Mit „Free Ride“ nimmt die niederländische Reisebloggerin Noraly Schoenmaker ihre Leser:innen auf eine Motorradreise mit, die sie unter anderem durch die fünf zentralasiatischen Republiken führt. Eine Rezension.
Einfach alles stehen und liegen lassen und auf einem Motorrad die weite Welt erkunden: Was für viele Menschen ein kühner Traum bleibt, hat Noraly Schoenmaker in die Tat umgesetzt. Die Niederländerin, in den sozialen Medien als “Itchy Boots” bekannt, hat auf ihrem Motorrad 36.000 Kilometer von Delhi in Indien bis in ihr Heimatland zurückgelegt. Auch die fünf zentralasiatischen Länder wurden zum Schauplatz ihrer Reise.
“Mir war eiskalt, ich hatte Angst, ich war allein. Doch gleichzeitig wollte ich nirgendwo anders sein als hier. Trotz aller Entbehrungen im kalten Pamir hatte ich mich blitzartig, mit Haut und Haar und Hals über Kopf, in dieses Stückchen Welt verliebt. Es fühlte sich an, als ob alles, was geschehen war – meine kaputte Beziehung, der erzwungene Verkauf meines Hauses, mein Versuch, Filmemacherin zu werden – Teil eines größeren Plans war: mich hierherzulocken. Hierher, allein, auf den Pamir. Ich wollte für immer hier bleiben, in dieser Wildnis, zusammen mit Basanti (Name ihres Motorrads, Anm. d. Red.).”
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Als vereinsgetragene, unabhängige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen – und von eurer Unterstützung!Im Sommer 2018 war das Leben der 31-jährigen Noraly Schoenmaker an einem Scheideweg angelangt. Nach einem heftigen Burnout und einer schmerzhaften Trennung von ihrem Partner, der sie mit einer Arbeitskollegin über ein halbes Jahr hinweg betrogen hatte, beschließt die Niederländerin, Tabula rasa zu machen: Sie verkauft ihr Haus in Utrecht, gibt ihre heißgeliebte Ducati Monster 796 in Kommission und kündigt ihren Job als Geologin und Bauleiterin, um nach Indien zu reisen und Reisebloggerin zu werden.
Die Wahl ihres Reiseziels kommt nicht von ungefähr: Bereits acht Jahre zuvor hatte Schoenmaker während eines Aufenthalts im Norden Indiens die einschneidende Entscheidung getroffen, von einer Fortsetzung ihrer akademischen Laufbahn abzusehen und ihr Glück lieber in einer Anstellung in der Privatwirtschaft zu suchen. Aus diesem Grund erscheint ihr das Land als der perfekte Ort, um die neueste Etappe ihres Lebens loszutreten. Ausgestattet mit einem spontan erworbenen Royal Enfield-Motorrad – das sie liebevoll “Basanti” (indisches Wort für “Frühling”) getauft hat – fasst Noraly den Entschluss, von Delhi aus aufzubrechen und auf zwei Rädern die Straßen und Landschaften Asiens zu erforschen.
„Meine Laune war auf dem Nullpunkt angekommen“
Mit knapp 8000 Kilometern macht der zentralasiatische Teil fast ein Viertel von Noralys gesamter Reise aus. Auf dem Weg von der iranisch-turkmenischen Grenze bis nach Atyrau an der kasachstanischen Grenze zu Russland begegnete sie herzlichen Menschen, atemberaubenden Aussichten, doch auch – Leere. In vielen Fällen landschaftlich, in manchen Fällen jedoch auch persönlich. Ob in der Wüste des streng autoritären Turkmenistans, in dem sie auf einer vorgezeichneten Route geradewegs von Süden nach Norden fahren muss, oder den endlos weiten Steppen Kasachstans, verbringt Schoenmaker auf ihrem Motorrad sehr viel Zeit in der landschaftlichen Ödnis. Dies wirkt sich zwangsläufig auch auf ihre Gedanken aus, die sich vor allem auf den letzten paar hundert Kilometern immer wieder um ihre Vergangenheit und ihre Einsamkeit drehen.
