Aalam Ordo – eine kirgisische Utopie

Es ist ein unwirklicher Ort am Yssykkölsee in Ostkirgistan. Für Reisende eine enigmatische Ruine, ein ehrgeiziges Projekt, das in die Schwebe geraten ist: Aalam Ordo. Der heute verlassene Komplex liegt am Südufer des Sees und birgt zahlreiche Geheimnisse. Wir haben einige von ihnen entdeckt.

Das Südufer des Yssykkölsees ist eine staubige, felsige, rohe Welt. Die Straße, die von Karakol nach Balyktschy führt, zeigt eine ganze Farbpalette von Blau- und Grautrönen, an deren Horizont plötzlich eine imposante Ruine auftaucht, die einsam und stolz direkt vor dem See thront. Das ist der Aalam-Ordo-Komplex, buchstäblich das „Zentrum des Universums“. Begonnen im Jahr 2007, wurde er nie fertiggestellt. Eine kirgisische Utopie.

Topografie der Spiritualität

Die Umgebung der Ruine ist übersät mit einer Reihe von spirituellen Orten, sogenannten Masaren, deren Erforschung durch die lokale Kulturforschungsgruppe Aigine durchgeführt wird. Masar ist im Allgemeinen das arabische Wort für Mausoleum, im Kontext von Kirgistan bezeichnet der Begriff einen spirituellen Ort wie etwa einen Friedhof, einen Baum, einen Berg, einen Felsen oder eine Quelle.

Der heilige Charakter eines Ortes basiert auf traditionellem Glauben, lokalen Legenden und populären Riten, die mit dem jeweiligen Masar verbunden sind. Noch heute wird den meisten von ihnen eine heilende Wirkung auf Psyche, Körper oder Moral zugeschrieben. Einige dieser Orte sind Ziele von Pilgerfahrten, wie zum Beispiel Mandschyly-Ata, ein anderer Ort am Südufer des Yssykköl.

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In der Region um den See im Osten Kirgistans gibt es sehr viele Masare, die im Manas-Epos erwähnt werden, die aber auch in lokalen Legenden vorkommen. Während die Mehrheit von ihnen eine weltliche Geschichte haben, findet man in der spirituellen Topografie der Region zwei Masare aus der jüngsten Zeit, die den See mit der kirgisischen Fantasie verknüpfen: den Ruch Ordo (im Kirgisischen: „Palast der Spiritualität“) und Aalam Ordo, deren Gemeinsamkeit darin besteht, vom kirgisischen Staatsmann Taschkul Kereksisow, erdacht und gebaut worden zu sein.

Der Begriff Ordo hat im Kirgisischen mehrere Bedeutungen: Er bezeichnet einerseits das Lager des Khan (Häuptling oder Anführer), andererseits eine kreisförmige Spielfläche für das Astragaloi, aber auch das Würfelspiel selbst. Eine zeitgemäßere Verwendung übersetzt das Wort mit „Palast“; im Russischen übersetzt man das Wort mit „Mitte“.

Ein utopisches Projekt

Das Gelände von Aalam Ordo, das heute eine große Ruine ist, wurde vom kirgisischen Mäzen Taschkul Kereksisow entworfen und gegründet. Als einflussreiche politische Persönlichkeit des kleinen zentralasiatischen Staates definiert er sich als weltgewandter Mann, der versucht, alle Kulturen der Welt gleichzeitig an einem Ort zu verbinden. In seinem eigenen Haus in der Hauptstadt Bischkek hat er seine Vision bereits umgesetzt und eine Ästhetik entwickelt, die die verschiedenen in Kirgistan gelebten Weltreligionen zusammenbringt. Selbst eine Glyptothek, in der die Abbilder Voltaires, Puschkins, Tolstois und Gorbatschows zu sehen sind, gehört dazu.

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Taschkul Kereksisows Pläne für Aalam Ordo sind Teil eines weiter gefassten Plans, der als kommunitäre Utopie bezeichnet werden kann und dessen Ziel es ist, eine Generation junger kirgisischer Talente auszubilden. In dem 2009 bei Aigine veröffentlichten Buch Sacred Sites of Issyk-Kol: Spiritual Power, Pilgrimage and Art  führt der Gründer von Aalam Ordo seine Ideen weiter aus.

So begründet er den genauen Standort des Komplexes mit einem proportionalen Vergleich zwischen den jeweiligen Oberflächen der Erde und der des menschlichen Körpers, beziehungsweise mit der menschlichen Haut. Er leitet daraus ab, dass wenn die Oberfläche der Erde der des Menschen entspräche, der Yssykkölsee die Pupille des Körpers wäre. Der See ist bei Taschkul Kereksisow ähnlich einem Auge, das zum Universum schaut.

