Kirgisistan, ein “globalisiertes Protektorat”?

Die Pariser Forschungsgruppe für Zentralasien (GRAC) lud anlässlich ihrer 15. Konferenz am 21. März Boris Petric ein. Als politischer Anthropologe, dessen letztes Buch « On a mangé nos moutons: le Kirghizstan, du berger au biznesman » (Man hat unsere Schafe gegessen: Kirgisistan, vom Schäfer zum Businessman) im Januar 2013 erschienen ist, verrät er uns die Geheimnisse seiner Studie und die Eindrücke, die er davon behält. Zum Frühlingsfest Nouruz wird also Kirgisistan geehrt, ein Land, über das bei GRAC bisher wenig geredet wurde, und das im Westen weitgehend unbekannt ist.

Wie der Autor selbst zugab, hat ein Kolumnist sein Buch auch nur im Rahmen des Findus-Skandals (als Pferdefleisch in Lasagnen gefunden wurde) gelesen und ist dabei auf Petric gestoßen.

La couverture du livre

Die Arbeit von Petric beruht auf einer Beobachtung: das fast vollständige Verschwinden der Merinoschafzucht im postsowjetischen Kirgisistan, welche einst das Wesentliche der wirtschaftlichen und politischen Strukturen des Landes ausgemacht hat. Zwischen dem Ende der 1980er Jahre und heute ist die Zahl der Schafe von zwölf Millionen auf nur zwei Millionen gesunken. Mit dem Verlust der Viehzucht als soziale Grundlage verschwindet auch das gesamte Bild einer Gesellschaft und die sich daraus ergebenden sozialen Beziehungen. Im Gegensatz zu alltäglichen Situationen war der Anthropologe hier mit einem raschen Wandel konfrontiert. Daher wollte Petric untersuchen, wie eine Gesellschaft sich nach dem Zusammenbruch ihrer Hauptressource wieder aufbaut und welchen Veränderungen sie dabei unterliegt.

Um seine Erfahrungen in « On a mangé nos moutons » niederzulegen, lässt Petric Figuren, die für diese sozialen Veränderungen repräsentativ sind, sprechen,was zu der Originalität seiner Studie beiträgt. Das Buch handelt von Begegnungen mit mit einem einfachen Schäfer, aber auch mit dem Chef des Basars – so dass das Werk mehr wie eine Erzählung als wie ein objektivierter Diskurs wirkt.

Boris Petric zeigt uns sein Erstaunen und seine Bewunderung für diese Gesellschaft, welche einer kompletten Restrukturierung unterliegt. Im Gegensatz zu seinen großen Nachbarn hat Kirgisistan den Weg der « Schocktherapie », das heißt eine Privatisierung auf allen Ebenen, gewählt. Vom Präsidenten bis hin zu den Dorfbewohnern haben die Kirgisen die vergangenen Jahre der Schaffung neuer sozialer Bindungen gewidmet. Darüber hinaus ist wichtig zu bemerken, dass die Machtausübung keine individuelle Tätigkeit ist: Man muss aufhören, Zentralasien nur anhand seiner Machthaber zu studieren.

Die neuen sozialen Bindungen überwinden verschiedene Ebenen und beziehen neue Akteure ein: das Ausland, die Religion, der Handel mit China und der Businessmann, Arbeitslosigkeit und weitere Felder dienen so als Anhaltspunkte. Die Figuren der Macht haben sich auch verändert: Zwischen dem Betreiber einer privaten Bewässerungseinrichtung, dem Priester und dem Imam steht nicht mehr der Schäfer als strahlende Figur da, sondern der Businessman, ein Mann mit Prestige, den man jedoch schwer definieren und identifizieren kann. In diesem Sinne sind Veränderungen in der Sprache besonders relevant. Neue Wörter wie « Microcredit » und « Donor » spiegeln diesen neuen, zentralen Platz des Businessman in der kirgisischen Gesellschaft wider und richten den Blick nach außen. Aber das Ziel der Kirgisen bleiben dennoch die Erhaltung sowie die Rückkehr zu ihrer Kultur. Dies zeigt der Forscher in seiner Studie über kirgisische Auswanderer in Moskau.

