In den letzten Jahren wurden in Duschanbe viele Gebäude aus der Mitte des letzten Jahrhunderts abgerissen. Einst vertraute Orte, an denen die Einwohner so oft vorbeigegangen sind, sind ihnen nun fremd geworden. Aber wussten wir auch alles über die abgerissenen Häuser? Asia-Plus macht einen kleinen historischen Exkurs.
Viele Gebäude der Altstadt bewahrten die Erinnerung an die Vergangenheit und ihre Bewohner, darunter auch sehr berühmte Persönlichkeiten. Diese Häuser schufen eine besondere Aura, nicht nur wegen ihrer Architektur, sondern vor allem wegen ihrer früheren Bewohner und ihrer Geschichten.
Besonders interessant sind die der Menschen, die während des Krieges in Stalinobod (so hieß Duschanbe von 1929 bis 1961, Anm. d. Ü.) lebten. So wurde beispielsweise die beliebte sowjetische Schauspielerin Liudmila Tschursina während der Evakuierung hier geboren; auch der Feuerwehrmann Emil Braginskij, Drehbuchautor des Films Ironie des Schicksals kam aus Stalinobod. Hier wurde auch der Schriftsteller Wladimir Wojnowitsch geboren, der später Autor von „Das Leben und die ungewöhnlichen Abenteuer des Soldaten Iwan Tschonkin“ wurde.
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Als vereinsgetragene, unabhängige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen – und von eurer Unterstützung!Oder nehmen wir das „Haus der Spezialisten“ in der Kuibyschew-Straße: Dort lebten neben Schauspielern, Regisseuren und Künstlern auch Ärzte und Lehrer von mittleren und höheren Bildungseinrichtungen der Republik. In den Jahren 1941-1944 wurde die Anzahl noch größer, denn viele Familien von Schauspielern, Wissenschaftlern, Ärzten, Lehrern und Militärs wurden nach Stalinobod evakuiert.
Während der Evakuierung lebte hier in Wohnung Nr. 19 die bekannte Theater- und Filmschauspielerin Fajna Ranewskaja. Im Herbst 1942 und Frühjahr 1943 drehte sie im Filmstudio von Stalinobod den Film „Die neuen Abenteuer des Schwejk“.
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Zur gleichen Zeit kam die Dichterin Anna Achmatowa in die Stadt, wo sie den Epilog ihres berühmten Werkes „Poem ohne Helden“ schrieb. Darunter schrieb sie: „Duschanbe 1942“. Das ist ein relevantes Detail, denn somit gab Achmatowa der Stadt symbolisch ihren früheren Namen zurück (aus der Zeit, als Stalin noch nicht an der Macht war, Anm. d. Ü.).
Auf den ersten Blick könnten all diese Details und Geschichten wie unbedeutende Kleinigkeiten wirken. Das ist nicht aber so! Vor allem nicht für diejenigen, die sie wie Narben im Herzen an ihre Kindheit, Jugend und das alte Duschanbe erinnern…
Haus der Spezialisten
Im „Haus der Spezialisten“ in der Kuibyschew-Straße 10 lebten während des Krieges nicht nur Fajna Ranewskaja und Anna Achmatowa. In der Wohnung Nr. 29 wohnte mit seiner Familie der erste Kommandant Berlins und Held der Sowjetunion, Generaloberst Nikolaj Erastowitsch Bersarin. In der Nachbarwohnung lebte die bekannte Theater- und Filmschauspielerin Lidia Petrowna Sucharewskaja und in den Nachkriegsjahren wohnten hier die Helden der Sowjetunion Michail Iwanowitsch Nowoseltsew und Chodi Isabajewitsch Kindschajew.
Haus in der Puschkin-Straße Nr. 12
In diesem Haus lebte von 1942 bis 1944 Jewgenij Schwarz, ein herausragender sowjetischer Dramatiker, Prosa- und Drehbuchautor. Noch zu seinen Lebzeiten war sein Name Symbol für Kindheit, Freundschaft und Liebe, und für den Sieg des Guten über das Böse.
Die von ihm geschriebenen Märchen-Theaterstücke und Drehbücher brillianter Spielfilme sind Schätze der Weltliteratur und des Kinos: „Aschenputtel“, „Marja-Tausendkünstlerin“, „Die Schneekönigin“, „Ein gewöhnliches Wunder“. In diesem Haus schrieb er sein bestes Märchen – „Der Drache“.
„Das Haus mit den Amphoren“
Eines der ersten dreistöckigen Häuser in Duschanbe war bekannt als „Das Haus mit den Amphoren“ in der Swiridenko-Straße (1937). Hier lebten bekannte Persönlichkeiten der Kultur- und Kunstszene sowie Parteimitglieder und Regierungsbeamte Tadschikistans.
In diesem Haus lebte der Ingenieur Nikolaj Dawydowitsch Swiridenko. In den 1930er Jahren wurden nach seinen Entwürfen und unter seiner Leitung im Wachsch-Tal (an der Grenze zu Afghanistan, Anm. d. Ü.) Wasserbauwerke, Hauptkanäle und andere Bewässerungsanlagen gebaut.
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Im Jahr 1940 war er Chefingenieur des Projekts und Leiter des Baus des Großen Fergana-Kanals und des Großen Hissar-Kanals sowie Leiter des Baus der Schmalspurbahn von Stalinobod nach Kurgan-Tjube (heute Bochtar, Anm. d. Red.) in den Jahren 1941-1942.
