Innenministerium Bischkek

Kirgistan: Mord an einer jungen Frau erregt öffentlichen Zorn

In Kirgistan werden jedes Jahr Tausende von jungen Frauen entführt und zwangsverheiratet. Obwohl die Praxis 2013 ausdrücklich verboten wurde, gibt es immer noch Brautentführungen, mit verheerenden Folgen für die Gesellschaft. Der tragische Fall von Aisada Kanatbekowa, die nach ihrer Entführung erwürgt aufgefunden wurde, hat zu weit verbreiteter Wut und Forderungen nach dem Rücktritt der Polizeiführung geführt.

Aisada Kanatbekowa ist ein weiteres Opfer der sogenannten „Tradition“ des Brautraubs. Die 27-jährige Frau wurde am 7. April 2021 erdrosselt aufgefunden wurde. Sie war am frühen Morgen des 5. April in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek entführt worden, während sie auf dem Weg zur Arbeit war. Drei Männer zwangen sie in ein Auto und fuhren in eine unbekannte Richtung davon. Der Fall wurde im Einheitlichen Register für Verbrechen und Vergehen unter Artikel 175 des Strafgesetzbuches („Entführung einer Person zur Heirat“) registriert.

Die Verwandten der jungen Frau schrieben eine Erklärung an die Polizei und baten sie, die Suche nach dem Mädchen zu beschleunigen. Doch die Polizei, die mitunter über Videodaten mit den Nummernschildern der Autos der Täter verfügt, ergriff keine ausreichenden Maßnahmen. Zwei Tage später wurden eine Frau und ein Mann tot in einem Auto auf einem Feld in der Nähe von Bischkek gefunden.

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Ein ortsansässiger Hirte berichtete, dass er dieses Auto bereits am 5. und 6. April gesehen hatte, aber zunächst dachte, es sein einfach im Schlamm stecken geblieben. Erst als er sich am 7. April dem Auto näherte, bemerkte er die zwei Leichen und kontaktierte die Polizei, berichtet das kirgisische Online-Medium Kaktus.

Nach der vorläufigen Version der Ermittlungen hat der Mann das Mädchen während eines Konflikts erwürgt und anschließend Selbstmord begangen.

Forderungen nach dem Rücktritt der Leiter der Strafverfolgungsbehörden

Die Nachricht, dass die entführte Aisada Kanatbekowa ermordet aufgefunden wurde, ließ kaum jemanden gleichgültig. Soziale Medien wurden mit Beiträgen über den Fall überflutet. Viele von ihnen merken an, dass die Leiter der Strafverfolgungsbehörden – der Innenminister Ulan Nijasbekow und der Leiter der Bischkeker Polizeiabteilung Bakyt Matmusajew – eine Teilverantwortung für diesen Fall tragen.

Die Nutzer betonen, dass das Mädchen und der Entführer erst nach zwei Tagen gefunden wurden. Außerdem wurde das Auto von einem Hirten gefunden, und nicht von den Strafverfolgungsbehörden.

In einem Video, das auf Twitter gepostet wurde, forderte eine Gruppe junger Aktivisten auch den Rücktritt einer weiteren Reihe von Beamten. „Wir fordern den Rücktritt des Leiters der Bischkeker Polizei, des Leiters des Kriminalpolizeidienstes von Bischkek, des Leiters des Kriminalpolizeidienstes, des ABGEORDNETEN MINISTERS für Operative Arbeit!!!“, heißt es in der Videobeschreibung.

Die Polizei erklärte, die Suche nach Kanatbekowa habe keine Minute geruht und alle möglichen Adressen von Personen, die mit den Verdächtigen in Verbindung stehen, seien überprüft worden, berichtet Kaktus.

Auf ihrer Facebook-Seite forderte Meerim Osmonalijewa, Direktorin der Stiftung Oasis Kyrgyzstan, die gefährdete und marginalisierte Gruppen unterstützt, die Einführung von technischen Hilfsmitteln zum Schutz von Frauen vor Entführungen: „Wir könnten uns eine mobile Anwendung ausdenken, damit die Strafverfolgungsbehörden schnell auf ein Notrufsignal reagieren“, schrieb sie. „Noch einmal: Ich bin sicher, dass unsere mobile Anwendung ‚Kinderschutz‘ mit einem Notrufsignal auch für Frauen angepasst werden sollte! Im Moment funktioniert es in der Stadt Tokmok, aber wir brauchen das im ganzen Land. Es geht um unsere Sicherheit.

