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Ohne unnötigen Lärm: Wer hilft Ukrainer:innen in Usbekistan und aus welchen Gründen?

Auf den ersten Blick hat der russische Angriffskrieg auf die Ukraine das alltägliche Leben der Usbek:innen nicht beeinflusst. Im Gegensatz zu Tiflis und Jerewan sowie anderen post-sowjetischen Hauptstädten wurden in Taschkent keine Proteste vor der russischen Botschaft abgehalten, es wurde nicht mit gelb-blauen Flaggen demonstriert und keine Kundgebungen organisiert. Weder Anti-Kriegs-Initiativen noch humanitäre Hilfsaktionen sind in der Stadt bemerkbar. Es entsteht der Eindruck, dass die russischen „Umsiedler“, die nach Usbekistan kommen, sich mehr um ihre Bankkonten als um das Bekunden ihrer politischen Position sorgen. Der folgende Artikel erschien am 2. November 2022 auf Hook.Report. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Weitere Bilder befinden sich im Originalartikel. 

An den Krieg in der Ukraine und die Krise in Russland erinnern in Usbekistan lediglich die rasant steigenden Immobilienpreise und die wachsende Zahl an Zugezogenen. Ansonsten ist die Mehrheit der Menschen mit ihrem Alltag beschäftigt. Der Krieg erscheint als etwas Fernes, das irgendwo auf russischen Fernsehsendern stattfindet. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Bewohner:innen Usbekistans dem Krieg gleichgültig gegenüberstehen.

Eine betont neutrale Haltung

Für die offizielle Seite in Taschkent ist der russische Einmarsch in die Ukraine zu einem diplomatischen Rätsel geworden. Bereits am zweiten Tag des Krieges telefonierte der usbekische Präsident Shavkat Mirziyoyev mit Wladimir Putin. Von Seiten des Kremls wurde im Anschluss bekannt gegeben, Mirziyoyev habe „Verständnis“ gegenüber den Handlungen Russlands geäußert. Allerdings sprach die usbekische Seite in ihrer Mitteilung nicht von „Verständnis“ und gab lediglich an, dass beide Seiten sich in der Tat über die Ukraine unterhalten hätten. Dies kann als erstes Zeichen dafür gesehen werden, dass Taschkent aktuell manövrieren muss.

Mitte März unterstützte dann der – inzwischen ehemalige – Außenminister Usbekistans, Abdulaziz Komilov, auf einer Plenarsitzung des Senats offen die territoriale Integrität der Ukraine. „Usbekistan erkennt die Unabhängigkeit, Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine an. Die Volksrepubliken Luhansk und Donezk werden von uns nicht anerkannt“, so der Diplomat. Kamilov sprach anschließend auch über Russland und die Ukraine als Partner Usbekistans und rief beide Seiten dazu auf, einen diplomatischen Weg aus der Krise zu finden. Nach dieser Erklärung verschwand der Außenminister von der Bildfläche. Der offizielle Rücktritt im April wurde mit gesundheitlichen Problemen begründet und es ist nicht bekannt, ob seine Worte zum Krieg in der Ukraine auch damit in Verbindung standen. Jedoch gab es im Anschluss keine ähnlichen Verlautbarungen von Seiten usbekischer Offizieller mehr.

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Bei der UN-Generalversammlung Mitte Oktober lehnte es Usbekistan dann ab, die Annexion ukrainischen Staatsgebietes durch Russland zu verurteilen und enthielt sich bei der Abstimmung. „Usbekistan muss seine Interessen ausbalancieren und die Beziehungen zu seinen Nachbarn aufrechterhalten, insbesondere zu Nachbarn, die auch Handelspartner und wichtige Investitionsquellen sind“, umriss der US-Botschafter in Taschkent, Daniel Rosenblum, die Situation. Der Vertreter der USA bezeichnete die Neutralität Taschkents als richtige Strategie und wies darauf hin, dass diese Haltung in Washington verstanden und unterstützt werde.

