Seit Jahren profitiert die kirgistanische Geschäftswelt von südasiatischen Studierenden – doch diese fühlen sich weder akzeptiert noch sicher. Eine Analyse der Lage und des letztjährigen Studienberichts.
Als am 17./18. Mai 2024 ein wütender Mob Jagd auf Migrant:innen in den Straßen Bischkeks machte, war der Schock national wie international groß. Denn viele Kirgis:innen kennen dieses Problem aus eigener Erfahrung. Hunderttausende gehen nach Russland zum Studieren und Arbeiten und sind dort alltäglich Rassismus und Gewalt ausgesetzt. Doch was bei vielen Kirgis:innen Scham auslöste, sorgte in Politik und Geschäftswelt für andere Sorgen. Denn die Opfer waren vor allem Südasiat:innen, die seit geraumer Zeit zum Studieren nach Kirgistan kommen.
Seit zehn Jahren steigt die Zahl an Südasiat:innen in Kirgistan, die meisten von ihnen zu Beginn aus Indien. Ab 2017/18 lässt sich ein Trend stark wachsender Zahlen erkennen, dem kurz darauf pakistanische Studierende folgten. Der Grund dafür ist einfach: Das Medizinstudium in Kirgistan ist weitaus günstiger als in Pakistan oder Indien.
Medizinstudium als Geschäftsmodell
Das Studium für südasiatische Studierende wurde schnell zum Exportschlager. Privatinvestor:innen – und nicht etwa Ärzt:innen, sondern Geschäftsleute, Volkskünstler:innen oder Politiker:innen – ergriffen die Gelegenheit, von diesem Geschäftsmodell zu profitieren. Das Resultat: ein mafiöses, medizinisch-„akademisches“ Netz in den Großstädten der Republik.
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Als vereinsgetragene, unabhängige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen – und von eurer Unterstützung!Eine Investigativrecherche von govori.tv von 2022 zeigte, dass viele Akteur:innen nicht nur ohne medizinische Expertise waren, sondern zudem einen direkten Draht in die Politik hatten und wenig bis gar keine Steuern zahlten. Auch was die Standards der Lehre betreffen, ist die Ausbildung alles andere als qualitativ hochwertig. Da Absolvent:innen dieser Einrichtungen nicht die Approbationsprüfungen in ihrer Heimat bestehen konnten, setzte Pakistan 2020 alle kirgistanischen medizinischen Fakultäten auf eine Blacklist.
Zumindest hier lassen sich leichte Änderungen erkennen. Nach Verbesserungen in der Lehre wurden 2022 vier Einrichtungen wieder auf die A-Liste Pakistans gesetzt, Stand September 2025 sind es sogar acht – wie viele Einrichtungen zurzeit zugelassen sind, lässt sich nicht zuverlässig sagen; auf einer englischsprachigen Seite für internationale Studierende lassen sich 25 Einrichtungen finden. Auch die Regierung scheint ein Interesse an Qualitätskontrollen zu haben, so sollen dieses Jahr alle Fakultäten verstaatlicht werden oder an staatliche Einrichtungen angebunden und akkreditiert oder geschlossen werden. Um dem Problem der Steuerumgehung zu begegnen, wurde zudem im Sommer letzten Jahres eine einheitliche Gebühr für Ausländer:innen von 3.000 US-Dollar (ca. 2.500 Euro) beschlossen.
Neben den kriminellen Aspekten, die in diesem Geschäftsmodell stecken, zeigen diese Fakten aber auch: Südasiatische Studierende sind Konsument:innen, ihre Rolle beschränkt sich auf die als Devisenbringende. Schätzungen des kirgistanischen Bildungsministeriums zufolge waren es 2022 etwa 250 Millionen US-Dollar im Jahr, die ausländische (hauptsächlich südasiatische) Medizinstudierende an Kapital ins Land brachten. Zu Studiengebühren kommen Wohnen, Essen und Visagebühren hinzu. Bei einem BIP von gut 12 Milliarden US-Dollar 2022 wären das fast 2 Prozent.
Rassismus gegen Südasiat:innen – Nichts Neues in Kirgistan
Die gesellschaftlichen Vorurteile gegenüber den Migrant:innen schien den Universitäten und Behörden lange Zeit egal. Schon 2021 berichtete Eurasianet über rassistische Übergriffe gegen Pakistanis, die von staatlichen Stellen ignoriert wurden. NGOs wie Oasis machen ebenfalls seit Jahren auf die Situation und die Missstände bezüglich der internationalen Studierenden aufmerksam. 2023 hatte auch die International Organisation for Migration (IOM) in einer ausführlichen Analyse festgestellt, dass die Bevölkerung „generell offen und gastfreundlich“ gegenüber internationalen Studierenden und Migrant:innen sei, es jedoch „gewisse Vorbehalte“ gegenüber den steigenden Zahlen an Ausländer:innen in gesellschaftlichen Randgruppen gäbe.
