Immer wieder stellen russische Politiker:innen und Medienschaffende die Souveränität der zentralasiatischen Staaten in Frage. Hook zeichnet die Entwicklung nach und stellt ein neues Buch vor, dass sich mit Russlands neuem, alten Imperialismus beschäftigt.
Russische Propagandaorgane begannen das Jahr 2026 mit der Verkündung der aggressiven neoimperialistischen Ambitionen des Kremls – insbesondere mit Drohungen, den Ländern des Kaukasus und Zentralasiens ihre Souveränität zu entziehen. Diese Drohungen beunruhigen die einen und überraschen die anderen, die mit Russlands politischen Traditionen nicht vertraut sind.
Ein Blick in die Geschichte zeigt jedoch, dass solche Narrative Moskaus typische Vorgehensweise darstellen. Die historische Tradition des russischen Imperialismus wurde aus neuen Perspektiven untersucht und kürzlich in dem Buch Isschewnuwschaja Tsiwiilisatsija („Die verschwundene Zivilisation“) veröffentlicht.
„Große Geschenke“
Fragwürdige Äußerungen russischer Diplomaten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Bezug auf Zentralasien gibt es nicht erst seit Kurzem. Beispielsweise erklärte der russische Diplomat Wjatscheslaw Nikonow im Jahr 2020 im Ersten Kanal: „Das Territorium Kasachstans ist ein großes Geschenk Russlands und der Sowjetunion.“
Im Anschluss daran sandte Kasachstans Außenministerium eine Note an Nikonow, in der es feststellte, dass „die immer häufiger auftretenden provokativen Angriffe einiger russischer Politiker gegen Kasachstan den Bündnisbeziehungen ernsthaften Schaden zufügen“.
Usbekistan ist kein Gemüsegarten
Im September 2023 protestierte der russische Abgeordnete Jewgenij Fjodorow gegen die „illegale Abspaltung der Republiken von der Sowjetunion“. Fjodorow war der Ansicht, dass dies die territoriale Integrität des heutigen Russlands verletze und dass man gegen die nun unabhängigen Republiken „kämpfen“ müsse.
Abgeordnete des Oliy Majlis (Parlement Usbekistans) bezeichneten Fjodorow als „einen weiteren Fantasten“, und der Abgeordnete Odiljon Tojiyev merkte an, dass die Verfassung „über allen Gesetzen“ stehe und dass Artikel 72 der Verfassung besagte: „Jede Unionsrepublik behält das Recht, frei aus der UdSSR auszutreten.“
Im November desselben Jahres erklärte der russische Duma-Abgeordnete Pjotr Tolstoi, dass die Beschäftigung von Bürgern aus Ländern, in denen Russisch nicht Amtssprache ist, „eingeschränkt“ werden sollte. Der Abgeordnete merkte außerdem an, dass Russland von den ehemaligen Sowjetrepubliken erwarte, dass sie Russisch und keine andere Sprache lehrten, da diese „versuchten, die russische Sprache durch ihre eigenen Nationalsprachen zu ersetzen“.
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Als vereinsgetragene, unabhängige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen – und von eurer Unterstützung!Der usbekische Parlamentarier Bobur Bekmurodov antwortete: „Usbekistan ist nicht Tolstois Gemüsegarten. Er soll sich um die Probleme seiner Bürger und seines Landes kümmern. In Usbekistan ist Russisch die Sprache der freien Kommunikation. Wir verdienen den Status eines Verbündeten. Tolstoi aber nicht.“
Im Dezember 2023 schlug Sachar Prilepin, Ko-Vorsitzender der Partei „Gerechtes Russland“, die Annexion Usbekistans und anderer ehemaliger Sowjetgebiete durch die Russische Föderation vor. Prilepin argumentierte, dass „niemand dies verbieten würde“ und dass die Tatsache, dass eine gewisse Anzahl „unserer Bürger“ in diesen Ländern lebt, eine Aneignung rechtfertige.
Der Abgeordnete Bekmurodov warnte Prilepin vor strafrechtlicher Verfolgung: „Solche Ansichten, die von Prilepin und anderen russischen Politikern vertreten werden, sind nichts weiter als eine Illusion. Ob es einem gefällt oder nicht, Usbekistan ist ein unabhängiges Land mit starker Souveränität.“
Pässe für „Gastarbeiter“
Im September 2024 meldete sich Sergej Mironow, Vorsitzender von „Gerechtes Russland“, zu Wort. Er schlug ein Moratorium für die Vergabe der russischen Staatsbürgerschaft an Menschen aus Zentralasien vor und argumentierte, dass die „Massenvergabe von Pässen an Gastarbeiter nur einer Mafia korrupter Beamter zugutekomme“.