Die Überlegungen des Autors waren so weit gereift, dass die Arbeit an dem Komplex begonnen werden konnte. „Es gibt nichts vergleichbares mit Aalam Ordo: In Indien gibt es Ashrams und in Amerika und Russland Zentren für spirituelle Forschung. Doch es gibt noch kein Zentrum auf der Welt, das sowohl Spiritualität als auch Wissenschaft vereint“, erklärt Taschkul Kereksisow in seinem Buch.

Nach der Vision seines Schöpfers „werden in Aalam Ordo 365 junge Menschen in 365 Jurten leben. Es wird Gelehrte geben, die ungefähr zwei bis drei Monate im Jahr in 36 Jurten leben, aber sie werden den jungen Menschen keine Vorträge halten. Es wird keine Vorlesungen oder Kurse geben. Während dieser Monate, die gemeinsam verbracht werden, sollen die jungen Leute und die Ältesten Zeit am See verbringen, Diskussionen führen und einen lebhaften Gedankenaustausch erleben. Jedes Jahr Ende September wird ein Onlinejournal veröffentlicht, das die Jahresaktivität von Aalam Ordo dokumentiert und für alle im Internet zugänglich sein wird.

Niemand wird die Ideen oder die Arbeiten anderer Leute stehlen. Wenn sich eine Idee als innovativ erweist, kann sie nur ihr Urheber verwenden. Aalam Ordo wird die Arbeit dieses jungen Menschen verteidigen. In wissenschaftlichen Forschungszentren gibt es immer eine Hierarchie. Vorgesetzte können die Arbeit und die Ideen ihrer Teams stehlen. Dies wird in Aalam Ordo nicht passieren. Ich hoffe, diese Jurten bringen uns zukünftige Nobelpreisträger. Der Yssykkölsee wird vielen jungen Menschen die Türen der Zukunft öffnen und ihre Ideen könnten weit entfernte Länder wie Amerika und China erreichen“, beschreibt Taschkul Kereksisow.

Diese geschlossene Welt repräsentiert die Harmonie und Gleichheit ihrer verschiedenen Mitglieder. Eine Harmonie, die in erster Linie darauf abzielt, eine intellektuelle Exzellenz aufzubauen und schließlich auch eine spirituelle. Auch wenn dieser letzte Aspekt hier nicht ausreichend betont, sondern nur impliziert wird, äußert er sich visuell in der Architektur des Komplexes.

Eine weitaus trivialere Dimension wird dieser Vision auch hinzugefügt: der Tourismus. Wie das kirgisische Onlinemedium Limon.kg berichtete, musste sich Aalam Ordo auch einer Nutzung für Urlauber öffnen, die komfortabel untergebracht werden sollen: Die Jurten sollten mit vier Zimmerchen, einer Dusche und Toiletten ausgestattet werden.

Tagsüber könnten die Touristen schwimmen gehen und abends sollten ihnen Shows prominenter Künstler geboten werden, so wie in den Amphitheatern des antiken Griechenlands und Roms.

Eine ungewöhnliche Ruine

Der Bau des Komplexes begann 2007 und scheint 2009 unterbrochen worden zu sein. Jetzt liegt er verlassen und in Trümmern. Nur die Wächterin und ihr Mann, der Hirte ist, leben heute noch in einer der wenigen Betonjurten, die eingerichtet und in gutem Zustand sind. Der schlechte Zustand der Gebäude kann durch die Verwendung minderwertiger Baumaterialien, aber auch durch fehlerhafte architektonische Entwürfe erklärt werden.

Bislang wurden mehrere Versuche unternommen, das Gelände fertigzustellen oder die bestehenden Gebäude wenigstens wiedeaufzubauen und zu renovieren – jedoch erfolglos. Glaubt man den Gerüchten, die in einem Forum in Kirgistan verbreitet werden, sind schon rund eine Million US-Dollar in den Bau des Projektes geflossen.