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2023 begann Oasis mit einer detaillierten Studie. Wurde diese zuerst dadurch erschwert, dass Ende 2023 ein restriktives NGO-Gesetz eingeführt wurde, erlangte das Thema zumindest nach den gewaltsamen Ausschreitungen im Mai 2024 an neuer Relevanz und Öffentlichkeit.
Neue Studie zu Diskriminierung von Südasiat:innen
Mitte Oktober legte Oasis zusammen mit der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kirgistan und der Stelle des Ombudsmanns der Republik Kirgistan eine qualitative und quantitative Analyse der Gesamtsituation vor. Eingeladen waren sowohl Vertreter:innen aus Behörden, wie etwa dem Bildungs- und Justizministerium und der Hauptstadtverwaltung, als auch Universitätsadministrationen internationaler Medizinstudiengänge wie andere zivilgesellschaftliche Akteur:innen. Die anschließende „Diskussion“ zeigte, dass zumindest bei staatlichen und universitären Beteiligten wenig Interesse daran besteht, die Ereignisse vom letzten Mai und die dahinterstehenden gesellschaftlichen Probleme anzuerkennen und anzugehen.
455 südasiatische Studierende wurden zu Themen wie Unterbringung, Sicherheit im öffentlichen Raum und Nahverkehr, Gewalt und Schutz befragt. Die Studie zeigt: Diese Studierenden erleben viel Diskriminierung und sind alles andere als willkommen in Kirgistan. Bei der Unterbringung erlebte ein Großteil Schwierigkeiten bei der Suche nach einer Bleibe. 83 Prozent berichteten von höheren Preisen aufgrund ihrer Ethnizität, einem Viertel wurde aufgrund dessen eine Wohnung verwehrt.
Was das öffentliche Leben anbelangt, zeichnet sich ein Bild von Ausschluss statt Teilhabe ab. 37 Prozent fühlten sich in Parks und auf öffentlichen Plätzen unsicher. Die große Mehrheit nahm nicht am kulturellen Leben der Großstädte durch den Besuch von Konzerten, Kinos, Museen oder sogar Bibliotheken teil. Ein sicherer Ort stellte für gut die Hälfte hingegen ihre Bildungseinrichtung dar. In der Öffentlichkeit fühlten sich über 30 Prozent in ihrer Redefreiheit, über 40 Prozent in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Mehr als zwei Drittel berichteten von Diskriminierung verschiedenster Ausprägung.
Die Ereignisse vom 17./18. Mai 2024 zeigten eindeutig, dass Gewalt eine reale Gefahr für Südasiat:innen darstellt, auch wenn dies von offizieller Seite nicht anerkannt wird. Dies wurde zudem in der Studie untermauert: Über 40 Prozent der Studienteilnehmenden berichteten von physischer Gewalt, 14 Prozent sogar von sexueller. Hinzu kommen 64 Prozent, die emotionaler Gewalt ausgesetzt waren. Zwar verknüpfte das nur ein Drittel mit Rassismus, während fast ein weiteres Drittel nicht auf diesen Aspekt eingehen wollte, jedoch stimmten fast drei Viertel der Annahme zu, dass die Lokalbevölkerung unfreundlich gegenüber den Migrant:innen sei.
Kaum Möglichkeiten für Strafverfolgung
Auch was Strafverfolgung und Sicherheit angeht, belegt die Studie das bereits bekannte Problem: Die Polizei nimmt Fälle nicht unbedingt ernst oder will teilweise sogar Geld von Opfern bei Anzeigen. Auch der Weg über die Judikative bleibt den meisten Betroffenen aufgrund von Sprachbarrieren verschlossen. 71 Prozent der Befragten, denen Gewalt angetan wurde, meldeten sich daher nicht bei zuständigen Behörden oder anderweitigen Stellen.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass sowohl natürliche Barrieren wie die Sprache als auch gesellschaftliche Probleme mit der Akzeptanz von Südasiat:innen in Kirgistan bestehen. Dies sind beides Tatsachen, an denen sowohl die Regierung als auch die beteiligten Universitäten arbeiten könnten. Gerade der Rassismus gegen Südasiat:innen wird trotz seiner Evidenz in der kirgistanischen Gesellschaft nicht offen angesprochen. Und dass Handlungsbedarf besteht, zeigt die Studie ebenfalls, denn die Studierendenzahl sinkt – und zwar drastisch: Nach fast 50.000 Anträgen im Vorjahr waren es dieses Jahr noch knapp 12.000. (Die Zahlen für 2025 sind zwar vorläufig, werden aber nicht allzu sehr steigen, da der Stichtag nach der Bewerbungsfrist lag.)