Im Oktober desselben Jahres äußerte Mironow seine Empörung darüber, dass das usbekische Generalkonsulat in Kasan seine Bürger vor einer Teilnahme am Krieg Russlands gegen die Ukraine gewarnt hatte, und forderte die Einführung einer Visumpflicht für Usbek:innen. Er erklärte außerdem, Usbekinnen bräuchten in Russland kein Matkapital [eine Art einmaliges Kindergeld, Anm. d. Ü.] und „solche Bürger sind hier nicht erwünscht“.
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Bobur Bekmurodov erklärte, Usbekistan werde niemals zulassen, dass seine Bürger in Kriege hineingezogen werden. „Unser Konsulat hat jedes Recht, unsere Mitbürger vor Handlungen zu schützen, die in Usbekistan als illegal gelten. Das ist selbstverständlich und gerechtfertigt. [Darüber hinaus] tragen unsere Landsleute mit ihrer Arbeit zur russischen Wirtschaft bei. Sie zahlen Steuern. Sozialleistungen mit Handlungen zu vergleichen, die Menschenleben bedrohen, zeugt von Ignoranz und Absurdität“, betonte der Abgeordnete.
Diplomatische Unverschämtheit
Der Besuch des russischen Außenministers Sergej Lawrow in Samarkand löste in Usbekistan eine öffentliche Debatte aus, nachdem er sich am Denkmal der „Trauernden Mutter“ geäußert hatte. Das Denkmal trägt auf beiden Seiten Inschriften in usbekischer und englischer Sprache. Lawrow fragte, warum die Inschriften in Usbekisch und Englisch, nicht aber in Russisch seien. „Gibt´s hier Engländer? Schauen Sie, da drüben ist ein Schild auf Englisch“, fragte er den Reiseleiter.
Shaxnoza Soatova, Philologin und Beraterin des Justizministers für Fragen zur Staatssprache, betonte, dass die Situation die Bedeutung des Schutzes der nationalen Identität verdeutliche: „Wenn Lawrow als Gast mit dem Fehlen eines russischsprachigen Schildes in einem unabhängigen Land unzufrieden war, ist das sein persönliches Problem. Wir sollten es aber nicht zu unserem Problem machen.“
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Der Jurist und Blogger Xushnudbek Xudoyberdiyev nannte Lawrows Verhalten eine „diplomatische Unverschämtheit“. Er betonte, dass die Entscheidung, das Denkmal sowohl in usbekischer als auch in englischer Sprache zu gestalten, richtig gewesen sei.
„Zum Teufel mit dem Völkerrecht“
Die Medien berichteten ausführlich über Äußerungen vom 11. Januar, als der kremlnahe Fernsehmoderator Wladimir Solowjow unter Bezugnahme auf die US-Operation in Venezuela sagte: „Zum Teufel mit dem Völkerrecht! Wenn wir für unsere nationale Sicherheit eine strategische Militäroperation in der Ukraine durchführen mussten, warum können wir dann nicht auch in anderen Teilen unserer Einflusszone eine strategische Militäroperation starten? Der Verlust Armeniens ist ein gewaltiges Problem. Das Problem in unserem Zentralasien ist ein gewaltiges Problem, und wir müssen unsere Ziele und Absichten klar formulieren. Wir müssen erklären: Die Spielchen sind vorbei.“
Am nächsten Tag erklärte Alexander Dugin, einer der prominentesten Ideologen der „russischen Welt“: „Wir können die Existenz souveräner Staaten wie Armenien, Georgien, Kasachstan und Usbekistan nicht akzeptieren… Sie werden entweder in unserem Lager stehen oder dem Westen oder China als Stützpunkt dienen.“ Er fügte hinzu, dass es in der gegenwärtigen Realität „absolut keinen anderen Ausweg gibt, als Russland zum Imperium zu erklären und das Völkerrecht außer Acht zu lassen.“
In der öffentlichen Debatte werden diese Personen häufig als kremlnah bezeichnet. Solowjow nimmt regelmäßig an Veranstaltungen der russischen Präsidialverwaltung teil, und im Januar 2025 verlieh ihm Putin persönlich den Titel „Verdienter Journalist Russlands“.
