Am 31. Juli 2026 haben Aserbaidschan und die fünf zentralasiatischen Länder in Kirgistan mit der Cholpon-Ata-Erklärung dargelegt, dass sie ihre wirtschaftlichen Beziehungen in einer „trans-kaspischen“ Wirtschaftszone vertiefen wollen. Es sollen insbesondere der Handel expandiert und die regionale Sicherheit gemeinsam verstärkt werden. Die zentralasiatischen Länder (C5) wirken wirtschaftspolitisch ungewöhnlich geeint und haben Aserbaidschan als nunmehr sechstes Land in ihre Wirtschaftszone aufgenommen. Damit wird die fortschreitende wirtschaftliche Präsenz des Kaukasusstaats über das Kaspische Meer im Mittleren Korridor formal bestätigt. Für die zentralasiatischen Partner ist Aserbaidschan eine Tür in den Westen, jenseits des russischen Einflusses. Und Aserbaidschan will, auch im Rahmen der Silk-Seven-Plus-Initiative, einen gemeinsamen Handels- und Interessenraum mit den zentralasiatischen Staaten schaffen.
Es ist ein für westliche Augen ungewöhnliches Foto, welches am Yssyk-Köl-See in Kirgistan bei einem informellen Treffen am 31. Juli aufgenommen wurde: Die zentralasiatischen Staatsoberhäupter und der angereiste Alleinherrscher Aserbaidschans, Ilham Alijew, stehen Seite an Seite und applaudieren. Glaubt man der Pressemeldung des kirgistanischen Gastgebers, dann haben sie allen Grund dazu.
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Als vereinsgetragene, unabhängige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen – und von eurer Unterstützung!Fernab der westlichen Aufmerksamkeit haben sie der sogenannten Cholpon-Ata-Erklärung für die beteiligten Staaten ein neues wirtschafts- und sicherheitspolitisches Rahmenwerk geschaffen. Die Erklärung, so das Presseteam um den kirgistanischen Präsidenten Sadyr Dschaparow, verdeutliche das hohe Maß an Vertrauen zwischen den zentralasiatischen Ländern und dem südkaukasischen Staat, der geografisch durch das Kaspische Meer mit den Anrainern Kasachstan und Turkmenistan verbunden ist. Mit der Erklärung wollen sie, aufbauend auf den Prinzipien des Friedens, der guten Nachbarschaft und der nachhaltigen Entwicklung, die trans-kaspischen Beziehungen vertiefen. Alijew betonte auf der Konferenz die hohe Relevanz der zentralasiatischen Beziehungen für Baku, und durfte dann mitansehen, wie sein Land in das zentralasiatische Format C5 aufgenommen wurde – was sie nun logischerweise zu den C6 macht. Der Beschluss dazu war bereits im Jahr zuvor auf dem C5-Gipfel in Taschkent gefallen.
Von einem Meilenstein der regionalen Zusammenarbeit ist bei der staatlichen aserbaidschanischen Nachrichtenagentur Azertac die Rede. Externe Einordnungen fallen hingegen deutlich nüchterner aus: Die Erklärung sei primär ein symbolischer Akt: kein großangelegter Plan mit viel Substanz, eher eine Absichtserklärung.
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Und doch steht die Cholpon-Ata-Erklärung für einen langfristigen Trend in der aserbaidschanischen Außenpolitik, welcher erhebliche wirtschaftliche Folgen für Europa und den Westen haben könnte: Aserbaidschan kann durch seine umfangreichen Öl- und Gasvorkommnisse auf einen starken wirtschaftlichen Aufschwung blicken, der sein Bruttoinlandsprodukt in die Höhe getrieben hat. Eine nachhaltige Diversifizierung der Wirtschaft liegt laut Daten der GIZ allerdings nicht vor, weshalb Aserbaidschan nach der Erschöpfung der fossilen Energieträger gezwungen sein wird, andere Einnahmen zu finden, um den gewonnenen Wohlstand dauerhaft zu sichern. Das Land, das aufgrund seiner autokratischen Herrschaft durch die Familie Alijew seit 1993 den kaspischen Anrainerstaaten Zentralasiens ähnelt, scheint sich zunächst aber vor allem als Alternative zum naheliegenden Rohstoffgiganten Iran präsentieren zu wollen. Letzterer hatte zuvor durch Kooperationen mit dem ehemaligen Erzfeind Armenien versucht, Alijew wirtschaftlich zu schwächen und ringt nun mit Aserbaidschan um die wirtschaftliche Macht in der Region. Eine zusätzliche Belastung für die Beziehungen der beiden Länder ist die Benachteiligung der aserbaidschanischen Minderheit im Norden Irans, wo mehr Aserbaidschaner:innen leben, als in Aserbaidschan selbst.
