Farm der Tiere Kirgisisch

“Ayban Ferma”: George Orwell ins Kirgisische übersetzt

Alle Tiere sind gleich, aber manche Tiere sind gleicher als andere“ ist eines der berühmtesten Zitate der Weltliteratur. Der Roman, aus dem es stammt, George Orwells „Farm der Tiere“, ist jetzt auf Kirgisisch erhältlich. Novastan hat sich mit den zwei Übersetzern getroffen, die hinter dieser neuen Ausgabe stehen.

Für Leser in Kirgistan war George OrwellsFarm der Tiere“ bisher nur auf Russisch erhältlich. Der Anthropologiestudent Ilyas Kanybek und sein Großvater, der Politikwissenschaftler Aalybek Akunow, beschlossen, das zu ändern und übersetzten den Roman ins Kirgisische.

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Kanybek und Akunow waren von der Überzeugung motiviert, dass philosophische Texte eine grundlegende Rolle in der Gesellschaft spielen können. Sie fördern das kritische Denken, vermitteln kulturelles Erbe und behandeln grundlegende Fragen. Dennoch wurden viele wichtige Werke der Weltphilosophie nicht ins Kirgisische übersetzt. Dies ist auch bei George Orwell der Fall. Die zwei sehen daher in der Übersetzung eine Möglichkeit, kirgisischen Lesern den Zugang zu solchen beliebten philosophischen Romanen zu ermöglichen.

Ein Weg, „totalitäre Mechanismen zu verstehen“

 „Die Hauptmotivation für die Übersetzung von Orwell war die Einfachheit der Allegorie sowie der einfache und zugängliche Schreibstil von Animal Farm, die klar beschreiben, was die Menschen zu Sowjetzeiten erlebt haben“, erklärt Akunow. “Heutzutage höre ich Leute mit idealisierter Nostalgie sagen, dass ‘es früher besser war’. Meine Antwort ist kategorisch: ‘Nein, war es nicht!‘“

Schauen Sie sich die Statue von Iskhak Razzakov [Erster Sekretär der Kommunistischen Partei Kirgisiens] vor unserer Politechnischen Universität an, die die Lenin-Statue ersetzt hat. Letztere wurde versetzt und hinter einer Baumhecke versteckt“, fügt er hinzu. „Was ändert das? Razzakov ist natürlich Kirgise, aber er war ein Kommunist! Und Kommunismus ist international. Es spielt keine Rolle, ob man einer bestimmten Nationalität angehört. Ich hoffe, dass diese Übersetzung es den Menschen ermöglicht, die totalitären Mechanismen zu verstehen, die wir in 70 Jahren Sowjetismus erlebt haben und deren Trägheit wir bis heute erleben.“

Vier Beine gut, zwei Beine besser…“, Illustration von Tscholpon Alamanowa

Kanybek, zwei Generationen jünger, hat einen anderen Zugang zur Übersetzung: „Was mich betrifft, zeigt dieses Buch, wie Individuen, die mit einem solchen Ereignis konfrontiert sind, ihren Weg wählen. Ich betrachte dieses Buch als Platons ‚Höhlengleichnis‘. Die Leute müssen es lesen und anfangen, Fragen zu stellen und sich über ihre Gesellschaft Gedanken zu machen“, erklärt er.

Aber ich teile die Motivation meines Großvaters: Zu Sowjetzeiten war nicht alles kristallklar, und ich denke, Animal Farm kann uns wirklich helfen, die Augen zu öffnen und eine immer noch trübe Periode zu untersuchen, die unterschiedlichen Interpretationen oder Missverständnissen unterliegt. Ich finde es bedauerlich, dass die Leute die alten Sowjetzeiten loben, aber ich nehme an, wir müssen das hinter uns lassen und uns mit konkreteren Themen beschäftigen, um uns auf die Gegenwart und die Zukunft zu konzentrieren.“