Gute Beziehungen zu Moskau sind essenziell für Stabilität in Usbekistan, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde Russland für Usbekistan zum führenden Handelspartner. Nach Angaben des Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung und Armutsbekämpfung arbeiteten 2021 mehr als eine Millionen usbekische Staatsbürger:innen in Russland. Die Mehrheit dieser Arbeiter:innen überweist ihre Ersparnisse in die Heimat. Darüber hinaus baut Russland in Usbekistan zwei Atomkraftwerke, für welche die Kredite ebenfalls von russischer Seite stammen. Gleichzeitig ist es für Usbekistan wichtig, Beziehungen mit anderen Ländern aufzubauen, neue Märkte zu erschließen und Investoren anzuziehen. Die Sanktionen gegen Russland wirken sich bereits auf die Logistik aus, da die Haupthandelsrouten zwischen Europa und den Staaten Zentralasiens durch Russland führen. Unter den gegebenen Umständen könnte Taschkent eine zu enge Freundschaft mit Moskau teuer zu stehen kommen.

Bisher war Usbekistan für Russ:innen eine der angenehmsten Destinationen. Bis Ende September funktionierte das russische Zahlsystem „Mir“ in Usbekistan. Weiterhin sind russische Fernsehkanäle verfügbar, Russ:innen können Arbeit finden und Bankkonten eröffnen, wobei vor kurzem die Anforderungen der Banken strenger wurden.

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Bei all dem gerät in Taschkent auch die Ukraine nicht in Vergessenheit. So erhielt das vom Krieg gebeutelte Land von Usbekistan bereits mehrfach humanitäre Hilfen. Dabei handelte es sich bei der letzten Lieferung beispielsweise um Medikamente für Ärzte des Militärs. Vor kurzem wurde zudem auf russischen Staatskanälen verlautbart, dass Usbekistan angeblich die Streitkräfte der Ukraine mit Thermounterwäsche ausrüsten würde. „Wie gefällt euch diese Völkerfreundschaft?“, kommentierte dazu ein russischer Blogger, der sich für den Krieg positioniert.

Zu einem internationalen Skandal führte vor kurzem eine Äußerung des ukrainischen Journalisten Dmytro Hordon. In seinem Gespräch mit dem israelischen Unternehmer Leonid Newslin erklärte er, dass in Usbekistan angeblich iranische Drohnen für die russische Armee zusammengebaut würden. Von usbekischer Seite wurde diese Aussage sofort auf verschiedenen Ebenen dementiert. Weiterhin forderte das usbekische Außenministerium von den ukrainischen Machthabenden, auf diese Fake-News zu reagieren. Hordon selbst gab später zu, Usbekistan mit Tadschikistan verwechselt zu haben.

Die Reaktion der Bevölkerung

Während die offizielle Position Taschkents klar zu sein scheint, stellt sich das Bild in Bezug auf die usbekische Bevölkerung komplizierter dar. Im Gegensatz zu den Machthabenden sind viele der Usbek:innen nicht mit der Neutralität ihres Landes einverstanden und nehmen häufiger eine parteiliche Position ein. So äußerten sich in den ersten Tagen des Krieges eine ganze Reihe usbekischer Blogger:innen deutlich gegen den Angriff. „Die Bevölkerung Russlands ist ärmer als diejenige Portugals, Bruneis und circa 40 anderer Staaten. Ganz Russland ist ärmer als der Staat Kalifornien für sich allein genommen. Aber das stört Sowjet- und Putinliebhaber nicht. Sie leben nach seltsamen Prinzipien. „Wozu brauchen wir die Wirtschaft, wenn wir Raketen und Superwaffen haben““, schreibt der Blogger Ali Kahhorov auf seinem Kanal.

Aussagen, die sich gegen den Krieg richten, gab es nicht nur von Einzelpersonen, sondern auch von Institutionen. So sprach sich etwa die unabhängige Galerie 139 Documentary Center gegen den Krieg aus. Ihre Gründer:innen organisierten eine Spendenaktion zu Gunsten der humanitären Projekte Vostok SOS und Libereco. In Bezug auf den Krieg in der Ukraine äußerten sich auch einige unabhängige Medien.

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Über die Anti-Kriegs-Haltung in Usbekistan erschien sogar ein Beitrag auf dem russischen Staatskanal „Rossija24“. Dabei bezeichnete der Moderator Robert Franzev die Influencer als „Pseudojournalisten“ und „Teilnehmer westlicher Stipendienprogramme“. Laut ihm „teilt nicht jeder in Usbekistan die kluge und wohldurchdachte Politik der Staatsführung“. In einem gewissen Sinne liegt Franzev damit nicht falsch. In privaten Unterhaltungen mit Usbek:innen trifft man sowohl auf pro-russische als auch auf pro-ukrainische Ansichten.

