Bild der heutigen Gesellschaft. Was hat Sie dazu inspiriert, diese Geschichte zu erzählen, und welche Botschaft wollten Sie damit vermitteln?
Tschingis Narynow: Ausgangspunkt war die kirgisische Mythologie. Eines Tages unterhielten sich die Drehbuchautorin Aikyz Gaparowa und ich über die alte Legende von Karagul-Botom – insbesondere darüber, wie relevant sie bis heute ist und inwiefern sie einen Bezug zu aktuellen Problemen der kirgisischen Gesellschaft aufweist. Aus diesem Gespräch entwickelte sich nach und nach die Idee für den Film.

Gleichzeitig wollten wir eine zeitgenössische Geschichte erzählen, was uns zum Genrekino führte. Die Probleme, mit denen Kirgistan konfrontiert ist, prägten maßgeblich die Stimmung und Atmosphäre des Films. Letztlich flossen in „Mergen“ uralte Legenden und die Realitäten der Gegenwart zusammen.
Die Figuren sind besonders überzeugend und die Besetzung zählt zu den Stärken des Films. Wie haben Sie die Darsteller für die Rollen von Nurtai, Kerim und dem jungen Mädchen Anara ausgewählt? Handelte es sich bei einigen dieser Rollen um Filmdebüts?
Der Casting-Prozess war langwierig. Wir haben lange nach dem richtigen Schauspieler für die Rolle des Nurtai gesucht, doch als Omurbek Israilow hereinkam, spürte ich sofort, dass wir unseren Protagonisten gefunden hatten.
Bei Kerim war es komplizierter. Wir führten mehr als achtzehn Vorsprechen mit verschiedenen Schauspielern durch. Nasym Mendebajrow zählte zu unseren ersten Kandidaten, doch ich wollte mich von den typischen Verbrecherrollen lösen, die das Publikum mit diesem bekannten Schauspieler verband. Nach langer Suche kehrten wir jedoch zu ihm zurück. Letztendlich war er die überzeugendste Besetzung für diese Rolle.
Lest auch auf Novastan: „Black Red Yellow“ – eine verwobene Liebesgeschichte
Regina Talantbekowa spielte Anara und hatte – soweit ich mich erinnere – bereits gewisse schauspielerische Erfahrungen, doch „Mergen“ war ihr Spielfilmdebüt. Ich finde, sie hat ihre Sache wunderbar gemacht.
Ein weiteres bemerkenswertes Debüt war die Rolle des Turdukul, verkörpert von Tilektesch Usenakunow, der zuvor hauptsächlich als Stunt-Darsteller tätig war. Auch hinter der Rolle des Jacob verbirgt sich eine interessante Geschichte: Sie wurde von Toon Cavens gespielt, einem Mathematiklehrer an einer Privatschule in Bischkek, der mit „Mergen“ sein Filmdebüt gab. Ich finde, er hat seine Sache wunderbar gemacht.
Nurtai ist ein Polizist, der versucht, in einer von Korruption, Gewalt und mächtigen Interessen dominierten Welt für Gerechtigkeit zu sorgen. Er wirkt hin- und hergerissen zwischen seiner beruflichen Pflicht, seinem Gewissen und einem System, an dem er kaum etwas ändern kann. Wie haben Sie diese Figur entwickelt, und was wollten Sie durch sie über Gerechtigkeit und persönliche Verantwortung zum Ausdruck bringen?
Unter den gegebenen Umständen kann ein Polizist, der strikt nach Gesetz und Gewissen handelt, fast wie eine Märchenfigur wirken. Genau diesen schmerzhaften Aspekt wollte ich thematisieren: das Gefühl, dass ein Mensch mit Gewissen in einem unvollkommenen, korrupten System zum Scheitern verurteilt ist und ohne ein Eingreifen von oben rein gar nichts bewirken kann.
