Kirgistan: Ziel für Russ:innen auf der Flucht

Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine haben viele Russ:innen ihre Heimat verlassen. Zentralasien wurde dabei schnell zur Drehscheibe russischer Emigration. Die Gründe dafür sind sowohl praktischer wie ökonomischer Natur.

Mehr und mehr russische Staatsbürger:innen wandern seit Beginn des Jahres nach Zentralasien aus. In den Statistiken hat sich das allerdings noch nicht niedergeschlagen: Das kirgisische Ministerium für Digitale Entwicklung teilte der Nachrichtenagentur 24.kg mit, dass sich zwischen dem 1. Januar und dem 17. März 38.042 russische Staatsbürger:innen in dem zentralasiatischen Land registriert hätten. Nach Angaben des kirgisischen Onlinemediums Akchabar wurden im letzten Jahr zwischen Januar und März 41.953 Registrierungen gezählt.

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Aktuell halten sich jedoch wahrscheinlich sehr viel mehr Russ:innen in Kirgistan auf, als von der Statistik erfasst werden. Das kirgisische Gesetz schreibt eine Registrierung nämlich nur dann vor, wenn man sich mehr als 30 Tage in dem Land aufhält. Emigrant:innen, die sich lediglich auf der Durchreise etwa nach Armenien, Georgien oder in die Türkei befinden oder die sich bisher einfach noch nicht registriert haben, werden in den offiziellen Zahlen folglich nicht berücksichtigt.

Die Gründe für die Emigration sind vielfältig

Wer sind diese neuen Migrant:innen und was hat sie nach Zentralasien geführt? Novastan hat sich in Osch, im Süden Kirgistans, mit Betreiber:innen von Jugendherbergen und Russ:innen getroffen, um die Hintergründe besser zu verstehen. Ein Teil der Emigrierten gibt an, Russland aus politischen Gründen verlassen zu haben: Der Überfall Russlands auf die Ukraine stelle für sie einen Wendepunkt dar, auch wenn sie schon vor dem 24. Februar nicht mit der Politik des Kremls einverstanden gewesen sind. Der Krieg und die damit verbundenen Repressionen haben den Ausschlag für die Entscheidung zur Emigration gegeben. Sie sehen für sich in Russland keine Zukunft mehr. Unter ihnen sind viele Journalist:innen und Künstler:innen.

Viele Männer sind allerdings aus Angst vor dem drohenden Militärdienst geflohen. Nach Beobachtung von Novastan handelt es sich dementsprechend bei den meisten Russ:innen, die in letzter Zeit nach Zentralasien gekommen sind, entweder um junge Menschen ohne Familien oder um junge Familien mit kleinen Kindern. Für die Überrepräsentation dieser Altersgruppe gibt es aber auch soziale und ökonomische Gründe: Aika*, eine Betreiberin von Jugendherbergen in Osch, erzählt, dass ihren Schätzungen nach mehr als die Hälfte ihrer russischen Gäste in der IT-Branche beschäftigt sind oder es sich leisten können, mobil zu arbeiten. Die Auswanderung dieser sozialen Gruppe ist bedingt durch die gegen Russland verhängten Sanktionen, die eine schwierige Zukunft für die Mittelklasse erwarten lassen.

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Wieder andere arbeiten für internationale Unternehmen und Organisationen. Aufgrund der Russland-Sanktionen konnten sie plötzlich nicht mehr auf ihre Gehaltszahlungen zugreifen. Teilweise sind sie dann nach Zentralasien gekommen, um hier ein neues Konto einzurichten, das sie für internationale Transaktionen nutzen können. So musste sich beispielsweise Pjotr*, der schon vor Jahren nach Lateinamerika ausgewandert ist, eigens nach Kirgistan begeben, um dort ein Bankkonto zu eröffnen, weil er in Mexiko, wo er momentan lebt, von seinem Konto, das immer noch in Rubel geführt wird, kein Geld mehr abheben und keine Überweisungen mehr tätigen kann.

Nicht zuletzt verlassen binationale Familien Russland aus Angst davor, von einem neuen Eisernen Vorhang auseinandergerissen zu werden. Davon zeugt etwa die Geschichte eines russisch-britischen Paares das von Radio Azattyk, dem kirgisischen Dienst von Radio Free Europe, interviewt wurde. Ihre Befürchtungen scheinen sich zu bestätigen: Laut Aika wurden bereits Anfang April Buchungen von russischen Staatsbürger:innen storniert, weil es ihnen nicht mehr gelungen ist, die Grenze zu überqueren. Die Gründe für die Auswanderung nach Zentralasien sind also vielfältig. Ihre gemeinsame Ursache haben sie indessen in dem russischen Krieg gegen die Ukraine.

