Studentin in Tadschikistan

Einfach nur Studieren – Die Mühen einer jungen Studentin in Tadschikistan

Ein schwüler Sommerabend. Muhabbati fährt zu ihren Angehörigen in die Hauptstadt. Sie denkt an den nächsten Morgen und daran, was sie noch alles zu erledigen hat. Außer ihrer Mutter weiß niemand, warum sie wirklich nach Duschanbe fährt. Den Rest ihrer Familie und Freunde hat sie angeschwindelt. Studieren, das will sie. Nicht ohne Ausbildung bleiben, wie ihre Schwestern und Freundinnen. Sie will zur Universität gehen, denn seit ihrer Kindheit hat sie einen Traum: später einmal nach Amerika auswandern, für immer.

Die Hauptstadt! Mit ihren 20 Jahren hat Muhabbat noch nie ihr Heitmatdorf verlassen. Angekommen bei ihren Angehörigen hofft das Mädchen auf einen herzlichen Empfang. Aber da hat sie sich getäuscht, denn in die Stadt läuft vieles anders. Die Menschen sind nicht gutmütig wie die Leute vom Dorf. Keine Spur von Einfachheit und Aufgeschlossenheit. Trotz des kühlen Empfangs und der Unzufriedenheit ihrer Verwandten bleibt aber das magische Gefühl, dass bald ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Muhabbat versucht, alle dunklen Gedanken zu verdrängen und freut sich auf den nächsten Tag.

Ein neues Kapitel

Der erste Morgen ihres neuen Lebens. Es ist 7 Uhr. Noch keine Studentin, aber auch kein Schulmädchen mehr. Vor dem Universitätsgebäude hat sich eine große Menschentraube gebildet aus jungen, etwas verloren wirkenden Leuten, so wie sie. Nachdenklich sucht Muhabbat in dieser Menge ein bekanntes Gesicht, doch sie findet keins. Nachdem sie das Tor der berühmten Universität durchschreitet, sucht sie zielstrebig die Fremdsprachenabteilung auf. Schon vor dem ersten Beratungsgespräch ist ihre Entscheidung gefallen. Englisch will sie studieren, da ist sie sich sicher.

Das Tadschikische Institut für Unternehmertum und Service

Nur noch die Aufnahmeprüfung trennt sie von ihrem Glück. Gebannt wartet sie nach dem Tests auf ihre Ergebnisse. Mit Erschrecken stellt sie beim Blick auf den Aushang fest, dass es nicht gereicht hat, drei Punkte fehlen ihr. War es das jetzt? Alles vorbei?! Im Kopf des junges Mädchens geht alles drunter und drüber – was soll sie jetzt bloß ihrer Mutter, ihrer Familie sagen? Seit der 7. Klasse hat sie Englisch auf der Schule in ihrem Dorf gelernt. Zwei Jahre lang brachten die Lehrer ihnen das Alphabet bei – den Rest mussten die Schüler sich selbst aneignen. Nach der Schule fing Muhabbat an, Koreanisch zu lernen – auch das im Selbststudium.

Sie war schon immer ein ehrgeiziges und zielstrebiges Mädchen, das einzige Kind in der Familie, das sich dem Vater widersetzte und nicht direkt nach dem Schulabschluss heiratete. Stattdessen blieb sie an der Schule um zu arbeiten. Sportlehrerin, Englisch- und Tadschikisch-Lehrerin, Putzfrau, für keine Arbeit war sie sich zu fein. Der Vater von Muhabbat arbeitet als Taxifahrer, ihm war an der Bildung seiner Kinder nicht viel gelegen. Drei Töchter hat er zur Frau gegeben, seine Söhne fuhren nach Russland um dort Geld zu verdienen. Nur die eine Tochter schlich sich abends aus dem Haus, um am Englischunterricht teilzunehmen.

Jeder bekommt eine zweite Chance

Die Tadschikische Technologische Universität

Die Aufnahmeprüfung, die ihr einen Studienplatz mit einem staatlichen Stipendium garantiert hätte, hat Muhabbat nicht bestanden. Nur einen Gedanken hat sie im Kopf – wie soll sie jetzt ihr Studium finanzieren? Eintausend Dollar braucht sie für die Studiengebühren, doch wo hernehmen? Von ihrer armen Mutter? Aber Muhabbat hat Glück im Unglück. Die Zulassungskommission schlägt sie für das Studium der deutschen Sprache vor – da dieses Fach weniger begehrt ist, sind noch Plätze frei, und mit fünfhundert Dollar sind die Studiengebühren auch nur halb so hoch. Muhabbat weiß zwar nicht genau, wo Deutschland liegt – es gab keinen Erdkundeunterricht an ihrer Schule – aber sie ist sich sicher, dass es auch dort schön ist.