Lest auch auf Novastan: „A Dark, Dark Man“: Ein korrupter Polizist stellt sich der Ungerechtigkeit entgegen
Ich glaube, der in unserer Gesellschaft weitverbreitete Nihilismus hängt zu einem großen Teil mit der Kluft zwischen dem zusammen, wie die Dinge eigentlich funktionieren sollten, und dem, wie sie tatsächlich funktionieren. Für jemanden mit einer idealistischen Weltsicht kann diese Diskrepanz einen tiefgreifenden inneren Bruch verursachen. Durch Nurtai wollte ich diesen Widerspruch zum Ausdruck bringen.
Goldabbau, Armut und menschliche Gier spielen in „Mergen“ eine wichtige Rolle. In Kirgistan haben langjährige Kontroversen um die Goldmine Kumtör Fragen zu Umweltschäden, der Kontrolle über natürliche Ressourcen und der Verteilung der Einnahmen aus dem Bergbau aufgeworfen. Haben diese Debatten Ihren Film beeinflusst? Inwieweit spiegelt die in „Mergen“ dargestellte soziale Ungleichheit die heutige Realität in Kirgistan wider?
Es war nicht nur Kumtör, das uns beeinflusste. Kirgistan hat zahlreiche Konflikte im Zusammenhang mit dem Rohstoffabbau erlebt. Das Spannungsfeld zwischen dem Wunsch, Geld zu verdienen und dem Bestreben, die Natur und natürliche Ressourcen zu schützen, taucht in der öffentlichen Debatte immer wieder auf. All dies floss natürlich in unseren kreativen Denkprozess ein.
Ich betrachte den Film als eine Art Kristall, in dem die inneren Probleme unserer Gesellschaft und die uns umgebende Atmosphäre zusammengekommen sind. Wir wollten über uns selbst sprechen, über die Dinge, die wir kennen, und über das, was uns wehtut. So hat der Film Gestalt angenommen.
Die kirgisische Mythologie steht im Mittelpunkt des Films. „Mergen“ greift auf die Legende von Koschoschasch zurück – einem Jäger, der gegen die Naturgesetze verstößt. Doch Sie nannten auch Karagul-Botom als wichtige Inspirationsquelle. Zudem verweist der Film auf Umai-Ene, eine weibliche mythologische Figur, die mit Mutterschaft und Natur in Verbindung gebracht wird. Wie haben Sie diese verschiedenen Traditionen miteinander verknüpft, und welche Bedeutung haben sie für die heutige kirgisische Gesellschaft?
Wir haben uns von einer ganzen Reihe kirgisischer Epen und Legenden inspirieren lassen. Aus Karagul-Botom haben wir eine zentrale Handlungswendung übernommen. Auch Koschoschasch war von Bedeutung: Es ist die Geschichte eines Jägers, der gegen die Naturgesetze verstößt – eine Erzählung über menschliche Gier. Eine der wichtigsten Botschaften darin ist für uns, dass man niemals mehr nehmen sollte, als man tatsächlich benötigt.

Umai-Ene ist eine Göttin des Tengrismus, die Mutterschaft und Weiblichkeit sowie die Verbundenheit mit der Erde und der Natur verkörpert. Ich halte diese Bilder und Erzählungen auch heute für überaus relevant – andernfalls hätte ich mich ihnen nicht zugewandt. Mit jedem Jahr, das vergeht, werden die kirgisische Folklore und unsere Kultur für mich immer interessanter.
SPOILER-ALARM: DIE FOLGENDE FRAGE BEHANDELT DAS ENDE DES FILMS
Das Ende von „Mergen“ ist besonders faszinierend und lässt Raum für Interpretationen. Gelingt es Nurtai tatsächlich, in die Vergangenheit zurückzukehren und das Mädchen zu retten – oder sehen wir seine eigene, erdachte Vorstellung davon, wie sich die Ereignisse hätten abspielen können? Warum haben Sie sich dazu entschieden, das Ende offen zu lassen?
Wir wollten von Anfang an ein offenes Ende, das es den Zuschauern ermöglicht, selbst zu erleben, was geschehen ist, und ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Ich habe meine ganz persönliche Interpretation: Nurtai ist es tatsächlich gelungen, in die Vergangenheit zurückzukehren, die Ereignisse zu beeinflussen und alles zu verändern. Doch ich möchte dem Publikum diese Interpretation nicht aufdrängen. Ich überlasse es bewusst den Zuschauern, selbst zu entscheiden.