Verbindungen zur kirgisischen Kultur

Übersetzen ist auch ein Anpassungsprozess, der durch die Sprache Brücken zwischen verschiedenen Kulturen schlägt. So entschieden sich die Übersetzer zum Beispiel dafür, einige Namen zu ändern: „Die Namen einiger Charaktere wurden geändert, damit der kirgisische Leser Verbindungen zu seiner eigenen Kultur herstellen kann“, erklärt Akunow. „Zum Beispiel stellt sich die Hauptfigur, im Original Napoleon, durch seine Tyrannei und seine autoritäre Kontrolle als oberster Führer auf. Diese Figur bezeichnet eindeutig Stalin. Im Kirgisischen erhielt er daher den Namen Bolotkan. Es ist lediglich eine Übertragung von Stalin (‘Mann aus Stahl’) ins Kirgisische, wobei ‘bolot’ für ‘Stahl’ und ‘kan’ für denjenigen steht, der die Macht hat.“

Diese Technik wurde nicht auf alle Figuren angewandt. Die Übersetzer beschlossen auch, sich bei der Entlehnung von Charakternamen von den Werken des kirgisischen Schriftstellers Tschyngyz Aitmatow inspirieren zu lassen „Tatsächlich ist der Hauptgegner von Napoleon Schneeball, der in unserer Übersetzung Düischön genannt wurde. Für den kirgisischen Leser ist Düischön die Hauptfigur von Aitmatows Roman ‚Der erste Lehrer‘. Ich habe diesen Namen gewählt, weil Düischön ein aufgeklärter Kommunist ist, der wirklich die Gesellschaft verbessern und Veränderungen einführen will. Ein anderes Beispiel ist Old Major, derjenige, der die Revolution voraussieht und vorhersieht, wurde zu Kartan Lenbay, der ‚Leninartige Alte’“, so Akunow weiter.

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Sie wählten Aitmatow wegen seines Status in der kirgisischen Literatur. „Aitmatow ist ein bekannter Schriftsteller, der nicht nur in Kirgistan, sondern auch im Ausland bekannt ist“, betont Akunow. „Seine Figuren sind allen bekannt, sie tragen eine inhärente Symbolik, die jedem Kirgisen geläufig ist. Insofern ist sein Werk wie ein Brunnen, aus dem wir mehrere Referenzen schöpfen können. Unsere Auswahl richtet sich natürlich nach dem Temperament und den Verhaltensweisen der einzelnen Figuren. So erhielt Benjamin, der Esel, den Spitznamen Orozkul, eine direkte Anspielung auf eine Figur aus ‚Der Weiße Dampfer“.

Bolotkan, der Napoleon aus der kirgisischen Version, und seine Propaganda. Illustriation von Tscholpon Alamanowa

Auch wenn Benjamin nicht so gewalttätig ist, teilen und ertragen beide Charaktere eine pessimistische Sicht des Lebens und nehmen die neuen Werte (Animalismus für den letzteren, Sowjetismus für den ersteren) ohne Ablehnung an. Ich habe auch den Namen Bazarbay verwendet, um Mr. Whymper darzustellen. Bazarbay ist eine Figur aus dem ‚Richtplatz‘ und bedeutet ‘derjenige, der verhandelt’.

Die gleiche Idee wurde angewandt, um Boxer, die fleißige Pferdefigur aus Animal Farm, in „Tanabay“ umzubenennen, einen Namen aus Aimatows berühmtestem Roman „Abschied von Gülsary“. „Boxer ist eine Art Stachanowist, der mehr tut, als von ihm verlangt wird. Genau das sind die Hauptmerkmale von Tanabay“, erklärt Akunow. Auf die Frage, warum sie nicht „Gülsary“, den Namen eines Pferdes im gleichen Roman, gewählt haben, sagt Akunow: „Es wäre logischer gewesen, ihn Gülsary zu nennen, da wir es mit einem Pferd zu tun haben, aber Gülsary ist in Kirgistan eine Figur, die mit positiven Werten verbunden ist, was bei Tanabay, seinem Herrn, nicht der Fall ist.“

