Album Cover von Den Zawisimosti

„Einen Sound für Bischkek erschaffen“ – „Den‘ Zawisimosti“ vom Bischkeker Musikerduo Wtoroj Ka

Das Rap-Duo „Wtoroj Ka“ ist einerseits ein Außenseiter in der Musikszene Kirgistans, seine originelle Musik lässt einen jedoch direkt in die Stimmung dessen Hauptstadt Bischkek eintauchen. Mit ihrem jüngst erschienenen Album „Den‘ Zawisimosti“ werden sie ihrer eigenen Ambition gerecht, ihre Umgebung in Musik zu fassen. Unsere Rezension.    

Ein neuer, neuer Tag, wie ein Traum“ summt eine lethargische Stimme vor einer entspannten jazzigen Melodie, wie eine ausgestreckte Hand. „Asanbayer Eckchen hier, wenn Du willst, komm rüber“ ruft sie etwas weiter. Eine Einladung in den Mikrobezirk Asanbay, im Süden von Kirgistans Hauptstadt Bischkek.

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Und die Reise lohnt sich: Das im Juni erschienene Album „Den‘ Zawisimosti“ (Rus. „Tag der Abhängigkeit“) des Produzenten- und Rapper-Duos „Wtoroj Ka“ (Zweites K), das mit dem Aufruf beginnt, ist zweifelsohne eines der spannendsten Musikerlebnisse, das die Stadt in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat.

Außenseiter im Bischkeker Rap

Wtoroj Ka ist eine Art Außenseiter in der ansonsten überschaubaren Bischkeker Rap-Szene. Das Duo besteht aus den zwei 23-jährigen Musikern Ilya und Sultan. Der Gruppenname ist eine Anspielung auf die Klasse („2K“) in der sie sich einst kennengelernt haben, nicht – wie man denken könnte – auf Kafkas Josef K, wenn auch der Autor in frühen Stücken Erwähnung findet.

Die zwei Melomane ließen erstmals Ende 2017 von sich hören, als sie ihr erstes Album (heute würden sie es eher als „Mixtape“ bezeichnen) „Iz Okna“ („Aus dem Fenster“) ins Netz stellten. Neun düstere Stücke mit Elektro-Samples aus den 80ern, laut Angaben der Autoren inspiriert vom Winter in Bischkek und dem US-Amerikanischen „Underground“-Sound von Bones und den $uicideboy$.

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Wie letzteres Duo schreiben auch die Jungs von Wtoroj Ka ihre Texte zu hauseigenen Beats. In ihrem Musikstudio arbeiten sie ganz autark an der ganzen musikalischen Produktionskette, von der Idee bis zur Abmischung. Mehr noch als zur Bischkeker Musikszene pflegen die zwei Kontakt zu Mitgliedern des St. Petersburger Rap-Kollektivs „Antikhayp“, insbesondere zu dem selbst aus Bischkek stammenden Rapper Zamay. Ilya (aka Mountain Hood/ Inds) arbeitet seit einigen Jahren als Produzent mit ihnen zusammen.

Ihre Musik verankern sie hingegen vor Ort: „Eines unserer künstlerischen Ziele ist es, einen Bischkeker Sound zu erschaffen. Viele in Bischkek übernehmen heute diesen Skriptonit-Sound (erfolgreicher Rapper aus Nordostkasachstan, Anm. d. Red). […] Skriptonit hat einen interessanten Stil, aber das ist nicht Bischkek, Bischkek klingt ganz anders“, erwähnt Ilya im Gespräch mit Novastan, und beklagt die ansonsten unoriginelle, „abgeleckte“ Bischkeker Musik.

Von Liebe und Hustle

„‚Den‘ Zawisimosti‘ ist für uns die Bilanz von zwei Jahren künstlerischer Arbeit. Unser sogenannter „Erstgeborener“, als vollwertiges 11-Track Release, zusammengestellt aus unterschiedlichen Perioden unserer Bewegung“, beschreibt Sultan das neue Album auf Instagram. Auch die Themen und Stimmungen der mal introspektiven, mal deskriptiven Stücke variieren teils stark, aber alle beschreiben unterschiedliche Facetten der gezeichneten künstlerischen Welt.

Sie bewegen sich innerhalb des Horizonts des „Rajons“, also so etwas wie das post-Sowjetische Äquivalent der US-Amerikanischen „Hood“: „Hier haben wir so etwas wie übertriebenen Realismus. Es geht um wahre Erlebnisse von jemandem, der nicht so viele unterschiedliche Abenteuer erlebt. Maximum Ärger mit der Polizei oder vor einer Demo wegrennen“, schildert Ilya die Texte des Albums. Insgesamt bringe das Album demnach „Bischkeker-Romatik“ herüber, mit allen guten und schlechten Seiten.

Es geht also um Herzeleid, Langeweile und den Hustle des Bischkeker Alltags, um die Welt des lokalen Webcam-Model-Geschäfts, um Drogen und unerwiderte Liebe, bis hin zu Selbstmordgedanken. Wie in der dunklen Ballade „Resnitsam Stalo Tyaschelo“ („Die Augenlider fühlten sich schwer an“), die der Gruppe zusammen mit seinem Videoclip zu Beginn des Jahres ihren ersten, kleinen Hit bescherte.

Textuell entwickelt Wtoroj Ka quasi seinen eigenes, Sprachebenen übergreifendes Russisch aus kriminellem Jargon, gehobenen poetischen Wörtern, Mat und Bischkeker Straßenbegriffen. Die oft unverständliche Aussprache erinnert dabei einerseits an weltweite Mumble-Rap-Trends, verleiht den gerappten Teilen durch viele Alliterationen aber auch die nötige Musikalität. Das Ganze vermengt sich in einer originellen Bildsprache, die das Album teils wie einen Film vorbeifließen lässt.

