Das Sonnental, das von der ganzen Union gebaut wurde

Vor über 87 Jahren, am 15. September 1933, begann der Bau des Wachschen Hauptkanals. 1931 erließ die sowjetische Regierung ein Dekret über die Eröffnung der Wachschen Bewässerungssysteme. Wachschstroi wurde gemeinsam mit Dneproges, dem Magnitogorsker Metallkombinat und den Wolgograder und Charkover Traktorenwerken zu einer Baustelle von besonderer Relevanz (Udarnaja stroika) erhoben. Alle Republiken stellten Wachschstroi zeitgenössische moderne Technik zur Verfügung, aus allen Ecken der Union reisten Arbeitskräfte, Bauarbeiter und Spezialisten für Melioration an. Der Artikel samt Fotos erschien ursprünglich bei Asia Plus, wir übersetzen ihn mit freundlichen Genehmigung der Redaktion.

Die Sowjetunion hatte keine Zeit zu verlieren. Das Land brauchte Baumwolle mit dicken Fasern. Daher beschloss die sowjetische Regierung den Bau der Wachschen Bewässerungssysteme, um eine Basis für den Anbau ägyptischer Baumwolle zu schaffen und fortan nicht mehr auf Importe angewiesen zu sein.

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Das Wachsch-Tal war zu dieser Zeit kaum besiedelt, weshalb kaum Arbeitskräfte verfügbar waren. Aus diesem Grund wurde entschieden, dass die Bauarbeiten zu einem hohen Maß mechanisiert vonstattengehen sollten. Wachschstroi wurde mit der modernsten und effektivsten Technik für Erdarbeiten ausgestattet. Eine derart große Zahl an technischen Besonderheiten und Systemen konnte kein anderes Bewässerungssystem der Welt aufweisen.

Die Vachshsker Wachsche Schmalspurbahn spielte eine außerordentlich wichtige Rolle – und zwar nicht nur bei der Vergünstigung und Beschleunigung des Bauvorhabens, sondern auch bei der Veränderung der wirtschaftlichen Strukturen des gesamten Tals und der Verbesserung des Warenflusses in die Region.
Die Wachsche Schmalspurbahn spielte eine außerordentlich wichtige Rolle – und zwar nicht nur bei der Vergünstigung und Beschleunigung des Bauvorhabens, sondern auch bei der Veränderung der wirtschaftlichen Strukturen des gesamten Tals und der Verbesserung des Warenflusses in die Region.

Für den Bau des Wachschen Bewässerungssystems wurden 28 Seilbagger (Schürfkübelbagger) aus den USA eingesetzt. Aus den bedeutendsten Städten Russlands – Moskau, Leningrad, Stalingrad (heute Wolgograd) – wurden mehr als 300 Fahrzeuge, über 500 Traktoren und tausende Waggons mit Baumaterial geschickt. Außerdem stellte Sojustrans  (die sowjetische Zentraldirektion für Straßen, Autobahnen und Feldwege und Straßenverkehr, Anm. d. Red.) 1000 Pferde und bis zu 2000 Kamele zum Transport der Fracht für Wachschstroi bereit.

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Ein Bagger der Firma „Marion“ bei Erdarbeiten beim Bau des Hauptkanals. 1932
Ein Bagger der Firma „Marion“ bei Erdarbeiten beim Bau des Hauptkanals. 1932

Über 1000 Bewohner Tadschikistans und mehr als 10000 Bewohner anderer Unionsrepubliken waren am Bau des Kanals beteiligt.

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Ein Bagger der Firma „RUSTON“ auf einer Baustelle des Wachschen Bewässerungssystems. 1933.
Ein Bagger der Firma „RUSTON“ auf einer Baustelle des Wachschen Bewässerungssystems. 1933.

In einer zeitgenössischen Zeitungsreportage wurde der Baubeginn wie folgt beschrieben: „Durch ein Trockengebiet schritten sie zu Fuß, in der Hitze zum Gebiet des Baubeginns. Kamele und Pferde schleppten Baggerteile und Holzbalken. Sie durchzogen die Wüste mit endlosen Spuren, als wäre es die Bewegung kolossaler Armeen.“

Abladen von Felsbrocken aus dem Flussbett
Abladen von Felsbrocken aus dem Flussbett

Bei Beton- und Erdarbeiten und in Maschinenwerken schufteten Russen, Tadschiken, Ukrainer, Kirgisen, Tataren, Kasachen und Deutsche. Auf eben dieser Baustelle wurden Kurse für Traktorfahrer, Kraftfahrer, Baggerfahrer, Vorarbeiter und Operatoren organisiert. So konnten hunderte ungelernte Arbeiter eine Ausbildung absolvieren und zu qualifizierten Spezialisten werden.

