Urankonzentratfaesser in Kasachstan

Der Atomsektor Kasachstans auf Expansionskurs

Kasachstan verfügt über einen rohstoffreichen Boden, vor allem auch über Uranvorkommen. Da wieder mehr Länder Investitionen in den Atomsektor in Betracht ziehen, eröffnen sich für das zentralasiatische Land neue Möglichkeiten. Novastan beleuchtet den Zustand des Sektors und seine Wachstumsmöglichkeiten.

Vor dem Hintergrund von Russlands Krieg in der Ukraine sind viele europäische Länder bemüht, ihre Energieabhängigkeit von Moskau zu verringern. Zwar ist die zivile Kernenergie derzeit nicht Teil der westlichen Sanktionspakete, doch haben Staaten und Unternehmen Initiativen ergriffen, um sich vom russischen Rosatom-Konzern zu lösen. Am 1. März gab der schwedische Energieversorger Vattenfall bekannt, er werde keine Lieferungen von russischem Kernbrennstoff für seine Kraftwerke mehr annehmen. Finnland erklärte hingegen die Beendung des gemeinsamen Projekts zum Bau eines Kraftwerks am Standort Fennovoima, berichtet das finnische Medium yle.

Gleichzeitig sehen einige Länder in der Kernenergie eine Hilfe zum Übergang zu erneuerbaren Energien und eine Sicherung der Unabhängigkeit von Exporteuren fossiler Energieträger. So kündigte der britische Premierminister Boris Johnson am 21. März an, den Anteil der Kernenergie am britischen Energiemix von 16 auf 25 Prozent erhöhen zu wollen. Derzeit importiert der europäische Markt laut dem Think-Tank Energy Monitor 95 Prozent seines Urans.

Einige Analysten sehen in dieser Dynamik eine Chance für den Atomsektor in Kasachstan. So schrieb die Zeitschrift The Diplomat Anfang April: „Kasachstan hat das Potenzial, ein größerer Uranlieferant für Europa zu werden und so zur Energiesicherheit beizutragen und sich als ein zuverlässiger Handels- und Energiepartner zu zeigen.“

Kasachstans reiche Ressourcen

Das größte Land Zentralasiens liefert heute laut der Finanzgruppe Bloomberg 40 Prozent des weltweiten Rohurans und verfügt laut der Datenbank Global data mining nach Australien über die zweitgrößten bekannten Uranreserven. Der Sektor wird von dem mehrheitlich in Staatsbesitz befindlichen Unternehmen Kazatomprom dominiert. Dieses lieferte allein im Jahr 2021 24 Prozent des weltweit gehandelten Urans und stützt sich dabei auf ein Netz von 26 Lagerstätten, so das kasachstanische Medium Kazinform. Auch einige ausländische Konzerne sind in Kasachstan im Bergbau tätig. Dies gilt insbesondere für das französische Unternehmen Orano, das Mehrheitsaktionär an den Standorten Moıynqum und Tórtqudyq ist.

Das Wachstum des Sektors in Kasachstan lässt sich vor allem durch seine niedrigen Förderkosten erklären. Wie der französische Forscher Teva Meyer in einem Beitrag für The Conversation erklärt, hat „der Preisrückgang [des Urans] seit 2011 […] die Aufmerksamkeit wieder auf einige wenige Länder gelenkt, die über diese Ressource zu geringen Kosten verfügen.“

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Hinzu kommen weitere Faktoren, wie ausländischen Direktinvestitionen (FDI), dem Standort des Landes, aber auch einem gewissen staatlichen Engagement, das darauf abzielt, die Kernenergie langfristig für den heimischen Bedarf zu nutzen, wie es in einer Mitteilung der World Nuclear Association heißt. Das kasachstanische Medium Vlast erinnert in diesem Zusammenhang an die starke Zurückhaltung der Bevölkerung, die durch eine düstere Vergangenheit sowjetischer Experimente mit militärischer Atomkraft geprägt ist.

Europa als wichtiger Partner

Der europäische Markt nimmt für den kasachstanischen Atomsektor einen bedeutenden Platz ein. Kazatomprom, das von Novastan kontaktiert wurde, erinnert daran, dass „wir Urankonzentrat verkaufen, um die Nachfrage mehrerer Kraftwerksbetreiber in ganz Europa zu befriedigen“, und erklärt, dass „im Jahr 2021 Kunden aus dem europäischen Markt auf konsolidierter Basis 25 Prozent unserer Verkäufe ausmachen“.

