Bayterek Astana

Zentralasien Offshore

Eine der letzten Ausgaben der Central Asian Survey, einer Zentralasien gewidmeten Fachzeitschrift, bricht mit den Stereotypen über die angeblich isolierte Region fern der wirtschaftlichen Globalisierung. Novastan kommt auf die wichtigsten Punkte der Ausgabe zurück.

In Wahrheit ist Zentralasien sehr gut in die Globalisierung, und vor allem in die weltweiten Finanzströme, integriert. So lautet die Hauptbotschaft der ersten Ausgabe diesen Jahres, die von zwei der führenden akademischen Spezialisten der Region John Heathershaw (University of Exeter) und Alexander Cooley (Columbia University) geleitet wurde.

Lange wurde Zentralasien als eine wirtschaftlich isolierte Region dargestellt. Die Forscher unterstreichen jedoch: „Sogar die zentralasiatischen Staaten mit den geschlossensten Wirtschaftssystemen (Usbekistan und Turkmenistan) haben ihre Transaktionen […] in Netzwerke globaler Reichweite integriert.“ Die ersten Akteure dieser Integration sind die lokalen Eliten, die darum bestrebt sind, ihre finanziellen Möglichkeiten zu verbergen.

Durch diese innovative Analyse der Region bekämpft die Central Asian Survey den Mythos einer verfehlten Liberalisierung der Region, die an lokalen Problemen wie der Korruption, Klientelismus und Regionalismus läge. Ganz im Gegenteil: Ein vollständiges Verständnis der wirtschaftlichen Entwicklung der zentralasiatischen Länder muss auch ihre Verflechtung mit der globalen Wirtschaft in Betracht ziehen.

Zentralasien-Mythen brechen

Nein, Zentralasien ist nicht isoliert von regionalen und globalen politischen Entwicklungen und geopolitischen Realitäten. Im Gegenteil, die Region ist ein Vorreiter in der Verbreitung mancher Normen. So zum Beispiel das Konzept der „Zivilgesellschaft“ in Kirgistan mit seinen 10-15000 NGOs, dem Land, wo „NGOs wie Tulpen sprießen.“ Außerdem sind manche Staaten der Region Meister im Simulieren demokratischer Institutionen. So ist das politische Modell Kasachstans der Ursprung des Ende der 1990er ins Leben gerufenen Konzepts des „Semi-Autoritarismus“.

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Zentralasien hat den Übergang zur Marktwirtschaft nicht verfehlt. Lange wurden die Probleme der Region einer verpassten Liberalisierung zugeschrieben. In Wirklichkeit kann davon keine Rede sein. Vielmehr wurde sie nur selektiv zugelassen, und das vor allem beim Finanzwesen. So ging eine Integration in die weltweite Marktwirtschaft Hand in Hand mit einem Mangel oder der Abwesenheit von politischer Liberalisierung, die auch wirtschaftliche Freiheiten behindert.

Internationale Organisationen wie die Weltbank engagieren sich stark für die Reform der finanziellen Institutionen und mancher Schlüsselsektoren, während die Reform des Staats, der politischen Institutionen und der Politikgestaltung auf bessere Tage verschoben wird. So steht es zum Beispiel um die Krise des  Elektrizitätssektor in Kirgistan: finanzielle Organisationen und der Staat setzen lieber auf eine Erhöhung der Verbraucherpreise als auf eine Bekämpfung grundlegender Probleme wie der Korruption. Dies ist auch der Weg des kasachstanischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew, der die Notwendigkeit eines starken Staates für eine wirksame wirtschaftliche Entwicklung betont.

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Nein, Zentralasien ist nicht traditionell und von Clans beherrscht. Natürlich beruhen die heutigen zentralasiatischen Gesellschaften auch auf älteren sozialen Strukturen, allerdings hat das Ende der Sowjetunion auch zu einer weltweiten Vernetzung der zentralasiatischen „Clans“ geführt. In den kirgisischen Bergbauregionen gehen sogenannte traditionelle soziale Gebilde mit einer sehr guten Kenntnis des weltweiten Goldkurses einher. Die Clans existieren zusammen mit Vermittlernetzwerken, die die Verbindung zur Weltwirtschaft schaffen.

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Korruption und internationale Komplizenschaft

Diese von der Central Asian Survey kritisierten Mythen sind entstanden, während die globalen Verflechtungen Zentralasiens wuchsen. Aber die Globalisierung hat vor allem der Bereicherung der wirtschaftlichen und politischen Eliten (in Zentralasien sind sie eins) und des Finanzsektors der Industrieländer gedient. So schreiben die Forscher als Fazit der Einleitung der Ausgabe: „Wenn man sämtliche extraterritoriale Kontaktpunkte [Zentralasiens] erkundet – von Lobbyingfirmen bis hin zu Anwaltskanzleien-  so erscheint das sogenannte Große Spiel in einem weniger heldenhaften Licht und spielt sich viel näher bei uns ab. Heute können die europäischen und russischen Gesandten ihre Zentralasien-Geschäfte von ihren komfortablen Büros aus abschließen. Und die zentralasiatischen Eliten können ihre lokalen politischen und wirtschaftlichen Interessen über die Offshore-Mechanismen der Globalisierung durchsetzen.“

Diese Mythen verdecken vor allem die massive Bereicherung der zentralasiatischen Eliten, die ohne „die Komplizenschaft des Westens und sogar seine aktive Beteiligung an vielen korrupten Geschäften, die sonst als ein rein lokales Problem dargestellt werden,“ nicht möglich gewesen wäre.

Tatsächlich haben sich die Logik des Liberalismus und des Individualismus in der Region durchaus etabliert, auch wenn nur wenige von ihren Gewinnen profitieren. Und wie es Stacy Closson und Charles Dainov in ihrer Analyse des Rohstoffsektors der Region bemerken, gibt es in der Hinsicht trotz Unabhängigkeit auch viel Kontinuität aus Sowjetzeiten: „Die informelle Natur der Geschäfte in der eurasischen Region kann man auf das sowjetische patrimoniale System zurückführen. Dieses war entworfen, um in einer Wirtschaft ständiger Knappheit das Überleben der Eliten und ihrer Kohorten zu garantieren. […] So gehorchen die heutigen Leader mehr informellen Interessen, als der Dynamik der Marktwirtschaft.“

Die Redaktion von Novastan.org

 

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