15 Tage hat die junge Studentin, um die fünfhundert Dollar aufzutreiben. Sie verschuldet sich, bei der Tante, dem Onkel, Verwandten und Bekannten. Bei allen, außer ihren Eltern. Die Hälfte des Geldes bekommt sie so beisammen. Nachdem das erste Semester bezahlt ist, kann sie aufatmen. Doch Muhabbat weiß, sechs Monate gehen schnell vorbei. Sie braucht jetzt einen Job, anders wird sie sich das Studium nicht leisten können.

Studieren und/oder arbeiten?

Die junge Studentin findet einen Job als Geschirrspülerin. Von acht Uhr abends bis fünf Uhr morgens arbeitet sie, für zehn Dollar pro Tag. Müde und schläfrig kommt sie nach der Arbeit ins Wohnheim. Umziehen, zur Uni… mit rot unterlaufenen Augen und einem hohlwangigen Gesicht. Der graue Star macht ihr zu schaffen, auf dem Dorf musste sie bei Kerzenlicht ihre Hausaufgaben erledigen und machte sich dabei die Augen kaputt. Eigentlich braucht sie eine Augen-OP, doch das Geld reicht nur für Konkaktlinsen. Irgendwie muss sie sich schließlich ihr Studium finanzieren.

Einen Rückzieher zu machen kann sie sich jetzt nicht mehr erlauben, und Zeit für Zweifel hat sie auch keine. Im Studium hängt Muhabbat hinterher: Sie fiel in einer Prüfung durch, da die Zeit nicht reichte für das viele Vokabelpauken. Und schlimmer noch: Das Geld, das sie für das zweite Semester beiseite gelegt hatte, zerrinnt in ihren Händen. An der Universität muss man für alles selbst aufkommen – für die Putzfrau, die die Hörsäle reinigt, für neue Teppichläufer für den Flur, für die Glühbirnen, die Kreide, das Klassenbuch. Und das sind nur die Nebenkosten – das, was man zahlen muss, um am Unterricht teilnehmen zu dürfen. Prüfungswiederholungen kosten auch, und zwar 5 Somoni (ca. 1$) pro Versuch. So pendeln viele Studenten zwischen Arbeit und Studium, und scheitern oft an beidem.

Eine Umfrage unter Studenten von Radio Ozodi (Radio Free Europe in Tadschikistan) hat ergeben, dass nur 10,6% der Befragten glauben, dass die Leistungen bei der Aufnahmeprüfung das ausschlaggebende Kriterium sind. Eine Mehrheit von 56,5% ist der Ansicht, dass das Geld entscheidet. Nicht ohne Grund kam die Agentur für Korruptionsbekämfpung in Tadschikistan zum Ergebnis, dass das Bildungsministerium und mit ihm die Hochschulen zu den korruptesten Institutionen des Landes gehören.

Indessen berichtet eine Studentin einer Tadschikischen Universität davon, wie sie sich eine gute Note erkauft hat: „Ehrlich gesagt war ich nie wirklich gut in dem Fach. Ich habe ein bisschen Geld zusammengespart, dann ging ich zum Professor. Er sagte mir, dass er meine Abschlussarbeit für mich schreiben kann, wenn ich das selbst nicht schaffe. Ich zahlte ihm insgesamt 290 Somoni (ca. 60$) und bekam eine 2 als Note.“ Noch schlimmer sind die Zustände an der Medizinischen Fakultät, wo man über „Vermittler“ gegen eine Zahlung von 25.000$ einen garantierten Studienplatz bekommt.

So hat auch Muhabbat mit den Kosten des Studiums in Tadschikistan zu kämpfen. Die Zahlung der Semestergebühren steht an, und dabei steckt sie doch ohnehin schon bis zum Hals in Schulden. Um das restliche Geld auf der Arbeit zu verdienen ist die Zeit zu knapp, die erste Zahlungsfrist hat sie bereits verpasst. Der Dekan drohte ihr mit der Ausweisung, ihre Tränen konnte sie nicht mehr zurückhalten. Man wirft sie heraus mit den Worten: „Trau dich ja nicht, ohne das Geld wiederzukommen.“

Sie verlässt das Unigebäude. Was soll sie nun tun? Sich weiter verschulden, bei Kommilitonen, Nachbarn, Verwandten?

