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Kirgistan: Wenn der Premierminister fordert, schlechte Nachrichten zu verbergen

Verkehrspolizisten in Kirgistan fordern gerne Schmiergelder von Touristen, die Gesellschaft wird von häuslicher Gewalt überwältigt… Das Land hat viele Probleme, doch Regierungschef Akylbek Dschaparow bittet die Journalisten, darüber zu schweigen, um Besucher und Investoren nicht zu vergraulen. Laut dem Journalisten Viktor Muchin würde Kirgistan aber dadurch bestenfalls zu einem Land der maßlosen Korruption und der einmaligen Besuche werden. Folgender Meinungsartikel erschien im russischen Original beim kirgisischen Onlinemedium Kloop.

Laut dem russischen Ticketverkaufsdienst Tutu.ru ist Kirgistan in diesem Sommer das beliebteste Auslandsreiseziel von Russen, noch vor der Türkei. Die kirgisische Regierung spricht von einer Verdoppelung der ausländischen Gäste. Viele Russen kommen, um lokale Kreditkarten zu erhalten, um Rubel in Dollar zu tauschen, und unterwegs genießen sie die Landschaft und lassen Geld in die Wirtschaft fließen: Das Regierungskabinett verzeichnet beinahe einer Verdoppelung der Tourismuseinnahmen im Vergleich zum Vorjahr. Es gibt aber ein Problem: Reisende mögen keine Erpressung auf den Straßen.

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In Internetforen häufen sich die Beschwerden über Übergriffe der Verkehrspolizei, vor allem außerhalb von Bischkek. Es geht um endlose Stopps unter verschiedenen Vorwänden: Scheinwerfer, Karrosserie, Reifen oder Kofferräume werden bemängelt. Entspannte Touristen werden davon überzeugt, sie seien Raser und Abstinenzlern wird Alkohol am Steuer vorgeworfen. Nach Angaben der Touristen wird das Problem in der Regel mit 200-400 Som (2,50 bis 5 Euro) gelöst. Diejenigen, die medizinische Tests verlangen, auf der Rechtmäßigkeit der Ausrüstung bestehen und bereit sind, sich zu beschweren, werden meistens ohne Strafe entlassen. Eine solche Dreistigkeit verärgert die Menschen noch mehr.

„Eine schande für das ganze Land“

Laut Sergej Gluchowerow, dem Leiter des kirgisischen Verbands der Reiseveranstalter, raten die Touristen nach solchen Erlebnissen niemandem mehr zu einer Reise nach Kirgistan. „Bitte machen Sie Ihren Mitarbeitern klar, dass sie eine Schande für das ganze Land sind. Dass die Gastfreundschaft der gesamten Nation an ihnen gemessen wird. Dass eine große Zahl von Menschen um jeden Gast kämpft, während sie sie verscheuchen“, appellierte er in einem Facebook-Post an das Innenministerium und die staatliche Verkehrspolizei.

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Es sind aber nicht nur die Verkehrspolizisten: Auf einer Sitzung des Dschogorku Kengesch (dem kirgisischen Parlament, Anm. d. Ü.) im Juni erzählte der Abgeordnete Alischer Kosujew von Unregelmäßigkeiten am kirgisisch-usbekischen Grenzkontrollpunkt „Dostuk“ (kirg. für Freundschaft), in der Nähe von Osch. Grenzbeamte bilden ihm zufolge künstliche Wartenschlangen an der Grenze, die täglich 10.000 Menschen passieren und verlangen Geld von usbekischen Staatsbürgern. Die Taxifahrer haben außerdem ein Monopol aufgebaut verlangen 2000 Som für eine Fahrt, die eigentlich zehn Mal weniger kostet. Eine Schande, so Kosujew.

Aber laut dem kirgisische Premierminister Akylbek Dschaparow merken Touristen solche Dinge nicht, wenn Medien nicht darüberschreiben. Mitte Juli versammelte er kirgisischsprachige Journalisten (aus irgendeinem Grund nur diese) im Nobelrestaurant Dasmija in Bischkek und forderte sie auf, sich „positiv“ über die Politik seiner Regierung zu äußern. Wenn wir es richtig verstanden haben, geht es bei dieser Politik darum, Investoren anzulocken und die Steuereinnahmen zu erhöhen, auch auf Kosten der Touristen. Leider stehe dem die Berichterstattung über Straftaten auf russischsprachigen Webseiten im Weg.