Liebeskummer? „Wie kann ich nur das zerbrochene Stück meiner fragilen Liebe bis zu deinem Turm tragen? Laternenlicht. Ich balle meine Fäuste und übernachte zum vertrauten Alk auf der Bank“ („Sсhumnyje Ulitsy“ – Laute Straßen). Etwas Rap-typische Prahlerei? „Getötet an der Bass Drum (oder beim Hustle), wie ein Biggie mit Samsas/ Bin ich hier der wohlgenährteste und Ton-begreifendste“ („Ostanowite Musyku“ – Stoppt die Musik).

Erzählkunst und Tonlandschaften

Durch Worthäufungen versetzen einen die Texte unmittelbar in die gewollte Szene: „Ich sende dir sanft einen erbärmlichen Gruß/ Musik, Innenhof und dein betrunkener Vater“ („Krugoworot Lyubwi“ – Liebeszyklus) oder „Starke Silowiki, starke Jagd/ Umsonst wollte ich verfickt nochmal für Tausend Som (kirgisische Währungseinheit, Anm. d. Red) auf die Demo“ („Ostanowite Musyku“), das nebenbei auf Fälle von „gekauften“ Demonstrationen in Kirgistan anspielt.

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Seinen narrativen Höhepunkt erreicht das Album wohl mit „Kikos“ (ein Jugendwort für eine „schwierige, unangenehme Situation“), ein Storytelling tief in der Bischkeker Welt von Wtoroj Ka: „Tschüj-Tal, Mikrobezirk Asanbay/ Jacke vom Orto-Say Basar mit Grasgeruch/ Wir haben mit den Jungs nur ein Spiel/ Aber heute ertrinkt das ganze Viertel in leerem Gerede“. Um aus der Langeweile zu fliehen, versuchen die Erzähler über eine ehemalige Klassenkameradin an Drogen zu kommen, geraten aber dann in einen Konflikt mit deren Freund, der zudem auch noch Polizistensohn ist. Die Aktion endet im Desaster: „Die Augen unserer Kumpel brennen wie Sirenen und damit Du verstehst: Die Jungs haben nichts abgegriffen und wurden nach zwei Artikeln verurteilt“.

Musikalisch nutzt das Album vollends die Hybridität von Hip-Hop Musik und mischt viele Jazz und Popmotive in seine reichen Tonlandschaften. In Stücken wie „Schumnyje Ulitsy“ oder „Swetschi“ (Kerzen) vermengen sich gar Musik und Text, wobei sich E-Gitarren bzw. Synthesizer Noten wie langgezogene Schreie mit einmischen. Es wird auch viel gesungen, wie in „Krugoworot Lyubwi“, dessen Refrain wie eine Hommage an manche Pop-Liebeslieder aus den 90ern und 2000ern wirkt, bzw. an die Atmosphäre in Bischkeker Cafés zu der Zeit. Am Ende von „Esli smoschesch‘ kak ya“ („Wenn Du es wie ich kannst“) erklingt ein Zitat aus einem Stück der kasachstanischen Band A Studio, die auch in Kirgistan als Klassiker gilt.

Besondere Aufmerksamkeit verdient nicht zuletzt auch das Album-Cover, das mit seinen vielen Details fast schon seine eigene Geschichte erzählt. Es ist eine Anspielung auf das „Selbstporträt und Porträt von Kontschalowskij“ des russischen Malers Ilya Maschkow (1881-1944). Man sieht das Duo in Unterwäsche und mit durchkreuzten Augen in ihrem Musikstudio, umgeben von Instrumenten, Hanteln und einem mit Alkohol, einem Aschenbescher und Papiertaschentüchern gedeckten Tisch. Es wirkt wie eine ironische Auseinandersetzung mit Maskulinität und dem Künstlerdasein, weiter unterstrichen durch den Wandteppich, der das Foto umgibt.

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In Unterwäsche im Studio, mit Noten und Gitarre in der Hand: Womöglich ist es auch ein Verweis auf künstlerische Aufrichtigkeit. „Alles was ich getan hab – nicht für den Tag, nicht für Geld auf den Konten/ Mein Schaffen ist nicht da, damit Kinder tanzen können/ Auf dieser Bühne von Huren wo es wichtig ist, sich so zu verkaufen/ Bleibe ich verloren, selbst nackt ausgezogen“, heißt es in „Ne kak w kino“ (Nicht wie im Kino), das dem Album als Epilog dient. „Hinter der Dämmerung in den stummen Weg/ Der Wochentag nicht wie im Kino/ Selbst nicht sein eigen“, schließt das Album.

Fazit

„Den‘ Zawisimosti“ ist ein ausgezeichnetes Album, nicht nur nach Bischkeker Maßstäben. Wer sich darauf einlässt, in das von Wtoroj Ka gezeichnete Universum zu tauchen, erlebt dort auch nach dem hundertsten Hören noch Aha-Effekte und stößt auf zuvor unbemerkte tonale oder sprachliche Feinheiten. Viele Details, wie auch die allgemeine Szenerie des Albums sind dabei tief in Bischkek verwurzelt, dass man durch die Augen der Autoren zu erleben bekommt. Der eigenen Ambition, eine eigene Musik für Bischkek anzubieten, wird das Duo somit durchaus gerecht.

Zu hören auf allen gängigen Streaming-Platformen.

Edit (29.7.20): Der Verweis auf das „Selbstporträt und Porträt von Kontschalowskij“ wurde hinzugefügt.

Florian Coppenrath
Journalist für Novastan.org

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Wtoroj Ka
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Kommentare
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    Ich finde die zwei sowas von genial!! Hör die nur noch rauf runter. Vielen, vielen Dank für diesen Tipp!

    7 September 2020

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