Führung durch das Gelände

Aalam Ordo erstreckt sich über etwa 500 Meter zwischen den Dörfern Kadschi-Saj und Tosor und über eine Breite von etwa 100 Metern zwischen der Landstraße und dem See. Eine lange, weiße Wand bildet die äußere Begrenzung, die in regelmäßigen Abständen für die Betonjurten ausgebuchtet ist. An einigen Stellen ist sie zusammengefallen, an einer von einem großen, goldenen Tor unterbrochen, das den Haupteingang bildet. Das Tor ist verriegelt, aber man kann durch sein imposantes Gitter das breite Panorama sehen, das es einfasst. Vor einem blauen Hintergrund, der durch den See und den Himmel dominiert wird, steht eine Wand von etwa 20 Metern Länge, auf der die Figur des Manastschi,  Sayakbay Karalajew (1894-1971) während der Rezitation dargestellt ist. Das Fresko wird von einer viereckigen Statue aus Glas und Stahl gekrönt, das die Gottheit Umay darstellt. Diese steht sinnbildlich für eine Amme oder gar für die Erde selbst und bildet im System des Tengrismus das weibliche und irdische Gegenstück zu Tengri, der den Himmel darstellt.

Die restliche Mauer zeigt innerhalb des Komplexes zahlreiche Gemälde sowie Muster kirgisischer Filzteppiche (Schyrdaks). Nach der Interpretation Taschkul Kereksisows erinnern diese Ornamente an die Milchstraße. „Unsere Mütter knüpfen unglaubliche Schirdaks, die reich verziert und bunt sind. Die modernen Fotografien der Milchstraße sind den kirgisischen Ornamenten und Totemzeichnungen ähnlich. Alles ist miteinander verbunden!“, erklärt er bei einem Interview für die Website Aigine.kg.

Die Mauern, die vom gesamten Komplex am besten erhalten sind, zeigen Gemälde der kirgisischen Fauna, etwa Adler, Falken oder Kamele aber auch Darstellungen eines spirituellen Pantheons, das hauptsächlich aus der vorislamischen Mythologie überliefert ist. Die Erbauer von Aalam Ordo liebäugelten offenbar auch mit der Figur von Al-Chidir, auf Kirgisisch auch Chidir genannt, ein Heiliger, der die sich erneuernde Vegetation verkörpert.

Diese Figur ist zweimal dargestellt, in Form einer Statue und eines Wandgemäldes, mit einem Stab in der Hand und einem Gesicht, das mit einer Art Netz verhüllt ist und am Kinn einen langen Bart sichtbar werden lässt. Sie gehört zur islamischen Tradition, doch ihre Ursprünge liegen laut der Enzyklopädie des Islam zweifellos vor ihrer Erwähnung im Koran. Ihr Name bedeutet „der Grüne“ und ihr Charakter variiert je nach lokaler Überlieferung: Es ist ein Mann, ein Heiliger oder ein Prophet, der umherwandert. In der kirgisischen Tradition kommt er mehrfach im Manas-Epos vor. Er verkündet Jakup in einem Traum die bevorstehende Geburt seines Sohnes, des Helden Manas.

Diese Motive sind vermischt mit moderneren Abbildungen wie die der kirgisischen Heldin Kurmandschan Datka oder des nach wie vor sehr gefeierten kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow, dessen imposantes Wandporträt vor einigen Jahren direkt vor dem Hintergrund des Sees entstand. Es bildet die Rückwand der Bühne im Amphitheater von Aalam Ordo. Dieses Theater bietet Platz für mehrere hundert Zuschauer unter freiem Himmel und gibt einen atemberaubenden Blick auf den See, die Berge und den Himmel frei. Laut Radio Azattyk, dem kirgisischen Ableger des amerikanischen Radio Free Europe, trat dort 2009 sogar der kirgisische Präsident Kurmanbek Bakijew (2005-2010) auf, als er in der Region auf Tour war.

Motive aus Tschingis Aitmatows Werk sind hier und da verstreut, wie etwa die Figur des kleinen Jungen aus dem Roman „Der weiße Dampfer“.

In dem Komplex sind Verweise auf die zentralen Religionen oder Philosophien der Welt kaum sichtbar, mit Ausnahme eines Buddhas, dessen Darstellung eine der Wände des Amphitheaters schmückt. Schließlich findet man in Aalam Ordo noch die Glyptothek: Unter den noch erhaltenen Statuen auf dem Gelände befindet sich zum Beispiel die des ehemaligen Präsidenten von Kasachstan, Nursultan Nazarbaev.

So gut wie alle Jurten auf dem Gelände sind zerfallen, mit Ausnahme einiger weniger, die von Touristen besucht werden können sowie die Jurte des ursprünglichen Eigentümers Taschkul Kereksisow.

Aalam Ordo wird allerdings nicht nur durch die lange, weiße Wand begrenzt, die den Komplex von der Straße trennt, sondern durch zwei unterschiedliche äußere Elemente.