Eine zugängliche Sprache

Für die beiden ist die Übersetzung auch ein Protest gegen die Idee, ein Text müsse nicht auf Kirgisisch übersetzt werden, wenn er bereits auf Russisch verfügbar ist. Laut Kanybek rührt das vom „hartnäckigen Klischee“ her, die Menschen in Kirgistan sprechen mehr Russisch als Kirgisisch. „Indem wir Orwell ins Kirgisische übersetzen, können wir ihn einer größeren Bevölkerung zum Lesen geben, einer Bevölkerung, die das Russische nicht gut beherrscht, einer im Wesentlichen kirgisischsprachigen Bevölkerung“, erklärt er. „In Kirgistan gibt es eine Reihe von Dialekten, die aber in der kirgisischen Literatur zu einer einzigen, für alle zugänglichen Standardsprache vereinigt werden.“

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Außerdem, so Kanybek, verfüge diese Literatursprache über den nötigen Wortschatz, um Orwell zu übersetzen: „Wir hatten keine Probleme, für einige spezifische Redewendungen und Begriffe eine Entsprechung im Kirgisischen zu finden. Die kirgisische Sprache wurde während der Sowjetzeit in den Modernisierungsprozess integriert und hat – das ist eine positive Folge – ihren Wortschatz weitgehend an die Modernisierung angepasst.“

Die literarische Produktion in Kirgistan sieht Akunow aber weniger positiv. „Wir können zwei Arten von kirgisischer Literatur identifizieren“, kommentiert er. „Die eine ist die kirgisische Literatur von einheimischen Schriftstellern, die ich nicht schätze, da sie keine globalen Themen anspricht und naiv bleibt. Auf der anderen Seite können wir eine zunehmende Produktion von kirgisischen Übersetzungen beobachten, in letzter Zeit zum Beispiel auch Herman Hesse.“

Über die Schwelle der “Macht”. Illustration von Tscholpon Alamanowa

Für die Übersetzung von Animal Farm benötigten Kanybek und Akunov mehrere Monate, von Dezember 2019 bis Februar 2020. Sie sahen sich nicht nur das englische Original an, sondern auch existierende Übersetzungen ins Russische und in andere Sprachen. Kanybek hebt besonders das Polnische hervor, die erste Sprache, in die Animal Farm übersetzt wurde. „Wir wollten beobachten und analysieren, wie es den verschiedenen Übersetzungen gelungen ist, den Roman zu kontextualisieren und mögliche Übersetzungsfehler verstehen“, erklärt er.

Die beiden veröffentlichen und vertreiben ihr Werk selbst. „Wir haben noch keinen Vertrag mit lokalen Buchhandlungen abgeschlossen“, sagt Akunow. „Wir haben mehrere Konferenzen und Präsentationen gehalten, um über unsere Arbeit zu sprechen und sie zu verkaufen. Im Moment verkaufen wir dank einer effektiven Mund-zu-Mund-Propaganda.“

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Wir haben auch beschlossen, den Preis auf 200 Som [knapp 2 Euro] festzulegen“, fährt Kanybek fort, „das ist ein normaler und erschwinglicher Preis für ein neues Buch hier. Wir haben es auf eigene Kosten veröffentlicht und je nach Erfolg der ersten Auflage (2000 Exemplare) werden wir eine weitere machen.”

Beide Übersetzer betonen, dass es sich um ein Gemeinschaftswerk handelt: „Wir möchten anmerken, dass die Übersetzung einen großen Teil der Arbeit ausmachte, aber das Buch wäre ohne die großzügige Hilfe unserer Illustratorin Tscholpon Alamanowa, die die Originalbilder dazu gezeichnet hat, unvollendet geblieben.“

Auch wollen sie es nicht bei der Übersetzung belassen, und haben bereits neue Projekte im Kopf. Wir Akunow meint, würde er gerne als nächstes Michail BulgakowsHundeherz“ ins Kirgisische übersetzen.

Julien Bruley
Journalist für Novastan.org

Aus dem Englischen von Florian Coppenrath

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