Achtzig Dollar fehlen ihr… Es ist 11 Uhr abends, bis zur letzten Zahlungsfrist bleiben Muhabbat noch 9 Stunden. Erschöpft ist sie, und ihr ist kalt. Sie setzt sich auf eine Bank und wählt die Handynummer ihrer Mutter. Sie will ihr alles beichten, die nicht bestandenen Prüfungen und den ganzen Rest der Wahrheit. Aber plötzlich…

Muhabbat sieht, wie ein Jeep neben ihr hält. Ein Mann öffnet das Fenster an der Fahrerseite und ruft ihr etwas zu. Es regnet, und Muhabbat versteht nicht, was er sagt. Diesmal lauter: „Steig ein, ich nehm dich mit.“ Das Mädchen vom Dorf steigt ein in den Jeep. Auf die Frage wie es ihr geht, erzählt sie ihm alles…

8 Uhr morgens, an der Universität. Muhabbat geht zur Kasse und zahlt die Studiengebühren für das zweite Semester. Sie bekommt eine Quittung, geht zum Dekanat der Fakultät und schreibt eine schriftliche Erklärung für den Grund ihrer verspäteten Einzahlung. Nun möchte sie in den Hörsaal, doch im Klassenbuch ist sie aufgrund ihrer Abwesenheit vermerkt und muss nochmal zum Dekanat zurück, 5 Somoni Strafe für ihr Zuspätkommen. Sie zahlt das Geld, und das Studium kann weitergehen.

Bildungsanspruch und Realität

„Alle Wissenschafts- und Bildungseinrichtungen müssen Erleichterungen für Mädchen aus ländlichen Regionen bei der Zulassung und Weiterbildung schaffen“, lautet das Gesetz der Republik Tadschikistan „Über die staatliche Garantie der Gleichberechtigung von Mann und Frau und der Verwirklichung ihrer Chancengleichheit“ vom 1. März 2005. Aber viele Studien zeigen, wie schlecht es um die Gleichberechtigung der Geschlechter steht – insbesondere auf dem Land. Verglichen mit 31% aller Jungen eines Jahrganges beginnen nur 16% aller Mädchen ein Studium. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede in Tadschikistan beginnen bereits in der Schule und setzten sich später an den Unis fort, wo Frauen aus ländlichen Regionen stark unterrepräsentiert sind.

Hinzu kommt, dass das im tadschikischen Frauenideal Ehe und Kinder eine zentrale Rolle einnehmen. Zu Zeiten der Sowjetunion war es durchaus möglich, Karriere mit Familie zu vereinbaren. Doch unter den heutigen wirtschaftlichen Bedingungen müssen sich die meisten Frauen zwischen Hochzeit und Studium entscheiden. Und fällt ihre Wahl auf das Studium, müssen sich viele auf erheblichen Widerspruch der Eltern einstellen. Insbesondere in Familien aus ärmeren Verhältnissen ist es üblich, die Töchter bereits im Alter von 19 oder 20 zu verheiraten, was vielen die Entscheidungsmöglichkeit nimmt.

Tadschiksiches Diplom

Junge Studierende in Tadschikistan nehmen einiges auf sich, um das begehrte Dokument mit der Aufschrift „Diplom“ zu erhalten. Nur wenige Frauen wagen es, sich gegen den Widerstand ihrer Eltern durchzusetzen und ein Studium zu beginnen – mit höchst ungewissem Ausgang.

Alin Kor
Journalistin für Novastan.org Tadschikistan

Redaktion : Alexander Maier

iDer Name wurde geändert

 

Quellen

Radio Ozodi (RU)

Можно ли в Таджикистане стать студентом без денег? (Kann man in Tadschikistan ohne Geld Student werden?)

$25 000 (!!!) за поступление в медицинский университет? ($25 000 um auf die medizinische Universität zu kommen?)

UNESCO – Education for All Global Monitoring Report 2008 – Tajikistan country case study

World Economic Forum – The Global Gender Gap Report 2013

[legend]
Alin Kor
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