Eine Familie im Dorf

Wie ein tadschikisches Dorf ohne Elektrizität auskommt

Zwei Kilometer entfernt von der Stadt Chudschand, im Siedlungsgebiet Wodnik im Rajon Ghafurow, liegt das Dorf Obschoron. Im Jahr 2010 wurde hier Land verteilt, und die Menschen wurden Eigentümer von 500m²-600m². Allerdings brachte die Nähe zur Stadt den BewohnerInnen keine besonderen Vorteile: Seit fast 10 Jahren hat das Dorf weder Strom noch Trinkwasser. Wir übersetzen den Artikel von Alija Chamidullina für Asia Plus mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Weitere Fotos finden sich auf der Seite des Originalartikels.

Man kann nirgendwo hin

Es ist bereits das zehnte Jahr, dass in einem Dorf in der Provinz Sughd Taschenlampen genutzt und Telefone auf der Arbeit geladen werden. Außerdem gibt es kein Wasser. Man kann sich kaum vorstellen, dass die Menschen nur 15 Minuten entfernt von der modernen Stadt Chudschand von elementaren Dingen, wie der Benutzung eines Kühlschranks oder Fernsehers, träumen. In dem Dorf leben 50 Familien mit Kindern, die nirgendwo anders hingehen können. Auf dem ganzen Gebiet sieht man den beginnenden Hausbau.

Die Menschen haben ein vom Staat zugeteiltes Stück Land mit einem Fundament eingezäunt, aber sie haben es nicht eilig, mit dem Bau zu beginnen. „Hätten wir nicht das Problem mit der Elektrizität, dann wäre das Dorf innerhalb eines Jahres gebaut wurden“, sagt der Bewohner Tochir. „Viele Familien, die hier ein Haus haben, müssen notgedrungen eine Wohnung in der Stadt mieten. Ist es etwa das, wovon sie träumten, als sie glücklich das Land erhielten? Gebt uns Licht und die Menschen werden alle in ihre Häuser zurückkehren.“

Aber die BewohnerInnen scheinen nicht gehört zu werden. Müde von den ständigen Versprechungen der örtlichen Behörden bleibt ihnen nichts anderes übrig, als traurig auf die hellen Lichter der nächtlichen Stadt Chudschand zu schauen.

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Tochir ist Taxifahrer mit großer Erfahrung. Sein altes Auto nennt er liebevoll „Arbeitspferd“. Mit Stolz erzählt er, dass er das Haus mit ehrlich erarbeitetem Geld gebaut hat. „Hier wird die Hauptstraße sein“, zeigt Tochir. „Laut Projektplan soll in unserem Dorf eine Schule, ein Kindergarten und ein Krankenhaus gebaut werden. Aber wer wird diese Infrastruktur für 50 Familien bauen? Solange es hier keine Elektrizität gibt, wird niemand hierher zurückkommen. Das ist das Paradoxe an der Situation.“

Wir halten am ersten Wohngebäude ohne Außenfassade. In Obschoron hat kein einziges Haus eine gestaltete Fassade. Im einzigen größeren Raum leben die Eltern mit ihren drei Kindern. Es erscheint sinnlos, den Wohnraum zu vergrößern, solange die grundlegenden Lebensbedingungen nicht gegeben sind.

Die Eltern sind nicht zu Hause. Sie sind zu einer Totenwache zu Verwandten gefahren. Auf meine Frage hin, ob den Kindern nicht kalt sei ohne Licht, schütteln die Mädchen mit dem Kopf. Für diese Kinder, die ihr ganzes Leben ohne elektrisches Licht über dem Kopf gelebt haben, scheint dieses Leben ganz normal zu sein. Sie wachsen ohne großen Komfort auf: Um beispielsweise zur Schule zu kommen, müssen sie eine beträchtliche Entfernung zurücklegen: zu Fuß bis zur Hauptverkehrsstraße und von dort weiter mit der Marschrutka. Wegen der geringen Einwohnerzahl, die sich zur Hälfte aus Kindern zusammensetzt, fahren keine öffentlichen Verkehrsmittel in das Dorf.

Leben im 19. Jahrhundert

Ein Stück weiter wohnt eine usbekische Familie. An der Hausfassade hängen Kabel. Der Besitzer erzählt, dass vor vier Monaten ein Bewohner einer benachbarten Kolchose seine elektrische Leitung geteilt hat. Er hatte Mitleid, denn die Familie hat drei kleine Kinder. Auf eigene Kosten errichtete die Familie Stützen und zog ein mehr als ein Kilometer langes Kabel. Aber die Spannung reicht gerade einmal für eine Glühbirne.