Ein anschauliches Beispiel einer seiner Bekanntschaften ist ein Taxifahrer, der Jeans aus China auf einem Markt in Nowosibirsk verkaufte, um sein Auto und damit seinen sozialen Status zu erhalten. Boris Petric legt sein Augenmerk auch auf einen besonderen Ort der kirgisischen Gesellschaft: den gigantischen Basar, auf dem mehr als 20.000 Menschen arbeiten. Die neuen sozialen Logiken, die von den Wurzeln an neu aufgebaut wurden, beruhen auf dem Verkehr – im weiteren Sinne des Wortes, also alle Arten von Bewegungen und Handel.

Einer der größten Basars Zentralasiens, Dordoj, und dessen Besitzer, Askar Salymbekow (Foto: dordoy.kg)

Ein weiteres Phänomen ist die massive und beunruhigende Installation von NGOs. Es wird gesagt, dass Kirgisistan heute 10.000 bis 15.000 von ihnen zählt, manchmal bis zu drei Organisationen pro Dorf. Das Werk dieser NGOs ist entscheidend für die Entwicklung des Landes, eine solche Vorherrschaft kann aber auch schädlich sein. Ihr Ziel ist manchmal unklar, oder sogar zweideutig. Einige von ihnen verstecken beispielsweise hinter einem offiziellen Alphabetisierungsauftrag eine Evangelisierungsmission. Andere unterstützen grünen Tourismus, und versprechen westlichen Touristen einen Aufenthalt in einer traditionellen und tribalen Gesellschaft, obwohl Kirgisistan alle Anzeichen des westlichen Modernismus zeigt. Man versucht den Anderen wilder, exotischer darzustellen als er ist, während uns so wenig von ihm trennt. Wahlbeobachtungen sind auch keineswegs objektiv, da durch sie Ausländer die politische Macht legitimieren oder entlegitimieren können. Dies geschieht manchmal fälschlicherweise aufgrund gestrickter Verbindungen zwischen lokalen und internationalen NGOs, wie Boris Petric in einem seiner Filme (Democracy@Large) gezeigt hat. Außerdem sollte man aufhören, auf Kirgisistan individualistische und feministische Werte anwenden zu wollen: die Zugehörigkeit zu einer Gruppe bleibt sehr stark, und es ist nun mal auch eines der einzigen Länder der Welt, in denen eine Frau Präsidentin war.

USAID in Kirgistan

Der Zusammenbruch des Schäfers ist auch der Zusammenbruch einer sozialen Gedankenwelt: Boris Petric nennt hier das Beispiel eines zur Errinnerung an den Afghanistan-Krieg gebautes, sowjetischen Denkmal, auf dem heute Gras wächst, neben dem aber eine Statue zu Ehren einer Figur aus dem 19ten Jahrhundert gebaut wird. In einem Land das seit der Unabhängigkeit seine Identität sucht, spiegelt dies ein komplexe Verhältnis zur Vergangenheit wider.

Der Fall Kirgisistans hilft bestimmt auch andere zu verstehen, jedoch sollte er nicht dogmatisch generalisiert werden: Kirgisistan hat seine Besonderheiten, und die wichtigste davon ist die Konzeption von Ressourcen.

In diesem Sinne wählt Boris Petric den Ausdruck « globalisiertes Protektorat », um damit Kirgisistan zu bezeichnen. Das Politische erstreckt sich über verschiedene, manchmal sogar entgegengesetzte Realitäten, und doch versucht man alles unter dem Begriff « Staat » zu erfassen. Man müsste sich bemühen, anders über das Politische nachzudenken. Kirgisistan ist eine Gesellschaft im Herzen transnationaler Einflussnahmen, die sich als sehr komplex erweisen können: zum Beispiel ist es das einzige Land in der Welt, das auf seinem Territorium gleichzeitig einen russischen und einen amerikanischen Militärstützpunkt hat. Doch gerade durch diese Vielzahl an Austausche behauptet das Land seine Autonomie, entzieht sich der ausländischen Kräfte und schafft eine neue, authentische kirgisische Gesellschaft. Kirgisistan ist eine « Arena », ein « Theater » für ausländische Mächte, doch die Bühne bleibt in der Hand der Kirgisen. Boris Petric bietet auch eine neue Interpretation des Manas Gründungsmythos, dessen Echos heute aktueller denn je erscheinen.

Marion BIREMON
Studentin eines Doppelbachelors SciencesPo.-Sorbonne
Korrektorin für Francekoul

Übersetzung:
Florian COPPENRATH und Daniela NEUBACHER

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