Weizen bis zum Bart – Wie in Turkmenistan gefälschte TV-Stories entstehen

Während in Turkmenistan Dürre herrscht, berichtet das nationale Fernsehen von Rekorderträgen. Falschmeldungen dieser Art haben aber in dem zentralasiatischen Land eine lange Tradition. Der folgende Artikel erschien im russischsprachigen Original am 9. Juni 2021 auf Turkmen.news. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Am 7. Juni wurden MitarbeiterInnen von “Gallaonumleri” (“Brotprodukte”), einem regionalen Unternehmen aus der Provinz Daşoguz, vom frühen Morgen an zu einem ungewöhnlichen Arbeitseinsatz geschickt. Sie mussten neben einem Weizenfeld einen Graben ausheben, damit weißbärtige alte Männer in ihm stehen und dann eine TV-Story über die bevorstehende Fülle an Getreide gedreht wird.

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Aufgrund des Wassermangels im Norden Turkmenistans wächst der Weizen nur schlecht. Eine dem nationalen Fernsehen nahestehende Quelle sagte Turkmen.news gegenüber, dass das Kamerateam kein geeignetes Feld finden konnten, um eine Geschichte über die erfolgreiche Erfüllung des regionalen Plans zur Weizenlieferung zu drehen.

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„Man sagte ihnen, sie sollten sicherstellen, dass der zu kleine Weizen die Bärte der Alten erreicht“, erklärte die Quelle. „Da kam die Idee mit dem Graben. Es wurde beschlossen, die Aksakale [weißbärtige, alte Männer, Anm. d. Ü.] dorthin zu bringen, und der Kameramann wurde so auf dem Feld positioniert, dass es so aussah, als ob die Weizen hoch wäre.“

Falschmeldungen mit Tradition

Tatsächlich werden Probleme mit dem Weizen nicht nur in der Provinz Daşoguz beobachtet. Ende Mai veröffentlichte [das aus dem Exil berichtende turkmenische Nachrichtenportal, Anm. d. Ü.] Chronika Turkmenistana Fotos von Feldern in den Provinzen Ahal und Mary. Laut den Quellen von Chronika Turkmenistana erreicht die Höhe der Weizenhalme auf vielen Feldern kaum 20 Zentimeter. Am 8. Juni erschienen in den Medien Bilder von Feldern aus der Provinz Lebap. Dort ist die Situation nicht besser.

Die MitarbeiterInnen des staatlichen Fernsehens müssen jedoch die offiziellen Berichte über Nahrungsreichtum und landwirtschaftlichen Erfolg bestätigen. Sie müssen also „kreativ“ an die Arbeit herangehen. Später, wenn die Ernte dürftig ist, stehen die Beamten, die sich mit der Buchhaltung beschäftigen, vor derselben Herausforderung. Zweifellos werden sie nicht weniger Einfallsreichtum zeigen als die FernsehmitarbeiterInnen und rechtzeitig über die Erfüllung und Übererfüllung des Plans berichten.

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Schlechte Weizenerträge und Falschmeldungen zur Planerfüllung sind in Turkmenistan die Regel. In den 1990er Jahren lag der Jahresplan bei 1,2 Millionen Tonnen und wurde nie eingehalten. 1998 schließlich versprach der erste Präsident Saparmyrat Nyýazow die Verantwortlichen für den Mangel an Ernten hart zu bestrafen. Im selben Jahr berichteten die Verantwortlichen erstmals über die Umsetzung des Plans. Dann präsentierten sie dem Präsidenten Jahr für Jahr immer höhere Zahlen. 2006, als Nyýazow starb, wurde eine Ernte von 3,5 Millionen Tonnen Weizen angegeben.

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Das neue Staatsoberhaupt Gurbanguly Berdimuhamedow legte den Plan auf 1,6 Millionen Tonnen fest. Die Beamten lieferten keine absolut fantastischen Berichte über die dreifache Übererfüllung des Plans mehr, aber sie gaben auch die Ernteknappheit nicht zu. Nach offizieller Version wird in Turkmenistan fast genau so viel Getreide geerntet wie geplant. 2019 ordnete Berdimuhamedow an, den Plan für die Weizenernte auf 1,4 Millionen Tonnen zu reduzieren und den Plan für die Baumwollernte zu erhöhen.

2021 droht die Lage aufgrund der Dürre besonders schwierig zu werden. Die Lufttemperatur im ganzen Land liegt beständig bei 40 bis 45 Grad, es gibt praktisch keinen Niederschlag. Gleichzeitig herrscht im Land seit mehreren Jahren Mehlknappheit.

Turkmen.news

Aus dem Russischen von Robin Roth

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