Expert:innen wie Meerim Osmonalijewa (Oasis Kirgistan, Leiterin der Untersuchung) sehen eine klare Verbindung zwischen diesen Entwicklungen und den Geschehnissen im letzten Jahr. Ihr zufolge „wurde auf den Straßen offensichtlich, dass die Zahl südasiatischer, internationaler Studierender deutlich gesunken ist. Der Rückgang ist unzweifelhaft eine Konsequenz der Massenangriffe und unterstreicht das systematische Unvorbereitet-Sein bezüglich der Akzeptanz internationaler Studierender als auch das Fehlen einer umfassenden Bildungspolitik, um Rassismus und Diskriminierung zu adressieren und effektiv Bildungsdienstleistungen zu exportieren.“
Offizielle Stellen verschließen sich vor Ergebnissen
Auch die Reaktion der Beteiligten bei der Vorstellung der Studienergebnisse sprach für sich. Teilnehmende Bildungs- und Justizbeamt:innen diskreditierten die Studie. Eine Teilnehmerin stellte die Untersuchungsmethoden in Frage und kritisierte die Auswahl der Städte als nicht repräsentativ (die untersuchten Städte Osch und Bischkek sind die zwei größten des Landes und beherbergen auch den Löwenanteil ausländischer Studierender). Der Vorwurf des Rassismus wurde ebenfalls negiert, Unirektor:innen und andere Ministerialbeamte bestanden darauf, dass die kirgistanische Gesellschaft offen und gastfreundlich sei. Statt nur negative Dinge zu nennen, hätte man auch über Positives berichten können, so die Meinung der politischen Entscheidungsträger:innen. Konkrete Lösungsvorschläge, die von Oasis und dem Ombudsmann-Büro im Rahmen der Studie beigelegt wurden, wurden nicht diskutiert. Trotz einstündiger „Debatte“ setzte sich keiner der staatlichen und Bildungsakteur:innen mit der Kritik oder den Vorschlägen auseinander.
Wie heikel das Thema ist, zeigt auch die Nachbearbeitung der Studie. Nachdem diese in russischer Sprache auf der Website von Oasis für kurze Zeit zum Download zur Verfügung stand, wurde diese wieder entfernt. Im persönlichen Interview mit Meerim Osmonalijewa berichtete diese, dass „das Thema selbst sehr sensibel ist, da es Themen wie Xenophobie und Rassismus verbindet. Das Forschungsteam musste die Empfehlungen und die Forschungsergebnisse zweimal überarbeiten, um sicherzustellen, dass die Regierung den empfindlichen und exakten Kern der Situation versteht.“ Nichtsdestotrotz seien sie „froh, dass die Ergebnisse der Studie den entsprechenden Regierungsstellen vorgestellt wurden und (…) hoffen auf positive Änderungen in diesem Bereich.“ Eine überarbeitete Fassung der Studie erschien im Dezember.
Wie über die Thematik diskutiert wird, ist bezeichnend für ein Land, das sich nur sehr selektiv mit seinen politischen und gesellschaftlichen Realitäten auseinandersetzt. Ob die Präsidialverwaltung an der Korruption im medizinischen Ausbildungsbereich etwas ändern wird, bleibt abzuwarten. Ob sich an dem Problem mit dem Rassismus gegen Südasiat:innen was ändert, scheint nach einer derartigen Abwehr fraglich. Die beteiligten Akteur:innen aus Staat und Bildung haben jetzt die Möglichkeit zu zeigen, ob die medizinische Ausbildung weiterhin ein mittelmäßiges Geschäft bleiben soll oder Interesse an ernsthafter Professionalisierung und dem Bildungsstandort Kirgistan besteht.
Die Zahlen sind allesamt aus der Studie zitiert, die sich hier abrufen lässt. Der Autor des Artikels hat selbst an der Vorstellung der Studie teilgenommen und berichtet aus erster Hand.
Reza Nazir für Novastan
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