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„Wir zahlen laut Strommesser, aber selbst dieses Licht ist für uns nur vorübergehend“, sagt der Hausbesitzer. „Wenn sie wollen, werden sie die Linie abschneiden. Die ständige Nutzung des Generators ist mir zu teuer.“ Ich habe einen Gasmotor gekauft“, nimmt Tochir das Gespräch auf. „Er läuft bis zu neun Stunden ohne Unterbrechung. Für zwei Tage zahle ich 20 tadschikische Somoni. Aber ihr könnt euch vorstellen, was für ein Lärm das ist! Es hat für mich keinen Sinn, eine elektrische Leitung von einer benachbarten Kolchose zu ziehen. Mein Haus ist am weitesten entfernt, die Spannung reicht nicht einmal für eine Glühbirne.“

„Ich lebe jetzt schon sechs Jahre mit Taschenlampe“, lacht Todshiddin, ein Bewohner des Dorfes, unter Tränen. „Ich erzähle allen, dass ich im 19. Jahrhundert lebe. Warum sind wir, die wir nicht weit entfernt sind von Chudschand, gezwungen ohne Strom zu leben, und im benachbarten Saichun, wo es keine festen EinwohnerInnen gibt, ist der Strom konstant vorhanden? Für wen gibt es ihn dort?“

Trotz der Fülle an Land gibt es im Dorf fast keine Bäume und Pflanzen. Im Gegensatz zum Namen des Dorfes, der übersetzt „ein Ort reich an Quellen“ bedeutet, gibt es im Ortsinneren keine einzige Quelle. Die Einheimischen berichten darüber, dass sie Trinkwasser kaufen müssen. Für ein volles Auto zahlt man 80-100 tadschikische Somoni, und die Wassermenge reicht nicht einmal für einen Monat. In der Nähe jedes Hauses wurde ein Becken zum Speichern von Wasser gegraben. Das Becken ist fest mit einem Metalldeckel verschlossen, da es wichtig ist, das Wasser frisch und sauber zu halten.

Man braucht nicht viel, um glücklich zu sein

Tochir lädt mich in sein Haus ein. Seine Frau und sein Sohn begrüßen mich, einen solch seltenen Gast, freundlich. Das Wichtigste im Haus ist der Ofen, ein Kanonenofen. Dank des Ofens ist der Raum warm genug. Das äußerste Zimmer ist das Badezimmer, in dem sich ebenfalls ein Ofen befindet. Über der Badewanne an der Decke hängt ein Plastikeimer, der als Duschkopf dient. „Ich heize den Ofen mit gebrauchtem Öl. Es entflammt so stark, dass es so heiß wird wie in einer Sauna“, rühmt sich der Mann. „Die ganze Familie betet fünf Mal am Tag, deshalb hat die Waschung Priorität.“

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Anscheinend haben die Gebete dazu beigetragen, Tochirs Haus vor der Zerstörung durch eine Schlammflut zu retten, die kürzlich von den Bergen herabkam. Der gewaltige steinige Dreck teilte sich wie durch ein Wunder in zwei Ströme, der Tochirs Haus wie eine unberührte Insel in der Mitte zurückließ. Der Mann zeigt, wie der Schlamm die Betonfassade des Hauses eines Nachbarn zerstörte und Müll von der Müllkippe der Stadt zurückließ.

„In der Sowjetzeit wurde hier ein Damm gegraben, der die Schlammflut stoppte“, sagt der Mann und zeigt die Richtung des Erddamms. „Nachdem begonnen wurde, hier das Land zu verteilen, wurde dieser Damm dem Erdboden gleichgemacht, und Schlammfluten wurden für uns zu einem großen Problem. Nach dem letzten Vorfall habe ich einen breiten Graben ausgehoben, um die Wucht der Flut abzuschwächen.“

Am Abend wirft der Mann seinen Generator an, um Fernsehen zu schauen. Oft lädt er Nachbarn mit Kindern zu sich ein, denn solch ein Luxus kommt nicht jedem zu Teil. „Manchmal, wenn ein Konzert gezeigt wird, fangen die Kinder an zu tanzen. Ich möchte nicht leugnen, dass ich dann auch mit ihnen tanze. Denn wenn man die ganze Zeit über das Schlechte nachdenkt, dann wird man verrückt. Ich brauche nicht viel, um glücklich zu sein. Möge der Kühlschrank funktionieren, damit ich Fleisch, Milch und Kefir für meine Frau und meinen Sohn aufbewahren kann.“ Im Sommer ist es ohne Kühlschrank sehr schwer. Zu allem Übel kommen dann die Fliegen, die es durch die Nähe zur städtischen Müllkippe in großer Zahl gibt. Von dort kommen auch unangenehme Gerüche.

„Mein Sohn wird auf jeden Fall Arzt. Ich träume davon ihm einen Computer zu kaufen. Gibt Gott mir Gesundheit, dann erwerbe ich in diesem Jahr ein Solarmodul. Man sagt, dass sie in Duschanbe viel günstiger sind.“ Außerdem träumt der Mann davon einen Garten anzulegen. Er hat sich schon ein System zur Tropfbewässerung überlegt. Sein Gefühl sagt ihm, dass dieser Traum bald wahr werden könnte. „Und wenn dann endlich das Problem mit der Elektrizität gelöst ist, dann werde ich einen ganzen Monat lang tanzen und aus Freude kostenlos alle unsere Dorfkinder zur Schule fahren,“ sagt Tochir ohne zu zögern.

Alija Chamidullina
Asia Plus

Aus dem Russischen von Katharina Nordhaus

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