Terrorismus aus Zentralasien: Experte rät zu mehr Zusammenarbeit in der Region

Seit der gebürtige Usbeke Sayfullo S. am 31. Oktober im Zentrum von New York mit einem Lieferwagen Dutzende Menschen überfuhr, richtet die Weltöffentlichkeit wieder ihren Blick auf Terrorismus in und aus Zentralasien. Zur Debatte steht in diesem Zusammenhang, ob sich der mutmaßlichen Attentäters in der alten oder der neuen Heimat radikalisiert hat. Folgendes Interview mit dem Experten Murat Bejschenow, erschien im Original auf Central Asian Analytical Network (CAAN). Novastan übersetzt eine gekürzte Fassung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Es ist keine Neuheit, dass aus Zentralasien stammende Kämpfer am syrischen Bürgerkrieg teilnehmen. Laut einem Bericht des amerikanischen Informationsdienstes The Soufan Center stammen 8.717  der etwa 40.000 IS-Kämpfern aus Ländern der ehemaligen UdSSR. Die Autoren des Berichts schätzen, dass mehr als 5.000 Zentralasiaten nach Syrien und in den Irak ausgereist sind. Fünfhundert seien bereits zurückgekehrt.

Was macht einen zentralasiatischen Terroristen aus und welche Gefahr stellt er in der Heimat und in anderen Ländern dar? Fragen an Murat Bejschenow, ehemaliger stellvertretender Verteidigungsminister Kirgistans.

Zur Person

Murat Bejschenow wurde 1954 in Bishkek geboren. Er studierte an der militärischen Raketenschule in Rostow und an der der kriegspolitischen Akademie in Moskau. Als Offizier diente er in verschiedenen Sowjetrepubliken. Von 2001 bis 2003 arbeitete er in der Abteilung für Verteidigung und Sicherheit der Administration des kirgisischen Präsidenten. Vom Amt des stellvertretenden Verteidigungsministers trat er 2010 zurück. Momentan unterrichtet er am Juristischen Institut an der Diplomatenakademie in Bischkek.

CAAN: Herr Bejschenow, Ihre Gedanken zum letzten Terroranschlag in New York?

Murat Bejschenow: Solche Anschläge von Einzeltätern sind weitaus gefährlicher als andere Formen des Terrorismus. Mit dem Auto auf eine Menschmenge einfahren, das ist ein Albtraum. Die Nachrichtendienste müssen jetzt zusammenarbeiten. Solange sich die Länder nicht zusammentun, wird die Terrordrohung zunehmen.

Das ist nicht der erste mit Teilnahme eines Zentralasiaten ausgeführte Terroranschlag. Im April 2017 zündete Akbarschon Dschalilow einen Sprengsatz in der U-Bahn von Sankt Petersburg. Fünfzehn Menschen starben. Vier Tage später fuhr der neununddreißigjährige gebürtige Usbeke Rakhmat Akilow am Steuer eines Lastwagens im Zentrum von Stockholm auf eine Menschenmenge ein. Dschalilow und Akilow hatten keine Kampferfahrung in Syrien und hatten weder den Nahen Osten noch Afghanistan besucht. Wirkt die Onlinepropaganda des IS so effektiv? Wie kann man sie bekämpfen?

Es ist unmöglich, die Informationsräume ganz zu schließen, da ein Großteil der Kommunikation verschlüsselt abläuft. Es ist durch die sozialen Netzwerke viel einfacher, neue Rekruten für den IS anzuwerben. Potenziellen Kämpfern verspricht man nicht nur Geld, man beeinflusst sie auf religiösem Niveau, verspricht ihnen beispielsweise, sie kämen ins Paradies.

Es gibt viele Studien, die zeigen, dass es unterschiedliche Motive dafür gibt, in den Krieg zu ziehen. Dabei ist Armut nicht unbedingt der wichtigste Faktor, sondern Jugend, Psychologie, eine Ideologie der Gewalt, ein Gefühl der Ungerechtigkeit. Stimmen sie dem zu? Wodurch unterscheiden sich Ihrer Meinung nach die Kämpfer aus Kirgistan? Sind viele von ihnen Usbeken aus Osch?

