Eine Moschee in einem kirgisischen Dorf

Islam: „Kirgistan droht auseinanderzubrechen“

Die Zentralasienexpertin Catherine Poujol hat sich kurz nach der internationalen Islam-Konferenz in Bischkek mit dem Team von Novastan über die Situation der Religion in Kirgistan und die potenziellen Folgen jener Veranstaltung unterhalten. Ein Interview.

Die Absicht des kirgisischen Präsidenten Sooronbaj Dscheenbekow ist es, einen kirgisischen Islam fernab der Einflüsse von außen zu schaffen. Diese Meinung bekräftigte er auch in seiner Eröffnungsrede auf der internationalen Konferenz „Islam in einem säkularen Staat“, die am 15. und 16. November des letzten Jahres in Bischkek stattfand. Dabei sprach der Präsident von einer Beibehaltung eines „traditionellen“ Islam in Kirgistan, welche notwendigerweise mit einem größeren Einfluss des Staates in religiöse Angelegenheiten einhergehen sollte.

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Catherine Poujol, Leiterin des „Französischen Instituts für Zentralasienstudien (IFEAC)“ in Bischkek, erläutert im folgenden Interview für Novastan die Tragweite dieser Konferenz, an der ein zahlreiches internationales Publikum teilnahm.

Novastan: Welcher war der Hauptgrund für den kirgisischen Präsidenten eine solche Konferenz abzuhalten?

Catherine Pujol: Die Absicht der kirgisischen Regierung ist sehr klar: Und zwar handelt es sich um das Ziel, einen national-kirgisischen Islam fern von jeglichen Fremdeinflüssen zu schaffen. Dies war eine äußerst mutige Aussage, vor allem angesichts der Anwesenheit von Vertretern Saudi-Arabiens, Pakistans oder etwa der Vereinigten Arabischen Emirate. Die Regierung erhebt dadurch Anspruch auf das Recht, eine spezifisch kirgisische Linie des Islam, damit gemeint sind sowohl islamische Traditionen als auch das Muslimsein im Allgemeinen, weiterzuführen. Dies ist vor allem in Anbetracht dessen neu, dass es bisher keiner muslimischen Bewegung untersagt war, in Kirgisistan Fuß zu fassen.

Novastan: Welche Fremdeinflüsse findet man denn in Kirgisistan und wie teilen sie sich die Einflusssphäre auf?

Wenn Sooronbaj Dscheenbekow davon spricht, den nationalen Islam bewahren zu müssen, dann denkt er vor allem an den steigenden Einfluss des pakistanischen Islam, vor allem des Tablighi Jamaat, einer pakistanisch-indischen Glaubensrichtung mit wahhabitischer Tradition, die vor allem aufgrund ihrer fundamentalistischen Neigung klar mit der Linie des kirgisischen Islam bricht.

Auch der Einfluss des saudi-arabischen Wahhabismus ist nicht zu unterschätzen, der sich als ähnlich fundamentalistisch erweist und vor allem Dank der Finanzierung des Moscheebaus in Millionenhöhe durch arabische Geldgeber, aber auch durch das Einladen von Studierenden und andere karitative Projekte an Reichweite gewinnt.

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Neben den beiden soeben genannten Richtungen gewinnt auch der türkische Islam an Einfluss in einem sich im Prozess der Re-Islamisierung befindenden Kirgistan. Vor dem Staatsstreich Erdogans in der Türkei im Jahr 2016 gab es zwei unterschiedliche Strömungen: Und zwar einerseits die türkische Regierung und dessen bewaffneter religiöser Arm Diyanet und andererseits das auf der Stiftung von Schulen basierende Netzwerk von Fetullah Gülen. Seit dem Staatsstreich gilt die Gülen-Bewegung allerdings als Terrororganisation, daher wurden in der Türkei auch alle dazugehörigen schulischen Institutionen geschlossen. Doch der kirgisische Staat weigert sich bis heute gegen das Vorhaben der Türkei, die Schließung dieser Schulen zu veranlassen.

Novastan: Wie kann man den Einfluss von Tablighi Jamaat einschätzen?

Wie die meisten missionarischen Bewegungen verbreitet sich die Strömung von Haus zu Haus, in einer öffentlichen Grauzone. Die VertreterInnen gehen von Tür zu Tür und predigen dabei, dass der Islam auf eine schiefe Bahn geraten sei, die es durch den Anschluss an diese neue religiöse Gemeinschaft zu berichtigen gilt. Dies führt zu einer Art Kapillarwirkung in der Familie, die dazu führt, dass die Glaubensrichtung unter Generationen weitergegeben wird. Allerdings kann dies auch zu Konflikten innerhalb der Familien führen.

Auch wenn es schwierig ist, das tatsächliche Ausmaß abzuschätzen, hat sich die kirgisische Soziologin Nurgul Esenamowa 2016 an die Arbeit gemacht, 1200 Personen über den „Einfluss des Faktors Religion in der derzeitigen politischen und religiösen Lage Kirgistans“ zu befragen. Sie stellte dabei fest, dass 64,5 Prozent der Befragten bereits Bekanntschaft mit Mitgliedern von Djamahat Tablik gemacht haben, in der Region von Osch sind es sogar 96,3 Prozent. Diese Zahlen erlauben es, die Aktivitäten dieser religiösen Gruppe einzuschätzen. Esenamowa konnte ebenfalls beobachten, dass die Zahl der Mitglieder ständig wächst.

