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Samarkand: „Potemkinsche Dörfer“ fordern ein Todesopfer

Am 14. März kam eine junge Lehrerin in Samarkand ums Leben, als sie – wie viele andere – vor dem Besuch des Präsidenten die Straße säuberte. Der Journalist Nikita Makarenko war bei den Vorbereitungen zum Präsidentenbesuch dabei, und spricht sich aus gegen die „Show“, die dem Präsidenten in den Regionen geboten wird. Seinen zuerst bei Gazeta.uz erschienenen Kommentar übernehmen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Der Minibus mit den Pressevertretern fährt auf der neuen Straße von Samarkands Zentrum zum Flughafen. Um ihn herum wird eifrig gearbeitet: Dutzende Leute pflegen die Straße, über die am Folgetag der Präsident Schawkat Mirsijojew fahren wird.

Zu spät ist zu spät: Es ist ein verbissener Anfall von Bürokratie, in einem Tag alles nachzuholen, das schon längst hätte getan werden sollen. Warum auch sollte man die Infrastruktur ständig und systematisch pflegen? Für wen? Etwa für das Volk?

Es ist egal, dass in zwei Tagen schon alles abfallen, bröckeln und zerbrechen wird, solange der Präsident die Stümperei im Vorbeifahren nicht bemerkt. Die Hauptsache ist, nicht das Gesicht zu verlieren. Eben deswegen muss dieser junge Mann in orangener Weste heute resigniert den braunen Dreck aus den kleinen Kanälen holen (die Aryks, die in Zentralasien zur Bewässerung und Kühlung der Städte dienen und oft voller Schlamm sind, Anm. d. Ü.): eine reine Sisyphusarbeit.

„Es soll nur gut aussehen“

Die Journalisten im Minibus pfeifen erstaunt. Der heiße schwarze Asphalt wird direkt auf den Dreck gekippt und eher schlecht als recht glattgestampft. Es soll nur gut aussehen.

Wir kommen am Flughafen an, wo der neue Flug von Turkish Airlines aus Istanbul festlich begrüßt wird. Der samarkander Chokim (Regionalgouverneur) Furkat Rachimow spricht von seiner Tribüne über neue Touristen und eine glänzende Zukunft.

Hinter dem Fenster, etwa 500 Meter von ihm, fegen dutzende Menschen die Straße mit Strohbesen. Andere richten und bemalen die Bordsteine. Wer sind sie? Sie sehen nicht aus wie Bauarbeiter und tragen auch keine Arbeitskleidung. Wahrscheinlich sind es Angestellte im öffentlichen Dienst, die um ihre Arbeitsplätze und ihre niedrigen Gehälter fürchten. Bestimmt sind es Ärzte und Lehrer.

Das Ministerium für Volksbildung hat erst vor kurzem versprochen, dass den Lehrern nicht mehr „verschiedene Aufgaben ohne Bezug zu ihren professionellen Aufgaben“ aufgetragen werden (wie bereits im vergangenen August). Das hat doch die Regierung versprochen, genauso wie die Chokime der Regionen.

Und doch: Am 14. März wurde die junge Lehrerin Diana Jenikejew entsandt, um der Straße „Samarkand-Kattakurgan“ vor der Ankunft des Präsidenten einen sauberen Anstrich zu verleihen. Dort verunglückte sie dort unter den Rädern eines „KAMAZ“-LkWs.

Beispiele gibt es zuhauf

Ein Vertreter des Amtes für öffentliche Bildung hatte sie mit anderen Lehrern dorthin geschickt. Laut einem der Kollegen der Verstorbenen bewegte er sich mit einem Auto fort. Für ihn war der Lastwagen keine Bedrohung.

War diese Show das Leben Dianas wert? Der Pressesprecher des Präsidenten Komil Allamdschonow hat versprochen, den Fall aufzuklären. Aber es geht nicht nur um diesen tragischen Fall, sondern allgemein um das Problem der Schauprojekte lokaler Behörden und der Last-Minute Rekrutierung von öffentlichen Angestellten.

Beispiele gibt es zuhauf. Die sozialen Medien amüsieren sich über die gefälschten Gewächshäuser in Kaschkadarjo. Entlang der Straßen werden „Potemkische Dörfer“ gebaut, in denen niemand wohnen möchte. Es werde eintägige Kinderspielplätze gebaut. Zum Glück ist es schwer, Pistazien an die Bäume zu kleben, um eine reiche Ernte zu simulieren. Und trotzdem…

Eine ritualisierte Show

Sehr geehrter Herr Präsident, ihre Reisen durch das Land zur Kontrolle der Lage sind eine wunderbare Initiative. Aber ihr ganzer Sinn geht verloren, wenn die lokalen Behörden dafür eine Show inszenieren. Ein Spiel, in dem die Chokime bereit sind, alles aufs Spiel zu setzen, nur um für zehn Minuten einen guten Eindruck zu hinterlassen. Ein Kult, in dem eine einmalig „schöne“ Straße wichtiger ist, als eine zuverlässige Straße für ein Jahrhundert.

Denken Sie nur daran, was die Lehrer über die Reformen und die Zukunft des Landes denken müssen, wenn sie am frühen Morgen in Erwartung ihrer Ankunft die Straßen fegen? Was erzählen sie danach in der Schule den Kindern?

Nikita Makarenko
Gazeta.uz

Aus dem Russischen von Florian Coppenrath

[legend]
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