Aalam Ordo: Manas und die Revolution

Dem Haupteingang gegenüber, auf der anderen Straßenseite, weit oben auf einer Anhöhe, sieht man eine etwa 20 Meter lange freistehende Mauer, die allegorisch die Tulpenrevolution von 2005 darstellt, bei der der erste kirgisische Präsident, Askar Akajew gestürzt wurde. Die Szene ist in ein Tryptichon aufgeteilt und zeigt links das Mausoleum von Manas neben einem Berg, der von einer goldenen Kugel überragt wird und rechts das kirgisische Parlament. Eine Menschenmenge mit roten, weißen und blauen Transparenten, welche von jungen Menschen, die einen Drachen reiten, angeführt wird, bewegt sich auf das Parlament zu.

Auf dem weißen Parlamentsgebäude sind Scharfschützen abgebildet, die auf die jungen Menschen schießen. Während dieser historischen Epoche erscheint Manas als Synonym für die Stärke des kirgisischen Volkes, als eine moralische und spirituelle Stärke, für die das Mausoleum, aber auch der Drache stehen. Manas-Darstellungen sind seit Aufkommen des politischen Tengrismus in den 2000er Jahren wieder populär und tragen weitgehend dazu bei, die Symbolik des kirgisischen Helden zu festigen.

Auf einem felsigen Gipfel gegen über des Komplexes von Aalam Ordo befindet sich schließlich die imposante Metallstatue mit den Zügen Sajakbaj Karalajews, dem berühmten Manastschi. Der große Barde sitzt mit gekreuzten Beinen und rezitiert das Epos von Manas, während er auf die Weiten des Sees blickt.

Taschkul Kereksisow – Laufbahn eines kirgisischen Mäzens

Der Gründer von Aalam Ordo ist ein einzelner Mann: Taschkul Kereksisow, kirgisischer Geschäftsmann, Politiker, Millionär. Er wurde 1948 in Balyktschi, westlich des Yssykkölsees, geboren und absolvierte 1972 die Kirgisische Nationaluniversität, bevor er im Handel und Großhandel tätig wurde. Seine Karriere als Geschäftsmann mündete in eine politische Laufbahn. Bereits 1993 wurde er von Askar Akajew (1991-2005), dem ersten Präsidenten des unabhängigen Kigistans, zum Leiter der Präsidialverwaltung ernannt.

Seitdem wurden ihm diverse bedeutende Positionen angeboten, darunter die des Präsidenten der Genossenschaftsvereinigung der Kirgisischen Republik (1996). Taschkul Kereksisow war zwischen 1996 und 1997 Gouverneur der Region Talas, wurde dann Direktor der Steuerinspektion im Finanzministerium (1998-1999), Präsident des Grundfonds (1999-2000) und schließlich Parlamentsabgeordneter.

Seine politische Karriere ist mit dem Aufstieg des Akajew-Clans verbunden, zu dem er gute Beziehungen pflegt: Seit seiner zweiten Ehe ist er Pate des Sohnes des Präsidenten, Aidar Akajew (1976-2020). Zugleich war er eines der wenigen Vertrauten im Kreis um Askar Akajew, der eine gewisse Meinungsunabhängigkeit bewahren konnte.

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Trotz seines hohen Amtes unter der Präsidentschaft Askar Akajews war der politische Einfluss Taschkul Kereksisows eher schwach. Seine Macht war vielmehr auf das immense Vermögen zurückzuführen, das er angesammelt hatte. Der genaue Betrag ist unbekannt, man spricht aber von einer Summe zwischen 100 und 500 Millionen US-Dollar. Wie gezitter.org berichtet, steht er im Ruf der reichste Mann des Landes zu sein.

Während der Tulpenrevolution 2005 war er Teil der kirgisischen Delegation, die nach Moskau zog, um über den Rücktritt des Präsidenten zu verhandeln. Laut der Zeitung Wetscherny Bishkek scheint Taschkul Kereksisow selbst die Wiederaufnahme der wissenschaftlichen Aktivitäten von Askar Akajew in Russland nach dessen Exil garantiert zu haben.

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Überraschenderweise ist er einer der wenigen Politiker, die den revolutionären Turbulenzen von 2005 entkommen konnten, aber nicht Teil der neuen politischen Elite waren. Ganz im Gegensatz zu  Dastan Sarygulow, der sich gegen Askar Akajew stellte und schließlich in das Regierungsteam von dessen Nachfolger Kurmanbek Bakijew berufen wurde. Beide haben jedoch Projekte mit spiritueller Bedeutung initiiert: Taschkul Kereksisow Architekturprojekte und Dastan Sarygulow die Förderung des politischen Tengrismus.