Nach seinem Entwurf wurde in Duschanbe auch der „Komsomolskoe-See” angelegt. 1941 wurde er stellvertretender Regierungschef und gleichzeitig Minister für Optimierung und Wasserwirtschaft der Tadschikischen SSR. Diese Ämter bekleidete er bis zu seinem Lebensende.
Haus in der Ajni-Straße
In diesem Haus in der Ajni-Straße lebte und arbeitete von 1938 bis 1951 JewgjenijNikanorowitsch Pawlowskij – ein Wissenschaftler von Weltruf, Akademiemitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Akademiemitglied der Akademie der Medizinischen Wissenschaften der UdSSR, Held der Sozialistischen Arbeit, Generalleutnant des Sanitätsdienstes, Ehrenakademiker der Akademie der Wissenschaften der Tadschikischen SSR und Präsident der Geografischen Gesellschaft der UdSSR.
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1928 kam er aus Russland in die Tadschikische SSR, um das tadschikische Volk vor Cholera, Pest, Malaria, Typhus und anderen Infektionskrankheiten zu retten und zu heilen. Seine Leistung war enorm: Sein Name ist für immer in die Geschichte des tadschikischen Volkes eingegangen. Denn diese Krankheiten hatten Tausende von Menschenleben gekostet.
Haus in der Kuibyschew-Straße
Noch ein Haus in der Kuibyschew-Straße hat eine historische Bedeutung. Es wurde speziell für Künstler und Wissenschaftler gebaut. Hier lebte der Organisator des Gesundheitswesens der Republik, Professor Leonid Fedorowitsch Paradoksow(1890-1954): ein herausragender Arzt, Pädagoge, Korrespondent der Akademie der Wissenschaften der Tadschikischen SSR. Auch sein Name ist in die Geschichte des Gesundheitswesens und der medizinischen Wissenschaft Tadschikistans eingegangen.
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Anfang 1941 bezog auch Georgij Pawlowitsch Menglet, sowjetischer und russischer Schauspieler, Volkskünstler der Tadschikischen SSR und einer der Gründer des „Russischen Dramentheaters W. Majakowskij“ (auch dieses Gebäude wurde leider 2016 abgerissen, Anm. d. Ü.), eine Wohnung in diesem Haus. Hier lebte von 1941 bis 1945 auch seine Tochter Maja Georgiewna, sowjetische und russische Theater- und Filmschauspielerin.
Haus in der Istarawschan-Straße
In diesem Haus lebte Alexander Alexandrowitsch Semjonow (1873–1958) – russischer und sowjetischer Orientalist, Doktor der Geschichtswissenschaften, Professor, einer der Gründer der Universität Taschkent, Mitglied der Akademie der Wissenschaften der Tadschikischen SSR (1951), Korrespondent der Akademie der Wissenschaften der Usbekischen SSR (1943), sowie erster Direktor und Gründer des Instituts für Geschichte, Archäologie und Ethnographie der Akademie der Wissenschaften der Tadschikischen SSR (seit 1954).
Semjonow wurde mit zahlreichen Orden des Russischen Reiches, des Emirats Buchara und der Sowjetunion ausgezeichnet. Nach seinem Tod wurde seine Wohnung in ein Museum umwandelt.
Haus am Rudaki-Prospekt
Hier lebte die sowjetische und tadschikische Ballerina, Volkskünstlerin der UdSSR, Choreografin, Ballettregisseurin und Schauspielerin, erste Ballerina des Ajni-Theaters für Oper und Ballett – Malika Sobirowa.
Haus Nr. 2 in der Ordschonikidse-Straße
Im Haus Nr. 2 in der Ordschonikidse-Straße, Wohnung Nr. 25, lebte in seinen letzten Lebensjahren der herausragende russische und sowjetische Diplomat, Orientalist, Forscher der Kultur des tadschikischen Volkes, korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Ethnograph und Sprachwissenschaftler, verdienter Wissenschaftler der Tadschikischen und der Usbekischen SSR, Michail Stepanowitsch Andrejew.
„Häuser mit Arkaden”
Dies war ein Wohnviertel (1956) am Rudaki-Prospekt (ehemaliger Lenin-Prospekt). In diesen Häusern lebte die gesamte Elite der lokalen Intelligenz – Komponisten, Schriftsteller, Dichter, unter anderem der Dichter Muhammadjon Rahimi.
Gebäude des Rates der Volkskommissare
In diesem historischen Gebäude lebten und arbeiteten Nusratullo Mahsum, Schirinscho Schotemur, Abdurahim Hodschibajew, Tschinor Imomow, Dmitrij Protopopow, Suren Schadunts, Mamadali Qurbonow, Urumbaj Aschurow, Mirso Husejnow und viele andere Staatsmänner der Republik, die eine Schlüsselrolle bei der Gründung der tadschikischen Staatlichkeit spielten.
Haus in der Kirow-Straße
Hier verbrachte der russische Prosaautor, Dichter und Dramatiker Wladimir Nikolajewitsch Wojnowitsch, Autor des Romans „Das Leben und die außergewöhnlichen Abenteuer des Soldaten Iwan Tschonkina“, seine Kindheit. Er wurde in Stalinobod als Sohn des Journalisten Nikolaj Wojnowitsch geboren, der als Sekretär der republikanischen Zeitung „Kommunist Tadschikistans” tätig war.
Bilder von den Gebäuden und prominenten Bewohnern findet ihr im Originalartikel.
Gafur Schermatow für Asia Plus
Aus dem Russischen von Giulia Manca
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Hier lebten Ranewskaja, Achmatowa, Schwarz… – Duschanbes abgerissene Häuser und ihre berühmten Bewohner