Schlechte Nachrichten, kleingedruckt und auf Kirgisisch

Erinnern Sie sich an den Bericht über die Vergewaltigung einer 72-jährigen Oma, der vergangenes Jahr drei Wochen lang auf allen Websites zu sehen war?“, fragte der Regierungschef die Journalisten. „Kasachen und Russen, die eine russischsprachige Website besuchen wollen, klicken darauf, lesen die Nachrichten und wählen andere Länder. Oder wenn man sich [die Nachrichten über] die Vergewaltigung eines kleinen Mädchens ansieht. Alle haben darübergeschrieben. Jetzt sagen die Leute, dass sie nicht mit ihren Kindern kommen werden“.

Das Leben sei besser als, es in den Nachrichten gezeigt wird, ist der Premierminister überzeugt. „Unsere Blogger schreiben, dass es unmöglich ist, nach Kirgistan zu kommen, überall gebe es dreistündige Staus. Gestern, als meine Kollegen an den [See] Yssykköl fuhren, gingen sie mit einem russischen [Touristen] in ein Café. Er erzählte mir, dass sie in Moskau jeden Tag sechs Stunden im Stau standen. Aber sie waren dankbar, dass sie ein solches Wunder erleben durften und versprachen, regelmäßig zu kommen“, so Dschaparow.

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Deshalb, so Dschaparow, müssen Journalisten die schlechten Nachrichten in kleinen Buchstaben und auf Kirgisisch schreiben und Kirgistan in großen Buchstaben und auf Russisch loben. Er meint, die Georgier haben ihm dies beigebracht.

Als wir in Georgien waren […], gingen wir in den Situationsraum des Innenministeriums“, erzählte der Regierungschef. „Ich spreche kein Englisch, aber als ich mir die Website auf Russisch ansah, gab es keine Informationen über Unfälle. Als ich sie fragte, ob sie irgendwelche Unfälle hatten, sagten sie mir, dass Mischa [Saakaschwili, Anm. Kloop] das bewirkt hatte. Auf seinen Befehl hin wurde ein Gesellschaftsvertrag ausgearbeitet; die gesamte Opposition, Journalisten und Vertreter internationaler Organisationen wurden eingeladen. [Sie einigten sich um folgendes:] Es gibt nur ein Georgien, und das hat nur einen Wettbewerbsvorteil – den Tourismus.

Deshalb, so Dschaparow, “haben sie sich in Georgien darauf geeinigt, all die schlechten Dinge, die im Land passieren, zu verbergen. […] [Der stellvertretende Premierminister] Edil Dscholdubajewitsch [Baisalow] bat auch darum, Kollegen, die in NGOs arbeiten, und Journalisten zu fragen: Können wir das gleiche Projekt auch umsetzen?

Man könnte den Kabinettschef noch lange zitieren – zumal er den Journalisten im „Dasmija“ einige überraschende Dinge erzählte. Zum Beispiel, dass „auf der 100-Dollar-Note unter dem Porträt von Benjamin Franklin steht, dass Tod und Steuern unvermeidlich sind“. Oder dass „nach der Digitalisierung der Bücher von German Gref [Vorsitzender der russischen Sberbank] eine künstliche Intelligenz in der Lage war, 12 neue Geschichten auf der Grundlage dieser Bücher zu schreiben“. Oder dass Usbekistan bei den Direktinvestitionen bald mit China gleichziehen wird.

Usbekistan ist so weit von China entfernt, wie die Erde vom Mond. In Moskau gibt es schon lange keine sechsstündigen Staus mehr. Auch hat es in Georgien nie einen „Gesellschaftsvertrag“ gegeben, um schlechte Nachrichten zu verbergen (eine georgische Journalistin hat Kloop im Videointerview bestätigt, dass dies eine völlige Erfindung ist). Und auf den Dollars stand noch nie „Tod und Steuern“ (Herr Dschaparow liebt wahrscheinlich den Film „Meet Joe Black“ mit Brad Pitt, in dem dieser Satz von der Hauptfigur gesagt wurde). Und German Gref hat übrigens noch nie ein Buch geschrieben.

Ein „Einwegziel“ für den Tourismusmarkt

Aber die Welle der Gewalt, die das Land in letzter Zeit heimgesucht hat, ist leider Realität: „Eine Frau wird von ihrem Ex-Mann systematisch verprügelt. Die Polizei wird nicht tätig.“ „Menschenrechtsaktivisten: In Dschalalabad hat ein Mann ein sechsjähriges Mädchen vergewaltigt und versucht, sie fürs Schweigen zu bezahlen„. „Ehemaliger stellvertretender Leiter und Ermittler der Polizeistelle des Bezirks Ysyk-Ata in einem Mordfall festgenommen“. „Der Präsident drängt den Obersten Gerichtshof, Fälle von Missbrauch von Frauen und Kindern schärfer zu ahnden“. Das sind die Schlagzeilen an einem einzigen Tag, den 5. August.