Zwischen Transition und Vernetzung

Der Gründer von Aalam Ordo steht für Kontinuität und Einheit: Seine vielfältigen kulturellen Projekte zielen stets darauf ab, verschiedene Quellen der Spiritualität mit der kirgisischen Kosmogonie wie in einem Schmelztiegel zusammenzubringen.

Eines seiner bekanntesten und erfolgreichsten Projekte ist das Ruch Ordo, das zwischen 2002 und 2008 in Tscholpon-Ata, am Nordufer des Yssykkölsees gebaut wurde. René Cagnat, ein französischer Schriftsteller und Zentralasienexperte, schreibt darüber in seinem Buch „Im Land der Kirgisen – Visionen eines Vertrauten mit dem Tian Shan“ („En pays kirghiz – Visions d’un familier des monts Célestes“). Ruch Ordo zeichnet sich durch eine ökumenische Annäherung an die wichtigsten Religionen und Philosophien der Welt aus. Das Projekt hatte mehrere Namen: „Manas Ordo“ bei René Cagnat, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Ort nordöstlich von Talas (wo der legendäre kirgisische Held ruhen soll) oder auch Ruch Ordo – Taschkul Ata.

Ein Jahr nach dem Tod von Tschingis Aitmatow wurde der Komplex 2009 in Ruch Ordo – Tschingis-Aitmatow-Kulturzentrum umbenannt. Auf mehreren Hektar Land befindet sich eine Moschee, eine orthodoxe Kirche, ein buddhistischer Tempel, eine Synagoge und eine pyramidenförmige Metallstruktur, die den Tengrismus symbolisiert. Zwischen diesen spirituellen Wahrzeichen würdigen Statuen als Hommage an Jeanne d’Arc, an Victor Hugo und seinen Helden Gavroche oder an Alfred Nobel bis hin zum ersten Präsidenten Kasachstans, Nursultan Nazarbaev, das kulturelle Pantheon von Taschkul Kereksisow.

Auch andere abgeschlossene oder laufende Projekte sind dem kirgisischen Mäzen zuzuschreiben. So ließ er 2012 am Fuße des Pik Putin ein Denkmal für den Schneeleoparden bauen, das er dem Präsidenten der Russischen Föderation widmete.

Aalam Ordo, ein kirgisisches Silicon Valley?

In einem Interview mit Radio Azattyk berichtet Taschkul Kereksisow im Februar 2018 von einer Reise in die USA, wo er zwei Orte entdeckt hatte: Manassas in Virginia und Manastash in Seattle. Dort werden auf einer Bergspitze ein Theater und ein Sommercamp veranstaltet, die der kirgisischen Kultur gewidmet sind, damit kirgisische Expats und ihre Kinder sich wieder mit ihrer Kultur verbinden können.

Obwohl Aalam Ordo zu verfallen scheint, verliert sein Besitzer es nicht aus dem Blick. In demselben Beitrag versucht Taschkul Kereksisow dem Komplex eine zusätzliche Dimension zu geben, die eines echten Silicon Valleys in Zentralasien. „Dieser Komplex wird das Zentrum der Programmierer im Land sein“, sagt er.

Der Gründer hat noch große Pläne für Aalam Ordo: „Ich möchte unsere jungen Leute im Alter von 15 bis 20 Jahren dorthin bringen. Sie werden im Sommer kommen, sich drei Monate lang entspannen und Programmieren lernen. Alle, die zum Unterrichten kommen, Wissenschaftler und Geschäftsleute, werden zusammen angeln, in die Berge gehen, Ski fahren und Beschbarmak essen. Einen Monat lang können sie sich ausruhen und kostenlos leben, müssen aber die Jugendlichen unterrichten.

Aalam Ordo, die erhabene Ruine, ein irdisches Fragment, das dem Licht ausgesetzt ist, zerfällt langsam. Die ursprüngliche Idee, die Utopie von Taschkul Kereksisow bröckelt im Lauf der Jahre und wartet auf Erneuerungen. Mit seinem Seeblick entfaltet sich Aalam Ordo wie eine alte Landschaft und der Archäologe der Zukunft wird es zweifellos schwer haben.

Julien Bruley, Anthropologe an der Universität Lille

Aus dem Französischen von Elisabeth Rudolph

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Kommentare
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    Bin leider letztes Jahr vorbeigefahren und wusst nichts davon!

    15 Juli 2020

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