Unter meinen Bekannten beschäftigt jeden das Thema“, erzählt die Taschkenter Bewohnerin Kira Valitova (Anm.: Name auf Wunsch geändert). „Ich weiß, dass ich in einer gewissen Blase lebe, aber ich kenne nicht eine Person mit einer neutralen Haltung. Die Menschen in meinem Alter (Anm.: Ende der 1980er, Anfang der 1990er geboren) sind praktisch alle gegen den Krieg. Diejenigen, die etwas älter sind, also die Generation unserer Eltern und Großeltern, rechtfertigen die Handlungen Russlands. Ich kenne auch Gleichaltrige, die ebenfalls für den Krieg sind, aber mir scheint, dass dies teilweise nicht ihre eigene Sichtweise ist.“ Kira selbst gibt an, mehrmals Geld an humanitäre Hilfsorganisationen zu Gunsten der Ukrainer:innen überwiesen zu haben. Laut ihr hat sie lediglich einen Bekannten, der ebenfalls spendete.

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Während des Gesprächs nennt Kira eine Person namens Sergey Kim, der Geldspenden für Ukrainer:innen organisiert. Ihr zufolge ist Kim der Einzige in Taschkent, der eine solche Initiative ergriffen hat. Würde es in Usbekistan mehr Hilfsprojekte für Ukrainer:innen wie dieses geben, wäre Kira zu weiteren Spenden bereit. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich als Freiwillige helfen würde, da ich mir um meine mentale Gesundheit Sorgen mache, aber was Spenden angeht, wäre ich auf jeden Fall dabei“, fasst unsere Gesprächspartnerin zusammen.

Davon, dass die Haltung der Usbek:innen mit ihrem Alter und sozialen Status zusammenhängt, erzählt auch Daniil (Anm.: Name auf Wunsch geändert). Der junge Mann reiste Anfang März aus Moskau nach Taschkent. „Im Frühjahr kam zu uns ein Klempner ins Haus, der sich genau wie das russische Fernsehen anhörte. Er meinte, Russland kämpfe nicht gegen die Ukraine, sondern gegen Amerika, und dass die USA alles angezettelt hätten“, erinnert sich unser Gesprächspartner. „Unser Immobilienmakler sagte sogar, dass er hoffe, dass es den Usbeken erlaubt werde zu kämpfen, denn dann würde er losziehen, um Russland zu verteidigen“.

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Am Ende seiner Erzählung sagt Daniil allerdings, dass die Mehrheit seiner Bekannten in Taschkent eine Anti-Kriegs-Haltung teilen würde. „Aber das sind meistens fortschrittliche oder kreative Leute mit guter Bildung, von denen viele schon in anderen Ländern gelebt haben“, sagt der junge Mann. Außerdem gibt er zu bedenken, dass viele Usbek:innen wenig über Politik sprechen und sich eher um die Wirtschaft oder persönliche Probleme sorgen.

„Ich half wie auch immer ich konnte“

Sergey Kim hat ungefähr 20 Tausend Follower:innen auf Instagram. Viele in Taschkent kennen ihn als erfolgreichen Marketingmanager und Gründer der Kreativagentur „Sekta“. Diese Bekanntheit nutzt Sergey, um Spenden für Ukrainer:innen zu sammeln. Zu Beginn des Krieges gründete er dafür das Projekt „Help Ukraine from Uzbekistan“, welches Bewohner:innen der Ukraine unterstützt, die aufgrund der russischen Invasion leiden.

Als der Krieg begann, war ich nicht dazu in der Lage zu arbeiten oder irgendetwas Normales zu tun. Dadurch, dass ich ein Team von Mitarbeiter:innen leite, werden von mir wichtige Entscheidungen erwartet. Aber in diesen Tagen konnte ich einfach nicht klar denken. Das war ein Zustand, in dem man nicht die ganze Zeit an den Krieg denken kann, aber nicht an ihn zu denken auch nicht gelingt“, erzählt Sergey Kim. Ihn verbindet viel mit der Ukraine. Während der vergangenen zwei Jahre war er fünf Mal in der Ukraine, besuchte seine Schwester, die in Kyiv lebt, und verbrachte Zeit mit Freund:innen in Charkiv.