Tatsächlich gibt es in den Reihen der IS-Anhänger aus Zentralasien vor allem Usbeken, nicht nur aus Osch. Aber das sagt nichts, denn es gibt dort auch Tadschiken, Kirgisien, Turkmenen und Russen.

Eine Untersuchung ergab, dass in Syrien auf Seiten der Terroristen etwa 400 Radikale aus Kirgistan kämpfen. Die überwiegende Mehrheit (70-80 Prozent) sind ethnische Usbeken, hauptsächlich aus den südlichen Regionen der Republik, aus den Gebieten Osch, Batken und Dschalal-Abad. Ein kleiner Teil sind ethnische Kirgisen.

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Was Kirgistan angeht ist ein Motiv die finanzielle Situation: In Syrien beträgt die Anzahlung für den Eintritt in die Reihen der Terroristen 1000 Dollar. Wer an Operationen teilnimmt, bekommt gute Prämien. Hinzu kommt, dass kirgisische Jugendliche in Moscheen, in Schulen und in anderen öffentlichen Einrichtungen „bearbeitet“ werden. Die Radikalen verbreiten ihre Propaganda seit 2011 – der Faktor Ideologie spielt den Extremisten also auch in die Hände gespielt. Allerdings halte ich die Zahlen des Soufan Center, wonach mehr als 5000 zentralasiatische Kämpfer nach Syrien und in den Irak gegangen sind, für übertrieben. Aber niemand zweifelt an der Tatsache, dass es unter den Terroristen Zentralasiaten gibt.

Von den kirgisischen Sicherheitsbehörden weiß ich, dass sie schon seit drei, vier Jahren ausreisende Jugendliche überwachen, zum Beispiel deren Eltern fragen „Wohin ist ihr Sohn gefahren?“ Wenn das Ziel die Türkei ist, dann überprüfen sie, ob er dort ist oder nicht. Auf diese Weise haben sie 300 Menschen recherchiert. Es gibt gute Gründe zu der Annahme, dass die meisten von ihnen für den IS kämpfen.

Im September 2017 haben die kirgisischen Behörden erklärt, dass mindestens 700 Menschen aus Kirgistan für den IS kämpfen. Wie wurden diese Daten gesammelt? Inwiefern sind sie glaubwürdig?

Diese Zahlen sind nicht glaubwürdig. Im Durchschnitt sind es 300 bis 400 Menschen. Wenn die Sicherheitsbehörden etwas veröffentlichten, sind es eindeutig ungenaue Informationen, um den Staat einzuschüchtern. Schon zu Sowjetzeiten hat man mit dieser Methode den Staat eingeschüchtert. Die Sicherheitsdienste haben den Präsidenten und der Regierungen ihrer Länder berichtet, dass „viele Terroristen weggefahren sind, dass es im Land viele Terroristen gibt,“ usw.

Wozu die Einschüchterung? Damit sie mehr Personal bekommen, ihre Gehälter erhöht werden und ihnen zusätzliche Dienstfahrzeuge und Ausrüstung gekauft werden. Da bin ich mir sicher.

Gibt es Angaben zur Anzahl der Menschen aus Kirgistan, die auf dem Weg nach Syrien in der Türkei verhaftet wurden? Die türkischen Behörden haben die Kontrollen über den wachsenden Strom von Ausländern auf dem Weg nach Syrien verschärft und unter ihnen gibt es doch bestimmt Leute aus Zentralasien?

Auch hier gibt es keine genauen Angaben. Schon vor drei Jahren, als Russland nach Assads Ersuchen um militärische Unterstützung mit der Operation in Syrien begonnen hat, war es unklar, wie und warum der große Strom an Ausländern nach Syrien floss. Der türkische Geheimdienst verfügt über Informationen, wonach die meisten Ausländer über Saudi-Arabien, Pakistan und den Iran kamen. Dennoch hieß es auf türkischer Seite, dass auch aus Zentralasien ein Strom von Migranten nach Syrien geht.

