Turkmenische Musiker

Die turkmenische Sprache: von „etrap“ zu „dikuçar“

Das Turkmenische ist eine der ältesten Turksprachen, die sich jedoch erst im frühen 20. Jahrhundert fertig ausgebildet hat. Als Mitglied der Oghusischen Sprachen weist die turkmenische Sprache einige besondere Merkmale auf, die sie von anderen Turksprachen unterscheidet. Das Original dieses Artikels erschien auf der Website orient.tm – wir übersetzten ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. 

Neue Wörter gelangen meist durch den wissenschaftlich-technischen und technologischen Fortschritt in die turkmenische Sprache. Während viele Wörter in anderen Sprachen mehr oder weniger ähnlich sind, haben diese im turkmenischen oft eine völlig andere Form, da es sich um Neuschöpfungen handelt. Zum Beispiel heißt „Hubschrauber“ auf Türkisch „helikopter“ (aus dem Französischen), auf Usbekisch „vertolyot“ (aus dem Russischen) und auf Turkmenisch „dikuçar“ („Oben-Flieger“). Dieses Phänomen ist aber nicht neu und auch für einige andere Sprachen charakteristisch. Das Wort „etrap“ (Bezirk), das vermutlich von den Namen der Regionen im alten Reich der Achämeniden – den Satrapien – übernommen wurde, zeugt von der Antiquität der turkmenischen Sprache.

Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und Dank eurer Teilnahme. Wir sind unabhängig und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine Spende helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.

Starke Ausbreitung, starke Dialekte

Lange Zeit hing das Schicksal der turkmenischen Sprache, wie das jeder anderen Sprache auch, von ihren Sprecher:innen ab. Gemäß offiziellen Zahlen gibt es etwa sieben Millionen Sprechende des Turkmenischen. Berücksichtigt man jedoch die Tatsache, dass ethnische Turkmen:innen eine der zahlreichsten nationalen Gruppen im Nahen Osten sind, erhöht sich ihre Zahl um ein Vielfaches, trotz des ausgeprägten dialektalen Charakters des turkmenischen Idioms. Massenmigrationen turkmenischer Stämme, Kriege und damit einhergehende Gebietserwerbungen führten zur Präsenz des Turkmenischen in verschiedenen Teilen Asiens. Nach der Annexion des historischen Territoriums Turkmenistans durch das Russische Zarenreich hat die turkmenische Sprache jedoch gemischte Einflüsse.

Lest auch bei Novastan: Die „großen Sieben“ der turkmenischen Kunst

Einerseits wurde in der Anfangszeit des Sowjetregimes der Wunsch nach Autonomie der Völker des ehemaligen Reiches immer stärker, und die Kommunisten unterstützten diesen Trend zunächst. Mit der Gründung der Turkmenischen SSR erhielt die Landessprache den Status einer allgemeinen Republik, und Schulbücher, Handbücher sowie Zeitungen wurden erstmals auf Turkmenisch veröffentlicht. Im Laufe der Zeit begann jedoch die nationale Sprachenpolitik zu schwinden. Russisch, die Sprache des internationalen Proletariats, trat in den Vordergrund, und obwohl weiterhin Texte auf Turkmenisch veröffentlicht wurden, nahm deren Zahl ab und das auf dem lateinischen Alphabet basierende turkmenische Alphabet wurde „kyrillisiert“.

Lust auf Zentralasien in eurer Mailbox? Abonniert unseren kostenlosen wöchentlichen Newsletter mit einem Klick.

In der Sowjetzeit wurde die turkmenische Literatur erstmals auf Papier gedruckt. Die Sammlungen der unsterblichen Werke von Mahtumkuli, Azadi, Mollanepes und Kemine begeisterten nicht nur die turkmenische Leserschaft, sondern auch Liebhaber orientalischer Literatur aus der ganzen Welt. Im Zuge dessen wurden auch die Grundlagen der turkmenischen Grammatik sowie der literarischen Aussprache festgelegt.

Auf der anderen Seite flossen für Wissenschaft, Industrie oder das tägliche Leben notwendige Entlehnungen aus dem Russischen massenhaft in die turkmenische Sprache ein. Die meisten dieser Wörter russischen Ursprungs werden wohl in Zukunft „turkmenisiert“ werden. Wörter nicht-russischen Ursprungs wie „Demokratie“, „Autonomie“, „Technologie“ und viele andere werden dagegen russische Entlehnungen bleiben.

Wiedererstarkung des Turkmenischen nach der Sowjetzeit

Nach der Erlangung der Unabhängigkeit begann in Turkmenistan die Wiederbelebung der nationalen Literatursprache, welche in alle Bereiche des Lebens wie Fernsehen, Radio und die Presse Einzug gehalten hat. Turkmenisch zu sprechen wurde nicht nur einfacher, da die Begriffe an die aktuellen Bedürfnisse angepasst wurden, sondern wurde auch aktuell. Die Literatursprache erreichte ihre Blütezeit bereits in den 2010er-Jahren, als zahlreiche Handbücher, Werke, Übersetzungen und Lehrbücher gedruckt wurden.

Schließlich gibt es nicht „das Turkmenische“, denn die turkmenische Sprache besteht aus über 40 Dialekten. Die Besonderheit besteht darin, dass die Aussprache eines Wortes sofort erkennen lässt, aus welchem Teil des Landes der/die Gesprächspartner:in stammt.

Lest auch bei Novastan: Die Unendlichkeit der Schöpfung – ein turkmenischer Holzkünstler verrät sein Geheimnis

So duldet etwa der Dialekt von Teki, ein literarischer Dialekt, keine „s“- und „z“-Laute, die für die Bewohner:innen der Regionen Lebap und Daşoguz (im Norden des Landes) hingegen charakteristisch sind. Gleichzeitig fügt sich die Sprache der Vertreter:innen dieser Regionen in die sprachlichen Normen anderer Nationen ein – des Türkeitürkischen, Usbekischen, Kasachischen usw. Die literarische Norm der „c“- und „z“-Laute (ähnlich dem englischen „th“) entsprechend werden wiederum als sogenannte Interdentale ausgesprochen. Deshalb sollten auch die Wörter „Fransiýa“ oder „Russiýa“ so ausgesprochen werden, wie wir es im Englischunterricht gelernt haben – mit einer heißen Kartoffel im Mund.

Arslan Mamedov für Orient.tm
Aus dem Russischen übersetzt von Michèle Häfliger

Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei Twitter, Facebook, Telegram, Linkedin oder Instagram. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem wöchentlichen Newsletter anmelden.

Share With:

Durch die Osteuropastudien an der Universität Bern auf den Geschmack Zentralasiens gekommen und bereits in Usbekistan, Kirgistan und Kasachstan gereist

[email protected]

Comments
  • Nein, das Wort „etrap“ kommt von arabisch „Etraf“ (Gegend), den Pluraf zu taraf.

    12 Oktober 2022

Leave A Comment

Captcha loading...