Während Noralys Erfahrungen im “skurrilen” Turkmenistan und ihre Introspektion in Kasachstan noch für tiefere Einblicke in ihre Reiseerfahrung sorgen, wirken die Beschreibungen ihrer Reise durch Usbekistan und Kirgistan – nicht zuletzt auch aufgrund der Reisestrapazen – sehr gehetzt und teilweise oberflächlich. Zu ihrer Fahrt durch Usbekistan schreibt sie: “Die ungemütliche Wüste, das eintönige Essen, das fehlende Motoröl und das schlechte Benzin – meine Laune war auf dem Nullpunkt angekommen. Ich fand Usbekistan einfach überflüssig.”
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Zwar schaffte ein mehrtägiger Aufenthalt in Samarkand, ihre Meinung über das Land nochmal zu verbessern, allerdings lässt es sich kaum bestreiten, dass der zentralasiatische Teil ihrer Reise von ihren vorherigen Eindrücken im Iran, logistischen Schwierigkeiten und ihrer Ungewissheit über den weiteren Verlauf ihres Abenteuers beeinflusst wurde. Nur ihre Durchkreuzung Tadschikistans, wo sie den berühmt-berüchtigten Pamir Highway fährt, scheint Schoenmaker komplett zu berauschen. Ihre Beschreibungen der körperlichen Verausgabung, des Beinahe-Aufgebens und der Atmosphäre auf dem teilweise menschenverlassenen Highway gleichen dem, was sich die meisten Menschen von einer Weltreise auf eigene Faust verhoffen: Die Selbstfindung und das Austesten der eigenen psychischen und körperlichen Grenzen.
“Ich hatte in der vergangenen Woche eine tiefe Bewunderung für die Tadschiken entwickelt, für ihre robuste Ausstrahlung, ihre Widerstandsfähigkeit und Entschlossenheit”, schreibt Noraly gegen Ende ihres Aufenthalts in Tadschikistan.
Schnörkellos und gradlinig
Der im Buch gepflegte Schreibstil ist schnörkellos und geradlinig, wobei Geschehnisse hier und da mit persönlichen Eindrücken und Beschreibungen der Landschaft unterfüttert werden. Aufgrund der Transportationsweise spielen ihre Gedanken und Sorgen rundum ihr Motorrad, “Basanti”, eine bedeutende Rolle in ihren Erzählungen. Obwohl Schoenmaker an manchen Stellen etwas naiv und unvorbereitet scheint – unter anderem droht ihr an einem Punkt eine Übernachtung ohne Zelt auf 3000 Höhenmetern in Tadschikistan, weil ihr Reifen beschädigt ist -, trägt dies zu ihrer Authentizität bei. Der Leser sieht hierbei die ganze Reise vor sich, mit atemberaubenden Aussichten und interessanten Begegnungen, doch auch Ängsten und Einsamkeit.
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“Free Ride” ist ein sympathischer Reisebericht, in dem viele Leser sich sicherlich wiederfinden können. Noraly Schoenmaker nimmt uns mit auf Ihre Reise und nimmt kein Blatt vor den Mund, weder in positiver noch in negativer Hinsicht. Für Abenteurer und neugierige Reiseenthusiasten ist es daher ein großartiges Buch. Aus einer “zentralasiatischen Perspektive” ist es allerdings kein “Must-Read.” Hierfür sind Schoenmakers Ausführungen teilweise zu oberflächlich und zu sehr von ihren persönlichen Erfahrungen beeinflusst. Auch einige wenige Lichtpunkte, wie das Kosmodrom Baikonur, der Krater von Derweze oder Samarkand, ändern daran nichts. Im breiteren Kontext lohnt sich die Lektüre des Buches jedoch allemal.
Noraly Schoenmaker: Free Ride. 36.000 Kilometer auf dem Weg zu mir selbst. 256 Seiten, Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, ISBN 978-3-442-18079-0, Juli 2026.
Übersetzt aus dem Niederländischen von Marianne Kirch. Erwerb möglich über die Seite des Verlags.
Benedikt Stöckl für Novastan
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“Free Ride”: Ein Reisebericht (durch Zentralasien)