Fluchtpunkt Kirgistan

Manchmal war die Abreise am Vortag noch nicht einmal geplant und vollzog sich dann überstürzt in dem Bewusstsein, dass es mit jedem Tag schwerer werden würde, dem russischen Boden zu entrinnen: Die Zahl möglicher Fluchtziele verringert sich, viele Linien verkehren nicht mehr oder immer seltener und die Kosten für ein Ticket steigen unablässig. Laut einem Gespräch, das Sibir.Realii – ein Projekt von Radio Svoboda, dem russischen Dienst von Radio Free Europe – mit russischen Emigrant:innen geführt hat, ist es seit dem 3. April für Russ:innen nicht mehr möglich nach Armenien, einem der beliebtesten Ziele, zu fliegen.

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Unter den widrigen Umständen ist es noch vergleichsweise einfach nach Zentralasien zu gelangen. Die Preise für die Flugtickets sind aufgrund der hohen Nachfrage zwar gestiegen. Taschkent und Bischkek, die Hauptstädte von Usbekistan und Kirgistan, sind aber weiterhin erreichbar. Hinzu kommt, dass in diesen Ländern in Rubel bezahlt werden kann und dass sie der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) angehören. Das bedeutet, dass Russ:innen hier ohne Visum einreisen können und dass auch ein mittel- oder langfristiger Aufenthalt ohne allzu große administrative Schwierigkeiten möglich ist.

Gegenüber anderen zentralasiatischen Staaten hat Kirgistan den Vorteil, dass es in den großen Städten eine gute und von der Zensur nicht eingeschränkte Internetverbindung gibt. Wer mobil arbeiten möchte, lässt sich deshalb wahrscheinlich eher in Bischkek oder Osch nieder als in Usbekistan oder Kasachstan.

Eine sich organisierende Gemeinschaft

Anfang März versuchten die Neuankömmlinge noch häufig, von Kirgistan aus in andere Länder weiterzureisen. Sie sind nur so lange in dem Land geblieben, wie es eben nötig war, um sich auszuruhen und die nächsten Schritte zu planen. Andere sind, nachdem sie ihr Konto in Kirgistan eröffnet und ihre neuen Bankkarte erhalten haben, wieder direkt nach Russland zurückgekehrt.

Einen Monat später hat sich die Situation bereits verändert: „Die Russen verbringen einige Tage im Hotel, schauen sich die Stadt und Ololohaus [ein Coworking-Space im Stadtzentrum von Osch; Anm. d. Red.] an und testen die Internetverbindung. Einige entscheiden sich dann dazu hierzubleiben, zumal das Leben in Osch günstiger ist als in Bischkek.“ erklärt Aika.

Dieser Prozess lässt sich in der Telegram-Gruppe nachvollziehen, die von Russ:innen gegründet wurde, die kürzlich in Kirgistan angekommen sind. Die Gruppe zählt rund 2.300 Mitglieder, die in dem Kanal Ratschläge und Informationen austauschen, zum Beispiel darüber, wie man die kirgisische Staatsbürger:innenschaft beantragt – ein Beleg dafür, dass einige von ihnen vorhaben, sich hier für längere Zeit niederzulassen.

Wirtschaftliche Chancen für Kirgistan

Auch Kirgistan ist von den westlichen Sanktionen betroffen. Die Einwanderung aus Russland wird wirtschaftlich aber als Chance gesehen. Die Banken erhoffen sich dadurch neue Kund:innen und auch der Tourismussektor, der immer noch unter der Krise infolge der Pandemie leidet, hofft von der Entwicklung zu profitieren.

Die Russ:innen sorgen dafür, dass sich die Hotels wieder füllen und der Tourismus bis zu einem gewissen Grad wiederbelebt wird. Viele nutzen den Zwangsaufenthalt, um das Land zu besichtigen, bevor sie wieder abreisen beziehungsweise ihre neue Kreditkarte erhalten.

Wohnungskrise in Sicht

Es gibt aber auch Stimmen, die gegen diese als zu großzügig empfundene Aufnahme protestieren und die der Meinung sind, Kirgistan bedürfe diese Einwanderungswelle nicht. Das betrifft übrigens nicht nur Russ:innen, sondern auch die zahlreichen Arbeitsmigranten, die seit Beginn des Kriegs in ihre Heimat zurückkehren.

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Neben den Folgen der westlichen Sanktionen, wie der Abwertung des Som, den steigenden Preisen und dem sinkenden Einkommen, ist Kirgistan von einer Wohnungsknappheit betroffen. Das ist vor allem in Bischkek der Fall. Nach Angaben des kirgisischen Onlinemediums Kaktus stieg die Nachfrage nach Immobilien bereits in der Pandemie. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine und der dadurch ausgelösten Emigrationswelle, hat sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt jedoch noch weiter verschärft: Während die kirgisischen Arbeitsmigranten aus Russland meist zu ihren Familien zurückkehren, die auf dem Land wohnen, bleiben die russischen Emigrant:innen in den Städten, weil sie auf eine stabile Internetverbindung angewiesen sind.

*der Vorname wurde geändert.

Paulinon Vanackère, Redakteurin für Novastan France

Aus dem Französischen von Lucas Kühne

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