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Die Türkei konnte ihre Kontrollen an der Grenze zu Syrien natürlich nicht verstärken. Darum hat Ankara das System zur Kontrolle und Ausstellung von Visen verschärft, obwohl es für zentralasiatische Länder eine Regelung zur Visafreiheit für die Türkei gibt.

Wie schätzen Sie die Gefahr durch zurückkehrende IS-Kämpfer in Zentralasien ein?

Von 100 IS-Kämpfern sind fünf Anführer, kompetent angeworben, Spezialisten in ihrem Fach. Nach ihrer Rückkehr werden sie sicher etwas planen, um die Lage in ihren Ländern zu destabilisieren. Die übrigen 95 aber können nicht viel ausrichten, nur die Befehle ihrer Kommandeure ausführen. Ich bin nicht sicher, ob man sie jetzt bewaffnet und ihnen Geld gibt, damit sie in ihre Länder zurückkehren und hier radikale Gruppen gründen. Ausgeschlossen ist das natürlich nicht.

Natürlich müssen wir auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Wenn unsere Aufklärung nicht nur in der Region, sondern auch in den Reihen des IS arbeiten würde, wäre der Effekt viel größer. Denn ich glaube, dass es innerhalb des IS einige Agenten gibt. Sie müssen erzählen, was dort vor sich geht, wohin die Kämpfer gehen und so weiter.

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Je mehr die IS-Kämpfer ihre Positionen in Syrien und im Irak verlieren, desto mehr kehren nach Hause zurück. Ich denke also, dass die Sicherheitsdienste der postsowjetischen Staaten jetzt umso stärker Provokationen auf ihrem Territorium verhindern wollen.

Die, die jetzt zurückkehren, haben Angst, verhaftet zu werden. Sie werden in Russland untertauchen oder in andere Länder fahren. Vielleicht sollte man ihnen eine Amnestie versprechen, damit sie zurückkehren und man sie kontrollieren kann?

Man könnte diese Frage beim Treffen im Rahmen der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) oder der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) besprechen.

Gibt es effektive Methoden zur Deradikalisierung der zurückkehrenden IS-Kämpfer aus Zentralasien?

Solche Methoden gibt es im Moment nicht – Rückkehrer werden nur strafrechtlich belangt. Bis zu zwanzig Jahre Gefängnis drohen ihnen. Die Verhaftungen dienen als Zeichen, als Rechtfertigung vor der Weltgemeinschaft zu rechtfertigen. Es soll zeigen, dass die Behörden ihre Arbeit machen.

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Dabei hat der Staat bereits etwas versäumt, bevor sich die Menschen dem IS und anderen Terrororganisationen angeschlossen haben. Es sollte ein staatliches Programm beschlossen werden, das den Rückkehrern eine Integration in die Gesellschaft garantiert. Wenn wir uns jetzt nicht mit der Frage ihrer Rehabilitierung beschäftigen, wenn wir ihnen heute nicht helfen, werden sie bis zum Ende ihres Lebens Terroristen bleiben und womöglich auch ihre Kinder und Verwandten für den Terrorismus anwerben. Nirgendwo in Zentralasien gibt es aber solche Programme.

Ich denke, dass man in allen zentralasiatischen Republiken gemeinschaftliche Mechanismen zur Bekämpfung des Terrorismus erarbeiten müsste. Aber das ist sehr schwierig zu realisieren, wenn es zwischen den Ländern in der Region Meinungsverschiedenheiten und Konflikte gibt. Nehmen wir die angespannte Beziehung zwischen Kirgistan und Kasachstan im Moment als Beispiel. Wie soll da eine Zusammenarbeit zwischen den Machtstrukturen dieser Länder entstehen? Das funktioniert nicht.

Mit Bejschenow sprach Rafael Sattarow
Central Asian Analytical Network

Aus dem Russischen von Folke Eikmeier

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