Mit der Ukraine als Land und – was das Wichtigste ist – mit ihren Menschen bin ich gut vertraut. Deshalb hatte ich, als der Krieg begann, Zugang zu Informationen aus erster Hand. Freund:innen und Verwandte schickten mir Fotos von Beschuss, Selfies aus Kellern und Videos von Überflügen“. All dies lud Sergey auf seinem Instagramprofil hoch. Seine Follower:innen erkundigten sich bei ihm, wie man helfen und wohin man spenden könne.

In den ersten Wochen des Krieges suchte Sergey nach einem Hilfsprojekt, dem er sich anschließen könnte. Eine solche Organisation konnte er jedoch in Usbekistan nicht finden. Deshalb beschoss er, selbst zu handeln. „Anfangs spendeten wir an die Streitkräfte der Ukraine und kleine Freiwilligenorganisationen in der Ukraine. Dann konzentrierten wir uns auf gezielte Hilfen. So haben wir unter anderem 40 Lebensmittelpakete für Chernihiv gekauft. Für Familien haben wir Geld für Kleidung, Spielzeug und Stromgeneratoren gesammelt.“ Auf diese Weise entstand das Projekt „Help Ukraine from Uzbekistan“.

Um schneller diejenigen zu finden, die Hilfe benötigen, setzte sich Sergey mit der Botschaft der Ukraine in Taschkent in Verbindung. Diese stellte den Freiwilligen eine Liste der Geflüchteten zur Verfügung, die sich in Usbekistan aufhalten. Sie begannen den Geflüchteten bei der Wohnungssuche, mit Lebensmitteln und Bewerbungen um Arbeitsplätze zu helfen. Auf Instagram und Telegram berichten die ehrenamtlichen Helfer:innen von ihrer Arbeit. „Zurzeit helfen wir drei Familien. Zwei von ihnen wohnen in Taschkent, eine in Samarkand, sie kommen aus Mariupol“, erzählt Sergey. „Unsere Aufgabe ist dann erfüllt, wenn alle Anfragen bearbeitet sind, wenn die Menschen eine Unterkunft gefunden haben, mit dem Nötigsten versorgt sind und wir ihnen bei der Arbeitssuche geholfen haben.“

Die Ukrainer:innen zu unterstützen ist Dank der Beteiligung von Usbek:innen möglich, die dem Thema nicht gleichgültig gegenüber stehen. Laut den Erzählungen von Sergey helfen die Menschen, wo sie können. Manche spenden Geld, andere Gegenstände. „Wir hatten den Fall, dass ein Mann uns kontaktierte und schrieb, dass er eine Zweizimmerwohnung bei der Station „Kosmonavtlar“ (Anm.: diese befindet sich in einem der zentralen Stadtteile Taschkents) habe und bereit sei, diese für ein halbes Jahr kostenlos zur Verfügung zu stellen. Letzten Endes zog dort eine Familie – eine Mutter und ihre erwachsene Tochter – ein.“

Derzeit arbeiten 14 Freiwillige bei „Help Ukraine from Uzbekistan“ mit. Dem Team ist es gelungen, klare Strukturen bei der Zusammenarbeit zu schaffen. Eine Person kümmert sich um die Fälle, andere kaufen ein oder koordinieren das Team. Ungefähr die Hälfte der Freiwilligen sind Bekannte von Sergey. Die Restlichen stießen über soziale Medien auf das Projekt. Bislang ist „Help Ukraine from Uzbekistan“ das einzige zivilgesellschaftliche Hilfsprojekt für Ukrainer:innen in Usbekistan. Es ist unter anderem auch im Online-Verzeichnis „Reshim“ zu finden, in welchem Hilfsinitiativen für die Ukraine aus der ganzen Welt aufgeführt werden.