Die Naturlandschaften und Drehorte tragen maßgeblich zur Atmosphäre des Films bei. Mir ist aufgefallen, dass im Abspann Balyktschy und Kadschi-Sai im Gebiet Yssykköl genannt werden. Kadschi-Sai ist insbesondere für seinen Uranbergbau aus Sowjetzeiten und sein industrielles Erbe bekannt. Wo wurde „Mergen“ gedreht, und wie haben diese Orte die visuelle Identität des Films geprägt?
Wir haben den Großteil des Films in einer kleinen Siedlung namens Ak-Tjus gedreht. Außerdem haben wir in Kadschi-Sai, Balyktschy und Naryn gefilmt. Bei der Auswahl der Drehorte haben wir nach Plätzen gesucht, die sich für unsere Geschichte stimmig anfühlten und die gewünschte Atmosphäre vermittelten.

Indem wir verschiedene Orte zusammenführten, erschufen wir die fiktive Stadt Mergen. Ich glaube, es ist uns gelungen, zu verwirklichen, was ich mir vorgestellt hatte. Die Stadt ist genau so geworden, wie ich sie mir gewünscht habe.
Wie haben die Zuschauer in Kirgistan auf „Mergen“ reagiert – insbesondere auf die Darstellung von Korruption, Armut und der Ausbeutung der Umwelt? Gab es international eine andere Resonanz? Und arbeiten Sie derzeit an neuen Filmprojekten?
Die Reaktionen des internationalen und des einheimischen Publikums fallen merklich unterschiedlich aus. Für internationale Zuschauer handelt es sich in erster Linie um einen Genrefilm, angesiedelt irgendwo zwischen Detektivgeschichte und Thriller: ein Rätsel, das sie lösen möchten – ein Puzzle, dessen Teile sich nach und nach zusammenfügen.
In Kirgistan nahmen die Zuschauer die gesellschaftlichen Themen weitaus tiefer wahr. Korruption und Umweltprobleme bedürfen hier keiner weiteren Erläuterung, da wir ihnen tagtäglich begegnen. Nach den Vorführungen vor Ort ergaben sich faszinierende Gespräche. Die Menschen stellten Fragen und dankten uns für den Film. Gerade in diesen Unterredungen wurde mir besonders bewusst, wie relevant die Geschichte für unsere Gesellschaft ist.
Lest auch auf Novastan: Ab ins All: Sci-Fi-Komödien aus Zentralasien beim Filmfestival Cottbus
Nach „Mergen“ wollte ich eine kleine Pause vom Regieführen und Schreiben einlegen. Derzeit arbeite ich als Produzent an verschiedenen Projekten. Wir entwickeln sowohl einen Spielfilm als auch einen Dokumentarfilm, wobei einige dieser Projekte in Zusammenarbeit mit Kyrgyzfilm entstehen. Zudem bin ich als Produzent an mehreren Animationsprojekten beteiligt. Ich bereite mich langsam auf mein nächstes eigenes Projekt vor, aber ich glaube nicht, dass ich vor Ablauf eines weiteren Jahres damit beginnen werde. Mal sehen!
Der Film „Mergen“ wird am 6. November im Rahmen des Filmfestivals Cottbus gezeigt. Weitere Infos und den Trailer findet ihr hier.
Dieses Interview wurde auf Russisch geführt und von Novastan übersetzt. Es wurde im Hinblick auf Klarheit und Länge bearbeitet.
Mathieu Lemoine, Chefredakteur Novastan English
Aus dem Englischen von Robin Roth
Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei Twitter, Facebook, Telegram, Linkedin oder Instagram. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem wöchentlichen Newsletter anmelden.
„Ein Mensch mit Gewissen ist fast schon eine Märchenfigur“ – Tschingis Narynow über seinen Thriller „Mergen“