Usbekistan hat einen seiner Forschungsreaktoren aus der Sowjetzeit abgebaut

Usbekistan hat einen seiner beiden Kernforschungsreaktoren abgebaut. Dies war ein besonders heikler Vorgang, der mehrere Jahre Arbeit erforderte. Es ist auch das Zeichen eines Übergangs in der usbekischen Nuklearpolitik: Das Land kehrt den Anlagen aus dem Kalten Krieg den Rücken und stellt ein neues ziviles Kernkraftwerk in den Mittelpunkt seiner Entwicklungspläne.

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Für die usbekische Atomkraft wird ein neues Kapitel aufgeschlagen. Am 9. April gab die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) bekannt, dass einer der beiden Forschungsreaktoren in Usbekistan abgebaut worden sei. Diese Operation dauerte mehr als vier Jahre (2015 bis 2019), und wurde mit Unterstützung der IAEO realisiert.

Im Jahr 2013 wurde der Reaktor bereits stillgelegt, blieb aber in Betrieb, da Nuklearanlagen ständig überwacht werden müssen. Der Unterhalt war äußerst teuer: etwa 70.000 Dollar (64.800 Euro) pro Jahr in den 2010ern. Darüber hinaus stand der Reaktor inmitten der usbekischen Hauptstadt Taschkent, und barg somit ein bedeutendes Risiko.

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Im Bericht der IAEO erklärt Faxrulla Kungurov, Laborleiter am Institut für Kernphysik der usbekischen Akademie der Wissenschaften: „die Entscheidung, den IIN-3M-Reaktor abzubauen, wurde getroffen, weil er in den letzten Jahren kaum genutzt worden war, die Anlage veraltet war und sich in der Nähe eines Flughafens befand, dessen Ausbau die Behörden in Erwägung zogen“.

Die Spuren der sowjetischen Atomkraft – ein schweres Erbe in Zentralasien

Dieser Forschungsreaktor wurde 1975 gebaut, als Usbekistan Teilrepublik der Sowjetunion war. Er wurde entwickelt, um Atomspaltungen zu verursachen, die zu einer Kettenreaktion führen. Im Gegensatz zu einem Kernkraftwerk diente der Reaktor nicht der Erzeugung von Elektrizität, sondern wurde für Experimente genutzt, einschließlich Experimenten zum Verhalten verschiedener Materialien unter radioaktiver Strahlung.

Allerdings sind nicht alle Experimente, die dort in der Sowjetzeit durchgeführt wurden, detailliert aufgeführt. Ursprünglich wurde der Reaktor mit hochangereichertem Uran betrieben. Ein wichtiges Detail: jenseits einer 20-prozentigen Anreicherung kann Uran auch für militärische Zwecke genutzt werden. Hier betrug die Anreicherung bis zu 90 Prozent. Der Reaktor wurde schrittweise auf den Betrieb mit weniger angereichertem Uran umgerüstet und fiel 2008 schließlich unter die 20-Prozent-Grenze. Ein Teil des hochradioaktiven Brennstoffs wurde diskret zur Aufbereitung nach Russland geschickt.

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Usbekistan ist nicht das einzige Land, das sich mit dem nuklearen Erbe der Sowjetunion auseinandersetzen muss. Während der Sowjetzeit befanden sich unterschiedliche Einrichtungen in Zentralasien. Neben Forschungsstandorten gibt es in verschiedenen Ländern der Region auch Deponien für radioaktive Abfälle. Der Nuclear Threat Initiative zufolge wurden diese Standorte während der Sowjetzeit nicht immer den Behörden gemeldet, und die Forschung zu ihrer genauen Lokalisierung ist noch im Gange. Kasachstan ist besonders betroffen: Das Atomwaffentestgelände Semipalatinsk im Nordosten des Landes war Schauplatz Hunderter Atomtests. In Kirgistan stellt sich mitunter auch die Frage des Umgangs radioaktiver Abfälle aus dem Uranbergbau, wie in der ehemals geschlossenen Stadt Ming Küsch.

Der Rückbau eines Atomkraftwerks: Eine technische und logistische Herausforderung

Der Rückbau eines Atomkraftwerks ist immer heikel. Dies gilt umso mehr für Einrichtungen aus der Sowjetzeit. Heute werden bereits beim Bau von Atomkraftwerken Stilllegungspläne miteinbezogen, was vor fünfzig Jahren noch nicht der Fall war. „Als die ersten Forschungsreaktoren gebaut wurden, herrschte die allgemeine Überzeugung, dass die Stilllegung mit wenig Planung und Ressourcen leicht zu bewerkstelligen sei. Aber das ist eindeutig nicht der Fall“, erklärt Kungurov. „Infolgedessen hatten wir keine Pläne für den Abbau und keine Informationen darüber, wie die Ausrüstung entfernt oder deinstalliert werden kann. Hier war die Hilfe der IAEO entscheidend“, beschreibt der Wissenschaftler.

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Es war also auch eine logistische Herausforderung: Die usbekischen Ingenieurteams arbeiteten mit der IAEO, aber auch mit den Vereinigten Staaten und mit Russland zusammen. Radioaktive Brennstoffe wurden, wie schon zuvor, nach Russland geschickt. Usbekistan verfügt über kein hochangereichertes Uran mehr, das besonders gefährlich ist und hoch radioaktive Abfälle produziert. Experten zufolge ist der Standort des Forschungskraftwerks nicht mehr radioaktiv ist, ein neues Kapitel kann dort also beginnen.

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Usbekistan setzt auf Atomstrom

In den letzten Jahren hat Usbekistan vermehrt in die nukleare Stromerzeugung investiert. Da die Stromnachfrage im Land bis 2030 voraussichtlich verdoppeln wird und das Land derzeit Strom von seinem Nachbarn Tadschikistan kauft, erscheint der Ausbau der Kernenergie strategisch wichtig. Dies umso mehr, als Usbekistan über reiche Uranreserven verfügt.

Während die Regierung den Forschungseinrichtungen aus der Sowjetzeit den Rücken kehrt, entwickelt es die zivile Kernenergie. Das erste zentralasiatische Atomkraftwerk ist somit im Bau und 2018 schuf Präsident Shavkat Mirziyoyev per Dekret Uzatom, eine staatliche Agentur für die Entwicklung der Kernenergie in Usbekistan.

Héloïse Dross
Autorin für
Novastan

Aus dem Französischen von Florian Coppenrath

 

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