Kirgisisch Lehrbuch

Sachen beim Namen nennen – Novastan ändert die Schreibregeln für Eigennamen

Mit dem Kasachischen sind drei zentralasiatische Sprachen zum lateinischen Alphabet übergegangen. Zeit zu überdenken, wie wir Namen aus der Region schreiben.

Als im Jahr 2010 in Island ein Vulkan ausbrach und die europäische Luftfahrt stark beeinträchtigte, machte vor allem der komplizierte Name des Gletschers über dem Berg Schlagzeilen. Eyjafjalljökull ist gewiss auch für deutsche Leser eine ungewohnte Buchstabenkombination, dennoch kam es niemandem in den Sinn, den Begriff der Aussprache nach „einzudeutschen“.

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Ähnlich verhält es sich mit anderen europäischen Sprachen, die das lateinische Alphabet benutzen. Wo es keinen gängigen deutschen Namen gibt, wie etwa bei vielen Hauptstädten (Warschau, Prag, Lissabon), wird bei Eigennamen auch in der deutschen Presse die Originalschriftweise verwendet. Es heißt Jacques Chirac, nicht Schak Schirak. Warum also Schawkat Mirsijojew, statt, wie im usbekischen Original, Shavkat Mirziyoyev?

Übers Russische nach Zentralasien

Die Sprachen Zentralasiens haben innerhalb des vergangenen Jahrhunderts mehrmals das Alphabet gewechselt. So ist die korrekte Schriftweise von Orten und Personen auch unter WissenschaftlerInnen Streitthema. Verschiedene Ortsnamen haben nicht selten auch historische oder politische Konnotationen.

In der Presse dominieren verschiedene Formen der Transkription aus dem Kyrillischen, bei Ortsnamen manchmal gar aus der russischsprachigen Variante eines Ortes. So koexistieren zum Beispiel das russische Issikkul und das kirgisische Yssykköl neben zahlreichen Mischformen. Es gibt kaum einen klaren Standard für zentralasiatische Begriffe. Im Falle der Kirgisischen Republik gibt es sogar drei konkurrierende Schreibweisen: Kirgistan, das mitunter auch vom Auswärtigen Amt verwendete Kirgisistan und das sowjetisch-angehauchte Kirgisien.

Auch in der Redaktion von Novastan.org haben wir bei Eigennamen bisher überwiegend aus dem Kyrillischen transkribiert und uns dabei bemüht, Orte, Personen und Sachen zumindest intern einheitlich zu schreiben. Die Hauptmotivation dahinter war die Lesbarkeit, um die ohnehin schon fernen zentralasiatische Sachverhalte nicht noch komplizierter zu machen.

Unsere neuen Transkriptionsregeln

Jetzt wo mit dem Kasachischen bereits die dritte zentralasiatische Sprache auf das lateinische Alphabet umsteigt (Turkmenistan entschied sich 1993 für einen Übergang zum lateinischen Alphabet, Usbekistan 1995) haben wir uns entschieden, unser Transkriptionskonzept umzudenken. Warum sollten diese Sprachen anders behandelt werden, als alle anderen Sprachen, die das lateinische Alphabet nutzen?

Von nun an werden wir also zentralasiatische Eigennamen wie folgt schreiben:

  • Eigennamen, die im Deutschen bereits verbreitet sind und im Duden verzeichnet sind, schreiben wir auf Deutsch;
  • Eigennamen aus dem kasachischen, dem turkmenischen und dem usbekischen schreiben wir so, wie sie auch vor Ort geschrieben werden;
  • Bei Begriffen aus dem Kirgisischen, dem Russischen und dem Tadschikischen orientieren wir uns an der deutschen Transkription des Kyrillischen, entsprechend der jeweiligen Aussprache in der Originalsprache. Im Kirgisischen wird das Ж wie „dsch“ gesprochen, daher heißt es Sooronbaj Dscheenbekow, nicht Scheenbekow.

Das ist einfacher gesagt als getan, denn ebenso wie bereits im Kyrillischen alle zentralasiatischen Sprachen unterschiedliche Sonderzeichen benutzten, unterscheiden sich auch die lateinischen Alphabete des Turkmenischen, Usbekischen und Kasachischen. Hinzu kommen die zahlreichen regionalen Sprachen in der Region mit ihren eigenen Schreibweisen. In besonders schwierigen Fällen wollen wir die Aussprache von Namen bei der ersten Nennung in Artikeln in Klammern erläutern. Zudem bereiten wir eine Transkribierungstabelle mit den verschiedenen Alphabeten vor und ein Glossar von verbreiteten Eigennamen.

Zentralasien zeigen

Diese neuen Schreibregeln entsprechen dem Prinzip unserer Redaktionssatzung: „Wir wollen Zentralasien so zeigen, wie es ist, in seiner ganzen Komplexität und mit seinem ganzen Facettenreichtum“. Auf diese Weise vermeiden wir es auch, die Region ständig durch das Prisma ihrer Sowjetischen Vergangenheit zu betrachten, aus der die gängige Transkription aus dem Kyrillischen und die Nutzung russischer Eigennamen vererbt ist.

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Ob in Borat, in Meldungen über den Personenkult in Turkmenistan oder die Umbenennung der kasachstanischen Hauptstadt wird Zentralasien gerne zum Objekt von Spott und Exotisierung gemacht. Dementgegen wollen wir zeigen, dass wir die Region in ihrer Komplexität ernst nehmen, indem wir Personen, Orte und Sachen so nennen und schreiben, wie sie auch vor Ort genannt werden.

Vielleicht weckt eine ungewohnte Schreibweise auch das Interesse mancher LeserInnen für die vielen Sprachen Zentralasiens. Und vielleicht fühlen sich auch weitere deutsche Pressetitel dadurch inspiriert, ebenfalls die lateinischen Schriften Zentralasiens direkt anzuwenden.

Die Redaktion von Novastan

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