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Dugin hingegen ist eine komplexere und einflussreichere Persönlichkeit. Westliche Medien bezeichnen ihn traditionell als „Putins Hirn“. Es wird angenommen, dass Dugins Ideen Putin bei Entscheidungen beeinflusst haben, die 2014 zur Annexion der Krim und 2022 zum Ausbruch des umfassenden Krieges in der Ukraine führten.
Angesichts der unbestreitbaren Verbindungen dieser beiden Persönlichkeiten zum offiziellen Moskau können ihre Äußerungen nicht als persönliche Meinungen gewertet werden; sie sind Ausdruck der Staatsposition, was nicht verwunderlich ist. Die im 14. Jahrhundert entstandene imperiale Logik bildet weiterhin das strukturelle Fundament der russischen Außenpolitik. Sie betrachtet die GUS-Staaten nach wie vor als Teil ihrer Einflusssphäre und missachtet deren Souveränität.
„Die verschwundene Zivilisation“
Diese Tendenzen werden in dem bereits erwähnten Buch des ukrainischen Autors Kuzari „Die verschwundene Zivilisation – Eine unbemerkte Katastrophe“ ausführlich analysiert. Darin zeigt der Autor detailliert auf, wie Moskaus Macht bereits im 14. Jahrhundert ein imperialistisches Modell prägte: Die religiöse Legitimierung der Moskauer Vorherrschaft sakralisiert ihre Macht und rechtfertigt die territoriale Expansion.
Moskau erklärte seine Expansion in den muslimischen Osten mit der Notwendigkeit, den „Glauben zu verteidigen“ und die „orthodoxe Welt“ zu erweitern. Es positionierte sich gegen die „Ungläubigen“. Die unverblümten Äußerungen russischer Propagandisten im Januar 2026 zeigen, dass Russlands Außenpolitik weiterhin auf imperialen Ambitionen beruht.
Die Gegenüberstellung von „treuen Christen“ unter Führung Moskaus und den „unreinen Ungläubigen“ des „Tatarenlandes“ legitimierte letztlich die Expansion in die ursprünglichen türkisch-muslimischen Gebiete. Und da seit der Zeit Dschingis Khans alle Turkvölker (mit Ausnahme der Osmanen) als Tataren bezeichnet wurden, war das potenzielle Expansionsgebiet „für den orthodoxen Glauben“ enorm und umfasste die Wolgaregion, Sibirien, Zentralasien und den Kaukasus, heißt es im Buch.
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Für die Länder Zentralasiens, einschließlich Usbekistan, sind die neoimperialistischen Narrative Russlands, die der Autor am Beispiel des Südkaukasus aufzeigt, keine abstrakte Vorstellung. Das historische Gedächtnis der Region bewahrt die Erfahrung der direkten Kolonisierung Turkestans durch das Russische Reich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die militärische Expansion mit der Rhetorik einer „zivilisatorischen Mission“ und der Unterwerfung „rückständiger Randgebiete“ einherging.
Während der Sowjetzeit änderte sich lediglich die imperiale Logik. Das Wirtschaftsmodell wurde so gestaltet, dass Usbekistan in einem System der Rohstoffspezialisierung gefangen war, dessen Folgen – vom Verschwinden des Aralsees bis hin zu demografischen und sozialen Ungleichgewichten – noch heute spürbar sind.
Für Usbekistan, das stets eine Politik strategischer Autonomie und vielseitiger Außenbeziehungen verfolgt hat, sind solche neoimperialistischen Äußerungen aus Moskau eine Mahnung: Wer die Vergangenheit nicht kritisch reflektiert, gefährdet die Zukunft. Der russische Imperialismus ist keine abstrakte historische Größe, sondern ein sich reproduzierendes Modell, das sich neuen Gegebenheiten anpasst.
Die neue, umfassendere Perspektive, die in dem erwähnten Buch vorgestellt wird, ist insbesondere vor dem Hintergrund der Aussichten auf eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Armenien einerseits und Aserbaidschan sowie der Türkei andererseits, des Krieges in der Ukraine und der eskalierenden Konfrontation zwischen Russland und dem Westen, unter anderem in Zentralasien und im Südkaukasus, relevant.
Oleg Posternak für Hook
Aus dem Russischen (und gekürzt) von Robin Roth
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Geschichtsnarrative als Waffe: Warum Russland die Souveränität Zentralasiens anzweifelt