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Was Binnenflüchtlinge betrifft, gibt es in Usbekistan nur wenige Ukrainer:innen. Beispielsweise hatten wir eine Familie – der Mann ist Usbeke, die Frau Ukrainerin. Sie lernten sich bei Kyiv kennen, heirateten und bekamen ein Kind. Nach Beginn des Krieges reisten sie nach Usbekistan zu seinen Verwandten aus, aber die Verwandten nahmen sie nicht auf. Und Fälle wie dieser kommen häufig vor. Spontan fallen mir noch circa drei weitere Familien mit einer ähnlichen Situation ein. Sie reisten nach Usbekistan zu Verwandten oder Freund:innen und wurden allein gelassen.“

Von staatlicher Seite wird die Arbeit der Freiwilligen nicht gestört, der usbekische Staat unterstützt das Projekt aber auch nicht. „Von Leuten, die verschiedenen staatlichen Strukturen nahestehen, habe ich gehört, dass man uns wahrscheinlich beobachtet. Aber niemand legt uns Steine in den Weg. Unterm Strich kann man sagen, dass es vollkommen legal und ungefährlich ist, aus Usbekistan heraus Ukrainer:innen zu helfen“, sagt Sergey zusammenfassend.

Es gibt eine Reihe von Geschäftsleuten im Land, die die Ukraine aus politischen Gründen nicht offen finanziell unterstützen können. Sie haben eine eindeutige Anti-Kriegs-Haltung, aber bisher sind sie nicht bereit, öffentlich zu helfen. Gleichzeitig wollen die Menschen spenden, sind bereit sich an den Hilfen zu beteiligen, aber man muss ihnen ein für sie geeignetes Modell bieten.“ Gegen Ende des Gesprächs gibt Sergey zu, dass die Aktivität als Freiwilliger für ihn persönlich zum Rettungsanker geworden ist. „Ich möchte gar nicht verbergen, dass hinter meiner Motivation unter anderem auch steckt, meine mentale Gesundheit zu erhalten. Die Freiwilligenarbeit hilft ungemein dabei. Und oft stelle ich mir auch vor, wieder in die Ukraine zu reisen, dort meine Freund:innen und meine Schwester wiederzusehen, ihnen die Hand zu schütteln und sagen zu können, dass ich tatsächlich geholfen habe, wie ich nur konnte.

Örtliche Besonderheiten

Usbekistan ist ein Land, in dem es nicht üblich ist, einen offenen politischen Diskurs zu führen. Dies kann sowohl auf den kulturellen als auch auf den sozialen Hintergrund zurückgeführt werden.  Öffentliche Meinungsäußerungen sind zwar nicht per se beängstigend, jedoch irritierend für die Behörden. Menschen mit Fahnen und Parolen werden als Störenfriede und Provokateure wahrgenommen. Jegliche basisdemokratische Initiative erscheint verdächtig und wirft Fragen auf. Alle Probleme – von alltäglichen bis hin zu denjenigen mit landesweiter Bedeutung – werden üblicherweise hinter verschlossenen Türen gelöst, nach dem Motto: Wenn du handelst, dann agiere leise. Deshalb werden Hilfsprojekte im Land in aller Stille gestartet, ruhig und ohne großen Pomp humanitäre Hilfe gesendet und stillschweigend Spenden überwiesen. All dies geschieht hinter einer Fassade von Ruhe und unter Betonung der Neutralität.

Mir scheint es, dass unsere Regierung aktuell keinen Ausweg findet“, merkt Kira an. „Wie man es auch dreht und wendet, wir hängen stark von Russland ab und können nichts daran ändern. Sie versuchen das Land einigermaßen stabil zu halten.“ Außerdem sagt die junge Frau, dass es ihr als Staatsbürgerin Usbekistans wichtig wäre, eine klare Positionierung von ihrer Regierung zu hören. „Aber die gibt es bisher einfach nicht.“

Vermutlich stehen die meisten Usbek:innen dem Krieg nicht gleichgültig gegenüber, da die Ukraine sie sehr an ihr eigenes Land erinnert. Beide Länder erlangten im selben Jahr die Unabhängigkeit, in beiden Staaten leben viele russischsprachige Menschen, und beide hängen stark von der Gefühlslage in Moskau ab. Bislang gelingt Taschkent der Balanceakt gut. Aber es gibt auch keine Garantie dafür, dass dies tatsächlich eine geeignete Überlebensstrategie ist. Der Krieg in der Ukraine ist noch weit von einem Ende entfernt und ein Verbündeter Russlands zu bleiben, wird mit jedem Tag schwerer, teurer und gefährlicher.

Dmitry Belyaev, Victoria Erofeeva und Lena für Hook.Report

Aus dem Russischen von Marie Schliesser

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