Durchbrucharbeiten bei Gesteinsformationen im Zuge des Baus des Hauptkanals. Im kompakten Gesteinsmassiv wurde bei einer Tiefe von 19 Metern und über eine Strecke von einem Kilometer der erste Abschnitt des Kanals freigeschafft. Auf dem Bild zeigt ein amerikanischer Berater, wo und wie Sprengladungen angebracht werden müssen. Neben dem Lastwagen steht eine Übersetzerin.
Durchbrucharbeiten bei Gesteinsformationen im Zuge des Baus des Hauptkanals. Im kompakten Gesteinsmassiv wurde bei einer Tiefe von 19 Metern und über eine Strecke von einem Kilometer der erste Abschnitt des Kanals freigeschafft. Auf dem Bild zeigt ein amerikanischer Berater, wo und wie Sprengladungen angebracht werden müssen. Neben dem Lastwagen steht eine Übersetzerin.

Eine große Hilfe beim Bau der Schmalspurbahn waren demobilisierte Soldaten der Roten Armee. Zwei demobilisierte Regimenter freiwilliger Rotarmisten wurden zur Hilfe entsandt. Die Eisenbahn war eines der wichtigsten Bindeglieder beim Bau, da sie das Problem der Zulieferung von Baumaterial, Geräten und Proviant löste. Die gesamte Fracht wurde in diesen Jahren mit der Eisenbahn nach Termiz transportiert, dann auf dem Wasserweg bis nach Nishni Pjandsh  (heute Pandschi Pojon) und von dort (135 Kilometer) mit Lastwagen zur Baustelle.

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Die besten Baggerführer von Wachschstroi: Nikolai Paschkow und Wassili Sheljajejew
Die besten Baggerführer von Wachschstroi: Nikolai Paschkow und Wassili Sheljajejew

Es war undenkbar, die Fracht über Duschanbe und damit unwegsames Gelände in das Gebiet zu transportieren. Jährlich mussten 15000 Tonnen Zement, 25000 Kubikmeter Holz, 20000 Tonnen Treibstoff, 1000 Tonnen Metall sowie Geräte und Proviant transportiert werden. Dank der Hilfe durch die Rote Armee wurde der Bau an der Schmalspurbahn zügig abgeschlossen und der Verkehr mit Frachtzügen konnte aufgenommen werden. Drei Lokomotiven aus der Tschechoslowakei zogen die Züge; teilweise auch Motordraisinen aus Russland. Damit wurde der Autotransport von Fracht entlastet und konnte sich stattdessen auf weitere Erdarbeiten und deren Abfuhr konzentrieren.

Die Hauptbaustelle des Wachscher Magistralkanals. Der Umfang von Arbeiten mit Beton und Stahlbeton beim Herzstück der Baustelle belief sich auf 12 000 Kubikmeter, der Umfang von Felsarbeiten auf 60 000 Kubikmeter. Allein dieser Teil verursachte Kosten in Höhe von fünf Millionen Rubel.
Die Hauptbaustelle des Wachschen Magistralkanals. Der Umfang von Arbeiten mit Beton und Stahlbeton beim Herzstück der Baustelle belief sich auf 12000 Kubikmeter, der Umfang von Felsarbeiten auf 60000 Kubikmeter. Allein dieser Teil verursachte Kosten in Höhe von fünf Millionen Rubel.

1937 wurde der Bau des ersten Abschnitts des Wachschen Bewässerungssystems abgeschlossen. Während der Bauzeit wurden 106 Millionen Rubel investiert – für diese Zeit eine gigantische Summe. Ein Drittel der Summe wurde in Gold ausgegeben, um teure Maschinen für Erdarbeiten zu importieren. Diesen Anteil zahlte die Regierung der Sowjetunion aus Mitteln des Unionsbudgets.

Jahrzehnte sind vergangen. Inzwischen trägt das Tal – mit Recht – den Namen Sonnental. Hier befinden sich Städte, Bezirkszentren, Industrieunternehmen, Landwirtschaftsbetriebe – und all das wurde durch den Bau des Wachschen Bewässerungssystems ermöglicht.

Gafur Schermatow für Asia-Plus

Aus dem Russischen von Phillip Schroeder

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