Auf europäischer Seite bleiben Niger (20,3 Prozent) und Russland (20,2 Prozent) die wichtigsten Exporteure, Kasachstan (19,2 Prozent) steht nach den Eurostat-Daten für 2020 an dritter Stelle. Ein Wachstumsspielraum für Nur-Sultan ist also vorhanden, während die kasachstanischen Minen seit der Pandemie immer noch mit 80 Prozent ihrer Kapazität arbeiten und, wie das Fachmedium World Nuclear News berichtet, die Eröffnung der weltgrößten Uranmine mit Lösungsbergbau geplant ist.

Eine ungewisse Konjunktur

Bisher sind die Finanzmitteilungen von Kazatomprom davon ausgegangen, dass die Aktivitäten des Konzerns von Ereignissen wie die Proteste in Kasachstan im Januar und der Russische Krieg in der Ukraine kaum beeinflusst wurden. Die Branche konzentriere sich vielmehr darauf, ihre Erholung nach der Pandemie fortzusetzen, während der schrumpfende Handel zwei Jahre lang die Lieferketten beeinträchtigt und zu Materialengpässen geführt hatte, betont Kazinform.

Die Abwertung des Tenge gegenüber dem US-Dollar hilft dem kasachstanischen Atomkonzern dabei. Wie ein Vertreter von Kazatomprom betont, erkennt der Konzern aber die Unsicherheit der nächsten Monate und arbeitet an alternativen Routen für die Uranversorgung Europas, die Russland über das Kaspische Meer und dann über das Mittelmeer umgehen könnten, so World Nuclear News.

Diese instabile Situation verhindert nicht die Vertiefung mancher Kooperationen. Am 8. April besuchten Vertreter des französischen Konzerns Orano den Sitz von Kazatomprom in Nur-Sultan, informiert die Pressestelle des kasachstanischen Konzerns. Auf Anfrage von Novastan gab das französische Unternehmen an, dass das Treffen dazu diente, den Plan für den Bau einer neuen Mine am Standort Tórtqudyq voranzutreiben, die von dem Unternehmen Katco betrieben werden sollte, dessen Hauptaktionär Orano ist.

Ein Sektor mit komplexen Produktionsketten

Kasachstan verfügt über die Ressourcen und die Dynamik, um von einem möglichen Wachstum der Kernenergie vor dem Hintergrund der aktuellen geopolitischen Situation zu profitieren. Allerdings muss man berücksichtigen, dass die Herstellung von Brennstoff für ein Kernkraftwerk ein komplexer Prozess ist. Der Abbau von Uran ist nur der erste Schritt, dem eine Anreicherung in Uran-235 und die Herstellung des eigentlichen Treibstoffs folgen muss, so ein Artikel in The Conversation.

Diese Schritte erfordern technologische Mittel und die Einhaltung umfangreicher Vorschriften, um die internationale Sicherheit zu gewährleisten. In diesem Zusammenhang erklärt die Kazatomprom-Gruppe gegenüber Novastan: „Derzeit konzentriert sich unsere Strategie auf den profitabelsten Teil des Kernbrennstoffkreislaufs, nämlich den Abbau von Erz vor Ort. Wir haben jedoch auch Zugang zu der Technologie, die es uns ermöglicht, in andere Phasen des Herstellungszyklus zu expandieren“. Daher „können wir Partnerschaften in diesen Bereichen in Europa oder anderswo in Betracht ziehen, je nachdem, wie sich der Markt entwickelt“.

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Energy Monitor erinnert daran, dass Russland über die weltweit größten Anreicherungskapazitäten (35 Prozent) verfügt. Außerdem profitiere es von der technologischen Abhängigkeit der osteuropäischen Länder – insbesondere die Tschechischen Republik und Ungarn, deren Kraftwerke nach sowjetischem Vorbild gebaut wurden, um seinen Brennstoff dorthin zu exportieren. Für viele europäische Länder ist der Import von kasachstanischem Rohuran daher keine Lösung, die unmittelbar zu einer energiepolitischen Unabhängigkeit führen würde.

Frankreich hingegen verfügt über Anreicherungskapazitäten und eine Reaktortechnologie, von der die europäischen Länder profitieren können. Diese Modelle sind bereits in Kasachstan angesiedelt, wie Kazatomprom Novastan gegenüber in Erinnerung ruft und betont, dass die seit November 2021 angesiedelte Anlage in Óskemen, die ausschließlich für den chinesischen Markt Nuklearbrennstoff herstellt, „für Brennstoffbündel der Bauart AFA 3G des französischen Unternehmens Framatome vorgesehen und lizenziert ist“. Ein Weg zur Vertiefung der kasachstanisch-europäischen Beziehungen ist geebnet.

Tiago da Cunha
Journalist für
Novastan France

Aus dem Französischen von Florian Coppenrath

 

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Wikipedia
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