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Seien wir ehrlich: Es ist unmöglich, dies vor den Besuchern des Landes zu verbergen, und jeder Versuch, dies zu tun, wird von den Touristen eindeutig als Täuschungsversuch interpretiert. Dann werden sie mit Sicherheit nicht mehr zurückkommen, und Kirgistan wird zu einem „Einwegziel“ für den Tourismusmarkt.

Vielleicht sollten sie einfach etwas gegen Gewalt, Korruption und Willkür auf den Straßen unternehmen? Wie in Georgien, worauf der Premierminister sehr zeitnah hinwies. Denn Touristen werden dort nicht massiv belästigt. Und die Gesetze werden im Allgemeinen weniger häufig gebrochen.

Viktor Muchin für Kloop

Aus dem Russischen von Florian Coppenrath

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Ich bin dem frisch gegründeten Novastan gleich bei meiner ersten Kirgistan-Reise Ende 2011 beigetreten. Erst war ich Redakteur, dann Begründer der deutschsprachigen Version. Heute bin ich für die Verbindungen zwischen den verschiedenen Teilen von Novastan und für die strategische Entwicklung des Projektes zuständig. Nach drei Jahren in Kirgistan, zuletzt als Bosch-Lektor in Osch, arbeite ich heute an der Entwicklung von "Wikistan" einer baldigen Netzwerkplattform für die Zentral-Eurasien-Forschung. Seit März diesen Jahres bin ich ebenfalls in der Forschung tätig und schreibe eine Doktorarbeit über Hip-Hop in Kirgistan am Zentralasienseminar der Humboldt Universität zu Berlin. --------------------------------------------------------------- Mon premier voyage à Bichkek en décembre 2011 m'amena à rejoindre le magazine Novastan.org fraichement fondé. J'y étais d'abord actif en tant que rédacteur, puis en tant que fondateur et coordinateur de la version germanophone en été 2013. Aujourd'hui je suis en charge des liens entre les différentes parties d Novastan et du développement stratégique du projet. Après trois ans au Kirghizstan, dernièrement en tant que médiateur culturel pour la fondation Bosch à l'université d'Och, je travaille au développement de "Wikistan", un réseau pour la recherche sur l'Eurasie centrale. Depuis mars 2018, je suis également doctorant en études centre-asiatiques et étudie le Hip-Hop dans les villes du Kirghizstan.

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Comments
  • 1992 war ich ehrenamtl. Regierungs-berater in Albanien, weil ich Freunde hatte,
    die Freunde der Minister waren. Ale paar Kilometer wollte die Polizei Geld von mir mit unglaublichen Begründungen. Ich habe nie bezahlt sondern Däumchen gedreht. Wenn andere Autofahrer sich beschwerten, so nach 1-2 Stunden, durfte ich weiterfahren. Ich hatte dann einen Termin beim Innenminister und schlug ihm vor, alle Uniformen der Polizei mit einer Identifikationsnummer auszustatten. Bei meiner nächsten Reise war das realisiert.
    Wieder wurde ich gestoppt, meine Papiere wurden verlangt , die verschwanden in der Jackentasche des Polizisten und dann kam
    Ie Geldforderung, 5 oder 10 USD. Ich grinste, zückte meinen Kuli und schrieb seine Nummer in meine linke Handfläche.
    Als ich sie ihm zeigte, sagte ich, dass ich morgen ein Treffen mit dem Innenminister
    hätte. Husch husch hatte ich meine Papiere zurück und durfte weiterfahren.
    Zur Nachahmung empfohlen.
    Heute würde ich dem Minister ein E-Mail senden, das war damals noch nicht möglich.

    29 August 2022
  • Ich bin gerade in Kirgistan mit dem Motorrad unterwegs und kann die Korruption der Polizei bestätigen. Bei einer Geschwindigkeitskontrolle wurden die Einheimischen mündlich verwarnt und dann ziehen lassen, von mir wollten die 5000 Som, mach 15 Minuten 1500, nach 20 Minuten haben die mich ziehen lassen. Ich empfehle solche Kontrollen wenn möglich auszusitzen, und wer Russischkenntnisse besitzt sollte das verbergen, denn die können meistens kein Englich…

    31 August 2022

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