Was versteht Sooronbaj Dscheenbekow unter der Rückkehr zu einem traditionellen Islam?

Er versteht darunter die Rückbesinnung auf einen sunnitischen Islam, eine „offene“ Variante des Islam, die Sufis und damit Persönlichkeiten aus dem regionalen religiösen Umfeld in der religiösen Erziehung vorsieht. Um jenen „endogenen“ Islam wiederzubeleben möchte er das religiöse Wissen der Religionsangehörigen, deren Unwissen in Sachen Religion in Kirgistan tatsächlich eines der Hauptprobleme darstellt, fördern. Beispielsweise könnte dies durch die Verbesserung der universitären Theologie-Ausbildung, deren Ruf kein besonders guter ist, passieren. Ein weiterer Aspekt, der innerhalb der zweitägigen Konferenz für Diskussionen sorgte, ist der interethnische und interreligiöse Dialog, allerdings sollten diese nicht unabhängig von ökonomischen und sozialen Fragen betrachtet werden.

Novastan: Warum sieht man sich in Kirgistan, einem offiziell säkularen Staat, überhaupt mit einem solchen Wachstum an Religiosität konfrontiert?

Wir befinden uns in einem postsowjetischen Land, das den Säkularismus der Sowjetunion basierend auf dem französischen Modell durchlebt hat. Das Gesetz zur Glaubensfreiheit sieht auch das Recht auf Organisationsfreiheit vor, gleichgültig ob es sich nun um eine NGO, eine Partei oder eine religiöse Organisation handelt. Gleichzeitig ist Kirgistan ein armes Land, das auf Anleihen angewiesen ist, daher kommt auch ein gewisser Wille sich nicht als „Land der Verbote“ zu erweisen. Bei seiner Unabhängigkeit hat der Staat entschieden, eine „laisser-faire“-Linie zu fahren und sich als tolerant zu präsentieren. Gerade von dieser Toleranz haben auch unterschiedliche Kirchen und religiöse Sekten profitiert, die nach und nach in Kirgistan Fuß fassten. Niemals wurde ein Gesetz gegen jene Entwicklungen verabschiedet, denn man ging nicht davon aus, dass die Abwesenheit von Zwang solche Folgen haben könnte.

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Zusätzlich handelt es sich um ein persönliches Anliegen des derzeitigen Präsidenten Sooronbaj Dscheenbekow, der sich als viel religiöser herausstellte, als der vormalige Präsident Almasbek Atambajew. In Kirgisistan gibt es auch äußerst religiöse Organisationen zur Verteidigung der Frauenrechte. Eine dieser Organisationen setzt sich beispielsweise dafür ein, dass die Schulmädchen in der Schule nicht mehr die sowjetischen Uniformen, sondern stattdessen lange Hosen, Rock und Kopftuch tragen sollten. Dieses Gesetzesvorhaben wurde sogar im Parlament diskutiert, letztlich aber doch nicht umgesetzt. Dennoch ist es durchaus vorstellbar, dass sie eines Tages in Kraft tritt. Krigistan droht auseinanderzubrechen, unter anderem auch aufgrund des Einflusses fremder religiöser Ideologien.

Novastan: Während dieser zweitägigen Konferenz wurde das Thema der Radikalisierung angesprochen. Sehen Sie die Radikalisierung in Kirgisistan tatsächlich als ein brennend aktuelles Problem an?

Es gibt tatsächlich eine gewisse Anzahl an Kirgisen, die in den Irak oder nach Syrien gegangen sind. Es handelt sich jedoch um eine kleine Minderheit. Man spricht von mehreren hundert Personen bei einer Gesamteinwohnerzahl von 6 Millionen. Ebenso ist bekannt, dass die meisten von ihnen aus Russland, wo Auswanderer aus den Ländern Zentralasiens meist unter großer Einsamkeit und innerer Destabilisierung leiden, dorthin auswandern. Ähnlich wie in Frankreich stellen auch die Gefängnisse einen Rekrutierungsort dar.

Sieht man sich im Vergleich dazu die Lage im Nachbarland Kasachstan an, so stellt man fest, dass die Frage der Radikalisierung der Bevölkerung vor allem in den westlichen Teilen des Landes am Kaspischen Meer ein akutes Problem darstellt. Das Erdöl führt dort dazu, dass innerhalb der Bevölkerung eine große Einkommensschere existiert, dadurch kann auch die dschihadistische Propaganda dort Fuß fassen. In Kirgisistan ist die Situation eine andere, denn die Währung ist stabil und keinen großen Schwankungen beziehungsweise. Entwertungen ausgesetzt, wie dies in Kasachstan dreimal aufeinanderfolgend der Fall war. Das bedeutet, dass sich der Staat nicht in einer ähnlich angespannten Lage wie der große Nachbarstaat befindet.

Das Interview führte Roxane Poulain

Aus dem Französischen von Andrea Baldauf

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jackmac34
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Kommentare
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    Frage : Wäre es möglich, religionsneutrale private Schulen in Kirgistan zu betreiben ?

    4 März 2019

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