Zum Symbol der stärkeren wirtschaftlichen Annäherung zwischen Südkaukasus und Zentralasien ist der sogenannte Mittlere Korridor geworden: Das German Economic Team beschreibt den Mittleren Korridor als transkaspische Logistikroute, die Europa und Asien verbindet und dabei Russland umgeht. Auch wenn sie den „alten“ Nördlichen Korridor über Russland nicht vollends ersetzen kann: Gerade mit Blick auf Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine und die wirtschaftliche Neuausrichtung Deutschlands und der EU, mit der man Unabhängigkeit von russischem Gas und Öl erreichen möchte, handelt es sich also um eine höchst relevante Perspektive für die europäische Wirtschaftspolitik. Der Mittlere Korridor verläuft von der Volksrepublik China nach Kasachstan (zum Teil auch Turkmenistan und Usbekistan), über das Kaspische Meer nach Aserbaidschan, Georgien und die Türkei und schließlich von dort in die EU. Die Transportzeit zwischen China und Europa kann durch diesen Korridor von 45 Tagen über den Seeweg auf höchstens 21 Tage halbiert werden. Aserbaidschan hat es also geschafft, wie die NGO Caucasus Watch betont, durch die wirtschaftliche Vertiefung zu den kaspischen Anrainerstaaten einen neuen Wirtschaftsraum zu schaffen, in dem das Kaspische Meer keine Trennlinie bildet, sondern zum Ausgangspunkt einer neuen „Cauc-Asian“-Wirtschaftszone von der Kasachischen Steppe zum Schwarzen Meer geworden ist.
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Und die Ambitionen der sechs Staaten sind noch größer: Am 21. April 2026 stellte das New Lines Institute for Strategy and Policy auf dem Capitol Hill in Washington, D.C. vor US-amerikanischen Politiker:innen die sogenannte Silk Seven Plus (S7+) Initiative vor. Sie soll neben Aserbaidschan auch Pakistan und Afghanistan inkludieren und so in der bisher schlecht miteinander verbundenen Region einen Wirtschaftsraum schaffen, der gemeinsame Regionalherausforderungen wie Wasserknappheit und Energiedefizite angehen kann. Die Initiative liefert dabei zwar keine starke institutionelle Struktur, aber eine Plattform für einen Wirtschaftsraum, der Russland bewusst ausklammert. Cauc-Asia als weltwirtschaftliches Phänomen ist somit nun auch in Washington zum Thema geworden.
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Aber was springt dabei für Zentralasien heraus? Für die zentralasiatischen Regime vor allem die Möglichkeit, dem kontinuierlichen russischen Einfluss auf Politik und Wirtschaft etwas entgegenzusetzen. Die Silk-Seven-Plus Initiative stärkt die wirtschaftliche Souveränität der Region Zentralasien. Bereits jetzt zeigen sich erste Entwicklungen in diese Richtung: So haben Aserbaidschan, Usbekistan und Kirgistan für den grenzüberschreitenden Handel mit der Einführung von eTIR bereits ein gemeinsames digitales System etabliert. Innerhalb eines Jahres, von 2024 bis 2025, hat sich zudem der Handel zwischen Aserbaidschan und Usbekistan verdreifacht. Das neue C6-Format ermöglicht es außerdem, Vernetzungslösungen zu finden und regionale Herausforderungen gemeinschaftlich anzugehen. Aserbaidschan ist für die zentralasiatischen Länder eine Tür in den Westen: Sie müssen sich nicht für eine geopolitische Seite entscheiden, sondern können mit Aserbaidschan, das im Rahmen der Östlichen Partnerschaft starke wirtschaftlichen Beziehungen zur EU pflegt und selbige gleichzeitig auch zu Russland unterhält, ihre Handelspartner diversifizieren. Der Kaukasusstaat ist somit eine zusätzliche Option für die zentralasiatischen Staaten, ihre Wirtschaftsbeziehungen zum Westen zu vertiefen. Aserbaidschan, Usbekistan und Kasachstan diskutieren entsprechend bereits Pläne, Solar- und Windenergie in den Westen zu exportieren.
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Die zahlreichen gegenseitigen Besuche der Staatsoberhäupter über die letzten Jahre sprechen dabei eine deutliche Sprache: Hier geht es nicht um einen kurzzeitigen Trend, sondern um eine nachhaltige Veränderung der Außenpolitik Aserbaidschans. Cauc-Asia ist schon längst da. Memoranda wie die Cholpon-Ata-Erklärung weisen auf konkrete Entwicklungen in der Weltwirtschaft hin, welche auch die EU nachhaltig beeinflussen und nicht ignoriert werden können.
Niklas Birli für Novastan.org
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