Weitere, wie die Aktivistin Dinara Oschurachunowa, wiesen auf die vermeintliche Tradition des Brautraubs hin: „Alle, die Ala Katschuu (kirgisisch: wörtlich ‚nehmen und rennen‘, Anm. d. Red.) als Norm und Tradition des kirgisischen Volkes betrachten, sollten in die Liste der Schande aufgenommen und als Anstifter und Mittäter vor Gericht gestellt werden. Dies sollte gesetzlich verankert werden“, schrieb sie auf Facebook.

Nicht der erste Fall

Dies ist nicht der erste Fall eines Mordes an einer Frau, die zu Heiratszwecken entführt wurde.

Im Jahr 2018 überfielen ein 30-jähriger Mann und seine Freunde die 19-jährige Burulai Turdalijewa und entführten sie. Die Eltern des Mädchens wandten sich an die Polizei, die Entführer wurden festgenommen und auf die Polizeiwache gebracht. Der mutmaßliche Kidnapper und Turdalijewa wurden dort zusammen allein gelassen. Der Mann stach dann in der Polizeistation auf Turdalijewa ein.

Ein Street-Art Porträt in Bischkek in Erinnerung an Burulai Turdalijewa. Quelle: UN WOMEN/Mirbek Kadraliev

Das Gericht verurteilte den mutmaßlichen Entführer zu 20 Jahren Haft in einer Hochsicherheits-Strafkolonie mit Beschlagnahmung des Vermögens. Die Leitung der Polizeiabteilung, in der Turdalijewa getötet wurde, wurde ebenfalls entlassen. Angehörige der Verstorbenen glauben, dass die Polizei an ihrem Tod schuld ist.

Ala-Katschuu in Kirgistan

Laut aktuellen Daten der Vereinten Nationen wurden knapp 14 Prozent aller Frauen unter 24 in Kirgistan zwangsverheiratet. Im Jahr 2016 schrieb UN Women, es gebe jährlich beinahe 12 000 Fälle von Brautraub. Eine „geraubte“ junge Frau aus dem Haus des Bräutigams wieder mitzunehmen, gilt in vielen Familien als Schande, weshalb viele Eltern ihre Töchter bei ihnen unbekannten Männern zurücklassen.

Brautentführung ist in Kirgistan ein kriminelles Vergehen. In den letzten Jahren, so berichten Menschenrechtsaktivisten, sind die Anrufe bei der Polizei häufiger geworden. Zuvor wurden solche Verbrechen nur selten angezeigt.

Frauenrechte werden in allen zentralasiatischen Ländern verletzt. Frauen werden nicht als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft angesehen und können in vielen Fällen keine eigenen Entscheidungen treffen. Obwohl Kirgistan das Übereinkommen der Vereinten Nationen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau und die Erklärung von Beijing ratifiziert hat, sind solche Diskriminierungen sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich weiterhin stark verbreitet. Oft werden Mädchen überredet, jemanden zu heiraten, den sie nicht kennen, und in einigen Fällen werden sie entführt und anschließend gezwungen, ihre Entführer zu heiraten.

Lest auch bei Novastan: Der Kampf gegen häusliche Gewalt in Kirgistan: Gesetze und Realität

Trotz Gesetzgebung und härterer Strafen registrierte das Innenministerium im Zeitraum 2013-2018 lediglich 895 Berichte und Aussagen über Brautentführungen, so Radio Azattyk, die kirgisische Branche von Radio Free Europe/ Radio Liberty. Davon führten 727 (oder 81,2 Prozent) nicht zu einem Strafverfahren. In 18,7 Prozent der Fälle wurde ein Strafverfahren eingeleitet.

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Im Jahr 2019 wurde das Gesetz zur Brautentführung leicht geändert: Die Entführung einer Minderjährigen wird nunmehr mit bis zu zehn Jahren Gefängnis geahndet, und mit bis zu sieben Jahren, wenn die Frau über 18 ist.

Zivilaktivisten in Bischkek haben am 8. April eine Kundgebung in der Nähe des Innenministeriums organisiert, als Reaktion auf den Tod von Aisada Kanatbekowa.

Aigerim Turgunbaeva
Aus Bischkek für Novastan.org

Aus dem Englischen von Florian Coppenrath

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